False Memories

Hallo!

Ich habe eine Frage zum „False Memory Syndrom“. Es geht ja eigentlich darum, dass Therapeuten Patienten falsche Erinnerungen „einpflanzen“.

Kann das der Patient auch selbst machen? Also, falsche Erinnerungen erfinden, ohne jemals darüber gesprochen zu haben, und daran glauben? Und wenn man dann anfängt mit einem Therapeuten darüber zu reden, wir alles ja nur noch komplizierter…

Wie ernst kann man überhaupt „schwammige“ Erinnerungen nehmen, wenn es sich z.B. nur um ein Gefühl handelt oder die Gedanken einfach immer wieder zu dem Thema zurück kehren. Sollte man dem überhaupt nachgehen?

Danke und verwirrte Grüße
Tina

Hi,

Ich habe eine Frage zum „False Memory Syndrom“.

Vorab: das „False Memory Syndrom“ ist keine wissenschaftlich (sonderlich) anerkannte Entität, seine Bekanntheit verdankt es in erster Linie der Lobbyarbeit der sog. „False Memory Syndrom Foundation“ (FMSF), ein ursprünglicher Zusammenschluss von Eltern, die behaupten, ihren Kinder wäre vom Therapeuten die Erinnerung nur eingepflanzt worden, sie seien von ihren Eltern einst missbraucht worden.

Es geht also bei FMS in erster Linie um Argumentationslinien vor Gericht, oder sogar um Argumentationslinien im politischen Diskurs des Kindesmissbrauchs, viel weniger um eine tatsächliches wissenschaftliches Problem (auch wenn dies so gerne von diesen Lobbyisten suggeriert wird), denn dass die Erinnerung kein Abbild einer objektiven Gegebenheit ist, sondern ständigen Rekonstruktionen unterzogen wird, und auch eine stetig erneuerbare Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart ist, ist ein uralter Hut, und weiterhin ein wichtiger topos verschiedener Forschungsrichtungen.

Und die Unterscheidung False vs. Right Memory mag vor Gericht Bedeutung haben, ist ansonsten aber arg simplizistisch.

Es geht ja
eigentlich darum, dass Therapeuten Patienten falsche
Erinnerungen „einpflanzen“.

Genau das ist das Argument, das die FSMF als Verteidigungs-Argumentationslinie vor Gericht propagiert, um Eltern gegen den Vorwurf ihrer Kinder, sie seien missbraucht worden, zu entlasten.

Das FMS soll dabei als wissenschaftliche Argumentationshilfe dienen …

Davon abgesehen ist natürlich klar, dass durch Therapeuten, insbesondere wohl durch Hypnotherapeuten, „falsche“ Erinnerungen suggestiert werden können; genauso kann dies durch Alltagssuggestionen geschehen, und genauso kann dies „spontan“, etwa durch extreme Belastung geschehen …

(aber das ist ein alter Hut, dem das FMS m.E. nichts beizufügen hat)

Wie ernst kann man überhaupt „schwammige“ Erinnerungen nehmen,
wenn es sich z.B. nur um ein Gefühl handelt oder die Gedanken
einfach immer wieder zu dem Thema zurück kehren. Sollte man
dem überhaupt nachgehen?

Du solltest fragen: „Wo soll man diese ‚schwammigen Erinnerungen‘ ernstnehmen“?

Es ist doch klar, dass vor Gericht grundsätzlich die Qualität der Aussagen eingeschätzt werden muss, wenn nötig auch unter Hinzuziehung von psychiatrischen Begutachtungen.

Ansonsten stellt sich mir die Frage, weshalb man denn „schwammigen Erinnerungen“ etwa in einer Psychotherapie Deiner Meinung nach nicht nachgehen sollte?

Viele Grüße
Franz

Hallo!

Ich habe eine Frage zum „False Memory Syndrom“. Es geht ja
eigentlich darum, dass Therapeuten Patienten falsche
Erinnerungen „einpflanzen“.

Kann das der Patient auch selbst machen? Also, falsche
Erinnerungen erfinden, ohne jemals darüber gesprochen zu
haben, und daran glauben? Und wenn man dann anfängt mit einem
Therapeuten darüber zu reden, wir alles ja nur noch
komplizierter…

Wie ernst kann man überhaupt „schwammige“ Erinnerungen nehmen,
wenn es sich z.B. nur um ein Gefühl handelt oder die Gedanken
einfach immer wieder zu dem Thema zurück kehren. Sollte man
dem überhaupt nachgehen?

Im Buch „von Ratten und Menschen“ (Lauren Slater) gibt es ein interessantes Kapitel zu diesem Thema.

moe.

Hallo Franz,
vielen Dank für deine Antwort.

Vor Gericht ist es natürlich wichtig, zwischen falschen und richtigen Erinnerungen zu unterscheiden. Und wohl schwierig.

Ich finde es so komisch, dass es eine „Glaubensangelegenheit“ zu sein scheint, ob man Anhänger der falschen oder der wiederentdeckten Erinnerungen ist.

Erinnerungen verändern sich, O.K.
Aber gibt es komplett vergessene und wieder erinnerte Erinnerungen oder nicht?

Ansonsten stellt sich mir die Frage, weshalb man denn
„schwammigen Erinnerungen“ etwa in einer Psychotherapie Deiner
Meinung nach nicht nachgehen sollte?

Na ja, ‚meiner Meinung nach‘ ist ein bisschen übertrieben, ich habe keine richtige Meinung. Nur die Befürchtung, mich da selbst in etwas hinein zu reiten, wenn ich bestimmte Themen anspreche. Und möchte dann nicht beeinflussbar durch die Therapeutin und davon abhängig, welcher „Glaubensrichtung“ sie angehört, sein.
Eigentlich möchte ich einfach nur objektiv sein und weiss nicht, wie ich das schaffen kann.

Viele Grüße
Tina

Ansonsten stellt sich mir die Frage, weshalb man denn
„schwammigen Erinnerungen“ etwa in einer Psychotherapie Deiner
Meinung nach nicht nachgehen sollte?

Na ja, ‚meiner Meinung nach‘ ist ein bisschen übertrieben, ich
habe keine richtige Meinung. Nur die Befürchtung, mich da
selbst in etwas hinein zu reiten, wenn ich bestimmte Themen
anspreche. Und möchte dann nicht beeinflussbar durch die
Therapeutin und davon abhängig, welcher „Glaubensrichtung“ sie
angehört, sein.
Eigentlich möchte ich einfach nur objektiv sein und weiss
nicht, wie ich das schaffen kann.

Viele Grüße
Tina

  1. gehört sehr viel kriminelle Energie dazu, jemanden beliebig etwas einzureden
  2. müsstest du m.E.n. schon unter deutlichen Gedächtnislücken leiden

In wiefern man etwas technisch „flase memory syndrome“ nennt, weiß ich nicht, aber man kann sich selbst und anderen falsche Erinnerungen suggestieren bzw. jemanden in die richtung Manipulieren.

Das einfachste was man dazu brauchst, ist ein Zeitabschnitt, den man vergessen hat.
z.B. wird dir niemand einreden können du wärst an deinem 6. Geburtstag missbraucht worden wenn du dich daran erinnerst mit Freunden eine Nachtwanderung im Zoo gemacht zu haben.
Dazu kommt eine gewisse Gutgläubigkeit die Suggestivfragen nicht erkennt z.B. „Könnte es vielleicht sein dass sie an diesem Abend anders als sonst nach Hause gekommen sind?
Vielleicht weil ihr Vater nicht da war um Sie abzuholen?
Was es ein bekanntes oder fremdes Haus?
War ihr Vater in diesem Haus?“
etc.

Wenn dann unsicherheit dazu kommt, kann es vorkommen, dass Menschen tatsächlich glauben etwas wichtiges Vergessen zu haben und diese Zeit dann mit einer anderen „Erinnerung“ überschreiben.

Normalerweise kann man aber mit ein wenig recherche, nachdenken und Aufmerksamkeit schnell erkennen was da war oder nicht.

Also kurz:

  1. Ist es sehr unwahrscheinlich dass eine solche Manipulation auf längere Zeit funktioniert
  2. Warum sollte der Therapeut das tun? WENN es vorkommt, dann wohl sehr selten.

Hallo Tina,

Wie ernst kann man überhaupt „schwammige“ Erinnerungen nehmen, wenn es sich z.B. nur um ein Gefühl handelt oder die Gedanken einfach immer wieder zu dem Thema zurück kehren. Sollte man dem überhaupt nachgehen?

Nur wenn es dich interessiert und du nicht immer wieder damit konfrontiert werden willst. Das du dieses Thema bearbeiten solltest, wird dadurch klar, weil es immer wieder hochkommt. Die Entscheidung aber muß DU treffen.

Gruß
Moni

Erinnerungen
Hallo Tina,

Aber gibt es komplett vergessene und wieder erinnerte Erinnerungen oder nicht?

Klar, aber es gibt normalerweise immer einen Grund, wenn eine Erinnerung hochkommt.

Ansonsten stellt sich mir die Frage, weshalb man denn „schwammigen Erinnerungen“ etwa in einer Psychotherapie Deiner Meinung nach nicht nachgehen sollte?

Na ja, ‚meiner Meinung nach‘ ist ein bisschen übertrieben, ich habe keine richtige Meinung.

Da scheint das Problem zu liegen. Du übernimmst Meinungen von anderen, auch wenn sich nichts für dich sind.

Nur die Befürchtung, mich da selbst in etwas hinein zu reiten, wenn ich bestimmte Themen anspreche.

Könnte es eine Sache sein, der du dich nicht stellen willst? Aus welchen Grund auch immer.

Und möchte dann nicht beeinflussbar durch die Therapeutin und davon abhängig, welcher „Glaubensrichtung“ sie angehört, sein.

Das kann höchstens passieren, wenn DU glaubst, daß der/die Therapeut/in ein Halbgott/göttin in weiß ist, der/die alles weis. In Wiklichkeit kann er/sie auch nur Vermutungen anstellen, aufgrund seiner/ihrer Ausbildung.

Eigentlich möchte ich einfach nur objektiv sein und weiss nicht, wie ich das schaffen kann.

Wenn du dich bei dem/der betreffenden Therapeut/in nicht sicher fühlst, kannst du ja eine/n Andere/n wählen. Wenn du dich bei dem was der/die Therapeut/in sagt, unwohl fühlst, hör auf deinen Körper. Er ist ein Instrument deiner Seele, die dir sagt, da ist OK, das nicht.

Gruß Moni

Hallo Tina,

in der Presse tauchte in den letzten Jahren dieses False Memory Syndrom vorwiegend im Zusammenhang mit sexuellem Mißbrauch auf oder mit Leuten, die sich als Holocaust-Opfer ausgaben. Der bekannteste Fall war der von Benjamin Wilkomirski, dessen Autobiografie es zum internationalen Bestseller schaffte bis ein Journalist die wahre Geschichte ans Licht brachte.

Ich habe eine Frage zum „False Memory Syndrom“. Es geht ja
eigentlich darum, dass Therapeuten Patienten falsche
Erinnerungen „einpflanzen“.

Kann das der Patient auch selbst machen? Also, falsche
Erinnerungen erfinden, ohne jemals darüber gesprochen zu
haben, und daran glauben? Und wenn man dann anfängt mit einem
Therapeuten darüber zu reden, wir alles ja nur noch
komplizierter…

Es gibt einen Krimi von Sara Paretsky, in dem die psychische Dynamik dieses Syndroms - im Zusammenhang mit Holocaustüberlebenden sehr spannend beschrieben ist:
Titel: Ihr wahrer Name
http://buecher.judentum.de/piper/paretsky.htm

Viele Grüsse

Iris