Lieber Thiemo
Da die ganze Geschichte ist etwas komplizierter ist, schreibe ich sie lieber erst mal offline - wird dann billiger.
Mein Lebensmotto ist: Man kann jedes Ziel erreichen, wenn man bereit ist, die Konsequenzen zu tragen.
Also, ich bin von Beruf Erzieher und Heilpädagoge und habe mein ganzes Leben / meine ganze Ausbildung über genau auf das hin gearbeitet, was ich jetzt mache - oh, wenn ich übrigens hier immer nur von mir spreche, dann ist das natürlich nicht ganz richtig, denn Walli, meine beste Hälfte gehört zu diesem Leben auch dazu.
Also: Ich wollte als absoluter Familienmensch nie ein Feierabendpapa sein. Mein eigener Vater war leider so ein Mensch - er war schon o.k., aber ich habe halt so gut wie nichts von ihm gehabt. So beschloss ich eigentlich schon in dem Moment, in dem ich mit meiner Erzieherausbildung anfing, mich später mit einem eigenen Kleinstheim selbständig zu machen. Das sollte den Effekt haben, dass ich für die aufgenommenen Kinder und auch für meine leiblichen, immer Zeit hätte und halt auch die ganzen Entwicklungen nicht immer nur erzählt bekäme, sondern auch hautnah miterleben könnte. Da mir zu dem Zeitpunkt noch die passende Frau zu meinem Plan fehlte, habe ich dann erst einmal etwa 10 Jahre in den verschiedensten Einrichtungen (Kinderpsychiatrien, Kinderheime…) gearbeitet und noch eine Heilpädagogenausbildung nachgeschoben. Vor fast genau 9 Jahren lernte ich dann meine jetzige Frau (oder besser Partnerin - wir sind nicht verheiratet) kennen, die einen ähnlichen Lebenstraum hegte, wie ich. Wir haben dann angefangen, uns intensiv mit Jugendämtern, bestehenden Einrichtungen … zu unterhalten, und hatten vor etwa 5 Jahren genau das gefunden, wonach wir suchten. Seitdem leben wir mit vier („Heim“-) Kindern, in einem kleinen Haus in Norddeutschland. Wir gehören zu einem Heimverbund, der dezentral organisiert ist (das heißt, wir haben kein „Heimgebäude“ in dem Sinne; die bei uns lebenden Kinder wohnen vielmehr in den Familien der MitarbeiterInnen und nehmen, als gleichberechtigte Mitglieder, am Familienleben teil). Wenn du mich also nach meiner Arbeitszeit fragst, dann sage ich dir:
Ich stehe jeden Tag um ca. 6.30 Uhr auf und arbeite bis etwa 21.00 Uhr (neben der direkten Arbeit mit meinen Kindern bin ich noch stellvertretender Leiter unserer Einrichtung - „Karriere, Karriere!!“ - und gebe eine regelmäßig erscheinende „Heimzeitung“ heraus). Sollte dann mit einem meiner Kinder in der Nacht was sein, arbeite ich dann halt auch. Meine Frau und ich haben seit fast 5 Jahren keinen Tag oder Abend frei gehabt, haben kein Wochenende und auch keinen Urlaub, den wir allein verbringen können. Und das beste daran ist, das wir das total geil finden. Ich könnte mir niemals vorstellen, wieder anders zu arbeiten, denn das was wir machen, ist Familienleben pur - nur das unsere Kinder eben mit einer reichlich heftigen Vorgeschichte gestraft sind, wegen der es halt bei uns hin und wieder mal etwas turbulenter oder nerviger zu geht, als in anderen Familien. Und ich bin mir sicher, dass, hätten wir auch leibliche Kinder (das ist bei uns leider biologisch nicht möglich), diese von unserer Lebensweise reichlich hätten profitieren können.
Ich muss dir sagen, ich habe wirklich tiefstes Mitgefühl mit den Vätern und Müttern, die gerne etwas mehr Zeit für die Familie aufbringen würden, das aber nicht können. Ich glaube jedoch, dass diese Leute in der absoluten Minderheit sind. Die Meisten Eltern sind, so ist meine Erfahrung, häufig ganz froh, wenn sie der Enge der Familie mal entfliehen können und suchen sich - häufig unbewusst - immer mehr Lücken, in die sie schlüpfen können und immer mehr Vorwände, wegen denen sie „leider noch ein bisschen im Büro bleiben müssen“. Wenn man jedoch seine Familie als oberste Priorität ansieht, dann ist man auch IMMER in der Lage, mehr Zeit für sie frei zu bekommen. Notfalls muss man halt lernen, mit weniger Gehalt auszukommen (Walli und ich haben jetzt pro Monat netto etwa 1.800 DM weniger, als vorher für uns zur Verfügung).
So, ich hoffe, ich konnte deine Fragen wenigstens halbwegs beantworten - wenn nicht kannst du mir ja noch mal mailen. Für diese Nacht mach ich jetzt mal Schluss, denn ich muss noch ´ne Mütze Schlaf ab bekommen - wir fahren nämlich Morgen Abend für zwei Wochen in ein kleines Häuschen nach Schweden, wo wir a) versuchen werden, diesem dämlichen Jahrtausendwechselwahn zu entgehen und b) ganz gemütlich und ganz intensiv Familie leben.
Ich wünsche dir und deinen Lieben ein schönes Weihnachtsfest und einen guten Übergang ins neue Jahrtausend (das für mich, allen Unkenrufen und gut gemeinten Belehrungen zum Trotz am 01.01.2000 beginnt), in dem hoffentlich endlich mal wieder in unserer verkorksten Gesellschaft die Familie vor der Karriere kommt.
Liebe Grüße
Frank und Familie