Familie verpflichtet?

Hi,

lange Zeit war mir die Familie (der kleine Anteil, der mir beschieden ist) sehr wichtig.
So arrangierte ich mich auch mit meinem Bruder, der so grundverschieden von mir ist, wie er unterschiedlicher nicht sein könnte.
Während er sehr materiell eingestellt ist, nur Markenklamotten trägt und dicke Autos fährt (bzw. sich von seiner Freundin fahren lässt, da er den Führerschein abgenommen bekommen hat - aber das tut hier wenig zur Sache, zeigt nur sein „way of living“), immer einen „Sklaven“ (O-Ton) bei sich hat, gerne mal nen ausländerfeindlichen Spruch loslässt und insgesamt, ich nenne es mal „einfach gestrickt“ ist, bin ich so ziemlich das Gegenteil.

Dann starb im Februar meine Mutter und ich stellte fest, da ihr Tod mich von vielen alten Mustern befreite, dass sie gar nicht so wichtig ist, die Familie, im Gegenteil, dass die Lösung von einem Menschen, der einem nicht gut tut, eine Wohltat sein kann.

Während sich mein Bruder bei der Auflösung meiner Mutters Wohnung von der allerübelsten Seite zeigte (wie man das meist vom Hören-Sagen kennt: nur hinter Geld und Wertsachen her), entstand im Nachhinein immer mehr der Gedanke, wie es wohl wäre, wenn ich den Kontakt abbrechen würde.
Die Idee gefiel mir immer besser, und als wir uns das nächste Mal trafen, sagte ich ihm, dass ich kein Interesse habe an Menschen mit Wertmaßstäben wie den seinen.

Da er zuvor bereits meinte, ich solle ihn bloß davon verschonen, wenn ich mal stürbe, dass er sich dann um meinen Krempel kümmern soll, nehme ich an, meine Entscheidung ist ihm nur recht…

So weit so gut, die Entscheidung ist gefallen und mir geht es sehr gut damit.
Mein Gewissen jedoch hadert ein wenig.
Vielleicht liegt es daran, dass ich denke, wenn ich ihn aus meinem Leben verbanne, bleibt nur noch eine Oma, zu der ich einen einigermaßen nahen Bezug habe?!? (Andererseits denke ich wieder „Pöh-ist doch egal!“)
Vielleicht liegt es daran, dass ich mit dem Spruch „Blut ist dicker als Wasser“ aufgewachsen bin (den ich allerdings nicht mit meinen Erfahrungen belegen kann)?!? Auch habe ich mich in meinem Bekanntenkreis umgehört und ich erhielt uneingeschränkt Zustimmung zu meiner Entscheidung; einige teilen die gleiche Erfahrung - haben sich von Geschwistern getrennt, mit denen kein Verständnis möglich war und finden das selbstverständlich.

Um etwas klarer in meinen Gedanken und Gefühlen zu werden, wünsche ich mir eure Meinung dazu…

Viele Grüße,
jeanne

Hallo Jeanne,

ich hab noch 1,2 Fragen dazu an dich.

Du schreibst:

Die Idee gefiel mir immer besser, und als wir uns das nächste
Mal trafen, sagte ich ihm, dass ich kein Interesse habe an
Menschen mit Wertmaßstäben wie den seinen.

War das dein Kontaktabbruch? Für einen endgültigen Schnitt hätte ich etwas deutliches erwartet.
Wie hat er darauf reagiert?

Daraus

Da er zuvor bereits meinte, ich solle ihn bloß davon
verschonen, wenn ich mal stürbe, dass er sich dann um meinen
Krempel kümmern soll, nehme ich an , meine Entscheidung ist ihm
nur recht…

schließe ich, dass ihr euch noch nicht wirklich getrennt habt.

Vielleicht liegt es daran, dass ich denke, wenn ich ihn aus
meinem Leben verbanne, bleibt nur noch eine Oma, zu der ich
einen einigermaßen nahen Bezug habe?!? (Andererseits denke ich
wieder „Pöh-ist doch egal!“)

Den Gedanken kann ich nachvollziehen, aber welche positiven Erlebnisse verbindest du mit deinem Bruder?
Denkst du, an eurem Verhältnis wird sich in Zukunft etwas ändern?
Wenn du eine Chance siehst, würde ich den Versuch eines Neubeginns wagen, wenn nicht, ich hab auf einer Grußkarte mal das hier gelesen: „Umgib dich nur mit Menschen, die dir wirklich wichtig sind“

Ich finde, da ist was dran, Bruder hin oder her.

Liebe Grüße
Miriam

geh deinen weg

Vielleicht liegt es daran, dass ich mit dem Spruch „Blut ist
dicker als Wasser“

hallo
dieser spruch ist - wie du selbst bereits feststellen musstest, reiner blödsinn!
geh deinen eigenen weg und gut ist. du brauchst da kein schlechtes gewissen zu haben.

sabine

Guten Morgen,

endgültig den Kontakt abbrechen würde ich nicht. Vielleicht fehlt dem Bruder auch nur das einschneidende Erlebnis, das ihn auf den Teppich runterbringt. Bisher ist er ja diesbezüglich vom Leben verwöhnt worden.

Kümmere dich um den Teil Familie, den du magst. Überlass es dem Bruder, Kontakt aufzunehmen und ein bisschen Familienleben zu pflegen. Vielleicht ist ihm diesbezüglich in der Vergangenheit auch Vieles zu einfach gemacht worden. Sollte er untertauchen, lass ihn, dann weißt du genau, was Sache ist.

Du hast eine Freundin des Bruders erwähnt. Was ist mit dieser Frau? Eine Schwägerin (mit oder ohne Trauschein) ist doch schließlich auch eine Verwandte! Eine Frau, die es mit einem Mann aushält, der ist so wie du deinen Bruder beschreibst, kann eigentlich nur ein wertvoller Mensch sein.

Versuche, ein wenig Ruhe zu bekommen.

Liebe Grüße
Hagazussa

Hallo,

Du hast eine Freundin des Bruders erwähnt. Was ist mit dieser
Frau? Eine Schwägerin (mit oder ohne Trauschein) ist doch
schließlich auch eine Verwandte!

Ich denke nicht, dass es darum geht, aus dem Kreis der Verwandten jemanden zu finden, mit dem man sich anfreunden kann, sondern eher um die Frage, ist man verpflichtet, weil es die Familie ist, ein gutes Verhältnis zu deren Mitgliedern zu haben.

Eine Frau, die es mit einem Mann aushält, der ist so wie du deinen
Bruder beschreibst, kann eigentlich nur ein wertvoller Mensch sein.

Oder ein selten doofer… :wink:

Gruß,
Miriam

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Hallo Jeanne,

Du scheinst das Bedürfnis nach einer finalen Lösung für den Konflikt zwischen Deinem Bruder und Dir zu haben um das Thema für Dich abhaken zu können. In engen zwischenmenschlichen Beziehungen ist aber m.E.n. nur selten etwas wirklich endgültig.
Vielleicht kannst Du Dich mit dem Gedanken anfreunden, auf unbestimmte Zeit den Kontakt zu Deinem Bruder abzubrechen, ihm das für ihn verständlich zu kommunizieren und Dich dann mit Dingen beschäftigen, die Dir gut tun.
Du kannst Dir die Möglichkeit offenhalten, auch wenn Du momentan beim Gedanken an ihn Wut verspürst, ihn in unbestimmter Zukunft zu kontaktieren, wenn Dir danach ist, bzw. wenn Du „in Deiner Mitte“ bist.

Ich habe das bei meinem Vater mal so gemacht. Nach mehr als einem Jahr, in dem ich mich gedanklich kaum mit ihm beschäftigt hatte, konnte ich ihn aufsuchen und habe sofort gespürt, dass sich zwischen ihm und mir mir vieles zum Besseren gewandt hatte. Der Besuch hat uns beiden gut getan. Anders bei einer Freundin. Da merkte ich nach einer langen, von mir herbeigeführten Funkstille, dass es mir schlecht ging, als ich wieder von ihr hörte. Die Entscheidung, mich endgültig von ihr zu verabschieden, fiel nach der langen Pause ganz klar, eindeutig und friedlich. Ich meine, mich endgültig von ihr zu verabschieden, so lange sie der Mensch ist, der sie jetzt ist und früher war und so lange ich der Mensch bin, der ich jetzt bin und früher war.

Eine ruhige, klare Entscheidung für oder gegen einen Menschen zu treffen, fällt leichter, wenn viel Zeit seit den alten Stichen vergangen ist. Wenn Du nicht mehr so tief drin steckst.

Ich wünsche Dir alles Gute!
Andrea

Hi,

eine Brücke die du heute abreißt wird vielleicht nie wieder aufgebaut werden können oder wenn nur mit enorm großen Mitteln und Zeit. Für mich gibt es neben schwarz und weiß auch noch viele Nuancen von Grautönen.

Vielleicht solltest du dich daher fragen warum du eine so drastische Entscheidung treffen möchtest die du vielleicht eines Tages bereuen würdest, gibt es da nicht noch einen anderen Weg der für dich tragbar wäre?

Viele Grüße
MeToo

Hallo ihr Lieben,

vielen Dank für eure Antworten!
Ich werde nicht hier im Forum darauf eingehen, aber sie haben mir ausreichend Stoff zum Nachdenken gegeben!

Grüße von
jeanne