Fassadendämmung und Schimmelbildung

Hallo Allerseits,

bei der Fassadendämmung wird häufig das Argument gebracht, dass dadurch mehr Schimmel entsteht, weil die Wände nicht mehr atmen (tun die das wirklich?). Andererseits habe ich aber auch schon das Gegenargument gehört, dass eine Fassadendämmung die entgegengesetzte Wirkung hat, weil die Wände wärmer werden.

Ich kann mir auch gut vorstellen, dass es genug Fälle von Schimmelbildung gab, nachdem alte zugige Fenster durch Isolierglas-Fenster ausgetauscht wurden. Dadurch setzte sich dann die Gleichung in den Köpfen ab, Isolierung = Schimmelbildung.

Wie verhält es sich nun mit dem Thema Fassadebisolierung und Schimmelbildung

Gruß
Carlos

Guten Abend, Carlos!

Eine thermische Isolation verringert die Temperaturdifferenz zwischen raumseitiger Wandoberfläche und Raumluft – im Idealfall gegen Null gehend. Damit wird auf der Wandoberfläche ein Mikroklima mit erhöhter Luftfeuchtigkeit und womöglich Erreichen des Taupunktes vermieden. Weil Schimmel zu seiner Entstehung Feuchtigkeit braucht, bildet sich auf thermisch gut isolierten Wänden kein Schimmel, es sei denn, im Raum herrscht feuchtes Treibhausklima. Weil man es in bewohnten Räumen regelmäßig mit Feuchtigkeitseintrag zu tun hat, gehört zur Wärmedämmung stets auch Lüftung. Theoretisch – in der Praxis wird leider oft anders verfahren.

Über Jahrhunderte funktionierte Lüftung von alleine. Fenster und Türen hatten konstruktionsbedingt undichte Fugen, durch die ständiger Luftaustausch stattfand. Allerdings ging mit dem feuchten Mief auch die Wärme nach draußen. Bei einer zeitgemäßen Lüftung strömt deshalb die warme Raumluft über Wärmetauscher, in denen die Frischluft vorgewärmt wird.

Weil du „atmende Wände“ erwähnst und ähnliche Aussagen vielerorts zu hören sind: Das ist Volksmund, der etwas anderes meint. Nein, Wände atmen natürlich nicht, aber die Wandoberflächen bewohnter Räume sollten Feuchtigkeit aufnehmen und wieder abgeben können. Andernfalls schlägt sich auf den Wänden Feuchtigkeit nieder, wie man es z. B. von den Fliesen des Badezimmers kennt. Dampfdicht versiegelte Wandoberflächen sind deshalb für Wohnräume ungünstig und würden Schimmel Vorschub leisten.

Obwohl Ursachen und Abhilfemaßnahmen bekannt sind, ist Schimmel in vielen Häusern ein Problem. Von seltenen Ausnahmen abgesehen sind Baumängel, Planungsfehler und bauseitige Halbheiten die Ursache. Von den vielen Ursachen sei nur die häufigste Halbheit genannt: Ein altes Gebäude erhält neue, dicht schließende Fenster, aber keine Lüftungsanlage. Schon hat man die Voraussetzung für eine Pilzzucht geschaffen. Oft sind die neuen Fenster nur die erste Maßnahme, die Fassade soll später gedämmt werden. Aber für die Dämmung sitzen die neuen Fenster in der falschen Wandebene. Kaum ein privater Auftraggeber weiß das, viele Handwerker leider auch nicht und sachkundige Planung und Bauaufsicht etwa durch einen Architekten findet bei vielen privaten Bauherren nicht statt. So wird die Dämmung nicht den erhofften Erfolg bringen und nach einiger Zeit sind die Fensterlaibungen schwarz verschimmelt, weil die Fenster in der falschen Wandebene sitzen (in die Ebene der Dämmung, also weiter nach außen müßten) und die Laibungen zu den kühlsten Flächen werden.

Ein beträchtlicher Teil aller nachträglich gedämmten privaten Häuser ist von der beschriebenen Art mangelhafter Planung und Pfusch betroffen. Wo nach Dämmmaßnahmen über Schimmel geklagt wird, dürften es 100% sein. Sachgerecht arbeitende Betriebe stehen dabei am Markt in schwacher Position, weil ihr Angebot eben nicht nur nachträgliches Anbringen von Dämmmaterial beinhaltet und auch nicht ohne Bauarbeiten und Dreck in den Wohnräumen durchführbar ist.

Gruß
Wolfgang

Grüß Gott Wolfgang

Aber für die Dämmung sitzen die

neuen Fenster in der falschen Wandebene. Kaum ein privater
Auftraggeber weiß das, viele Handwerker leider auch nicht

Was wäre denn die Bauphysikalische Begründung hierfür?

Denn ersteinmal ist es ein Widerspruch. Dämme ich nachträglich außen, verschiebt sich die „böse“ 12° Isotherme weiter nach außen und das ist erstmal gut. Vermutlich entstehen bei der von dir beschriebenen Art der Dämmung/Fensterrenovierung Wärmebrücken. Aber nicht zwangsläufig oder in jedem Fall. Ist dies die einzige Ursache? Desweiteren: Habe ich eine homolytische Dämmung ist (oder war) die Lehrmeinung: Fenster-je weiter nach innen, desto besser vom Isothermenverlauf…

servuß Helmut

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Hallo Helmut!

Bleiben die Fenster in der ursprünglichen Ebene, ergeben sich ungedämmte Laibungen. Die Fensterrahmen sind i. d. R. für eine nennenswerte Dicke einer Dämmung nicht breit genug. Ich beobachte hier und da, wie deshalb dünnes Material in die Laibungen geklebt wird, was aber hinsichtlich Dämmwirkung nur ein Placebo ist. Es bleibt eine Schwachstelle mit der Folge, daß die raumseitigen Flächen rund um die Fenster kühl und damit potentiell schimmelanfällig werden.

Außerdem sehen hinterher die Fenster mit verdeckten Rahmen übel aus. Große Fenster mit verdeckten Rahmen muten tot an und kleinere Fenster, die wegen der Fassadendämmung von außen gesehen tief in der Wand sitzen, sehen wie Schießscharten aus. Das sind keine tauglichen Lösungen.

In der falschen Wandebene eingebaute Fenster ergeben eine um die Laibungsfläche vergrößerte Außenfläche des Gebäudes. Das bringt bei etlichen Fenstern in der Summe den einen oder anderen Quadratmeter weitgehend ungedämmter Fassadenfläche. Dabei spielt sich nichts in der Art von „nach außen verschieben der 11° oder 12°-Isotherme“ ab. Wie denn auch. Was soll Temperaturniveaus wohin auch immer verschieben, wo es gar keine Dämmung gibt? Und das dann auch noch in der Laibung. Einen kürzeren Weg nach innen hält die gesamte Fassade nicht bereit. Der Vorgang ist ganz schlicht: Raumseitig rund ums Fenster wird’s lausig kalt mit guter Chance, bei kalter Witterung auf der raumseitigen Wandoberfläche Temperaturen in Taupunktnähe zu erreichen, mindestens aber ein Mikroklima mit erhöhter Luftfeuchtigkeit und damit Schimmelanfälligkeit zu erzeugen. Diese bauphysikalisch unsachgemäße und optisch fragwürdige Vorgehensweise ist weit verbreitet, weil man dabei Fenster und Innenräume nicht antastet und deshalb glaubt, Kosten vermeiden zu können.

Wenn man wirksam dämmen will, ohne sich irgendwo Schimmelanfälligkeit einzuhandeln, muß man auf die Details achten. Anders ausgedrückt: Wo immer sich Schimmel an Wänden zeigt, war jemand beim Bau oder Sanierung zugange, dem die Details nicht so wichtig waren.

Die Vernachlässigung der Details ist dafür verantwortlich, daß vielerorts auf die Folgen von Dämmung geschimpft wird und manche Leute sogar behaupten, Dämmung brächte nichts. Die Kritiker bemängeln, allerdings ohne sich dessen bewußt zu sein, die Folgen von Planungsfehlern und nachlässiger Ausführung. Nur bei sorgfältiger Beachtung aller Details bringt Dämmung einen deutlich spürbaren Gewinn an Behaglichkeit, damit an Lebensqualität und eben den Unterschied, ob für ein EFH alljährlich der Gegenwert eines Gebrauchtwagens für Heizmaterial auszugeben ist oder ob die Kosten eines etwas edleren Restaurantbesuchs für 2 Personen reichen.

Und schließlich – aber das wirklich nur am Rande – wird beim Verbleib der Fenster in alter Wandebene die Chance verpaßt, endlich in den Wohnräumen zu alltagstauglich eingebauten Fensterbänken zu kommen. Unsere Altvorderen verputzten die raumseitigen Laibungen stets direkt bis auf die Fensterbänke. So verfuhren Handwerker, die damit unwissentlich zeigten, daß sie ihre Bude noch nie selbst sauber gemacht hatten. Sonst wüßten sie nämlich, daß der feuchte Lappen beim Abwischen der Fensterbänke schmutzige Spuren an den Tapeten der Laibung hinterläßt und hätten schon vor Generationen Wischkanten aus nichtrostendem Stahl oder Aluminium eingebaut :wink:

Gruß
Wolfgang

Sehr aufschlußreich
Danke Wolfgang