Faszination Suizid!

Liebes Forum,
mein Problem ist die Faszination des Suizids für meine fast 16jährige Tochter.
Angefangen hat alles mit einer Chatliebe, die sich nicht erfüllt hat. Der junge Mann machte meine Tochter mit Gothic-Musik bekannt. Auch wenn es vielleicht nicht so ganz ihre Richtung war, sie war ja verliebt.
Dann fing der Strudel an, sie runterzuziehen. Die Musik wurde immer heftiger, die Farbe der Klamotten ist egal, Hauptsache schwarz, und die Literatur im Internet und aus der Bücherei beschäftigt sich fast ausschließlich mit jugendlichen Selbstmörden und deren letzten Gedanken.
Ich bin immer wieder auf sie zu gegangen, habe lange Gespräche mit ihr geführt, aber richtig erreichen kann ich sie wahrscheinlich nicht. Immerhin bin ich ihre Mutter, da mag Jugendliche nicht mehr hinhören.
Sie zieht sich immer mehr von allen sozialen Kontakten zurück und ich befürchte, sie versinkt immer tiefer in ihre düsteren Gedanken. Auch die schulischen Leistungen gehen zurück.
Ich scheue mich noch, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, da sie mir gedroht hat, sollte ich auf diese Idee kommen, verliere ich ihr Vertrauen.
Höre ich die Flöhe husten, ist es wirklich ein normales Pubi-Verhalten? Ich mache mir große Sorgen, daß die Faszination sie eines Tages einholt und der allgemeine Weltschmerz, den sie empfindet in einer Trägödie endet.
Hat irgendjemand eine Rat, wie ich mich verhalten soll, ohne ihr gegenüber zu massiv zu werden?
Eine sorgenvolle Linde

Hallo Linde!

Vorweg sollte ich erwähnen, daß ich kein Vater bin und folglich noch kein Kind, außer einem Hundewelpen, erzogen habe. Nichts desto trotz hatte auch ich meine Jugend (bin nun 31) und hatte natürlich auch Freunde, die in das gleiche Mileau gekommen sind.

Auch damals war es so, daß die Eltern nicht gerade glücklich über diesen Zustand waren und sich, verständlicherweise, ernsthaft Sorgen gemacht haben. Nun stellt sich die Kretchenfrage, was ist aus den Leuten geworden.

Nun, von den mir bekannten zwei Fällen kann man das in wenigen Worten zusammenfassen --> Nicht sehr viel. Noch heute „hängen“ sie mehr oder minder rum und wissen anscheinend nicht so recht etwas mit sich anzufangen. Ich bemerkte, daß sie keine Ziele oder Erwartungen an das Leben haben. Ich denke auch, hier sitzt die Wurzel des Übels. Hat Deine Tochter Ziele, wie Beruf, Familie, Freund, Schule usw. usw.?

Ich denke, sie hat zumindest keine konkreten. Versuch sie doch mal diesbezüglich zu motivieren bzw. hinterfrage erst mal, ob oder ob nicht (das mit den Zielen meine ich).

Wir alle haben wohl schon eine schlechte Phase in der Jugend mitgemacht. Auch ich muß mir die Frage stellen, was wäre aus mir geworden, wenn ich eine „null Bock“-Mentalität gehabt hätte.

So, dann mal viel Erfolg. Wie schon erwähnt, ich bin kein Profi und versuchte Dir nur aus meinem kleinen Erfahrungsschatz zu berichten.

Viel Erfolg,

Thomas

Grufties und Gothics
In vielen Punkten widerspreche ich Thomas.

Linde, ich selbst war eine von „denen“, die schwarz rumlaufen, die Gothic hören, die sich selbst gern in einer ebenso schwarzen Stimmung sehen und sich auch selbst gern in solche Stimmungen hineinversetzen. Das kann man ganz gut, zusätzlich mit Hilfe der Musik.

Die Fragestellung lautet hier nicht: „Wie bin ich wieder herausgekommen?“ Bin ich nicht. Und damit ziele ich nicht in dieselbe Richtung ab wie Thomas, wonach ich immer noch desorientiert rumhängen müsste und meinen schwarzen Gedanken nachhängen.
Nein.
Ganz anders.
Die Atmosphäre des Schwarzen finde ich auch jetzt noch geheimnisvoll, und auch jetzt noch kleide ich mich manchmal so. Gut, ich bin auch noch in dem Alter, in dem man das „darf“. Allerdings hat sich eines geändert: Ich betrachte es als Theaterspiel. Und die Leute in diesem Stück als zum Teil nicht ernstzunehmende Akteure. Ich kenne solche Leute, ich war mit einem von denen sogar länger zusammen - und kann es nicht ernst nehmen! Egal, ob es die fertigen, die „wirklichen“ Grufties aus England, die „Pseudos“ aus Deutschland sind - ich nehme es nicht ernst. Das ist eine Botschaft von mir an Dich.

Und dann: Es kann gut sein, dass Deine Tochter wirklich tief drinhängt. ABER dann hat das natürlich nichts mit der Szene an sich zu tun (denn zuhause dürfen die dann durchaus auch mal lachen… allerdings im Dunklen und ganz geheim… :wink: ).
Nein, dann ist das schon eine Grundstimmung von ihr, die aber tiefer liegt. Den schwarzen Klempel vergiss dabei. Schau sie Dir in ihrem Wesen an. Und sprich, sprich mit ihr. Wenn das nicht geht - ich weiss auch nicht - aber ich würde ihr helfen, das kann ich Dir anbieten. Ich würde es versuchen. Weil ich auch nicht aus Faszination am Schwarzen Stoff Gruftie geworden bin. Ich war es, weil ich auch im Grunde meiner Seele und Stimmungen einfach deprimiert und mit dem Leben unzufrieden war. Es war einfach eine Linie, die ich dann in Richtung Gothic weitergegangen bin.
Und dann freilich meine Faszination für das Besondere. Betrachte es mal positiv: Kommt Deine Tochter raus aus dem Negativen der Szene, dann hat sie für sich etwas Individuelles entdeckt.

Sollte eh mal eine allgemeine Frage an die Menschen sein: „Was an Irrationalem hast Du in Deinem Leben getan?“

So. Ich hoffe, ich konnte ein bisschen zum Ausdruck bringen, was ich sagen wollte!

…eine noch leicht melophile
Heidi

Hallo Linde,

ich denke, daß sehr viele junge Menschen (besonders Mädchen) durch diese Phase gehen, ich selbst hab das auch hinter mir. Allerdings war bei mir die Faszination am Tod wahrscheinlich etwas besser begründet, da ich mit 13 Jahren meine Mutter verloren habe und mit keinem richtig reden konnte, so daß ich mir dann anderswo gesucht habe, was ich wissen wollte. Deshalb hab ich halt viel zu dem Thema gelesen und auch selbst Gedichte geschrieben. Allein in meiner ehemaligen Klasse weiß ich von drei anderen Mädchen genau, daß sie auch derartige Gedanken hatten und teilweise in Richtung „Grufti“ tendiert haben (was bei mir nicht der Fall war).

Ich habe diese Phase recht gut überstanden und sehe mich selbst jetzt als lebensfrohen Menschen an. Bei vielen verschwindet das mit dem Alter, man kommt auch mal wieder auf andere Gedanken. Allerdings würde ich das trotzdem nicht auf die leichte Schulter nehmen. Ich habe eine Freundin, die etwas jünger ist als ich (jetzt 19 oder 20) und die auch in Gruftikreisen herumhängt. Die hat im letzten Jahr drei Freunde aus der „Szene“ durch Selbstmord verloren. Bei denen hat vielleicht auch mal jemand gesagt, die spinnen doch bloß rum. Wenn es dann zu spät ist, macht man sich Vorwürfe… Man bekommt ja im Zusammenhang mit Selbstmördern immer wieder zu hören bzw. zu lesen, daß diese Leute vorher eindeutige Hilfesignale gesendet haben, indem sie zum Beispiel ständig über Selbstmord gesprochen und sich von ihrer Umwelt zurückgezogen haben.

Deine Tochter wird sicher nicht wollen, daß Du Dich einmischst. Das hängt natürlich mit ihrem „Trotzalter“ zusammen, aber auch mit dem Problem an sich: wer derartig depressive Gedanken hegt, fühlt sich von allen verlassen und will auch keine Hilfe annehmen, weil das ja bedeutet, daß sich doch jemand um einen Sorgen macht… Das will man sich aber nicht eingestehen und schottet sich deshalb unbewußt noch zusätzlich ab, wodurch natürlich alles noch schlimmer wird.

Nun kann ich Dir leider keine therapeutischen Ratschläge geben, aber ich denke, daß es tatsächlich keine gute Idee ist, Deine Tochter zum „Psychiater“ zu zwingen, weil sie sich dann bevormundet und nicht ernstgenommen fühlt, und: „Mich versteht ja eh keiner, ich bin doch nicht verrückt!“. Was hältst Du denn davon, erstmal allein zu einem Psychologen oder Jugendarbeiter zu gehen und Dir Ratschläge zu holen, wie Du als Mutter damit umgehen kannst und was Du für Deine Tochter tun kannst? Sie muß das ja nicht wissen, aber Du bekommst vielleicht Anregungen.

Es ist in dieser Situation wichtig, behutsam zu sein, um den „potentiellen Selbstmörder“ nicht noch mehr zu verschrecken, denn dann verschließt er sich noch mehr. Aber Hilfe suchen ist nie etwas schlechtes, und vielleicht kann Dir ja jemand weiterhelfen.

Ich will nicht behaupten, daß Deine Tochter unbedingt eine Selbstmordkandidatin ist. Es kann durchaus sein, daß man, wie Heidi (?) geschrieben hat, das nicht ernstnehmen muß. Es kann aber eben auch anders sein, und Thomas hat ja auch sehr richtig geschrieben, daß da meistens noch etwas anderes dahintersteckt. Mach Dir Gedanken darüber, ob nicht vielleicht noch etwas anderes hinter ihrem Sinneswandel steckt. Hat sich Euer Verhältnis vorher schon verändert? Ist jemand gestorben? Hat sie sonst Probleme gehabt, bevor das mit ihrer Internetliebe passiert ist?

Vielleicht kann Dir auch ein Buchtipp weiterhelfen, falls Deine Tochter gern liest. Ich fand „Das Jahr ohne Pit“ (von Maja Gerber-Heß) recht aufschlußreich. Ich kopiere Dir hier mal den Klappentext:

„Noch ein gutes Jahr bis zur Matura, da hat die 18jährige Monika ein schreckliches Erlebnis: Ihr Freund und Mitschüler Pit hat sich zu Hause, in der Wohnung seiner Eltern, erschossen. Sein leerer Platz im Schulzimmer erinnert Monika tagtäglich an das unfaßbare Ereignis. Für die heranwachsende junge Frau hat sich das Leben mit einem Schlag völlig verändert. Sie kann und will nicht akzeptieren, daß es für Pit nur diese eine, endgültige Lösung gegeben haben soll. Die Autorin versteht es, die Trauerarbeit von Monika mit sehr viel Einfühlungsvermögen und Taktgefühl zu schildern. Ein Happy-End gibt es keines, wohl aber ein Zeichen dafür, daß Monika da durchkommt.“

Ich weiß nicht, ob Deine Tochter durch dieses Buch vielleicht noch zusätzlich „zum Selbstmord angeregt würde“, aber vielleicht hilft es ihr, zu verstehen, daß von einem Selbstmord noch andere betroffen sind. Wenn Du meinst, es könnte helfen, kannst Du es ihr ja vielleicht einfach ans Bett legen (nicht gleich darüber reden). Wenn Du magst, schreib ihr einen Brief, daß Du Dir Sorgen machst und sie vermissen würdest. Aber mach ihr keine Vorwürfe oder so. Laß sie einfach wissen, was Du fühlst, ohne Wertung ihres Verhaltens. Den Brief kannst Du ins Buch legen (vielleicht im Umschlag, mit dem Hinweis, daß sie ihn erst aufmachen soll, wenn sie das Buch gelesen hat). Nur versuche, ihr keine Vorwürfe zu machen und sie nicht in die Ecke zu drängen. Wenn man derartig deprimiert ist, will man manchmal nicht darüber reden, weil man denkt, es versteht einen eh keiner. Ein Brief ist da einfacher, den kann man sich durchlesen, ohne gleich antworten zu müssen.

Alles Gute
Sylvia

Liebes Forum,
mein Problem ist die Faszination des Suizids für meine fast
16jährige Tochter.

Hallo Linde,
wir beide sind ( grob gesehen) ein Jahrgang.
Von der Gothic Musik kann ich Dir nichts erzählen.
Doch über meine früheren Selbstmordabsichten, und wie meine Mutter mich geschockt hatte mit Ihrer Antwort darauf.
Vorgeschichte:
Ich war früher(mit 13 - 15 Jahren) gerne allein, trotz eines großen Freundeskreises. Wenn ich meine Ruhe haben wollte oder sonst ein Problem hatte, ging ich auf einen Friedhof spazieren und dachte oft über Suizid nach.
Eines Tages fragte ich meine Mutter, was sie von Selbstmördern hält.
Ihre Antwort: Etwas feigeres als diese Leute würde sie nicht kennen.Da diese Probleme aus den Weg gehen würden, ohne sich damit auseinander zu setzen.
Für mich war diese Antwort so schockierend, das ich immer weniger
mit der Zeit an Suizid dachte.

Heute bin ich Familienvater von zwei Kindern.
Ich bin von Deinem Artikel sehr betroffen und würde Dir gerne weiter helfen, wenn Du möchtest in einem persönlichen Gespräch.

Alles Gute für Dich und Deiner Familie.
Viele Grüße
Heiner

Danke!
Ich möchte Euch für Eure Gedanken, die ihr mir mitgeteilt habt, danken.
Eigenartig, irgendwie hat es gut getan zu lesen, dass meine Tochter nicht die einzige ist, die solch einen Weg geht.
Gerade weil ich mich noch gut an meine eigene Jugend erinnern kann und weiß, wie heftig Mensch gerade in dieser Phase Gefühle empfindet, mache ich mir Sorgen.
Ich habe mir auch schon profesionellen Rat geholt und einige gute Anregungen erhalten, wie ich ihr, ohne das sie es merkt( na ja mehr oder weniger), wieder einige Zukunfstperpektiven vermitteln kann. Ich glaube auch nicht, dass es die Musik allein, oder auch die unerfüllte Liebe, sondern das Zusammentreffen ganz vieler Faktoren.
Auch von Euch hab ich einiges an Anregungen erhalten, über die ich heftig nachdenke.
Wenn meine Tochter mich das erste Mal wieder mit klarem Blick anlächelt, weiss ich, dass wir es schaffen.
Danke nochmal
Linde

Hallo Linde,

schau Dir mal mein Posting bei ‚Probleme mit dem Tod‘ an. In der angebenen Literatur sind auch zwei Artikel -ein Erfahrungsbericht und ein hilfestellungsgebender- zu deinem Thema dabei.

Tschuess Marco.

Hallo Linde,
Auch ich habe in der Familie einen solchen „Fall“. Es begann vor 15 Jahren und wir haben zu lange gewartet und angenommen es handle sich da um eine pubertäre und vorübergehende Störung.
Später stellte sich heraus, dass es sich um eine Psychose (Schizophrenie) handelt. Diese Krankheit ist gut zu heilen und je früher desto besser. Möglich ist aber auch, dass Deine Tochter unter Depressionen leidet - und auch diese sollte man unbedingt therapieren.

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kick the darkness until it bleeds daylight…

hmmm…

ich selbst steckte ( und stecke noch teilweise ) in einer phase in der ich mich mit selbstmord, wtc. beschäftige… musik häre ich … hmm ebm/goth/dark metal/synth… hmm… nunja

ich denke nicht, dass deine tochter suizidgefährdet ist…

meiner meinung nach flüchtet sie sich (wie ich) in eine welt, um von ihrem erlebnis ( die chatliebe ) abstand zu gewinnen… und darüber nachzudenken… und hat nicht vor ihrem leiden ein ende zu setzen.

was tun ? hmmm… gute frage.

die dunkle seite ist etwas, das man nicht verstehen kann wenn man es nicht selbst erlebt. ich kann dir nur empfehlen dich mit den gedanken von gothics zu beschäftigen… kleiner tip: http://www.darkness.com die beste community von gothics (und welche die sich dafür halten) die ich kenne.

auf jeden fall solltest du versuchen an deiner tochter ranzukommen. hör dir die musik an, die sie hört, lies ihre bücher, mach was sie macht. vielleicht kannst du dann nachvollziehen, warum sie diesen weg einschlägt.

naja… keine großartige hilfe, ich weiß.

viel glück.