Hallo Experten.
Faust I lässt sich inhaltlich in die Gelehrtentragödie und in die Gretchentragödie einteilen. Kann mir jemand sagen, wo genau die Gelehrtentragödie aufhört und die andere anfängt?
Ich gehe davon aus, dass die Gelehrtentragödie mit dem kurzem Kapitel „Straße“ aufhört, weil Faust dort zum ersten mal auf Gretchen trifft?
Ist das richtig, oder gibt es einen früheren oder späteren Schlusspunkt?
Hoffentlich könnt ihr mir helfen.
èl Curto
Hallo ElCurto!
Ich würde Dir Recht geben.
Die Gretchentragödie entspricht gedanklich der Konzeption des Bürgerlichen Trauerspiels, Schillers „Kabale und Liebe“, Lessings „Emilia Galotti“ oder eben auch des Goetheschen Vorläufers, des „Urfaust“. Die Frage ist nur, wie viel Sinn es macht, Gretchen- und Gelehrtentragödie nebeneinander zu stellen statt subordinierend aufeinander zu beziehen. Zum einen ist mit der Begegnung Fausts mit Margarete kein Schlusspunkt erreicht, sondern der Eintritt in eine entscheidende Station im Rahmen von Fausts Pakt mit dem Teufel, der auf seinem alle Begrenzungen sprengenden Drang - als Wissenschaftler, als Mensch - nach, modern gesagt, Selbstverwirklichung basiert, zum andren steht auch am Schluss von „Faust I“ kein Ende, sondern Gretchen wird erlöst, Faust in die Welt des zweiten Teils hinüberkatapultiert - und spätestens dort werden die Gesetze des Tragödientypus aufgehoben.
Herzliche Grüße
Wolfgang Zimmermann
Nebeneinanderstellen/Aufeinanderbeziehen
Hallo EC/Wolfgang
Ich würde an dieser Stelle Wolfgangs Anmerkung bestätigen und bekräftigen wollen, dass es wenig Sinn macht, die beiden Tragödien nebeneinanderstellen zu wollen - zumal schon gar nicht in einer Abfolge, die ein von … bis und dann von … bis ergibt. Die beiden Handlungen sind ja eben ineinander verflochten, nur dass die Gelehrtentragödie den Beginn des Dramas markiert und Grete erst später hinzukommt. In der Folge wechseln dann ja die Szenen, in denen Faust vom Gretchen zurückkommt und in seiner gelehrten Suche versinkt, während Gretchen allein im Zimmer oder am Brunnen, etc. sinniert. Die von EC vorgeschlagene Trennung funktioniert nicht, insofern würde ich EC nicht Recht geben wollen.
Gruß
Markus