Hallo,
falls noch mal jemand Lust hat, die geänderte Fassung zu lesen und zu kommentieren, würde es mich sehr freuen.
Vielen Dank
Sabine
Sein Körper verweigerte ihm von einer Minute auf die nächste den Dienst und nagelte ihn auf der Parkbank fest. So hart hatte es ihn bisher noch nie getroffen. „Ruhig bleiben, ganz ruhig“, ermahnte er sich und atmete tief durch, „es ist gleich vorbei, es dauert nie lange“. Doch diesmal war es anders, auch wenn er es sich nicht sofort eingestehen konnte. Sein Körper fühlte sich an wie mit Blei ausgegossen, ein Gefühl, das definitiv neu war. Und es ging nicht vorbei, ganze zehn Minuten wartete er auf Erlösung, erst dann machte sich eine erste leichte Entspannung bemerkbar.
Das war die fünfte Attacke dieser Art und wenn er ehrlich zu sich gewesen wäre, hätte er sich eingestehen müssen, dass sie von Mal zu Mal stärker wurden und er dringend einen Arzt hätte konsultieren müssen. Doch er war ein sturer alter Mann und nachdem sein ehemaliger Hausarzt ihn letztes Jahr versehentlich für tot erklärt hatte, war sein Bedarf an Ärzten für immer gedeckt.
Er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, nach dem Gießen noch ein bisschen auf der Parkbank zu sitzen und ein Frühstücksbrot zu essen. An der frischen Luft schmeckte es ihm besser als in der stickigen Wohnung. Die Bank, auf der er jetzt wie festgewachsen schien, stand unter einer alten Eiche, deren Baumkrone fast bis zum See reichte. Selbst wenn es in der Sonne schon unerträglich wurde, war es unter dem großen grünen Dach noch gut auszuhalten.
Meist war die Bank frei und wenn jemand doch mal früher als er auf den Beinen war und sich auf seiner Parkbank eine Pause gönnte, setzte er sich einfach dazu und begann zu erzählen. Er erzählte von früher, worüber hätte er auch sonst reden sollen. Über die Geschehnisse des letzten Jahres konnte er mit niemandem sprechen, jeder hätte ihn sofort als alten Spinner abgetan. Deshalb erzählte er wildfremden Menschen, die meist zu höflich waren um sofort zu gehen, von seinem längst vergangenen Leben auf einem kleinen Dorf unweit der Elbe. Von den Kühen und Schweinen, die fast 60 Jahre sein Leben bestimmt hatten und von seiner Frau und dem Sohn, die dort vermutlich noch immer lebten.
In der alten, ausgebeulten Kordhose und dem ausgeblichenen gelben Hemd mochte er auf manchen wie ein Penner wirken, der passenderweise schon auf der obligatorischen Pennerparkbank saß. Eine komische alte Figur, eigentlich zu verwittert, um noch als Mensch durchzugehen.
Am Seeufer lag ein alter, träger Schwan in der Sonne. Vermutlich auch nicht viel jünger als ich, dachte er, während er die allmähliche Entspannung in seinem Körper verfolgte. Er rieb seine beiden Hände aneinander, wackelte mit den Füßen und fühlte sich wieder halbwegs als Mensch. Dann holte er eine kleine Figur aus seiner abgewetzten Ledertasche und betrachtete sie. Es war eine scheußliche kleine Porzellanschnecke mit einem Rucksack auf dem Rücken. Er stellte die Schnecke auf den Grabstein, packte die blecherne, verbeulte Brotbüchse in seine Tasche, schloss die Tasche sorgfältig, nahm die Gieskanne und machte sich auf den Weg.