Fehlender Schneidezahn im Unterkiefer

Guten Abend,

Bei einem Zahnarztbesuch mit meiner Tochter (7) habe ich heute erfahren, dass bei ihr im Unterkiefer ein Schneidezahn fehlt (nicht angelegt). Der Arzt meinte aber, daß das kein großes Problem sei. Es wäre jedoch ratsam (so der Doc) daß man den anderen Schneidezahn zwecks der Ästhetik bzw. der Symmetrie ziehen sollte…

Stimmt das? Mein Gefühl sagt mir, daß der gute Herr Doktor keine Ahnung hat und es sehr wohl sinnvollere Maßnahmen gibt als einen absolut gesunden Zahn zu ziehen. Eventuell ein Implantat o.ä?

Ich wäre sehr dankbar für Antwort!

Herzliche Grüße, Maqueritte

Hallo Maqueritte,

Dein Gefühl täuscht Dich. Der „gute Herr Doktor“ hat sehr wohl Ahnung. Eine einseitige Nichtanlage eines unteren Schneidezahns lässt sich einfach und für Dein Kind schonend durch die Entfernung des entsprechenden Schneidezahnes auf der anderen Seite kompensieren. Es geht hier auch nicht nur um die Ästhetik sondern vor allem um die Kaufunktion, die durch die fehlende Symmetrie in Zukunft gefährdet sein kann.

Ein Implantat ist hier überhaupt keine Alternative. Wenn in dem Alter Deiner Tochter ein Implantat gesetzt würde, würde dieses den Wachstumsrichtungen der anderen Zähne nicht folgen und schon sehr bald an unbrauchbarer Stelle stehen.

Gruß
Gero

Hallo,
Also so einfach würde ich das nicht machen, aus folgenden Gründen:

  1. Wie siehts denn mit dem Platz aus? Wenn schon ein Zahn fehlt und du ziehst noch einen zweiten, kann es sein, dass zu viel Platz im Kiefer ist und die Zähne auf Lücke stehen
  2. nur 2 Schneidezähne im Unterkieferfront sieht meiner Meinung nach ziemlich seltsam aus - würde ich auf jeden Fall versuchen zu vermeiden
  3. Es ist ohne weiteres möglich auch 3 Frontzähne so anzuordnen, dass das kaum auffällt - das wird beispielsweise bei Erwachsenen gemacht, die sich kieferorthopädisch behandeln lassen
  4. Es ist auch möglich diee Lücke offenzulassen und zuächst mit einer geklebten Brücke (ohne die Nachbarzähne zu überkronen) zu versorgen, bevor man dann später im Erwachsenenalter ein Implantat setzt.

Du siehst, es gibt hier vieles zu bedenken. Deshalb würde ich Dir raten auf jeden Fall noch eine qualifizierte 2. Meinung, am besten von einem Kieferorthopäden, einzuholen und nicht den Zahn einfach zu ziehen und zu hoffen, dass sich alles von selbst richtet

Gruß Christian (selbst Zahnarzt)

Hallo Gero,

herzlichen Dank für Deine Antwort.

Ich bin trotzdem weiterhinsehr skeptisch. Es kommt mir sehr ungewöhnlich vor einen absolut gesunden Zahn zu ziehen. Ebenso schlimm fände ich es die Nachbarzähne für eine Brücke abzuschleifen. Bei einer älteren Person würde ich das noch durchgehen lassen, aber in diesem Fall muß das ganze ja noch ne ganze Weile halten.
Dazu möchte ich noch erwähnen, dass meine Tochter, wie ich auch, einen eher großen Kiefer hat, d.h, daß ein weiterer fehlender Zahn dazu führen würde, dass der Platz für die anderen Zähne noch größer wird. Ich habe mir das vorher mal genauer angeschaut und ich könnte mir vorstellen, dass es später komisch aussehen könnte, wenn alle Zähne da sind ihnen im Prinzip ZU VIEL Platz zur Verfügung steht?!? Dadurch könnten sie sich ja verschieben, oder?

Zu Deinem Einwand mit dem Implantat: Ich hatte nicht daran gedacht jetzt schon eines machen zu lassen. Das wäre quatsch. Ich hatte mir eher vorgestellt, daß eine Art Platzhalter geschaffen wird, der die Stelle freihält bis der Kiefer ausgewachsen ist und alle bleibenden Zähne da sind. Da ich aber keinerlei Ahnung habe, welche Möglichkeiten es gibt habe ich mich ja hierher gewand. Ich werde aber nächste Woche auf jeden Fall einen Termin beim K-Orthopäden machen und mich beraten lassen.

Trotzdem nochmals vielen Dank für die prompte Beantwortung :smile:

Hallo Chris,

vielleicht hätte ich Deine Antwort zuerst lesen sollen :smile:

Was Du geschrieben hast deckt sich eigentlich mit dem was ich mir zusammenüberlegt habe. Ich habe mir die Beißerchen meiner Tochter vorhin nochmal angesehen. Genau wie ich hat sie auch einen eher großen Kiefer. Man sieht jetzt schon durch den einen fehlenden Zahn daß extrem viel Platz ist, denn zwischen den Schneidezähnen unten sind ca. 2-3mm breite Lücken. Ich habe mir versucht vorzustellen wie es aussähe wenn noch einer fehlen würde… nee, das geht gar nicht. Außerdem stelle ich es mir ziemlich schwierig und langwierig vor die Nachbarzähne an ihre neue Stelle zu „rücken“.Außerdem ist es möglich, daß sich die Zähne, auch nach der Spange, noch verschieben werden bzw. sich nicht an ihrem Platz halten können, oder? Zudem habe ich mal gehört, dass jeder Zahn eine Art Gegendruck braucht um gesund zu bleiben. Der würde dann ja irgendwo fehlen, wenn zu wenig Zähne da sind?

Ich hatte auch an eine Art Platzhalter gedacht,der später, wenn der Kiefer ausgewachsen ist, durch ein Implantat ersetzt wird. Allerdings fehlt mir das Knowhow um zu wissen was möglich ist. Nächste Woche wird ein Termin mein K-Orthopäden gemacht.
Für den Laien ist es aber ganz schön schwierig zu entscheiden was richtig ist. Ich habe auf meine Frage zwei Antworten erhalten, die beide komplett verschieden sind. Woher weiß ich nun was besser ist?

Vermutlich werde ich meiner weiblichen Intuition folgen, die mir sagt dass es kompletter Schwachsinn ist gesunde Zähne zu entfernen…

Hast Du selbst schon Erfahrung mit Implantaten gemacht? Wie funktioniert das? Halten sie so lange, dass meine Tochter anschließernd Ruhe hat? Wie sieht die Nachbehandlung aus?

Vielen Herzlichen Dank für Deine Antwort :smile:

Hallo nochmal,

Was Du geschrieben hast deckt sich eigentlich mit dem was ich
mir zusammenüberlegt habe. Ich habe mir die Beißerchen meiner
Tochter vorhin nochmal angesehen. Genau wie ich hat sie auch
einen eher großen Kiefer. Man sieht jetzt schon durch den
einen fehlenden Zahn daß extrem viel Platz ist, denn zwischen
den Schneidezähnen unten sind ca. 2-3mm breite Lücken.

Am Ende der „Milchzahnzeit“ sollten auch Lücken im Bereich der Schneidezähne sein, da die bleibenden Zähne ja um einiges größer sind, das ist normal. Aber die weitere Entwicklung jetzt schon endgültig abzuschätzen ist schwierig, auch der Kieferorthopäde muss sich da auf Tabellen und Durchschnittswerte verlassen. Aber bei 2 fehlenden Schneidezähnen ist es schon möglich (wahrscheinlich), dass sich eine sehr lückige Stellung der verbleibenden Schneidezähne einstellt. Im Oberkiefer ist es häufiger, dass der seitliche Schneidezahn fehlt. Dann kann man die Lücken schließen und den Eckzahn mit einer Füllung ein „schneidezahnähnliches“ Aussehen geben. Das hatte ich schon häufiger in meiner Praxis, geht aber auch selten ganz ohne Kieferorthopädie ab.

Ich hatte auch an eine Art Platzhalter gedacht,der später,
wenn der Kiefer ausgewachsen ist, durch ein Implantat ersetzt
wird. Allerdings fehlt mir das Knowhow um zu wissen was
möglich ist. Nächste Woche wird ein Termin mein K-Orthopäden
gemacht.

Sogenannte „Marylandbrücken“ sind geklebte Brücken, wobei der fehlende Zahn mittels zweier (manchmal sogar nur mit einem) Flügelchen auf der Hinterseite der Nachbarzähne aufgeklebt wird. Das funktioniert recht brauchbar und die Nachbarzähne müssen nicht wie für eine herkömmliche Brücke abgeschliffen werden. Für Kinder ist das sogar eine Leistung der Krankenkasse. WANN man das genau macht, müsste man dann im Detail sehen, aber möglich ist das.
Implantate sind inzwischen eine bewährte Technik mit sehr guten Erfolgsaussichten. Natürlich gibt es auch - wir überall - mal Fälle, die aus den unterschiedlichsten Gründen danebengehen. Der Ersatz eines fehlenden Zahns bei zwei gesunden NAchbarzähnen bei einem jungen Menschen ist aber sicherlich eine der besten Indikationen für ein Implantat. Es geht aber erst nach Abschluss des Kieferwachstums. Ansonsten funktioniert ein gut eingeheiltes Implantat wie ein Zahn und muss natürlich auch wie ein solcher gepflegt werden.

Für den Laien ist es aber ganz schön schwierig zu entscheiden

was richtig ist. Ich habe auf meine Frage zwei Antworten

erhalten, die beide komplett verschieden sind. Woher weiß ich
nun was besser ist?

Eine richtige Antwort kann Dir hier im Forum niemand geben, da man dazu den Fall mit Modell und Röntgenbild und allen kennen müsste. Ich wollte nur herausstellen, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, über die man zumindest als Patient aufgeklärt werden sollte. Welche dann die beste ist hängt auch vom Einzelfall ab und da hat vielleicht auch jeder Arzt eine eigene Meinung. Etwas mehr Aufklärung als gewöhnlich halte ich in so einem Fall allerdings schon für nötig, da es um eine weitreichende Entscheidung geht.

Vermutlich werde ich meiner weiblichen Intuition folgen, die
mir sagt dass es kompletter Schwachsinn ist gesunde Zähne zu
entfernen…

Da hast Du wahrscheinlich recht. Allerdings werden öfter im Rahmen einer kieferorthopädischen Behandlung Zähne gezogen, um Platz im Kiefer zu machen. Ob Dein Fall genau so ein Fall ist, muss man sehen. Ich hatte schon Fälle mit nicht-angelegten Zähnen, wo der korrespondierende Zahn auf der Gegenseite gezogen wurde, weil es von der Entwicklung gut gepasst hat, und welche, wo die Lücke offengelassen und später versorgt wurde, weil sonst zu viel Platz da gewesen wäre. Prinzipiell haben wir schon genügend Zähne um mal auf zwei zu verzichten - was hinterher rauskommt muss halt passen.

Vielen Herzlichen Dank für Deine Antwort :smile:

Gern geschehen
Gruß Christian

Hallo,

…Mein Gefühl sagt mir, daß der gute Herr Doktor
keine Ahnung hat und es sehr wohl sinnvollere Maßnahmen gibt
als einen absolut gesunden Zahn zu ziehen. Eventuell ein
Implantat o.ä?

wer zu mir in meine Praxis kommt und sich so über den Vorbehandler wie Du hier äusserst, den übernehme ich nicht. Ich habe da so meine Erfahrungen. Du erwartest doch hier kostenlose Hilfe von „gestandenen“ Zahnärzten die aus Ideologie heraus sich an den Computer setzen und Dir minutenlang eine Antwort schreiben. Gerade ich als Kieferorthopäde weiss wie eine Mutter reagiert wenn man ihrem grössten „Schatz“, ihrem Kind, einen Zahn ziehen will. Auch in Deinem Fall kann ohne Modelle und Röntgenbilder keine Aussage getroffen werden aber weil ich gerade nicht einschlafen kann schreibe ich einfach mal was:
Möglichkeit 1: noch einen Frontzahn ziehen
Eher selten gewählte Methode ausser bei einer deutlichen Asymmetrie im Seitenzahnbereich. Ich will es so erklären, aus Gründen der Verzahnung müssen die Eckzähne in einer bestimmten Art zueinander beissen, sind also fix und daher muss sich alles andere im Gebiss danach richten. Also entweder fehlt auf beiden Seiten ein Zahn (zusätzliche Extraktion) und die beiden Eckzähne im Unterkiefer werden als zweite kleine Frontzähne eingestellt und die ersten kleinen Backenzähne werden als Eckzähne eingestelt. Also alles einmal nach vorne auf beiden Seiten. Damit bleibt die Symmetrie (auch optisch!)gewahrt wie Gero es sagte. Allerdings kann das zu einem späteren Überbiss führen da der Unterkiefer verkürzt wird aber der Unterkiefer schliesst gerade und das ist wichtig für die Kiefergelenke
Möglichkeit 2: Implantat
Bei einer guten Verzahnung gute Möglichkeit allerdings dann auch nur aus ästhetischen Gründen. Wichtig ist nur wie die Kiefer zusammen beissen und nicht ob in der Unterkieferfront kleine Lücken sind und wenn die Seitenzähne stabil ineinander verzahnt sind verschieben sich auch die Frontzähne nicht. Dann reicht es wenn man bei Deiner Tochter anfängt zu behandeln wenn sie 17 Jahre alt ist. Sicher wird es Kollegen geben die „sofort“ anfangen möchten und dann? 10 Jahre mit Spangen und Kinderprthesen die geschaffenen Lücke aufhalten und zusehen wie der Knochen aufgrund der Nichtbelastung kollabiert? Also mit 17 eine feste Zahnspange (körperliche Zahnbewegung notwendig) und die Lücke öffen. Dauer ca 6-12 Monate und danach sofot das Implantat.
Zwar wird die KFO Behandlung von der KK bei Nichtanlage übernommen aber nur wenn die Lücke mindestens 4mm gross ist oder ein Nachbarzahn stärker als 30 Grad in die Lücke hineingekippt ist. Das ist meistens nicht der Fall.
Das Implantat wird soweiso nicht bezahlt und von der Krone nur ein Anteil aber Implantat dürfen erst nach Beendigung des Wachstums gesetzt werden und wer weiss ob bis dahin die Schweinegrippe nicht die ganze Welt dahingerafft hat…
Möglichkeit 3: Man lässt alles so
Solange kein Fehlbiss vorliegt empfehle ich gar nichts zu machen schon gar nicht bei einem 7 jährigen Kind! Eine „Frühbehandlung“ ist nur bei schwerwiegenden Fehlbissen indiziert und soll nur kurz dauern. Macht man bei frontalen Kreuzbissen oder auch mal seitlichen Kreubissen wenn dadurch der Unterkiefer schief zubeissen muss (Zwangsbiss), oder bei viel zu engem Oberkiefer (diesen dehnen) oder auch mal bei einem riesigen Überbiss oder Unterbiss…
Das alles liegt hier vielleicht gar nicht vorher daher hole Dir ruhig nochmal eine Zweitmeinung.
Was passiert wenn gar nichts gemacht wird: Deine Tochter wird kleine Zahnlücken in der Unterkieferfront haben oder falls diese zuwandern einen kleinen Überbiss. Könnte man ja auch mit leben :wink:
Herzliche Grüsse Dein virtueller Zahnschubser

Hallo Christian!

Herzlichen Dank für Deine ausführliche Antwort.

Zunächst muss ich erst mal sagen, dass ich sicherlich nicht in eine Zahnarztpraxis komme und über die Fähigkeiten eines Kollegen herziehe. Sicherlich nicht.
Zudem war ich heute mit meiner Tochter bei einem anderen Zahnarzt und habe ihm geschildert, was sein Kollege sagte. Seine Antwort war, dass dieser Kollege wohl „ziemlich unterbelichtet“ gewesen sein muß in diesem Fall dazu zu raten den Zahn zu ziehen… So ganz falsch lag ich also nicht :smile:

Wie auch immer ich habe mir jetzt einige Meinungen eingeholt, habe einen Termin beim Kieferothopäden gemacht und werde mir anhören was der dazu sagt.

Dank den hier gegebenen Antworten weiß ich ja nun, was alles möglich ist und was nicht notwendig ist.

Herzlichen Dank nochmal für Deine Mühe, ich hoffe, Du konntest anschließend doch noch schlafen.

Und die Schweinegrippe wird sichwerlich an uns vorbeirauschen wie die Vogelgrippe auch :wink: