Hallo,
ich muss ein Referat über Galileo Galilei machen und bin im Internet auf folgende Sätze gestoßen:
„Auch wenn er (Galilei) von letzterer, wie Papst Johannes Paul II. 1979 formulierte, »viel zu leiden« hatte: Galileis größte Feinde waren seine weltlichen Kollegen, die Professoren auf den Universitätskathedern, nicht die Mönche auf den Kirchenkanzeln. Vor allem aus Angst vor dem Spott der anderen Physikprofessoren, nicht aus Angst vor der Kirche, wagte Galilei erst als über 50jähriger öffentlich für die Lehren des Kopernikus zu werben.“
Wieso waren seine „weltlichen Kollegen“ die größeren Feinde? Was hätten Sie ihm antun können?
Über eine Antwort auf meine Frage würde ich mich freuen…
Gruß
Tina
Hi Tina,
Wieso waren seine „weltlichen Kollegen“ die größeren Feinde?
Was hätten Sie ihm antun können?
Das, was man auch heutigen „Galileis“ antun würde :
sie der Unwissenschaftlichkeit anklagen und der Lächerlichkeit
preisgeben.
Aber trotzdem denke ich doch, dass die röm. kath. Kirche sein größter
Feind war, sie zwang ihn ja auch zum öffentlichen Widerruf.
Und Galilei, ganz anderst als Giordano Bruno, hat widerrufen,
aber dann sein Ding einfach weitergedreht.
Die „Römer“ wollten es nicht anderst.
Angel
„Auch wenn er (Galilei) von letzterer, wie Papst Johannes Paul
II. 1979 formulierte, »viel zu leiden« hatte: Galileis größte
Feinde waren seine weltlichen Kollegen, die Professoren auf
den Universitätskathedern, nicht die Mönche auf den
Kirchenkanzeln. Vor allem aus Angst vor dem Spott der anderen
Physikprofessoren, nicht aus Angst vor der Kirche, wagte
Galilei erst als über 50jähriger öffentlich für die Lehren des
Kopernikus zu werben.“
Das halte ich für eine unhaltbare Behauptung, deren Absicht - eine Relativierung der Schuld der Kirche - unverkennbar ist. Da liegt mir das Wort ‚Geschichtsklitterung‘ auf der Zunge. Galileo scheute keine wissenschaftliche Auseinandersetzung und er hatte auch keinen Grund dazu. Bereits in de motu antiquiora hatte er sich mit seinen aristotelesgläubigen Kollegen angelegt, was jedoch nicht seine Berufung nach Padua 1592 verhinderte.
Die kopernikanische Lehre war 1616 in einem Inqisitionsprozess (dem Foscarini-Prozess) als häretisch verurteilt worden, auch Kepler kanm auf den Index. Anlässlich dieses Prozesses warnte Kardinal Bellarmin Galileo schriftlich davor, öffentlich für Kopernikus einzutreten. Das war gerade mal 16 Jahre nach der öffentlichen Verbrennung Giordano Brunos (der - anders als Galileo - bis heute nicht von der Catholica rehabilitiert ist). Galileo wusste sehr gut, wen und was er zu fürchten hatte.
Freundliche Grüße,
Ralf
Hallo, ?,
Galilei war ein Ekelpaket von Mensch. Klaute und kupferte ab und gab das als sein eigenes Wissen und eigene neue Erkenntnis aus.
Und er machte Kollegen, denen er einen Fehler nachweisen konnte, schonungslos und fies nieder.
Diese Kollegen hatten allen Grund, den Dreckschleuder zum Schweigen zu bringen, und lange Zeit waren es in der Tat kirchliche und vor allem vatikanische Autoritäten, die ihn schützten.
Nachzulesen in dem unbedingt lesenswerten, da informativen und gut geschriebenen Buch von Arthur Koestler, Die Nachtwandler, ISBN 3-518-37079-0 Buch anschauen.
Ein Ausschnitt:
„Es überrascht daher kaum, dass der Ruhm dieses hervorragenden Mannes in der Hauptsache auf Entdeckungen beruht, die er nic machte, und auf Heldentaten, die er nie vollführte. Im Gegensatz zu dem, was in den meisten Darstellungen des Werdegangs der Naturwissenschaften zu lesen steht, erfand Galilei das Teleskop nicht, ebensowenig wie das Mikroskop, das Thermometer oder die Pendeluhr. Er entdeckte weder die Trägheitsgesetze noch das Kräfte- oder Bewegungsparallelogramm noch die Sonnenflecken. Er leistete keinen Beitrag zur theoretischen Astronomie; er warf keine Gewichte vom schiefen Turm zu Pisa und bewies die Richtigkeit des kopernikanischen Systems nicht. Er wurde von der Inquisition nicht gefoltert, schmachtete nicht in ihren Verliesen, sagte nicht „und sie bewegt sich doch“ und war kein Märtyrer der Wissenschaft.“ o. c. S.358.
So viel zu Galilei!
Fritz
Hi,
und ich denke, dass auch diese Ausführung Galileos nicht der Wahrheit entspricht , nichts leichter , als über lang verstorbene Mitmenschen Geschichte und Geschichten zu erzählen.
Eine Mischung aus beiden Versionen mag ihm wohl am gerechtesten werden.
Angel
Hi,
und ich denke, dass auch diese Ausführung Galileos nicht der
Wahrheit entspricht
Sie wird aber von Marcelo Gleiser, Das tanzende Universum, ISBN 3-216-30377-2 Buch anschauen weithin bestätigt.
Fritz
Nun, sie werden ihn ja dann wohl persönlich gekannt haben.
-)
Es ist nicht leicht, einem Menschen, den man persönlich kennt gerecht zu werden, wieviel mehr dann einer solch komplexen Persönlichkeit, wie der Galileis, aus einer „Entfernung“ mehrerer Jahrhunderte ?
Angel
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Wozu dann, bester Angel, Biografien?
Fritz
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Galilei und sein Ruf
Liebe Diskutanten,
das ist ein heißes Eisen! Im Fall Galilei glaubt nämlich jeder zu wissen, wie es war, aber dummerweise war es anders. Ein guter Prüfstein für die eigene Wissenschaftlichkeit - aber gerade anders herum als man denkt.
Neben den empfohlenen Büchern verweise ich nicht zum ersten Mal auf das populärwissenschaftliche „Niemand hat Kolumbus ausgelacht“ von Gerhard Prause, der im einschlägigen Kapitel auch über die Reaktionen auf seine unerwarete Darstellung berichtet. Und im Fall Galilei kann sich niemand herausreden: er ist gut dokumentiert und die Quellen liegen auf den Tisch.
Mit besten Wünschen für viele weitere Aha-Effekte nicht nur in der Geschichte,
Andreas
Alles subjektiv , lieber Fritz !
Angel
Giordano Bruno
… Das war gerade mal 16 Jahre nach der
öffentlichen Verbrennung Giordano Brunos (der - anders als
Galileo - bis heute nicht von der Catholica rehabilitiert
ist).
Giordano Bruno ist meines Wissens weniger wegen seiner „weltlichen Lehren/Auffassungen“ verurteilt und verbrannt worden, sondern im Wesentlichen wegen seiner strikten Leugnung Jesu. Ich habe einige Berichte über ihn gesehen, gelesen, danach war er ungeheuer hartnäckig und polemisch in seiner Haltung.
Gruß, Stucki
Hallo Fritz,
Galilei war ein Ekelpaket von Mensch.
Das haben manche „Große“ wohl manchmal so an sich. Newton soll ja auch ein übler Typ gewesen sein (gelesen bei Hawkins). Aber abgekupfert hat er wohl nicht.
"… erfand Galilei das Teleskop nicht, …
Das hat meines Wissens auch nie jemand behauptet!? „Das Fernrohr wurde in Holland entwickelt“ (Quelle: Doku im Fernsehen).
"… und bewies die Richtigkeit
des kopernikanischen Systems nicht. …
Kopernikus konnte übrigens die Richtigkeit seines Systems mit den Kenntnissen seiner Zeit nicht beweisen! Erst durch u.a. die Entdeckung der Jupitermonde, die ja wohl unstreitig Galilei zuggeordnet wird, war klar, dass nicht alles um die Erde kreist.
Übrigens wurde Kopernikus in seinen Forschungen durchaus von seinen kirchlichen Herren unterstützt, „um die Herrlichkeit Gottes“ zu beweisen. Erst als es zu sehr gegen die Lehren der Kirche lief, wurde es ihr „zu bunt“.
„… Er wurde von der
Inquisition nicht gefoltert, schmachtete nicht in ihren
Verliesen, sagte nicht „und sie bewegt sich doch“ und war kein
Märtyrer der Wissenschaft.“
Hmm, dass er gefoltert wurde, in Verliesen schmachtete usw. habe ich auch noch nie gehört. Widerrufen hat er auf Veranlassung der Inquisition schon und wurde dann weitgehend in Ruhe gelassen.
Gruß, Stucki
Hallo Stucki,
war er ungeheuer hartnäckig und polemisch in seiner Haltung.
Äääähmmm - ja und? Soll heißen? Selber schuld??? Doch wohl kaum … (natürlich nicht, schon klar - klingt aber fast so).
Was Du schreibst, ist im großen und ganzen schon richtig - aber es trifft nicht den Punkt der Sache. Genauso geht die weiter oben von Fritz aufgeworfene Frage der Originalität von Galileis wissenschaftlicher Leistung oder seiner charakterlichen Mängel etwas am Thema vorbei, nämlich an dieser Aussage:
Vor allem aus Angst vor dem Spott der anderen Physikprofessoren, nicht aus
Angst vor der Kirche, wagte Galilei erst als über 50jähriger öffentlich für
die Lehren des Kopernikus zu werben
Allerdings wird aus Fritz’ Anmerkungen deutlich, wie wenig Galilei sich - entgegen der zitierten Behauptung - aus den Empfindlichkeiten seiner Berufskollegen machte. Galilei soll also vor der Kritik seiner Berufskollegen mehr Angst gehabt haben als vor der Aussicht, auf einem öffentlichen Platz an einen Pfahl gebunden und zur Belustigung des frommen Publikums abgefackelt zu werden? Diese Behauptung hätte ich dann doch gerne belegt, bevor ich sie glaube. Ansonsten gilt - um Goethe zu zitieren - was ich schon gesagt habe: man merkt die Absicht und man ist verstimmt …
Mit dem Beispiel Brunos ging es mir darum aufzuzeigen, dass die katholische Kirche auch zu diesem Zeitpunkt bereit und in der Lage war, mit brutalsten Mitteln gegen Ansichten vorzugehen, die ihr nicht genehm waren - dass also die oben angesprochene Aussicht, zur Ehre der Scheiterhaufen erhoben zu werden, durchaus nicht nur in der Theorie bestand, sondern eine konkrete Bedrohung war. Gerade angesichts des derzeitigen Tamtams um den verstorbenen Pontifex und notorischen Gutmenschen (de mortuis nil nisi quack) ist es vielleicht angebracht zu erinnern, dass Ketzerverbrennungen keine Angelegenheit des finsteren Mittelters waren - die letzte fand erst 1781 statt und das letzte Todesurteil der Inquisition wurde gar erst 1826 (in Spanien, wo sonst) vollstreckt.
Freundliche Grüße,
Ralf
Hallo Ralf,
war er ungeheuer hartnäckig und polemisch in seiner Haltung.
Äääähmmm - ja und? Soll heißen? Selber schuld???
Dass wir uns da nicht missverstehen: ich rechtfertige oder entschuldige da überhaupt nichts. Ich sage nur, dass Bruno seine Thesen so vorgetragen hat, dass es den äußersten Unwillen der Kirche hervorrufen musste! Er war ja wohl auch fast ständig auf der Flucht in halb Europa und hat nicht nachgelassen, zu polemisieren, obwohl er wusste, was ihn erwartet! Womit ich aber auf keinen Fall das Verbrennen rechtfertige! (siehe auch weiter unten)
Mit dem Beispiel Brunos ging es mir darum aufzuzeigen, dass
die katholische Kirche auch zu diesem Zeitpunkt bereit und in
der Lage war, mit brutalsten Mitteln gegen Ansichten
vorzugehen, die ihr nicht genehm waren …
… ist es vielleicht
angebracht zu erinnern, dass Ketzerverbrennungen keine
Angelegenheit des finsteren Mittelters waren - die letzte fand
erst 1781 statt und das letzte Todesurteil der Inquisition
wurde gar erst 1826 (in Spanien, wo sonst) vollstreckt.
Oh nein, das Mittelalter war nach allgemeiner Auffassung so um 1450 zu Ende. Inquisition und Scheiterhaufen sind damit zu 100% in der so genannten Neuzeit!
Der ja jetzt an der Spitze der kath. Kirche stehende Kardinal Ratzinger sagte in einem Interwiew auf die Frage, wie Verbrennen auf dem Scheiterhaufen denn mit dem Evangelium vereinbar sei (mit einem leicht pikierten (?) Lächeln), „dass die damals das Evangelium wohl nicht genau genug gelesen haben.“ Tja …
Gruß, Stucki
Hallo Stucki,
Dass wir uns da nicht missverstehen: ich rechtfertige oder
entschuldige da überhaupt nichts.
Schon klar - ich wollte nur darauf aufmerksam machen, dass Deine Aussage so missverstanden werden könnte.
1450 zu Ende. Inquisition und Scheiterhaufen sind damit zu
100% in der so genannten Neuzeit!
Nicht ganz. Die öffentliche Verbrennung als Strafe für diejenigen, die von der Kirche als überführte Häretiker dem weltlichen Arm zur Exekution übergeben wurden, wurde erstmals 1224 von Kaiser Friedrich II. im Edikt von Padua festgelegt. Das Edikt regelte im Besonderen die Unterstützung und den Schutz der Domikaner durch die weltliche Gewalt bei der Ketzerverfolgung. Es war eine direkte Reaktion (gewissermaßen ‚Ausführungsbestimmungen‘) auf die Beschlüsse des XII. ökumenischen Konzils (IV. Lateranum) von 1215 - genauer auf dessen 3. Kanon.
Der ja jetzt an der Spitze der kath. Kirche stehende Kardinal
Ratzinger sagte in einem Interwiew auf die Frage, wie
Verbrennen auf dem Scheiterhaufen denn mit dem Evangelium
vereinbar sei (mit einem leicht pikierten (?) Lächeln), „dass
die damals das Evangelium wohl nicht genau genug gelesen
haben.“ Tja …
z.B. den Hebräerbrief 9,22? „ohne Blutvergießen geschieht keine Vergebung“ …
Freundliche Grüße,
Ralf
Unbedingt Prause
Neben den empfohlenen Büchern verweise ich nicht zum ersten
Mal auf das populärwissenschaftliche „Niemand hat Kolumbus
ausgelacht“ von Gerhard Prause, der im einschlägigen Kapitel
auch über die Reaktionen auf seine unerwarete Darstellung
berichtet.
Fand ich ein sehr wichtiges Kapitel in dem wichtigen Buch, hat mich gelehrt, bei historischen Mythen immer wieder nachzufragen. Unbedingt zu empfehlen.
Bernhard