Fernbeziehung

Hallo,

Ich möchte euch gerne schildern, wie es mir und meinem Freund in unserer Fernbeziehung ergeht und euch um Rat in den eingebauten Fragen bitten:
Nach zwei Jahren „Internetgeturtel“ trafen wir uns das erste Mal bei mir. Er war immer der Meinung man könne sich virtuell keine Liebe aussprechen, aber da die gegenseitige Zuneigung doch sehr groß war, könnte er sich doch überwinden und ließ die Gefühle zu, die ihm Angst bereiteten: Liebe macht verletzbar und auch abhängig. Man geht Rechte und Pflichten ein.
Das Experiment war vorbei sobald wir uns gegenüberstanden, die Gefühle bestätigten sich und wir genossen diese Erfahrung unheimlich.
Da wir beide zu diesem Zeitpunkt grade unsere Reifeprüfungen hinter uns gebracht hatten und völlig unvermögend an Möglichkeiten zu sein scheinten, mussten wir uns wieder trennen. Das versetze ihm einen riesen Schock, der sein Essverhalten negativ beeinflusste. Ich brach mein Studium nach 2 Semestern ab, da ich mir wunderbar vorstellte wie ich zu ihm ziehe und hielt Ausschau nach Jobs, denn im Ausland würde ich keine Studienbeihilfe kriegen. Bei Gesprächen über die (gemeinsame) Zukunft zeigte er sich verdrossen und blockte ab.
Ich, nicht gerade reich an Selbstbewusstsein zu dieser Zeit (immerhin habe ich meinen Wunsch zu studieren hingeschmissen und damit auch meine Freunde von dort) verstand seine Distanziertheit, die sich später als einzige Alternative zum ewigen Erbrechen und Heulen seinerseits herausstellte, nicht.
Ich selbst neige stark zu Depressionen, und verfiel wiedermal einer sehr starken. Meine Mutter drohte mir mit Klinikeinweisung, doch meiner Meinung nach hätte mir das den letzten Kick ins Abhängigkeitsverhältnis eingebracht. Ich wollte es schaffen und ich wusste das es geht, nur hatte ich alle meine Freunde aufgegeben und lebte eigentlich in sozialer Isolation.
Die humorvollen Gespräche mit meinem Freund wurden immer seltener. Der Selbstzweifel ließ mich nur noch über mich selbst meckern. Bald fand auch mein Freund nichts Besonderes mehr an mir, ich hatte ihn regelrecht davon überzeugt, dass ich dies und das nicht kann. Als wir uns wieder trafen, war er sehr einfühlsam und selber angeschlagen. Plötzlich fing auch er mit Zukunftsmalerei an.
Ich gab ihm immer mehr die Schuld daran, dass wir niocht zusammenkommen und uns immer trennen müssen.
Ich verstand nicht dass er ebenso verzweifelt war und in seiner Situation einfach nicht tätig werden konnte. Er stempelte sich wirklich einfach nur noch ab und fühlte sich wie 60 mit seinen inzwischen 21 Jahren. Die Stimmung sank einfach auf unter Null und man wusste nichts mehr mit sich oder dem anderen anzufangen.
Ich begann mich mit meiner Abhängigkeit von ihm zu konfrontieren und überprüfte meine Liebe(„Ist es nicht doch nur das Festhalten was so schön ist, oder liebe ich ihn?“).
Inzwischen quälten ihn Angstzustände. Dauer-geschockt davon hielt er es für am harmlosesten, sich von mir zu trennen. Das bedeutete absolute (Rück-)Haltlosigkeit für mich. „Entweder ich gebe mich auf oder ich mach was aus mir“ - da steh ich heute, bemüht mein Studium wieder aufzunehmen und mich selbst in neuem Licht zu sehen.
Er jedoch scheint einfach nicht aus seinem Loch rauszukommen. Resignation und Todesangst(!) quälen ihn Tag für Tag, er kann sich an nichts mehr erfreuen und isst sehr wenig.
Ich komme wieder auf die Beine, aber was ist mit ihm?

Im November wollen wir uns wieder sehen, weil wir trotz Trennung auf keinen Fall voneinander lassen wollen. Ich frage mich, ob das ratsam ist?!

Ich danke euch für eure wertvollen Ratschläge!

Hallo shallot!

Ratschläge von uns können nur helfen, wenn der, dem geholfen werden soll, in einer grundsätzlich stabilen seelischen Lage ist.

Bei Euch, besonders bei Deinem Freund, ist diese Voraussetzung nicht gegeben; ein punktuell erteilter Rat KANN hier nicht weiterhelfen. Dein Freund braucht Betreuung, jemanden, der ihn Schritt für Schritt ins Leben zurückbegleitet.

Das kostet Zeit, Mühe und Geld; doch wenn ein Gerät kaputt ist, investiert man (grummelnd und seufzend zwar, aber doch) das Nötige, wieviel mehr sollten wir bereit sein, unsere Seele wieder „reparieren“ zu lassen!

Ermutige Deinen Freund, Hilfe in Anspruch zu nehmen!

Ich wünsche Euch alles, alles Gute!

Hanna

Liebe Shallot,

es waren nicht wirklich viele Fragen, die ich gefunden habe. Deshalb ist es schwierig zu „antworten“. Was genau möchtest Du eigentlich wirklich wissen? Was Du tun sollst? Was mit Deinem Freund wird? Wie es zwischen euch weitergeht (oder nicht)?

Du schreibst von Depressionen und essgestörtem Verhalten - war einer von euch beiden denn schon einmal bei einem Facharzt? Wie kommt es, dass Deine Mutter mit einer Klinikeinweisung droht?

Wenn Du neben all diesen aufgeworfenen Fragen, die nun im Raume stehen, noch meine persönliche Meinung wissen willst, dann kann ich Dir vor allen anderen Dingen nur eines raten: Gib Dich nie-nie-nie für einen anderen auf! Nimm Dein Studium wieder auf und verfolge diesen Weg konsequent weiter. Er gehört AUCH zum Leben dazu. Es stellt sich nicht die Frage Studium oder ER. Das darf es nicht. Dann stimmt etwas nicht. Dazu seid ihr beide noch viel zu jung und viel zu unvertraut im Miteinander. Ihr kenntn euch doch kaum. Was ihr voneinander wisst, sind mitgeteilte Gedanken und Gefühle. Eine (Liebes-)Beziehung funktioniert immer nur auf gleicher Augenhöhe. Du gabst Dein „Leben“ für ihn auf und warst (natürlicherweise) enttäuscht, weil er Dir nicht auch seines gab. Aber vielleicht konnte er das nicht? Vielleicht hat er auch mit Dir Schluss gemacht, weil er es wirklich nicht wollte, und nicht als Ersatzhandlung, wie Du es hier aus Deiner Sicht beschrieben hast?

Wer weiß das schon alles? Aber das WARUM ist selten das, worum es gehen sollte. Es lenkt nur ab und verleitet dazu, für andere zu denken, zu fühlen, zu handeln. Es lenkt ganz konkret DICH davon ab, über DEIN Leben zu entscheiden - was ungleich schwerer ist, aber unabdingbar.

Aufmunternde Grüße
Jana

Hallo Jana,

Mein Hauptinteresse bestand jetzt ehrlich gesagt darin, zu sehen wie andere auf diese Geschichte reagieren (obgleich ja keiner außer mir das Essenzielle kennen kann). Ich glaube, man kann keinen Rat direkt in die Tat umsetzen. Ich möchte auch nicht andere für mich entscheiden, oder mich in eine Richtung drängen lassen.
Ich selbst mache eine Gesprächstherapie, er jedoch kümmert sich nicht darum. Ich hab schon oft mit ihm darüber gesprochen, und er befürwortet es auch, jedoch zergehen seine Tage wie Zucker im Regen und er kommt zu nichts…und seine Mutter, die das ganze zwar sieht, tut auch nichts, obwohl sie es könnte im Gegensatz zu mir.

Meine Mutter, bei der ich ja jetzt wohne, versteht es mich zu provozieren und ist dann überfordert, wenn ich mich dann total zurückziehe. Dann droht sie mir mit allerhand, anstatt auf mich einzugehen.

Also das ich mein Leben für ihn aufgegeben habe ist wahr. Und das hat im Endeffekt auch alles kaputt gemacht. Doch das sehe ich jetzt ein und ich bin im Begriff meine Selbstständigkeit weiter auszubauen.

Aber in mir ist auch das Gefühl gewachsen, das ich die Leute mit meiner Verzweiflung anstecke. Ich hab große Schuldgefühle ihn aus einem Leben, das in Ordnung war, gerissen zu haben. Egal jetzt wie er zu mir steht und weshalb er wirklich Schluss gemacht hat.
Und ich mache mir Sorgen darüber, ob das jetzt so bleibt dass ich alles wegstoße was mich mag und alles haben will was mich wegstößt.

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Hallo Hanna,

danke für deinen Rat! Jedoch ist es gar nicht so leicht, ihn wirklich zu ermutigen, auch wenn wir nach Ende langer Gespräche darüber immer zum Schluss kommen, das es auf jeden Fall von Vorteil wäre. Aber er meint wohl, es klinkt sich alles wieder von selber ein, nur weil ein paar gute Tage ihn hin und wieder rauszureißen vermögen.
Das es ihm größtenteils schlecht geht, will er wohl selber nicht wahrhaben…

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Liebe Shallot,

dass Du eine Gesprächstherapie machst, finde ich wirklich sehr gut. Breche sie möglichst nicht ab. Auch nicht, wenn Du des öfteren das Gefühl haben solltest, dass es nichts bringt. Denn meine Erfahrung ist es immer gewesen, dass ich „die Dinge“ erst nach sehr viel Zeit und vor allem Ruhe einigermaßen überblicken konnte. Es hört sich für Dich in Deiner jetzigen verzweifelten Lage vielleicht wie ein Hohn an, aber in der Tat folgen aus den tiefsten Tälern gute Phasen des Lebens, die ohne all das vielleicht gar nicht möglich gewesen wären.

Bedenke auch: Du machst die Therapie NICHT für Deinen Freund. Nur allein für Dich. Deshalb ist es nicht wichtig, was er dazu meint oder wie er sich diesem Vorhaben gegenüber verhält. Andersherum ist es auch nicht Deine Sache, ob seine Tage nun „wie Zucker zergehen“. Er ist ein erwachsener Mensch mit einem freien Willen. Was Du aus Deiner Sicht als Schwäche ansiehst, kann von ihm genau so gewollt sein. Auch Schwäche ist Konsequenz!

Das meinte ich übrigens mit den WARUM’s. Lasse Dich möglichst wenig auf diese spiegelglatten Gedanken ein. Sie führen in Strudel der Verzweiflung und lösen absolut nichts! Was natürlich nicht heißt, dass Du die Augen verschließen und wieder und wieder nach gleichem Muster in ähnliche Krisen stürzen sollst. Doch bis Du weißt, WELCHE Mechanismen genau die gefährlichen sind, braucht es wohl noch eine Weile. Das Thema ist verdammt komplex.

Gib auch Deiner Mutter nicht allzu viel Schuld. Sie kann mit der Situation offenbar nur schlecht umgehen. Versetz Dich einmal in ihre Lage. Frage Dich doch auch, ob es wirklich diese (negativ besetzte) blanke Provokation ist. Vielleicht möchte sie schlicht und ergreifend nur wissen, WAS mit Dir los ist, will es „aus Dir herauskitzeln“, um dem Kern ein Stück weit näher zu kommen?

Das Leben ist meistens nicht einfach. Sei gnädig!

Liebe Grüße
Jana