Hallo!
Das einfachste sind sicherlich die
Reisekosten - aber was ist mit den „ideellen“ Dingen wie eben
Sprache, Postweg, Zeitverschiebung?
Hinzu kommt die Qualitätssicherung, die u. a. mit Kontrollen vor Ort beim Lieferanten durchgeführt werden muß und einen Rattenschwanz an Herkunftsnachweisen einschließlich präziser Übersetzungen nach sich zieht. Dann muß man klären, aus welchen Bestandteilen irgendeine Isolierlage von Garway Plastics Ltd. aus Bombay besteht. Hat man das gemacht, ist sicherzustellen, daß der Lohnfertiger auch wirklich nur die Isolierlage von Garway Plastics Ltd. einbaut und in Lagerhaltung und Fertigung so bereit hält, daß Verwechselungen mit anderen, exakt gleich aussehenden Isolierlagen ausgeschlossen werden können. Man muß sicherstellen, daß der Zulieferer nicht plötzlich auf die Idee kommt, eine billigere Isolierlage von Hyang Technics Ltd aus Hongkong zu verwenden. Das Prozedere gilt natürlich nicht nur für die Isolierlagen, sondern für restlos alle vom Zulieferer verwendeten Materialien und die erforderlichen Kontrollmaßnahmen umfassen selbstverständlich auch die Verfahren der Be- und Verarbeitung, Montage, Messung, Veredelung - eben alles. Andernfalls erlebt man, daß plötzlich eine Beschichtung auftaucht, die z. B. Cadmium enthält und das komplette Produkt in Europa nicht mehr in Verkehr gebracht werden darf. Oder die Umhüllung irgendeiner Klemme sieht zwar grau aus, wie sie immer aussah, aber der Werkstoff wurde geändert, ist nicht mehr selbstverlöschend und das komplette Produkt verliert seine UL-Zulassung und nix ist mit Verkauf in den USA. Der ganze Zauber bindet 1 bis 2 Mitarbeiter. Die müssen natürlich das Produkt und sein Umfeld in gesamter Tiefe überblicken, sie müssen in den einschlägigen nationalen und EU-Vorschriften und Normen sattelfest sein und brauchen selbstredend perfekte, verhandlungssichere Kenntnisse der Sprache des Zulieferers. Das sind also 1 bis 2 gestandene Ingenieure und damit sind schon mal 100 T€ p. a. zuzüglich Reisekosten in mindestens 5stelliger Höhe fällig.
Wer solchen Aufwand für unangemessen und überflüssig hält, soll ausrechnen, was es kostet, wenn die eigene Fertigung still steht, weil zwar ein Container mit Zeugs vom Zulieferer auf dem Hof steht, die Lieferung aber nur noch aus Gründen der Beweissicherung aufbewahrt wird. Inzwischen streitet man sich mit dem Zulieferer sowie einer beim Deal eingeschalteten Bank, wer für die Übersetzungs- und Interpretationsfehler verantwortlich zu machen ist. Oder 1 Mitarbeiter ist damit beschäftigt, die seltsamsten Parameter jeder einzelnen zugelieferten Komponente nachzumessen, um von 10 Teilen endlich ein brauchbares Teil zu finden. Von 10 Kunden kann nur der beliefert werden, der mit seinem giftigsten Justitiar am nachdrücklichsten auf Vertragserfüllung pocht.
Wenn man auf Zulieferteile für die eigene Produktion angewiesen ist, treibt man Russisches Roulette oder den oben erwähnten Aufwand. Das gilt natürlich nicht nur für den Zulieferer aus Shanghai, sondern auch für den Betrieb um die Ecke. Nur mit dem kleinen Unterschied, daß es bei der Kommunikation mit dem Betrieb um die Ecke keine Kommunikationsprobleme gibt, die es mit sich bringen, daß nur ein ganz bestimmter Mitarbeiter den Kontakt halten kann und das aufgrund der Zeitverschiebung nur zu unchristlicher Zeit. Zum Betrieb um die Ecke kann man vor der Mittagspause fahren, um Abstimmungen über Meßverfahren, Detailänderungen u. v. m. durchzuführen. Man kennt die Möglichkeiten des Betriebes und seine Grenzen, man kennt die zuständigen und die ausführenden Mitarbeiter und wenn beim Zulieferer eine spezielle Vorrichtung in der Fertigung ausfällt, kann man den in Gefahr geratenen Arbeitsgang evtl. im eigenen Haus erledigen und die komplette Charge zur Fertigstellung wieder zurück an den Zulieferer schicken. Abwesenheit von Sprachproblemen, Zeitverschiebungen, Zollabfertigungen und großen Entfernungen bringt Flexibilität.
Ob sich die Vergabe an einen fernen Lohnfertiger rechnet, kann nur im Einzelfall entschieden werden. Bei weitgehend automatisch gefertigten Teilen, z. B. Stanz-, Dreh- oder Frästeile, kann kein osteuropäischer oder fernöstlicher Fertiger günstiger anbieten. Einem Fräs- oder Bestückungsautomaten ist egal, ob er in der Mandschurei oder in Mecklenburg steht. Allerdings schafft man in der Mandschurei nicht jedes Ersatzteil binnen Tagesfrist herbei und man hat in der Mandschurei keine gesicherte Stromversorgung rund um die Uhr. Der hiesige Lieferant wird deshalb nicht teurer, aber zuverlässiger sein. Man wird deshalb keine Stanzteile in Fernost fertigen lassen, sondern Komponenten und Baugruppen, die verschiedene, insbesondere auch manuelle Arbeitsgänge erfordern. Dabei führt i. d. R. am oben beschriebenen personellen und administrativen Aufwand kein Weg vorbei.
Ich kann darüber blumig berichten, weil ich aus dem Fundus eigener Erfahrungen schöpfe. Eigentlich schäme ich mich dafür, daß ich die Erfahrung selbst machte, denn was auch immer geschah und natürlich schief lief, war voraussehbar, lief geradezu zwingend schief. Dabei ist es nur wenig Trost, daß etliche Unternehmerkollegen genau die gleichen vermeidbaren und deshalb dämlichen Fehler machten.
Das alles darf nicht als Statement gegen Zulieferungen aus z. B. Fernost mißverstanden werden. Solche Vergaben können sinnvoll sein und zur allseitigen Zufriedenheit laufen. Man muß sich nur vorher des zu treibenden Aufwands bewußt sein und darf Methoden, die man bei jedem hiesigen Zulieferer anwendet, nicht einfach über Bord werfen. Geht es um eine Vergabe in der Größenordnung von 100 T€ p. a., verträgt man in aller Regel keinen administrativen Aufwand in gleicher Größenordnung. Geht es aber um Volumina von mehreren Mio. €, ist der zu treibende Aufwand auch nicht nennenswert höher als beim Kleinauftrag. Die Sache kann sich also rechnen. Aber auch die Vergabe von Kleinvieh kann Sinn machen, wenn man Lieferantenbeziehungen wachsen lassen und ausbauen möchte, wenn man mit längerfristiger Perspektive heran geht.
Gruß
Wolfgang