Filmgeschichte

Hallo allerseits,

ich mache z. Z. einen Kurs in Filmgeschichte und habe in einem Fachbuch gelesen, dass die expressionistischen deutschen Stummfilme der 20er Jahre (bes. ‚Das Kabinett des Dr. Caligari‘) zum Triumph der Nazis gefuehrt haben sollen. Es gab leider keine weiteren Erklaerungen.

Kann mir jemand diesen Zusammenhang erklaeren? Ich kann das nicht so wirklich nachvollziehen. Waere schoen, wenn es keine „ich glaube, meine, denke“-Antworten waeren, sondern etwas von jemandem der es wirklich weiss.

Vielen Dank
M.

Hallo,

ich mache z. Z. einen Kurs in Filmgeschichte und habe in einem
Fachbuch gelesen, dass die expressionistischen deutschen
Stummfilme der 20er Jahre (bes. ‚Das Kabinett des Dr.
Caligari‘) zum Triumph der Nazis gefuehrt haben sollen. Es gab
leider keine weiteren Erklaerungen.

was ein klarer Mangel des Fachbuches ist, denn man kann diese Zusammenhänge so sehen, man könnte aber auch genau anders rum einen Film wie den Caligari -so wie die Nazis auch- als „entartete Kunst“ betrachten …

Anders gesagt: ohne zu sagen, aus welcher Perspektive man diese Aussage trifft, macht die Aussage sinnlos.

Die klassische Studie schlechthin, auf die Dein Buch wohl auch anspielt, ist Kracauers „Von Caligari zu Hitler“ von m.W. 1947:
http://www.amazon.de/Caligari-Hitler-psychologische-…

Leider finde ich im Netz auf die Schnelle keine Inhaltsangabe, am ehesten vielleicht noch hier:
http://www.thies-albers.de/seminar/filmsoziologie/PD…
in kritischer Ablehnung hier:
http://www.satt.org/film/00_12_caligari_1.html
oder eine teilweise „Anwendung“ hier:
http://www.ilmondodisofia.it/archiviotesi/lingue/01l…
(Text ist auf deutsch!)

Wenn es Dir aber nicht speziell um den Caligari geht, sondern um den Expressionismus, dann würde ich dir „Metropolis“ ans Herz legen, denn da ist nicht nur die Ästhetik des Films (wie laut Kracauer und anderen beim Caligari), sondern da ist recht klar ersichtlich das Sujet selbst ganz eindeutig faschistisch (zumindest in der Lesart, in der die Nazis selbst den Film sich angeeignet hatten).

Pathetisch könnte man mit Hegel sagen, dass in „Metropolis“, also am Ende des Expressionismus", dessen Wesen zur Erscheinung kommt, also seine Formmerkmale Gehalt werden :wink:

Hier könnte ich die Vorlesung von Prof. Decker an der Uni Kiel empfehlen, die es zum kostenlosen Download gibt:
http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/…

In dieser Vorlesung geht es nicht speziell um den faschistischen Gehalt des Films, aber er wird dort klar ersichtlich;

_copy&paste-Auszüge aus meiner Mitschrift zur Vorlesung:

Metropolis als der teuerste Film der ufa-ever -> er trieb die ufa in den Ruin bzw. zur Aktienübernahme durch Alfred Hugenberg

-> als Metropolis uraufgeführt wurde, war die ufa schon in der Hand Hugenbergs, aus der Uraufführung wurde eine Staatsakt

Drei Schichte: oben (Führerschicht; Technokratie) – unten (vollkommen entindividualiserte Arbeiter) – ganz unten (Katakomben; Maria; Mittler-Ebene)

Leitformel: „Mittler zwischen Hirn und Hand muss das Herz sein“

-> das Herz als Metapher für die emotionale Bande zwischen Arbeiterschaft und Führung wird in en oppositionellen Gegensatz von Arbeitern und Führern eingeführt

-> damit wird der hierarchische Gegensatz zementiert statt aufgelöst

-> die gesellschaftlichen Gruppen werden durch die Vermittlung auf ein größeres Ganzes, den Bestand der Gesellschaft verpflichtet

zentrale Botschaft des Film: die Klassen-Grenzen müssen kommunikativ überwunden werden

-> und zwar eben durch Freder und Maria, Priester- und Erlöserfiguren

durch die Personifizierung von Metropolis werden die gegensätzlichen Klassen zu Teilen eines größeren Ganzen

-> zur einer Person gehören nicht nur Hirn und Hand, auch das Herz

-> dadurch wird auch der Klassengegensatz naturalisiert, in das Wesen der Welt gelegt, zu unhistorischen, unwandelbaren Größen gemacht -> anti-Revolution

Losung: Der Klassengegensatz kann nur durch vermitteltes Kommunizieren zwischen den Klassen unschädlich gemacht werden

Metropolis geht um die Disziplinierung des Menschen, z.B. der Arbeiter, im idealen Fall um die Selbstdisziplinierung wie im Fall Freders, dessen Beziehung zu Maria keine leidenschaftlich-erotische ist, sondern eine ent-erotisiserte Zweckbeziehung für die „Vermittlung“

Freder muss als Erlöser-Christus-Figur seinen Körper aufgeben, als anderer weidergeboren werden nach dem Kreuzes-Opfer-tod an der Zeit-Maschine und der Auferstehung in den Katakomben

-> Befreiung Freders von seinem Körper, seiner Sexualität

das Sexuelle ist das Maschinenhafte, etwas Unmenschliches; die Roboter-Maria tanzt im Nachtclub, während die menschliche Maria eine nicht-sexuelle, mütterliche ist

die Auflösung der gesellschaftlichen Ordnung droht durch die Entfesselung der sexuellen Triebe, wie die todbringende Roboter-Maria zeigt

Mythen im Film:

christliche und biblische Mythen: Christus, Moloch, Babylon, Turmbau zu Babel, Vertröstung der leidenden Arbeiter auf den Erlöser

-> dies kann vom Film heraus auch auf den Film selbst übertragen werden: als ideologische Beeinflussung der Massen im Dienste der Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung_

Und ähnliches sieht eben Kracauer auch am Caligari bzw. allgemein am Expressionismus, aber eben vornehmlich in der Form des Films, nicht im Gehalt wie hier.

Viele Grüße
Franz

Hallo Franz,

danke fuer die ausfuehrliche Antwort. Diese Inhaltsangaben helfen mir leider nicht wirklich weiter und weil das Thema erst am Ende des Semesters kam ist es nun auch zu spaet um das Buch von Kracauer zu bestellen bw. zu lesen.

Um ‚Metropolis‘ geht es hier nicht, der Dozent meint Murnau war der ‚groessere‘ Regisseur. Lang kommt an ihn nicht heran. Und ‚Caligari‘ hat halt die expressionistischen Filme gestartet.

Leider ist das ‚mangelhafte‘ Buch aber nun mal die Grundlage fuer die Pruefung.

Trotzdem danke,

was ein klarer Mangel des Fachbuches ist, denn man kann
diese Zusammenhänge so sehen, man könnte aber auch genau
anders rum einen Film wie den Caligari -so wie die Nazis auch-
als „entartete Kunst“ betrachten …

Anders gesagt: ohne zu sagen, aus welcher Perspektive man
diese Aussage trifft, macht die Aussage sinnlos.

Die klassische Studie schlechthin, auf die Dein Buch wohl auch
anspielt, ist Kracauers „Von Caligari zu Hitler“ von m.W.
1947:
http://www.amazon.de/Caligari-Hitler-psychologische-…

Leider finde ich im Netz auf die Schnelle keine Inhaltsangabe,
am ehesten vielleicht noch hier:
http://www.thies-albers.de/seminar/filmsoziologie/PD…
in kritischer Ablehnung hier:
http://www.satt.org/film/00_12_caligari_1.html
oder eine teilweise „Anwendung“ hier:
http://www.ilmondodisofia.it/archiviotesi/lingue/01l…
(Text ist auf deutsch!)

Wenn es Dir aber nicht speziell um den Caligari geht, sondern
um den Expressionismus, dann würde ich dir „Metropolis“ ans
Herz legen, denn da ist nicht nur die Ästhetik des Films (wie
laut Kracauer und anderen beim Caligari), sondern da ist recht
klar ersichtlich das Sujet selbst ganz eindeutig faschistisch
(zumindest in der Lesart, in der die Nazis selbst den Film
sich angeeignet hatten).

Pathetisch könnte man mit Hegel sagen, dass in „Metropolis“,
also am Ende des Expressionismus", dessen Wesen zur
Erscheinung kommt, also seine Formmerkmale Gehalt werden :wink:

Hier könnte ich die Vorlesung von Prof. Decker an der Uni Kiel
empfehlen, die es zum kostenlosen Download gibt:
http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/…

In dieser Vorlesung geht es nicht speziell um den
faschistischen Gehalt des Films, aber er wird dort klar
ersichtlich;

_copy&paste-Auszüge aus meiner Mitschrift zur Vorlesung:

Metropolis als der teuerste Film der ufa-ever -> er trieb
die ufa in den Ruin bzw. zur Aktienübernahme durch Alfred
Hugenberg

-> als Metropolis uraufgeführt wurde, war die ufa schon in
der Hand Hugenbergs, aus der Uraufführung wurde eine Staatsakt

Drei Schichte: oben (Führerschicht; Technokratie) – unten
(vollkommen entindividualiserte Arbeiter) – ganz unten
(Katakomben; Maria; Mittler-Ebene)

Leitformel: „Mittler zwischen Hirn und Hand muss das Herz
sein“

-> das Herz als Metapher für die emotionale Bande zwischen
Arbeiterschaft und Führung wird in en oppositionellen
Gegensatz von Arbeitern und Führern eingeführt

-> damit wird der hierarchische Gegensatz zementiert statt
aufgelöst

-> die gesellschaftlichen Gruppen werden durch die
Vermittlung auf ein größeres Ganzes, den Bestand der
Gesellschaft verpflichtet

zentrale Botschaft des Film: die Klassen-Grenzen müssen
kommunikativ überwunden werden

-> und zwar eben durch Freder und Maria, Priester- und
Erlöserfiguren

durch die Personifizierung von Metropolis werden die
gegensätzlichen Klassen zu Teilen eines größeren Ganzen

-> zur einer Person gehören nicht nur Hirn und Hand, auch
das Herz

-> dadurch wird auch der Klassengegensatz naturalisiert, in
das Wesen der Welt gelegt, zu unhistorischen, unwandelbaren
Größen gemacht -> anti-Revolution

Losung: Der Klassengegensatz kann nur durch vermitteltes
Kommunizieren zwischen den Klassen unschädlich gemacht werden

Metropolis geht um die Disziplinierung des Menschen, z.B. der
Arbeiter, im idealen Fall um die Selbstdisziplinierung wie im
Fall Freders, dessen Beziehung zu Maria keine
leidenschaftlich-erotische ist, sondern eine ent-erotisiserte
Zweckbeziehung für die „Vermittlung“

Freder muss als Erlöser-Christus-Figur seinen Körper aufgeben,
als anderer weidergeboren werden nach dem Kreuzes-Opfer-tod an
der Zeit-Maschine und der Auferstehung in den Katakomben

-> Befreiung Freders von seinem Körper, seiner Sexualität

das Sexuelle ist das Maschinenhafte, etwas Unmenschliches; die
Roboter-Maria tanzt im Nachtclub, während die menschliche
Maria eine nicht-sexuelle, mütterliche ist

die Auflösung der gesellschaftlichen Ordnung droht durch die
Entfesselung der sexuellen Triebe, wie die todbringende
Roboter-Maria zeigt

Mythen im Film:

christliche und biblische Mythen: Christus, Moloch, Babylon,
Turmbau zu Babel, Vertröstung der leidenden Arbeiter auf den
Erlöser

-> dies kann vom Film heraus auch auf den Film selbst
übertragen werden: als ideologische Beeinflussung der Massen
im Dienste der Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung_

Und ähnliches sieht eben Kracauer auch am Caligari bzw.
allgemein am Expressionismus, aber eben vornehmlich in der
Form des Films, nicht im Gehalt wie hier.

Viele Grüße
Franz