Hallo, liebe Menschenkenner,
seit drei Jahren kenne ich eine Frau, anfangs war ich auch verliebt in sie, aber das ist längst vorbei. Jedenfalls hatten wir zeitweilig so etwas Ähnliches wie Nähe. Da sie mir nicht gut tut, halte ich mich auf Distanz. Aber ich breche den Kontakt nicht ganz ab.
Ihre Verhaltensweisen sind oft befremdlich. Ich erzähle folgendes Erlebnis:
Im Spätsommer des vorigen Jahres besuchte ich sie (sie wohnte damals in einer anderen Stadt), es kam während des Besuchs zu einem fürchterlichen Streit, ohne daß ich weiß, warum. Am nächsten Morgen warf sie mich hinaus, ich hatte aber dummerweise noch mein Gepäck in ihrer Wohnung gelassen. Nach einiger Zeit wollte ich es holen und nach Hause fahren.
Anrufen am Handy, am Festnetz, an der Türe läuten: keine Reaktion. Ich war fast sicher, daß sie noch da war. Ich bat Freunde von ihr, sie anzurufen, ebenfalls keine Reaktion. Dann nahm ich mit ihrer Vermieterin Kontakt auf, sie versuchte, die Wohnung mit dem Generalschlüssel zu öffnen, ihr Schlüssel steckte innen, sie mußte also in der Wohnung sein, aber kein Lebenszeichen. Ich glaubte zwar, daß sie einfach trotzte. Aber ich wußte nicht sicher, ob sie nicht eine suizidale Handlung gemacht hatte oder aus anderen Gründen einen Notarzt brauchte. Also forderten wir Hilfe an und läuteten immer wieder. Nach einer längeren Zeit, aber noch bevor jemand kam, öffnete sie, aber äußerst zornig. Reden war sinnlos, ich nahm mein Gepäck und ging. Dann suchte ich ihren Freund auf, erzählte ihm den Vorgang und bat ihn, sich am Abend um sie zu kümmern. Danach fuhr ich nach Hause.
Ich wollte keinen Kontakt mehr. Aus ihren SMS wußte ich, daß es dann Wirbel gab, und infolgedessen ihre Mutter anreiste. Die bedrängte sie anscheinend, mit ihr zu fahren.
Nach einigen Wochen ließ ich den Kontakt wieder zu (da sie diesen immer wieder suchte). Ich versuchte, ihr den Ablauf zu erklären und sie schien es zu verstehen. Nun das Merkwürdige: sie beschuldigt seitdem ihre Mutter und mich, wir hätten sie entführt und hätten ihr mit der Aktion total geschadet. Der Entführungsseptember. Immer wieder kam dieser stereotype Vorwurf, und für Argumente blieb und bleibt sie unerreichbar. Daß sie damals zornig war, kann ich ja verstehen, auch wenn ich als Mensch völlig hinter meinem Handeln stehe. Aber diese Fixierung! Aus meinem Erleben kenne ich es nur, daß Affekte mit der Zeit abklingen und auch großer Zorn einmal verraucht.
Auch in anderen Situationen ist mir ihr Verhalten aufgefallen: es hat etwas Archaisches, Unmenschliches. Das erschreckendste Erlebnis: ihre Mutter war im Krankenhaus und lag dort einige Tage bewußtlos mit Verdacht auf Schlaganfall (hat sich nicht bestätigt). Sie besuchte ihre Mutter dort, begann aber mit ihr doch tatsächlich heftig zu streiten, - Kontrollverlust? - und das noch mehrmals während des Aufenthalts.
Ich schrieb oben von ihrem Freund. Mit dem hatte sie eine kurze Beziehung, die aber schon seit weit über einem Jahr vorbei ist. Dennoch auch hier die fortdauernde Fixierung dieser Liebe ohne realen Bezug.
Zu mir sucht sie zeitweise den Kontakt, gleichzeitig spüre ich immer wieder massive Ablehnung von ihr, bis zu rabiatem Ausdruck von Wut hin (ohne daß ich verstehe, woher diese Wut kommt). Ablehnung, trotzdem braucht sie mich und läßt mich nicht los, so, wie sie auch andere braucht und nicht losläßt.
Manchmal ist ihr dieses wütende und verletzende Verhalten im nachhinein bewußt, und sie entschuldigt sich dann auch.
Es ist nicht ratsam, ihr von eigenen Problemen zu erzählen oder sich „auszuheulen“. Sie kann zwar vielleicht darauf sehr eingehen, macht aber bald darauf heftige Vorwürfe, man würde sie aussaugen.
Sie ist eine ausgesprochen intelligente und eloquente, sowie anziehende Frau, Kontakte anzuknüpfen fällt ihr leicht. Sie ist alkoholabhängig und derzeit im Krankenhaus. Sie wurde mit Diagnosen versehen: paranoid psychotisch, manisch-depressiv, Alkohol - die Etiketten sind und nichts erklären.
Ich selber halte ich mich möglichst auf Distanz, breche aber nicht völlig ab, zum Teil, weil ich ihrer Mutter versprochen habe, sie nicht ganz fallen zu lassen. Auch weil ich sie irgendwie immer noch mag. Und weil ich etwas wissen möchte. Einfühlen kann ich mich in ihr Erleben nicht, dafür müßte ich es von mir selber kennen. Aber verstehen möchte ich ihre Fixierungen. Intellektuell verstehen, vielleicht so wie man eben auch ein physikalisches Phänomen auf intellektuelle Weise versteht.
Wer hat eine Idee, die mir zum Verständnis weiterhilft?
Liebe Grüße,
I.