Flucht aus Tschechoslowakei

Hallo zusammen,

ich schreibe gerade ein Buch und für den Hintergrund von zwei Figuren (Bruderpaar) brauche ich ein paar Informationen.

Hier erstmal so, wie ich mir die „Legende“ der beiden vorstelle:

Die beiden wurden 1962 bzw. 1966 in der ehemaligen Tschechoslowakei geboren, Vater Tscheche, Mutter Deutsche (ehem. DDR). Wie die beiden sich kennen gelernt haben, soll keine Rolle spielen. Die Brüder sind zweisprachig aufgewachsen, sprechen also fliessend deutsch.

1978 kommen die beiden von der Schule nach Hause und die Eltern sind weg (spätere Aufklärung: sind geflüchtet, weil sie im Rahmen CHarta 77 verfolgt wurden). Die Eltern haben einen Zettel hinterlassen, dass sie „länger verreisen“ müssten und die Brüder nach der Schule zum Opa gehen sollen. Der war allerdings auch nicht da. (Spätere Aufklärung: Herzinfarkt, Krankekenhaus).

Da die beiden nicht ins Heim wollten und mittlerweile ahnten, dass ihre Eltern geflüchtet sind (Wertsachen weg) und in die BRD wollen, wollten sie da auch hin.

An einer Autobahnraststätte nehmen sie dann Kontakt mit der Besatzung eines deutschen Reisebusses auf, der auf dem Weg nach München ist. Sie überreden die, sie mit nach Deutschland zu nehmen. Ein Ehepaar erklärt sich bereit, die beiden als ihre Söhne auszugeben und man erfindet die Geschichte, dass die beiden Ausweise in einer Tasche waren, die der „Mutter“ gestohlen wurde.
Man riskierte zwar, von den tschechoslowakischen Grenzern abgewiesen und zur deutschen Botschaft geschickt zu werden, aber hoffte, dass die ein Auge zudrückten, was sie nach einer Weile auch taten.

In der BRD beantragten sie dann „Asyl“ (was die Grenzer zu einem kleinen Heiterkeitsausbruch veranlasste), wurden aber nicht zurückgeschickt, sondern erstmal in ein Heim gegeben. Später wurden sie dann adoptiert.

Soweit der Hintergrund. Frage an die Wissenden: Hat die Geschichte „schwache Punkte“, die keinesfalls so gelaufen sein könnten ? Wenn ja, bin ich für entsprechende Hinweise dankbar.

Gruss Hans-Jürgen
***

Hallo,
zur Flucht etc. kann ich nichts beitragen, davon verstehe ich zuwenig:

wurden aber
nicht zurückgeschickt, sondern erstmal in ein Heim gegeben.
Später wurden sie dann adoptiert.

Hier frage ich mich zum einen, wo die leiblichen Eltern abgeblieben sind. Die sollen doch ebenfalls geflüchtet sein. Man hätte alles daran gesetzt, ev. auch Publicity, um sie zu finden. Sind sie wirklich in den Westen gekommen, wären sie gefunden worden.
Kinder in dem Alter (spät. TEenageralter) werden nicht so einfach adoptiert. Es gibt keine potentiellen Adoptiveltern. Da nicht geklärt ist, ob es noch leibliche Eltern gibt, könnten sie rein rechtlich auch nicht adoptiert werden.
Wenn überhaupt, wären sie in eine Pflegefamilie vermittelt worden. Dort könnte man nach Jahren daran denken, den Pflegestatus in eine Adoption zu verwandeln. Da beide da bereits fast erwachsen gewesen wären, hätte man das wahrscheinlich gelassen. Es wäre auch finanziell für die Pflegefamilie von Nachteil gewesen. Ich kenne eine ähnliche Konstellation, in der der Pflegestatus beibehalten wurde, sobald das Kind volljährig geworden war, wurde eine Erwachsenenadoption durchgeführt. Auf diese Weise wurde die staatliche Beihilfe für die Pflegefamilie ausgeschöpft, der Familienstatus aber später bestätigt.

Da die leiblichen Eltern in dieser Geschichte aber noch leben (zumindest hoffen die Kinder das bestimmt), halte ich die Adoption für psychologisch nicht nachvollziehbar.

Gruß
eklastic

Hallo,

ich fürchte, die ganze Flucht ist eher weich. Mitte bis Ende der 70er wurden bei Bussen, die z.B. die DDR durchquerten bei der Einreise in die DDR (z.B. von Berlin aus) Bescheinigungen über die Anzahl der Reisenden mitgegeben, die bei der Ausreise vorgelegt werden mussten. Ich habe gehört (auch wenn ich mit Tschechoslowakei keine persönliche Erfahrung habe) dass es in den anderen Ländern ähnlich gewesen soll. Zwei mehr wären also auf dem Wege niemals durchgekommen.

Gruß
Peter B.

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Hallo Peter,

vielen Dank, ich denke, ich muss mir bei der Flucht was neues ausdenken. Gab es zu der Zeit eigentlich einen Grenzzaun rund um die CSSR (zu Deutschland/Österreich), oder gab es auch eine „grüne Grenze“ ?

Gruss Hans-Jürgen
***

Hallo eklastic,

vielen Dank für diesen wertvollen Hinweis, daran hatte ich noch garnicht gedacht (zumal die dann später aus medizinischen Gründen die leiblichen Eltern suchen).

Adpotion fällt also raus. Bei der Pflege passt es gut, dass sich die Pflegeeltern damit stark belasten.

Die Frage ist nur: Können die auch ohne Adoption den Namen der Eltern ablegen und den der Pflegeeltern annehmen ? Es ist nämlich so, dass der eine Pflegesohn das Geschäft des Pflegevaters übernehmen soll. Weil es ein alteingesessener Name ist, soll der übergehen.

Gruss Hans-Jürgen
***

Hallo Hans-Jürgen,

Die Frage ist nur: Können die auch ohne Adoption den Namen der
Eltern ablegen und den der Pflegeeltern annehmen ? Es ist
nämlich so, dass der eine Pflegesohn das Geschäft des
Pflegevaters übernehmen soll. Weil es ein alteingesessener
Name ist, soll der übergehen.

Das wäre dann die Option der Erwachsenenadoption. Gerade solche Gründe wie Geschäftsübernahme etc. sind oft Hintergründe von Erwachsenenadoption. Das kann ja sofort am Tag des 18. Geburtstages eingeleitet werden.

Gruß
eklastic

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Die Grenze zu Deutschland war auf alle Fälle schwer gesichert, einfach so kam man da sicher nicht rüber. (Ich war 1974 in der damaligen Tschechoslowakei und der Übergang war schon bedrückend… Er hinterlies einen bleibenden Eindruck auf einen 7-jahrigen :smile:)

Aber im Gegensatz zu der Innerdeutschen Grenze waren, vor allem im Böhmerwald die Grenzanlagen z.T Kilometerweit ins Landesinnere verlegt. In die Wälder zwischen der Landesgrenze und den Sperranlagen konnte neben den Militärs auch ausgesuchte Leute (besonders zuverlässig) rein.

Gruß
Mike

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

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Hallo Michael,

vielen Dank und Stern, das hat mir sehr weiter geholfen !

Gruss Hans-Jürgen
***

Hallo,

auch Dir vielen Dank und Stern ! Ich lese mich gleich mal zur Erwachsenenadoption etwas an, das ist genau das, was ich gesucht habe.

Gruss Hans-Jürgen
***

Hallo Hans-Jürgen,

Folgende Punkte halte ich für nicht realistisch:

  1. Der Grenzübertritt ohne Ausweis.
    Ich war in der CSSR anfang der 80er. Die Kontrollen beim Grenzübertritt waren derart scharf, dass ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, man wäre mit einer derart laxen Ausrede durchgekommen. (Unser Wohnmobil damals wurde bei der Ausreise nicht gerade auseinandergenommen, aber jeder Winkel in dem sich jemand hätte verstecken können wurde in Augenschein genommen).

In dem von Dir skizzierten Fall wäre an der Grenze wohl folgendes passiert:
Die beiden müssen aussteigen und ihre Personalien werden aufgenommen. Dann wird telefonisch geprüft, ob ein Visum für die Daten ausgestellt wurde (Es herrscht ja Visumszwang und tschechische Behörden haben die Besuchsdaten gespeichert). Sollte es da noch keine Probleme gegeben haben, dann werden sicher deutsche Grenzbeamten hinzugezogen, um Ersatzdokumente zu beschaffen.

Außerdem habe ich starke Zweifel, ob eine ganze Reisegesellschaft so solidarisch gewesen wäre, zwei wildfremde Jungs über die Grenze zu schmuggeln. Die Probleme, die gedroht hätten, wären ja erheblich (zumindest der Bus wäre beschlagnahmt worden).

Aber ich hätte eine Idee, wie es vielleicht funktionieren hätte können. Die zwei kommen in Kontakt mit einer Jugendgruppe und bekommen von zweien Reisedokumente und Visa. Während die beiden ausreisen gehen die Deutschen zur Botschaft und melden die Pässe als gestohlen…

  1. Das Verhältnis zu den Eltern
    Ich habe in meinem Bekanntenkreis einen leicht ähnlichen Fall aus der DDR (Mutter ohne Abschied geflohen, Vater blieb.) Trotz des grenzenlosen Vertrauensbruchs, was ja so ein Zurücklassen zweifellos ist, glaube ich, dass sowohl von den Behörden, als auch von den Kindern in jedem Fall eine Zusammenführung der Familie gewünscht und versucht worden wäre. Selbst wenn die Familie einen Bruch hat, die Eltern bleiben die Eltern, was auch immer sie getan haben mögen. Allein der Versuch der beiden, den Eltern über die Grenze nachzufolgen deutet sehr auf eine starke Bindung hin.

Viel Erfolg beim Schreiben.

Gruß
Hardey

Hallo Hardey,

ganz herzlichen Dank (und Stern) für die Ideen. Ich wollte die beiden jetzt eigentlich über die grüne Grenze schicken, aber die Idee mit den Jugendlichen und der Ausweisweitergabe ist prima, die übernehme ich so.

Auch bezüglich Eltern werde ich nochmal nachdenken

Gruss Hans-Jürgen
***

Hallo Hans-Jürgen,

In der BRD beantragten sie dann „Asyl“ (was die Grenzer zu
einem kleinen Heiterkeitsausbruch veranlasste), wurden aber
nicht zurückgeschickt, sondern erstmal in ein Heim gegeben.
Später wurden sie dann adoptiert.

Da sie eine deutsche Mutter haben, sind sie Deutsche und hätten deswegen kein Asyl beantragen müssen. Allerdings wird der Nachweis über diese Abkunft (sprechen beide Deutsch, wenigstens böhmisch?) ein eigenes Kapitel beanspruchen…

Gruß,
Andreas