Liebe/-r wer-weiss-was Experte/-in,
mein Name ist Sara und bin 27 Jahre alt. Leider habe ich
im Bekanntenkreis keinen Piloten, Flugzeugkenner,
Therapeuten oder so, deswegen
schreibe ich Sie an. Vieleicht können sie mir helfen,
mich ein wenig zu bruhigen.
In 10 tagen fliege ich mit meiner Tochter (3) und meinem
Mann mit der Lufthansa nach Barcelona von Düsseldorf
aus. mein Problem ist das ich höllische Flugangst habe
und in letzter zeit auch noch so viel mit Flugzeugen
passiert ist. Ich bin vor 7 Jahren das letzte Mal
geflogen, kann auch nicht behaupten das der Flug
schlecht war, nur diese Angst und Panik war die
Hölle.Wollte eignetlich nie wieder Fliegen, möchte aber
meiner Tochter eine 27 Stündige Busfahrt nach Spanien
ersparen. Jetzt ist es gebucht und in 10 Tagen gehts
los. Oh Gott allein der Gedanke!!! ich habe extreme
Hähenangst, was wohl auch mit meiner Flugangst
zusammenhängt. Wie kann so ein „Vogel“ bloß fliegen?
Stürzt das Ding ab? Was kann ich tun? Wenn ich fragen
darf: Was macht sie so sicher beim Fliegen? ist ihnen
schon mal was schlimmes passiert? Glauben sie an einen
Absturz? Ich weiß es sind viele Fragen und
wahrscheinlich werden sie mir nun ein Seminar empfehlen,
aber ich glaube dafür ist es schon zu spät. Ist meine
Angst begründet? Warum sind in letzter Zeit so viele
Flugzeuge abgestürzt und warum wurde es nicht vorher vom
Piloten erkannt? Was kann ich tun??? Oh Mann!!
Würde mich freuen wenn sie mir ein paar Informationen,
beruhigende Worte, Erfahrungen oder Tipps geben könnten.
Ich danke Ihnen recht herzlich, wenn sie sich die Zeit
nehmen!!
Lieben Gruß Sara
Hallo Sara,
in unserem Flugangstforum
http://www.treffpunkt-flugangst.de/phpBB/index.php
wirst Du sehr viele Antworten auf Deine Fragen finden.
Du kannst aber auch selber fragen stellen, diese werden auch von Piloten beantwortet (täglich)!
Weitere infos findest Du auch auf der zugehörigen Portalseite:
http://www.treffpunkt-flugangst.de
Hallo, liebe Sara,
vielen Dank für Deine Zuschrift.
Flugangst hat ganz unterschiedliche Entstehungsgeschichten und Angstverläufe, meist können Betroffene nicht einmal ein konkretes Ereignis nennen. Daher bin ich dankbar, dass Sie die Dinge, die Ihnen Sorgen bereiten und die Angst auslösen, recht gut beschrieben haben. Dazu einige Hintergrundinformationen, die Ihnen vielleicht weiterhelfen können.
Fliegen ist heutzutage kein Wunder mehr, sondern beruht auf einfachen und logischen physikalischen Grundlagen. Es ist schwierig, sie hier zu beschreieben, aber aufgrund der Bauweise einer Tragfläche ist es unmöglich, dass ein Flugzeug „stürzt“ oder „fällt“. Daher hat es auch noch nie einen „Absturz“ gegeben. Das klingt absurd, ist aber so. Sobald das Flugzeug startet, wird es nicht nur von mächtigen Luftmassen unter den Flügeln getragen, sondern vor allem von diesen Luftmassen, die es umfassen, nach oben „gesaugt“ (Auftrieb). Tatsächlich muss man ein Flugzeug nicht zum Fliegen zwingen, sondern vielmehr zum Landen. Das zu verstehen, ist gar nicht mal schwierig; dazu würde ich Ihnen ein entsprechendes Buch empfehlen, das technische Abläufe einfach und verständlich erklärt, beispielsweise „Warum sie oben bleiben“ von Jürgen Heermann.
Ich bin selbst Höhenängstler, kann aber problemlos fliegen. Höhenangst entsteht nur in seltenen Fällen beim Fliegen oder im Flugzeug. Das liegt daran, dass das gehirn zum Entstehen einer solchen Angst einen Bezug zum Boden benötigt, also Türme, Hochhäuser oder Berge. Das Flugzeug ist für das Gehirn ein geschlossenes System, Höhe entspricht in diesem Fall der Abstand von Sitzplatz zu Boden.
Wichtig ist, das Flugzeug als Verkehrsmittel zu verstehen, das zu den best gewarteten und gechekcten überhaupt gehört. Als Beispiel: Nach jeder Landung und vor jedem Start wird das Flugzeug gecheckt und auf mögliche Fehlerquellen untersucht. Das würde im übertragenen Sinne bedeuten, dass Sie beim Autofahren an jeder Ampel aussteigen, Bremsen prüfen, Ölstand nachsehen, Luftdruck prüfen und und und.
Natürlich gibt es auch beim Fliegen Unfälle. Sie sind jedoch überaus selten, die Sicherheit in der Verkehrsluftfahrt liegt bei 99,9999996%, eine Sicherheit, die es nicht einmal auf der Wohnzimmercouch gibt. Hinzu kommt, dass jedes Unglück nicht einen einzigen Auslöser besitzt, sondern das tragische Ergebnis einer langen Fehlerkette ist. Ich vergleiche es mit einem Schweizer Käse, dessen Scheiben Sie hintereinander legen. Wie wahrscheinlich (oder unwahrscheinlich) ist es, wenn sich ein enziges Loch in gerader Folge/Linie durch 30 oder 40 Scheiben bohren würde? - Üblicherweise trifft man zwei, drei Scheiben in Folge, dann endet das Loch und man stößt auf Käse.
Was man bei einer Flugangsthilfe macht, ist aber keineswegs, immer wieder Vergleiche anzustellen und zu sagen „es ist sicher“. Was vermittelt wird, ist, WARUM die Wahrscheinlichkeit eines Risikos so verschwindend gering ist, also ein Verständnis für Hintergründe zu entwickeln. Das ist übrigens mit ein Grund, warum wir, die wir in der Fliegerei und mit dem Flugzeug arbeiten, uns gut und sicher aufgehoben fühlen. Ich fliege seit Ende der 80er Jahre privat, beruflich seit Mitte der 90er, dabei zwei Jahre bei LH. Durch die heutige Tätigkeit liegen im Schnitt vier Flüge pro Woche an. Ich könnte Ihnen kein einziges bedrohliches Ereignis nennen, weil wir alle, die wir vernüftig mit dem Verkehrsmittel umgehen und Respekt vor Mensch und Technik haben, grundsätzlich zweifeln und lieber drei oder viermal prüfen und hinterfragen.
Angst ist zunächst ein Gefühl, das niemand externes als begründet oder unbegründet bewerten kann und sollte. In der Flugangstbewältigung geht es darum, die irrealen Gedanken wieder auf reales Faktenwissen herunterzubrechen, die Angststärke also in Relation zur Situation (Verkehrsmittel nutzen) zu bringen.
Mein Tipp für Ihren Flug: Stellen Sie sich beim Einsteigen der Kabinenchefin/dem Kabinenchef vor und fragen Sie, ob es möglich ist, vor dem Start ein kurzes Gespräch mit den Piloten zu führen. Auch das schafft Vertrauen und hilft Ihnen kurzfristig, mit der Situation besser klar zu kommen. Langfristig sollten Sie sicher überlegen, die Flugangst auch nachhaltig anzugehen.
Herzliche Grüße,
Marc-Roman Trautmann
Dipl.-Psych. - Leitung
Deutsches Flugangst-Zentrum
Fluggastberatung - Ambulanz
Flughafen Halle 5
40474 Düsseldorf (Airport)
Tel.: +49 (0)211 421 710 50
Fax: +49 (0)211 421 710 51
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