Förderung von Alzheimerpatienten

Ich habe da mal ein Frage ob jemand von euch Erfahrung hat im Umgang mit Alzheimer Patienten. Mein Opa ist seit einiger Zeit an Alzheimer erkrankt. Das war ein ganz schöner Schock, gerade wenn ein geliebter Mensch einen auf einmal nicht mehr erkennt. Aber inzwischen habe ich es ganz gut raus, wie ich mit ihm umgehen muss. Zum Glück haben die Medikamente die er bekommt (Reminyl) auch erstaunlicherweise sehr gut bei ihm angeschlagen. Was mich jetzt aber mal interessieren würde, ob ich ihm auch anders ein wenig helfen kann, die Gehirnleistung (mir fällt leider kein besseres Wort dafür ein, zu erhöhen oder zumindest zu erhalten. Ich dachte da an Konzentrationsübungen oder so etwas ähnliches. Über Antworten würde ich mich freuen!

Ich denke, du fragst hier sicher nach aktiven Hilfen und nicht nach Medikamenten, denn da hast du hoffentlich einen Arzt deines Vertrauens :smile:

Nach meiner Erfahrung ist es wichtig, dass weiter zu tun, was er früher auch gern getan hat, so er noch Interesse daran zeigt. Also zB mit ihm viel spazieren zu gehen, wenn er das gerne getan hat, mit ihm Fotoalben anschauen usw. All das fördert, oder besser fordert einen Menschen, der schwierigkeiten hat, sich an gewisse Dinge zu erinnern oder Orientierung zu finden. Vielleicht mag er auch mit dir zusammen einfache Kreuzworträtsel lösen. Dabei ist es natürlich wichtig, auf seine Fähigkeiten einzugehen, aber ihn nicht zu überfordern - Wenn er noch in der Lage ist, Familienmitglieder auf Fotos zuzuordnen, dann greif da an und schau eben mit ihm Fotos an.

Es kommt sehr individuell darauf an, wieviel er noch kann, oder was er noch kann. Hör da einfach auf dein Gefühl, würde ich dir raten, das sagt dir schon, womit es ihm gut geht, und was ihn eher überfordert.

Ausserdem würde ich dir raten, einfach mal bei unterschiedlichen Stellen nachzuhorchen, was die empfehlen. Es gibt zum Beispiel Alzheimerforen im Internet, aber auch ausserhalb des Internets Anlaufstellen, vielleicht kannst du dir da noch den einen oder anderen Rat holen :smile:

Mehr schreib ich nun mal lieber nicht, denn ohne einen Patienten näher zu kennen Ratschläge zu geben ist immer ein wenig ein Schuss ins Blaue :wink:

Liebe Grüsse,

Winter

Moin,

als pflegender Angehöriger, der täglich eine Stunde in der Tagespflege, Abteilung psychiatrische Geriatrie, verbringt, meine ich, dass mit einer Beschäftigungstherapie die Langeweile bekämpft werden kann, darüber hinaus aber kaum was zu machen ist. Den meisten Pfleglingen ist der Sinn für Spiele, generell für „sinnlose“ Beschäftigung abhanden gekommen, aber fast alle machen sich gern nützlich, zB mit Kartoffelschälen, Backen (genauer: Teig rühren), Äpfel ausschneiden, Basteln mit Papier, Schere und Kleister. Und beim Singen, beim „Tanzen“ und beim Gottesdienst sind viele begeistert dabei.

Schriftliches interessiert die wenigsten. Herr D. malt alle geschlossenen Buchstaben wie o, b, d, p zu dicken Punkten aus; Frau S. Dame „liest“, in Wirklichkeit zählt sie halblaut die Buchstaben; J. macht Sudoku, indem er ganz gemächlich irgendwelche Ziffern (immerhin) hineinschreibt.

Die Station ist mit etlichen Gedulds- und Geschicklichkeitsspielen ausgestattet, der Motorik der alten Leute angepasst. Benutzt wird davon nichts.

Gruß Ralf

Validation (lang)
Hallo Cass,

zunächst einmal finde es das ganz toll, dass du dir die Mühe machst, deinen Opa in dieser Phase seines Lebens zu unterstützen und dich um ihn zu kümmern.

Du schriebst, dass er dich (und seine Angehörigen) manchmal nicht erkennt. Daraus schließe ich, dass die Alzheimererkrankung bereits fortgeschrittener ist. Deine Idee mit dem Gedächnistraining ist schon ein guter Ansatz, allerdings in dieser Fortgeschrittenen Phase nicht immer angebracht.

Das Problem ist, dass die Betroffenen es einfach nicht mehr können und wenn du mit ihm Gedächnistraining machst und er es nicht hinkriegt werden ihm seine Defizite jedesmal vor Augen geführt. Er merkt also dass er was falsch macht. Und niemand macht gern Fehler.

Dein Vorteil ist, dass du deinen Opa in- und auswendig kennst. Wir müssen uns sehr oft auf eine lückenhafte Biographie stützen. Und da ist dann auch schon das Stichwort: Biographiearbeit.

Bei Alzheimerbetroffenen ist das Langzeitgedächnis das, was als letztes noch erhalten bleibt. Und Emotionen. Das, was alte Menschen am häufigsten beschäftigt hat, sind und waren Arbeit und Familie (und der Krieg). Rede also mit ihm, was früher gewesen ist. Lass seine alten Gewohnheiten mit einfließen. War er z.B. Schuhmacher von Beruf besorg alte Schusterwerkzeuge, lass ihn damit irgendwas machen, lob ihn dafür, auch wenn er in deinen Augen was nicht richtig macht. Es geht nicht darum, ob er was richtig macht oder nicht, sondern dass er was macht. In seinen Augen ist es richtig, in unseren Augen vielleicht nicht, aber darauf kommt es nicht an.

Alte Menschen fühlen sich zu nichts mehr gebrauchen. Die Kinder und Enkelkinder sind schon groß und kommen alleine zurecht. Der Partner ist verstorben, sie sind seit Jahrzehnten im Ruhestand und müssen den Tag irgendwie rumkriegen. Für einen Nicht-Betroffenen ist das schon schwierig genug, für einen Alzheimerbetroffenen ist es noch schwieriger.

Wenn er also Dinge zum 10.ten Mal erzählt, höre ihm zu, als ob er es zum ersten mal tut. Gib ihm eine Aufgabe nach seinen Möglichkeiten ohne ihn zu überfordern. Du wirst stauen, was der gute Mann noch so alles kann und was für Dinge er mit bravour meistert. Wie er insgesamt geordneter wird. Das Ganze nennt man das Prinzip der Wertschätzung (sollte eigentlich nicht nur mit Alzheimerbetroffenen gemacht werden, sondern mit allen seinen Mitmenschen). Oder auch „Validation“ genannt.

Es gibt eine Autorin, die sich Naomi Feil nennt hervorragende Bücher zu diesem Thema geschrieben hat:

Naomi Feil: Validation
http://www.amazon.de/Validation-Naomi-Feil/dp/349701…

Naomi Feil: Validation in Anwendung und Beispielen
http://www.amazon.de/Validation-Anwendung-Beispielen…

Diese beiden Bücher sind das A und O für jeden, der mit der Alzheimerkrankheit zu tun hat. Und ich empfehle dir wärmstens diese beiden Bücher zuzulegen. Du wirst viele Dinge mit anderen Augen sehen, du wirst deinen Opa mit anderen Augen sehen und du wirst so tolle Erfolgserlebnisse haben und die Welt, in der dein Opa gerade lebt, besser verstehen können und ich gehe sogar so weit, dass du in die Welt deines Opa’s eintreten wirst und ihn unglaublich viel Lebensfreude und -qualität zurückgeben, so dass er ein würdevolles Leben vor sich haben wird.

Die Alzheimerbetroffenen können Raum, Zeit und Situation nicht richtig einordnen. Alte Erinnerungen vermischen sich mit der Gegenwart, sie „zeitreisen“ sozusagen. Du hast nun wenig Informationen gegeben, wie er sich so verhält.

Ich erlebe es ganz oft (um ein Beispiel zu nennen), dass meine Patienten zu mir ankommen und sagen: „Hören sie mir zu, ich muss nach Hause! Die Marie kommt gleich von der Schule und hat nichts zu essen! Und der Herbert arbeitet doch bis in die Nacht in der Fabrik und ist auch nicht da. Ich muss nach Hause, lassen sie mich raus!! Das arme Ding verhungert noch, jetzt hören sie mir zu: Ich flehe sie an mich nach Hause zu lassen. Ich gebe ihnen doch auch das Geld, bitte bitte!“

Marie, ihre Tochter, ist natürlich inzwischen erwachsen und hat eigene Kinder und eine eigene Familie. Für die Patientin ist das Kind aber erst 10 Jahre alt und es ist kurz vor 13:30. Die Zeit, wo Marie immer von der Schule nach Hause gekommen ist und die Patientin immer Essen gekocht hat. Jahrzehnte lang.
Konfrontiert man sie mit der Realität wie: „Ihre Tochter ist doch erwachsen, sie müssen das nicht tun.“ Dann werden diese Patienten wütend. Sie fühlen sich nicht verstanden und machen sich Sorgen um das Kind.

Im Grunde genommen weiß sie, dass sie nicht kochen muss, hat es aber vergessen, weil das Gedächnis ihr einen Streich spielt. Sie hat Versagensängste, sie braucht die Sicherheit und die Wertschätzung, dass sie eine gute Mutter war/ist. Und nur darum geht es: Um Emotionen. Selbst wenn man diese Frau nach Hause lassen würde, so wie sie es wünscht, würde sie trotzdem nach Hause wollen, obwohl sie zu Hause ist. Sie will in ihr Zuhause, wie es war, als ihre Tochter noch 10 war und das ist natürlich physikalisch unmöglich.

Jedoch ist es möglich mit der Frau eine Zeitreise zu machen. Sie daran zu erinnern, wie es früher war. Man stellt Fragen, fragt nach dem „Wie“, „Was“, „Wann“. Man fragt aber nicht nach dem „Warum“. Weil das würde bedeuteten, dass sie ihre nicht mehr vorhandenen kognitiven Fähigkeiten einsetzen müsste und das funktioniert nicht mehr. Sie wird dann von früher erzählen und ihr wird einfallen, wie sie ihre Tochter bekocht und geliebt hat und ihr wird einfallen, wie ihre Tochter sich über ihre Liebe gefreut hat und kriegt somit die Bestätigung, dass sie alles richtig gemacht hat. Die Kinder sind was geworden, haben anständige Jobs. Sie hat ihre Aufgabe erfüllt.

Kein Grund mehr da um Marie Essen kochen zu müssen um somit eine gute Mutter zu sein. Alles richtig gemacht und so hat man der Patientin geholfen, in dem man ihr bestätigt, dass sie alles richtig gemacht hat. Trotz Krieg, trotz schlechter Wirtschaftsverhältnisse, trotz Hunger und Not. Es hat ihr nur niemand gesagt und gelobt, dass sie alles richtig gemacht hat. Und das ist das Prinzip der o.g. Validation.

Ich hoffe, der Artikel hier erschlägt dich nicht, aber es ist ein weites Feld und irre kompliziert, erfordert viel Empathie. Im Grunde genommen machst du es ja schon. Somit kriegt das Kind einen Namen.

Es ist wichtig, dass wir den Alzheimerbetroffenen richtig zuhören. Im ersten Moment mag das, was sie erzählen und wollen für uns sehr verwirrend sein und viele mögen denken, dass sie nur Unsinn erzählen. Ganz oft versuchen sie sich uns mitzuteilen. Auf eine Art und Weise wie sie es noch können. Wir müssen also hinter die Fassade schauen und herauskriegen, was sie genau meinen. Wir müssen umdenken und wir müssen lernen in ihren Schuhen zu gehen und nicht sie dazu auffordern nach unseren Maßstäben zu leben.
Hat auch viel mit Symbolik zu tun, aber das würde jetzt zu weit führen. In den beiden Büchern wirst du Antworten auf deine Fragen kriegen.

Viel Glück dabei!

Gruss levi

Hallo,

Unternehmungen wie Gedächtnistraining sind für Alzheimerkranke frustrierend.
Wichtig sind alle Aktivitäten, die den Tag strukturieren, d.h. den Opa so weitgehend wie möglich in die Tagesabläufe einbeziehen und an seine Interessen anknüpfen (Handwerkliches, Garten …).

Hilfreich ist auch alles, was ihn in Verbindung mit früheren Erlebnissen bringt, also anhand eines Fotoalbums erzählen lassen.

Ein Königsweg für Alzheimerkranke ist Musik. Es ist erstaunlich, was sie oft an Liedertexten erinnern. Sehr hilfreich ist auch der Kontakt mit Tieren.

Es gibt auch die Möglichkeit der betreuten Gruppe, d.h. daß er ein- oder mehrmals die Woche für einige Stunde eine Gruppe besucht, die verschiedene Aktivitäten hat.

Vielleicht gibt es im Wohnort von Deinem Opa auch ein Alzheimer-Tanzcafe? Mehr Infos findest Du unter http://www.alzheimerforum.de

Viele Grüße

Iris

Hi Levi,

Kompliment - tolles Posting! Ich arbeite selbst (wenn auch nicht direkt am Patienten) in einer geriatrischen Abteilung - bei uns ist Validation oberstes Prinzip.

Ich hoffe, der Artikel hier erschlägt dich nicht, aber es ist
ein weites Feld und irre kompliziert,

Auf den ersten Blick erschlägt das Thema bzw. diese im Grunde so einfache Methode, mit alten, verwirrten Menschen umzugehen, vermutlich jeden, für den - bisher - nicht die Notwendigkeit bestand zu verstehen, wie alte Menschen ‚ticken‘. Wenn man es einmal begriffen hat, läuft es.

erfordert viel Empathie.

Schon, aber so ist es nicht ganz richtig: natürlich bringt jeder halbwegs normale Mensch eine Portion Empathie mit sich, aber Naomi Feil sagt selbst, daß man durch Erlernen der Validation automatisch Empathie ‚erlernt‘. Was ich damit sagen will: man muß nicht Empathie-Weltmeister sein, um Validation zu lernen.

Diese beiden Bücher sind das A und O für jeden, der mit der
Alzheimerkrankheit zu tun hat. Und ich empfehle dir wärmstens
diese beiden Bücher zuzulegen.

Das unterschreibe ich.

Sie fühlen sich nicht verstanden und machen
sich Sorgen um das Kind.

Nicht nur das… Im worst case ist die alte Dame nicht nur wütend über die Geringschätzung, sondern macht sich in einem unbeobachteten Moment aus dem Staub, um für Marie Mittagessen zu kochen. Da hat man den Salat.

Hat auch viel mit Symbolik zu tun, aber das würde jetzt zu
weit führen.

Ich zitiere aus dem Vorwort von ‚Validation in Anwendung und Beispielen‘:

Die nächsten 30 Jahre habe ich mit Menschen wie Florence Trew gearbeitet. Ich entwickelte die Validation, eine Methode, um mit ihnen zu kommunizieren. Diese sehr alten, verwirrten Menschen habe sie mich gelehrt. Gelernt habe ich aus ihren Lebensgeschichten, von ihren Familien, ihrem Betreuungspersonal und ihren Freunden. Ich habe aus Fehlern gelernt. Ich habe gelernt, daß sehr alte, verwirrte Mensche intuitive Weisheit haben, aus einer grundsätzlichen menschlichen Natur heraus, die uns allen zu eigen ist. Hinter ihrer Verwirrtheit liegt menschliches Wissen, das weit über alle geographischen oder religiösen Grenzen hinausgeht, über Zeit, Kultur oder Rasse. Wenn die zeitliche oder örtliche Gegenwart verblaßt, wenn der Beruf nicht mehr lebensbestimmend ist, gesellschaftliche oder soziale Verpflichtungen ihre Bedeutung verloren haben, dann schimmert diese grundlegende menschliche Natur durch.
Die innere Natur hilft diesen sehr alten Menschen, ihre innere Weisheit zu finden. Wenn das Augenlicht nachläßt und die Außenwelt verschwimmt, blicken sehr alte Menschen nach Innen. Sie gebrauchen ihr sehr lebendiges Inneres Auge, um zu sehen. Personen aus der Vergangenheit wreden real. Wenn das Kurzzeitgedächtnis versagt und die Zeit verschimmt, beginnen sehr alte Menschen Lebenszeiten nicht mehr in Minuten, sondern in Erinnerungen zu messen. Wenn die Hochbetagten ihre Sprache verlieren, dann ersetzen ähnliche Klänge, Rhythmen oder in der Kindheit gelernte Bewegungen die Worte. Um die Verluste der Gegenwart überleben zu können, holen die sehr Alten die Vervangenheit zur Hilfe. Durch sie finden sie Wissen und Weisheit.

Viertens und zu guter Letzt schreibe ich auch für die jüngeren Generationen, die einmal die Pflege übernehmen müssen und werden. Im Jahr 2000 wird es in Amerika zehn Millionen Menschen über 80 geben. Wir wollen, daß diejenigen, die uns betreuen werden, uns verstehen, anstatt uns auszugrenzen. Wenn einmal unsere Kontrollen nachlassen, wenn wir unsere Wunden entblößen, wenn unsere Gefühle enauso inkontinent werden wie unsere Blasen, dann wollen wir nicht medikamentös ruhiggestellt werden. Wir wollen nicht als „alte Missetätäter“ etikettiert werden. Wenn lange unterdrückter Zorn plötzlich ausbricht - in der Endphase unseres Lebens statt in der Pubertät - dann wollen wir Eure Einfühlung.

In den beiden Büchern wirst du Antworten auf
deine Fragen kriegen.

Das unterschreibe ich ebenfalls.

Grüße
Renee

Hallo,

Du hast da methodisch wirklich sehr schön denkbare und funktionierende Ansätze beschrieben, und dies meiner Meinung nach auch besser als die angegebenen Bücher und auch diverse andere Literatur zum Thema „rübergebracht“.

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich bei allem Einverständnis mit der Methode der Biographiearbeit/Validation als betroffener Angehöriger damals ein großes Problem mit dem Pathos hatte, der oft von Literatur zum Thema verbreitet wird, und der die realen Ängste, Befürchtungen und das Wissen der Angehörigen um den Krankheitswert von Demenz nicht ernst nimmt, sondern mit Überhöhungen wie „Eigene Welt“ trotz aller umfangreichen und weitschweifenden Beschreibungen recht banal wegwischt.

Sicherlich mag es Menschen geben, die sich nur zu gerne derartig „einlullen“ lassen wollen, aber eher praktisch und sachlich veranlagte Menschen fühlen sich auf dieser Ebene nicht angesprochen und auch ggf. sogar verhöhnt. Insbesondere dann, wenn sie im Rahmen häuslicher Pflege die ganze Bandbreite der ganz trivialen täglichen Probleme hautnah erfahren. Die richtig „handfeste“ Literatur hierzu ist mir leider noch nicht über den Weg gelaufen, aber ich möchte einfach darauf hinweisen, dass nicht jeder, der mit dem Pathos gewisser Bücher nichts anfangen kann, oder darin seine ganz konkreten täglichen Probleme nicht gelöst sieht, deshalb Selbstzweifel haben sollte, sondern anderweitig nach weiterer Unterstützung suchen muss, und z.B. auch technische Lösungen in Betracht ziehen sollte.

Und man darf als Angehöriger auch Trauer und Wut über das grausame Schicksal eines geleibten Menschen empfinden, das eben nicht der wunderbare Übergang in eine bessere Welt mit höherer Weissheit, sondern eine final verlaufende Erkrankung ist. Natürlich kann und soll man mit dementen Menschen auch eine ganz eigene Art von Freude und Spaß erleben und glücklich über jeden positiven Moment sein. Aber es für einen rational denkenden Menschen nun einmal - nicht funktionierender - Selbstbetrug, dies zu verherrlichen.

Ich möchte die Zeit als pflegender Angehöriger ganz sicher nicht missen, und messe ihr einen großen Wert zu, und kann daher nur jeden ermutigen, auch zum Gewinn eigener Erkenntnis, sich hieran zu versuchen, aber dies kann und darf eben nicht vergessen lassen, dass man einen geliebten Menschen auf eine Art und Weise verliert, die weit intensiver und schlimmer empfunden wird, als dies in vielen anderen vergleichbaren Situationen empfunden wird.

Viele Angehörige werden aufgrund dieser Erfahrungen selbst krank, scheitern an einem gewissen Punkt an selbstgesetzten, und in der Literatur nur zu gerne als „machbar“ dargestellten Zielen und Anforderungen. Hier fehlt mir oft das Verständnis für Angehörige, die dann selbst Hilfe brauchen, und denen man zugestehen muss, dass es auch Grenzen dessen gibt, was man z.B. gerade auch vor dem Hintergrund eigener Familie und Beruf leisten kann. Die deutliche Aussage: „Wunderbar, dass sie es auf sich genommen und begonnen haben, aber sie können und dürfen damit auch wieder aufhören, wenn es an die eigene Substanz geht“ oder ein „Gestehen Sie sich ein, dass der ständige Umgang und die Pflege eines Demenzerkrankten zu eigenen psychischen Problemen führen kann, die behandlungsbedürftig sind“ fehlen mir leider ganz oft.

Da ich viel mit Betreuungsrecht zu tun habe, habe ich unabhängig von den eigenen Erfahrungen auch mit sehr vielen Angehörigen von Demenzkranken zu tun, und stelle immer wieder fest, dass sich Angehörige selbst „krank pflegen“ und meinen dies nicht zugeben zu dürfen, oder um Hilfe für sich selbst zu bitten. Das hat dann zwar nichts mehr mit anwaltlicher Tätigkeit zu tun, aber ich fordere dann durchaus heraus, auch einmal das Empfinden als pflegender Angehöriger zu formulieren, und habe schon mehrfach erlebt, wie befreiend dies für Mandanten ist, wenn man ihnen aus der eigenen Erfahrung heraus dann den Rücken dahingehend stärkt, dass sie durchaus das Recht haben, auch einmal an sich selbst zu denken.

Gruß vom Wiz

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