Frage an die VWler

Hallo,

ich hätte da mal eine Frage zur gegenwärtigen Finanzlage der öffentlichen Kassen.
Das BIP hat ja z.Z. ein kleines Plus von etwa 0,5%, also die Wirtschaftleistung in DEU ist so in etwa wie letztes Jahr. Das müsste ja dann auch auf der Steuerseite so ähnlich sein. Trotzdem tut sich dieses Jahr ein im Vergleich zum Vorjahr gigantisches Steuerloch auf. Wie kommt denn sowas zustande? Mal abgesehen von der Steigerung der Produktivität (immer weniger Beschäftigte produzieren immer mehr).

Gruß
Michael

Hallo,

Trotzdem tut sich dieses Jahr ein im Vergleich zum Vorjahr
gigantisches Steuerloch auf. Wie kommt denn sowas zustande?

mehrere Gründe:

  1. Aufgrund der schwächelnden Konjunktur erwirtschaften die Unternehmen immer weniger Gewinn und damit gehen die Gewerbesteuern zurück.

  2. Aufgrund der schwächelnden Konjunktur geben die Haushalte weniger aus (oder die Konjunktur schwächelt, weil die Haushalte weniger ausgeben, kann man so oder so sehen), d.h. es fehlen Einnahmen aus der Mehrwertsteuer und anderen Verbrauchsteuern.

  3. Aufgrund der schwächelnden Konjunktur gibt es mehr Arbeitslose, die keine Lohnsteuer zahlen (und natürlich weniger ausgeben, siehe Punkt 2)

  4. Aufgrund der grandiosen und weitsichtigen Steuergesetzgebung der derzeitigen Übergangsregierung kommt es zu erheblichen Rückzahlungen aus der Körperschaftsteuer an die Unternehmen. Vereinfacht dargestellt: Früher wurde nämlich die Einbehaltung von Gewinnen (Bildung von Rücklagen) höher besteuert als die Ausschüttung von Gewinnen. Nun werden Gewinne unabhängig von der Verwendung gleich behandelt. Dummerweise hat man vergessen, die Behandlung von alten Gewinnen vernünftig zu regeln.

Die Unternehmen schütten jetzt alte einbehaltene Gewinne aus, damit wird der niedrigere Steuersatz für ausgeschüttete Gewinne maßgeblich --> Rückerstattung der Differenz. Und diese Differenz machte allein im Jahr 2001 rd. 7 Mrd. Euro aus und führte dazu, daß sogar netto Geld ausgezahlt werden mußte. Die Einnahmen aus der Körperschaftsteuer betrugen also minus 430 Mio. Euro.

Gruß
Christian

Noch ein Grund
… aufgrund der ständig zunehmenden Staatsverschuldung und auch des Zinseszinseffekts steigen die Zinszahlungen des Staates jedes Jahr an, und sie steigen auch jedes Jahr ein bißchen mehr an, und auch das bißchen wird jedes Jahr ein bißchen mehr.

Da her muß die Wirtschaftsleistung auch jedes Jahr steigen, und zwar mehr als diese niedlichen 0,5 %. Das kann sie natürlich nicht für alle Zeiten (was von den angesprochenen VWLlern im allgemeinen nicht erkannt oder ignoriert wird).

Wenn Du Dir einen Taschenrechner nimmst (in Excel geht das noch schöner), kannst Du sehr schön aus rechnen, wann das System zusammen bricht: Die Zinszahlungen des Staates steigen auch ohne weitere Verschuldung immer weiter an, und wenn Du die Zunahme oder Abnahme der Steuereinnahmen da gegen stellst, schneiden sich die beiden Kurven an einem Punkt in der Zukunft - dann werden sämtliche Steuereinnahmen nur für Zinszahlungen verwendet.

Natürlich knallt das System schon etwas früher zu Boden, dann wenn der Staat großen Teilen seiner Verpflichtungen nicht mehr nach kommen kann. (In Hessen wurde jetzt beschlossen, mehr Schulden zu machen, weil weniger Steuern rein kommen, ein kleiner Vorgeschmack, mit dem der geschilderte Ablauf noch mehr in Schwung gebracht wird).

Was tun?

Gruß
Lud

mit Sicherheit kein Grund

… aufgrund der ständig zunehmenden Staatsverschuldung und
auch des Zinseszinseffekts steigen die Zinszahlungen des
Staates jedes Jahr an, und sie steigen auch jedes Jahr ein
bißchen mehr an, und auch das bißchen wird jedes Jahr ein
bißchen mehr.

Ohne steigende Verschuldung steigen die Zinsen eben nicht an, weil es (außer mit der Ausnahme Bundesschatzbrief Typ B) keine Zinseszinsen gibt. Die Zinsen werden bei Ahnleihen und allen anderen Finanzierungsmethoden (mit der genannen Ausnahme) nämlich jährlich oder halbjährlich bezahlt.

Daß die Zinslast bei steigender Verschuldung steigt, ist unbenommen, aber es gibt definitiv keine Zinseszinsen.

Durch ständige Wiederholung die gegenteilige Behauptung nicht richtiger.

Gruß
Christian

P.S.

(In Hessen wurde jetzt beschlossen, mehr
Schulden zu machen, weil weniger Steuern rein kommen,

Dies wäre solange kein Problem, wenn bei steigenden Steuereinnahmen die Verschuldung wieder reduziert werden würde. Komischerweise denken Politiker aber bei steigenden Steuereinnahmen immer zuerst daran, die Ausgaben zu erhöhen.

Aber die Frage wird sich die nächsten Jahre eh nicht stellen, weil die derzeitige Übergangsregierung erfolgreich alles unternimmt, was zu einer Erhöhung der Steuereinnahmen durch Wirtschaftswachstum führen könnte.

Daß die Zinslast bei steigender Verschuldung steigt, ist
unbenommen, aber es gibt definitiv keine
Zinseszinsen.

Durch ständige Wiederholung die gegenteilige Behauptung nicht
richtiger.

Hallo Christian,

vielen Dank für die Aufklärung, das wußte ich noch gar nicht.

Aller Dings frage ich mich jetzt doch folgendes: Wenn der Staat Schulden macht, um Zinsen zahlen zu können, dann muß er ja für diese neuen Schulden auch wieder Zinsen zahlen. Sind das dann realistisch gesehen nicht auch Zinseszinsen, wenn auch nicht formell?

Wo habe ich mich denn wieder holt, habe ich mich schon mal in diesem Form geäußert?

Schönes Wochende noch wünscht Lud

hi,

ein weiterer grund ist der konsummangel. viele gelder die zwar marginal durch das pos. BIP wachstum erzielt werden, werden nicht verkonsumiert.

das liegt m.E. auch daran, das der staat zum sparen ruft, die altersvorsorge muss gespart werden, alle müssen den gürtel enger schnallen usw.

daraus ergibt sich das problem für die wirtschaft, das die haushalte diese aufrufe allzuernst nehmen und lieber sparen als konsumieren.

des weiteren ist die gesetzgebung so labil und wechselhaft, weshalb „immer abgewartet“ wird, mal gucken was kommt. man kann sich ja nicht sicher sein. wird die riesterrente bleiben? was ist mit der EHZ? kaufe ich fonds/haeuser oder werden die mir weggesteuert? uas diesen ganzen offenen fragen (und es gibt noch 100e) entsteht zurückhaltung der haushalte.

alles kommt zusammen…

gruss vom

showbee

Zinseszins im Bundeshaushalt
Guten Morgen,

Aller Dings frage ich mich jetzt doch folgendes: Wenn der
Staat Schulden macht, um Zinsen zahlen zu können, dann muß er
ja für diese neuen Schulden auch wieder Zinsen zahlen. Sind
das dann realistisch gesehen nicht auch Zinseszinsen, wenn
auch nicht formell?

da hast Du im Prinzip recht. Einerseits aber ist der Bundeshaushalt ein Reisentopf, aus dem die verschiedensten Ausgaben bezahlt werden. Ausgerechnet den Zinsen die Nettoneuverschuldung entgegenzusetzen, ist ein wenig willkürlich. Andererseits sind die Zinszahlungen deutlich höher als die Nettoneuverschuldung. Insofern fällt der Schein-Zinseszinseffekt nur zu einem Teil an.

Wo habe ich mich denn wieder holt, habe ich mich schon mal in
diesem Form geäußert?

Das war nicht auf Dich gemünzt. Die Theorie wird auch von anderen immer weiser aufgebracht, auch immer gern in Verbindung mit der Idee, Zinsen, Geld oder das Atmen abzuschaffen. Daher mein Kommentar.

Schönes Wochende noch wünscht Lud

Danke, ebenso.

Gruß
Christian