Mal eine andere Meinung
Hallo.
Ich habe bisher zweimal diese Frage gestellt bekommen, habe zweimal wie gedruckt gelogen1 und zweimal den Job bekommen.
Die Gründe
Wie ich die Frage verstehe
Bei beiden Jobs ging es um Verkauf-/Vertriebstätigkeiten, also um Stellen, wo ich Kundenkontakt hatte. Daher nehme ich fest an, dass nicht meine Schwächen, sondern mein Umgang mit unangenehmen Kundenfragen das eigentliche Thema war. Meine Antwort zeigte also meine Stategie.
Beispiel: Wäre meine Antwort „Schokolade“ gewesen, hätte ich ausgesagt, dass ich unangenehme Themen mit Humor verdränge. Den Job hätte ich wohl nicht bekommen, aber nicht, weil ich den Personaler beschwindelt habe, sondern weil es bessere Lösungen gibt.
Phrase vs. Phrase
„Wenn ich unehrlich auf diese Frage antworte, wird der Personaler das merken.“ Und? Dann wurde auf eine alte Phrasenfrage eine Phrasenantwort gegeben. Wenn diese Antwort zum Unternehmen, zur Stelle und zum Bewerber passt - warum nicht? Echte, unangenehme Schwächen werden eh nicht genannt, wenn man die Stelle haben will. „Ich mache ständig Kaffeeflecken auf Unterlagen“ wäre wohl das sichere Aus bei einer Buchhalterstelle.
„Als ich 12 war hat meine Mutter meine Kleidung vor der ganzen Gemeinde als ‚schlampig‘ bezeichnet, seitdem bin ich mir mit meinem Aussehen und Auftreten unsicher.“ Dafür sind Psychologen da.
Seit fast 2 Stunden2 frage ich mich, welche Frage der Yellostrom-Personalerin ich mit einer völlig in eine andere Richtung gehenden Antwort völlig zerstört habe. Jeder Beobachter hätte begriffen, dass ich die Frau mit ihrer Frage habe mit Absicht auflaufen lassen3. Sie war völlig aus dem Konzept. Sie hatte Bögen vorbeitet, wo sie unter Stichpunkten Notizen schreiben konnte. Einen Stichpunkt strich sie dann heftig durch.
Ich habe die Stelle bekommen, aber wohl eher trotz statt wegen der Antwort.
Was ich sagen will: Dies ist ein Vorstellungsgespräch. Es geht nicht um Fehlerlosigkeit. Es geht darum, am besten zu passen.
Augenhöhe
Jetzt habe ich dem Unternehmen Unterlagen für die Recherche zugesendet - Lebenslauf, Arbeits- und Ausbildungszeugnisse. Jetzt sitze ich hier, um mich persönlich vorzustellen, und dann kommt so eine (Verzeihung!) Psychokacke. Denn so eine Frage werde ich nicht stellen: „Welche Nachteile hat dieses Unternehmen als Arbeitgeber?“
Das wäre destruktiv, und welche Antworten würde ich erwarten? „Nun, der Abteilungsleiter ist cholerisch, der Juniorchef rennt hinter jedem Rock her und die Gehälter werden manchmel erst sehr spät überwiesen.“ Sowas würde ich nie zu hören bekommen4. Warum sollte ich sowas von mir berichten?
Ich behaupte mal: Jede Stelle hat Nachteile, und jeder Bewerber hat Nachteile. Und diese Punkte werden beim Vorstellungsgespräch behandelt. Mal war ich zu jung, mal fehlte mir die Ausbildung, mal ein Auto. Die Stellen waren auch nie perfekt. Schlechte Arbeitszeiten, zu wenig Gehalt, stickiger Arbeitsplatz. So íst das Leben.
Ehrlichkeit
Bei den Antworten wurde gesagt, dass Ehrlichkeit im Vorstellungsgespräch sehr wichtig ist. Und das stimmt. Mit Lügen tue ich mir keinen Gefallen. Aber zum einen gibt es unzulässige Fragen, auf die ich Lügen darf und die zu stellen ein schlechtes Bild auf den Personaler werfen; und es gibt Fragen, die nicht so gemeint sind wie sie klingen. „Wo sehen sie ihre Schwächen?“ kann sich auf den Charakter oder auf die Konfliktfähigkeit beziehen. „Schokolade“ kann in beiden Fällen ehrlich sein. Ob die Antwort klug ist, ist eine andere Frage.
Schöne Grüße
Leo
(der bald doppelt so viele Arbeitgeber hatte wie der Vater und beide Großväter zusammen…)
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1Ich habe nicht meine Schwächen genannt, sondern ein vorher überlegtes Konstrukt, welches plausibel klang und meine Arbeitskraft nicht schwächer darstellte.
2Zum „Glück“ streikt der Sever und ich bin zum Däumchendrehen verurteilt.
3Zu meiner Ehrenrettung: Die Antwort war weder beleidigend oder persönlich. Die Grundstimmung blieb heiter. Das Gespräch fing eh mit einer umgeworfenen Wasserflasche an…
4Außer, ich frage die Raucher vorm Werkstor.