Frage zu ERA

Hallo!
Ich habe eine Frage dazu und hoffe mal,daß ich in diesem Brett richtig
bin…
In der Firma meines Mannes wurde ERA eingeführt.
Dabei trat eine große Diskrepanz zwischen der Stellenbeschreibung +Anforderungsprofil und der jetzigen ERA-Eingruppierung auf.

Mein Mann hat eine Stelle,für die nur Betriebswirte gesucht und eingestellt wurden.Nach ERA reicht für diese Tätigkeit(Projektmanagement) allerdings eine kaufmännische Ausbildung aus.
Welche Möglichkeiten hat er sich gegen die Eingruppierung zu wehren?
Klar,einen Termin beim Betriebsrat hat er schon beantragt.Die damalige Stellenausschreibung hat er auch.
Ums Geld geht es dabei nicht.Vielmehr ärgert es ihn,daß seine Tätigkeit quasi abqualifiziert worden ist.Viele Dinge,die in seinen Aufgabenbereich fallen tauchen in der ERA-Eingruppierung garnicht auf.
Sein Vorgesetzter ist auch nicht gerade eine große Hilfe.Der findet die Eingruppierung auch nicht in Ordnung,sieht aber keine Möglichkeit da etwas zu tun.
Ein wenig Hilfe wäre wirklich klasse.
Vielen Dank
Andrea

Hallo.

Das Reklamationsverfahren ist im ERA-Tarifvertrag geregelt. Der erste und richtige Weg ist der zum BR - der kann (auch von sich aus) reklamieren. Das nennt sich „Pauschalreklamation“. Dein Mann sollte seine tatsächlichen Aufgaben (die aus der damaligen Ausschreibung interessieren keine Socke mehr!) mit dem jetzt zugeordneten Profil und dem nächst übergeordneten vergleichen.

Tätigkeiten, die er tatsächlich ausübt und die zu einem höheren Profil gehören, auflisten und reklamieren beim Personalwesen (Kopie an BR!) als „abweichende Arbeitsumfänge“.

Stimmt die Standardaufgabenbeschreibung nicht zu, ist er also der Meinung, komplett zu einem höheren Profil zu gehören, so muss er dieses Profil anziehen.

In beiden Fällen sind die wertprägenden Aufgaben, die er tatsächlich wahrnimmt, aufzuführen.

Nach dem Reklamationsverfahren gibt es noch eine betriebliche oder überbetriebliche Partitätische Kommission, die über die Bewertung entscheidet. Danach steht der Rechtsweg offen.

Gruß Eillicht zu Vensre

Hi,

das ist echt mal wieder zu geil! Es gibt derartige Strukturen um irgendwelchen Scheiß zu regeln, den man normalerweise einfach mit normaler Menschenverstand klären müßte.

Aber das ist eben Deutschland mit seinen Luxusproblemen. Solange wir solche albernen Abläufe definieren müssen, irgendwelche Flow-Diagramme und sonstiger Müll entworfen werden um darzustellen wie irgendwelche Sachen laufen sollen, solange haben wir keine ernstzunehmenden Probleme.

Probleme hat man, wenn man in Afrika sehen muß daß man den Tag überlebt und einem die Kinder nicht verhungern…

Das geht nicht gegen dich, Eillicht, mir geht eben nur immer öfter der Gedanke durch den Kopf welcher Wahnsinn hier eigentlich tagtäglich abläuft wenn sich Leute mit solchen Luftschlössern beschäftigen, dafür (im internationalen Vergleich) hohe Löhne kassieren und eine Produktivität haben, die nicht nur neutral ist, sondern gar in den negativen Bereich fällt weil dieser ganze Bürokratenmüll nur unnötige Schwierigkeiten macht, dabei aber oft nichtmal ein Problem löst. Jedenfalls keins, was man ohne diesen Schmarrn erst gar nicht hätte.

Manchmal verstehe ich Deutschland nicht mehr. Kollektiver Wahnsinn…

Gruß,

MecFleih

PS: Ganz ehrlich, mich hat deine Antwort fasziniert und ich kritisiere dich nicht! Ich wollte nicht sagen daß Du ein überflüssiger Depp bist, sondern geile mich nur an diesen Abläufen auf.

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Hallo.

Du bist ganz bestimmt nicht der Einzige, der sich stehend freihändig erbricht, wenn er ein derartiges Chaos sieht. Nur muss man konstatieren, dass in allen Ländern, in denen Löhne nicht einfach aus der Hüfte geschossen werden (mit allen positiven und negativen Begleitumständen), solche monströsen Abläufe zum Alltag gehören. Das Ei des Kolumbus ist hier m.W. noch nicht gelegt …

ERA wird dort kompliziert, wo große Mengen hinter den kleinen Zahlen stehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Unternehmen mit 20 Beschäftigten anfängt, nach der dritten Stelle hinter dem Komma zu suchen. Bei 200000 Leuten sieht das schon wieder ganz anders aus … ich kenne Fertigungspläne, die Vorgabezeiten (in Minuten) bis auf die fünfte Stelle hinter dem Komma ausweisen. In Worten : Hunderttausendstel-Minuten! Das ist weniger als eine Tausendstelsekunde bei Prozessen, die in der Gesamtheit 20 Minuten dauern. Einsparpotential, bei 1 Mio. Stück, letzte Stelle von 9 auf 0 gedreht : 9000 Minuten entsprechend 150 Stunden. Auf die Gesamtzeit gerechnet ein Fliegenschiss, als einzelne Zahl groß genug, dass jedem Controller die Freude am Bein runterläuft.

Beispiel USA : Wo Tarifverträge gelten (speziell im UAW- Bereich, aber nicht nur dort), werden Prinzipien angewandt, die selbst in D seit 50 Jahren auf der Müllkippe liegen (Senioritätsprinzip, unabhängig vom Qualifikations- oder Tätigkeitslevel, zum Beispiel). Hirnwichserei ist durchaus nicht ein deutsches Problem - und auch keines von Tarifverträgen (Zeitaufnahmen nach MTM arbeiten auch mit Tausendsteln von Dezimalminuten).

Zurück zu ERA : Der hehre Grundgedanke - der übrigens schon in den 70er Jahren entwickelt wurde - war, gleichzeitig ein einheitliches Entgeltsystem für alle zu schaffen (also, die Trennung zwischen Angestellten und Arbeitern von anno dunnemals aufzuheben), und zugleich die aufwendigen Arbeitsbewertungsmethoden der Analytik und Summarik auf den Müllhaufen der Geschichte zu werfen. Im Metallbereich sollten außerdem noch die Unterschiede zwischen kaufmännischem, technischem und Meistertarif sowie die Bezahlung nach Lebensalter abgeschafft werden. Alles Errungenschaften aus den Anfängen der Arbeitsteilung sowie den Verteilungskämpfen an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert …

Das nun mit viel Gegacker auf allen Seiten gelegte Ei ist, wie das Eier nun mal an sich haben, natürlich nicht rund geworden. Es gibt allein in der Metallverarbeitung mindestens fünfzig verschiedene Grundberufsbilder, die wiederum verschiedene Ausprägungen hinsichtlich der Komplexizität der Arbeitsaufgabe aufweisen und außerdem je nach Größe des Betriebes noch unterschiedlich zusammengefasst sind …

und spielt der Kandidat weiter? Spätestens an dieser Stelle bist Du entweder gezwungen, doch wieder jede Arbeitsaufgabe haarklein zu beschreiben, also Einzelaufnahmen zu machen, oder aber einen Strich mittendurch zu ziehen und einen Katalog von Beispielen zu entwickeln, die dann schlecht und recht dem Einzelnen übergestülpt werden. Dass das für Gemaule sorgt, kann, glaube ich, nicht wirklich überraschen. Dann kommen noch politische Setzungen hinzu (Kostenneutralität „in Summe“ auf der einen, Fondsmodelle und Besitzstände auf der anderen Seite). Die Quadratur des Kreises ist ein *PIEP* dagegen.

das ist echt mal wieder zu geil! Es gibt derartige Strukturen
um irgendwelchen Scheiß zu regeln, den man normalerweise
einfach mit normaler Menschenverstand klären müßte.

Tscha - wie gesagt, in einem kleinen bis mittleren Betrieb kann man das mit ein wenig gutem Willen wohl hinkriegen, wenn an keinem Ende des Tisches Vernagelte sitzen und mit 5 € nach dem Cent suchen. Beim Thema ERA aber sitzen betriebliche und Tarifvertragsparteien, Kammern und Wirtschaftsverbände und nicht zu vergessen die politischen Parteien (letztere nur verdeckt) mit am Tisch - und dieser ist dann auch noch rund, hat ergo ziemlich viele Ecken, in denen man Verbohrte finden kann.

PS: Ganz ehrlich, mich hat deine Antwort fasziniert und ich
kritisiere dich nicht!

Ich kann da auch gar nichts für. Nee, stimmt nicht, einige Passagen in unserem jetzigen Tarifvertragswerk sind auch (mit) auf meinem Mist gewachsen. Für die jetzt teilweise dilettantische Umsetzung jedoch lehne ich jegliche Verantwortung ab (bin in 2004 freiwillig über Bord gesprungen).

Ich wollte nicht sagen daß Du ein überflüssiger Depp bist

Niemand ist überflüssig, er kann immer noch als warnendes Beispiel verwendet werden. Und in diesem Fall bin ich nur der Bote …

Gruß Eillicht zu Vensre

Hallo Andrea!

Hach, eins meiner Lieblingsthemen derzeit.

Dabei trat eine große Diskrepanz zwischen der
Stellenbeschreibung +Anforderungsprofil und der jetzigen
ERA-Eingruppierung auf.

Und warum das ganze: Weil entschieden wurde, mit den wenigen Basisaufgabenbeschreibungen, die zwischen Gewerkschaft und AG-Verband verhandelt wurden, angereichert durch einige wenige betriebliche Beispiele auszukommen. Jeder, der etwas exotischer arbeitet, muss zwangsläufig durch das Raster fallen.

Mein Mann hat eine Stelle,für die nur Betriebswirte gesucht
und eingestellt wurden.Nach ERA reicht für diese
Tätigkeit(Projektmanagement) allerdings eine kaufmännische
Ausbildung aus.

Und warum? Weil mittlerweile schlicht nach Gehalt eingruppiert wird und eben nicht nach Anforderung oder Ausbildung. Und wenn jemand eben im Durchschnittsvergleich eher weniger verdient, als seiner Ausbildung/seinen Anforderungen angemessen wäre (z.B. wegen kleiner Fa. o.ä.), dann wird er stumpf in einer Entgeltgruppe gruppiert, die seinem Gehalt aber eben nicht seiner Ausbildung oder Erfahrung entspricht.

Welche Möglichkeiten hat er sich gegen die Eingruppierung zu
wehren?

Na ja, bei uns ist klar die Führungskraft der erste Ansprechpartner, wird hier keine Klärung herbeigeführt, gibt es die paritätische Kommission zur Klärung.

Klar,einen Termin beim Betriebsrat hat er schon beantragt.Die
damalige Stellenausschreibung hat er auch.
Ums Geld geht es dabei nicht.

Es verliert ja auch niemand was:wink:

Vielmehr ärgert es ihn,daß seine
Tätigkeit quasi abqualifiziert worden ist.Viele Dinge,die in
seinen Aufgabenbereich fallen tauchen in der
ERA-Eingruppierung garnicht auf.
Sein Vorgesetzter ist auch nicht gerade eine große Hilfe.Der
findet die Eingruppierung auch nicht in Ordnung,sieht aber
keine Möglichkeit da etwas zu tun.

Jepp, so ist das. Was habe ich Energie reingesteckt, nach den einstmaligen Vorgaben zu Beginn des ERA-Prozesses sinnvolle Aufgabenbeschreibungen und faire Eingruppierungen für meine Mitarbeiter zu bekommen. Und wo bin ich gelandet? Am Ende durfte ich nicht einmal mehr mitreden, die letztendlichen Eingruppierungen wurden schlicht durch die Personalabteilung unter der Maßgabe der Ausgabenneutralität festgelegt. Aber ich darf den Käse dann gegenüber meinen Mitarbeitern vertreten.
Ich denke, dass ERA zu einem der größten vorstellbaren Frustrationserlebnisse geworden ist, und zwar sowohl auf der Führungsseite als auch auf der Mitarbeiterseite. Und das schlimme dabei: Diese Frustration entsteht, ohne dass irgendwer entscheidende Vorteile hat. Ich kapiere es ehrlich gesagt auch nicht und bin genauso hilflos, wie der Chef Deines Mannes.

Grüße
Jürgen

Danke
Hallo!
Danke erstmal für eure Antworten.
Na klar-es geht bei ERA auch ans Gehalt.Aber-wenigstens was bei der Sache-die Abstriche sind bei meinem Mann minimal.
Was ihn wirklich richtig ärgert ist die Abqualifizierung.Er ist staatlich geprüfter Maschinenbautechniker,hat seinen Betriebswirt bei der VWA Stuttgart gemacht,diverse Kurse-die lt. Firma für diesen Posten unbedingt!!! nötig sind-mitgemacht…und jetzt ist das alles total unnütz??
Fragt mal wie es in der Firma(größerer Automobilzulieferer in Stuttgart)brummt?Die Infoveranstaltung zu ERA war auf jeden Fall sehr gut besucht;der Betriebsrat kommt mit der Terminvergabe gar nimmer nach und die meisten Mitarbeiter sind mehr als sauer…
Er geht jetzt auf jeden Fall den vorgeschlagenen Weg.Falls sich nichts ändert gibt es Dienst nach Vorschrift.Zudem freundet er sich gerade mit dem Gedanken an der Firma den Laufpaß zu geben.
Danke nochmal
Andrea