Hallo.
Du bist ganz bestimmt nicht der Einzige, der sich stehend freihändig erbricht, wenn er ein derartiges Chaos sieht. Nur muss man konstatieren, dass in allen Ländern, in denen Löhne nicht einfach aus der Hüfte geschossen werden (mit allen positiven und negativen Begleitumständen), solche monströsen Abläufe zum Alltag gehören. Das Ei des Kolumbus ist hier m.W. noch nicht gelegt …
ERA wird dort kompliziert, wo große Mengen hinter den kleinen Zahlen stehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Unternehmen mit 20 Beschäftigten anfängt, nach der dritten Stelle hinter dem Komma zu suchen. Bei 200000 Leuten sieht das schon wieder ganz anders aus … ich kenne Fertigungspläne, die Vorgabezeiten (in Minuten) bis auf die fünfte Stelle hinter dem Komma ausweisen. In Worten : Hunderttausendstel-Minuten! Das ist weniger als eine Tausendstelsekunde bei Prozessen, die in der Gesamtheit 20 Minuten dauern. Einsparpotential, bei 1 Mio. Stück, letzte Stelle von 9 auf 0 gedreht : 9000 Minuten entsprechend 150 Stunden. Auf die Gesamtzeit gerechnet ein Fliegenschiss, als einzelne Zahl groß genug, dass jedem Controller die Freude am Bein runterläuft.
Beispiel USA : Wo Tarifverträge gelten (speziell im UAW- Bereich, aber nicht nur dort), werden Prinzipien angewandt, die selbst in D seit 50 Jahren auf der Müllkippe liegen (Senioritätsprinzip, unabhängig vom Qualifikations- oder Tätigkeitslevel, zum Beispiel). Hirnwichserei ist durchaus nicht ein deutsches Problem - und auch keines von Tarifverträgen (Zeitaufnahmen nach MTM arbeiten auch mit Tausendsteln von Dezimalminuten).
Zurück zu ERA : Der hehre Grundgedanke - der übrigens schon in den 70er Jahren entwickelt wurde - war, gleichzeitig ein einheitliches Entgeltsystem für alle zu schaffen (also, die Trennung zwischen Angestellten und Arbeitern von anno dunnemals aufzuheben), und zugleich die aufwendigen Arbeitsbewertungsmethoden der Analytik und Summarik auf den Müllhaufen der Geschichte zu werfen. Im Metallbereich sollten außerdem noch die Unterschiede zwischen kaufmännischem, technischem und Meistertarif sowie die Bezahlung nach Lebensalter abgeschafft werden. Alles Errungenschaften aus den Anfängen der Arbeitsteilung sowie den Verteilungskämpfen an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert …
Das nun mit viel Gegacker auf allen Seiten gelegte Ei ist, wie das Eier nun mal an sich haben, natürlich nicht rund geworden. Es gibt allein in der Metallverarbeitung mindestens fünfzig verschiedene Grundberufsbilder, die wiederum verschiedene Ausprägungen hinsichtlich der Komplexizität der Arbeitsaufgabe aufweisen und außerdem je nach Größe des Betriebes noch unterschiedlich zusammengefasst sind …
und spielt der Kandidat weiter? Spätestens an dieser Stelle bist Du entweder gezwungen, doch wieder jede Arbeitsaufgabe haarklein zu beschreiben, also Einzelaufnahmen zu machen, oder aber einen Strich mittendurch zu ziehen und einen Katalog von Beispielen zu entwickeln, die dann schlecht und recht dem Einzelnen übergestülpt werden. Dass das für Gemaule sorgt, kann, glaube ich, nicht wirklich überraschen. Dann kommen noch politische Setzungen hinzu (Kostenneutralität „in Summe“ auf der einen, Fondsmodelle und Besitzstände auf der anderen Seite). Die Quadratur des Kreises ist ein *PIEP* dagegen.
das ist echt mal wieder zu geil! Es gibt derartige Strukturen
um irgendwelchen Scheiß zu regeln, den man normalerweise
einfach mit normaler Menschenverstand klären müßte.
Tscha - wie gesagt, in einem kleinen bis mittleren Betrieb kann man das mit ein wenig gutem Willen wohl hinkriegen, wenn an keinem Ende des Tisches Vernagelte sitzen und mit 5 € nach dem Cent suchen. Beim Thema ERA aber sitzen betriebliche und Tarifvertragsparteien, Kammern und Wirtschaftsverbände und nicht zu vergessen die politischen Parteien (letztere nur verdeckt) mit am Tisch - und dieser ist dann auch noch rund, hat ergo ziemlich viele Ecken, in denen man Verbohrte finden kann.
PS: Ganz ehrlich, mich hat deine Antwort fasziniert und ich
kritisiere dich nicht!
Ich kann da auch gar nichts für. Nee, stimmt nicht, einige Passagen in unserem jetzigen Tarifvertragswerk sind auch (mit) auf meinem Mist gewachsen. Für die jetzt teilweise dilettantische Umsetzung jedoch lehne ich jegliche Verantwortung ab (bin in 2004 freiwillig über Bord gesprungen).
Ich wollte nicht sagen daß Du ein überflüssiger Depp bist
Niemand ist überflüssig, er kann immer noch als warnendes Beispiel verwendet werden. Und in diesem Fall bin ich nur der Bote …
Gruß Eillicht zu Vensre