leider etwas länger:
Hallo Frank,
haltet bitte meine Frage für naiv oder nicht, aber ich kenne
mich in den Religionen absolut fast nicht aus.
das finde ich gar nicht naiv. Das ist eine der am schwierigsten zu erklärenden Fragen.
Außerdem ist dieses Forum genau dazu da
Was ist der Unterschied zwischen einem orthodoxen und einem
anderen Juden (zionistischem?)?
Vorbemerkung:
Man muss sich erstmal deutlich machen, daß Judesein einerseits ursprünglich etwas damit zu tun hat,
zum jüdischen Volk zu gehören und
eine bestimmte religiöse Praxis beinhaltete, nämlich das traditionelle oder auch orthodoxe oder auch torahtreue Judentum.
Im Zuge der Geschichte und in Europa insbesondere mit der Aufklärung verbunden haben sich auf verschiedenen Ebenen Unterscheidungen entwickelt:
- auf RELIGIÖSER Ebene
Im Zuge der Aufklärung in Europs hat sich die Frage gestellt:
Wie kann man in der Moderne als Jude nach den Geboten der Väter leben und Anteil an der modernen Kultur und Gesellschaft haben.
Wie weit kann man mit der Integration in die Gesellschaft gehen ohne jüdischeIdentität preiszugeben.
Als Antwort auf diese Frage sind die religiösen Richtungen des Judentums zu sehen, die es heute gibt:
orthodoxes, konservatives, rekonstruktionistisches Judentum sowie das Reformjudentum.
Die Richtungen des Judentums, die nicht-orthodox sind nennt man "
liberales Judentum"
Diese Richtungen und was sie unterscheidet habe ich beschrieben auf der Seite:
http://www.berlin-judentum.de/synagogen/richtungen.htm
Ich kopiere das hier nicht rein, weil das Ganze sonst zu lang wird. Hier nur der kurze Abschnitt zu orthodoxem Judentum, nach dem Du gefragt hast:
Orthodoxes Judentum („gesetzestreues" oder „torahtreues" Judentum)
„Nach dem Verständnis des orthodoxen Judentums wurde die Torah (die schriftliche und die mündliche) am Sinai von G-tt offenbart. Sie ist ewig und unveränderlich und die einzige Richtschnur für das tägliche Leben. Die schriftliche und die mündliche Torah sind GLEICHRANGIG. Orthodoxe Juden beachten sehr sorgfältig und streng die Gebote als den direkt geoffenbarten Willen G-ttes.
Seit Mitte des 19. Jahrhunderts gab es auch innerhalb der Orthodoxie Stimmen, die zu einer positiven Haltung der modernen Kultur gegenüber aufriefen. Allerdings bestehen ultraorthodoxe Gruppen nach wie vor darauf, daß nur eine vollständige Trennung von der säkularen Welt das Überleben des Judentums gewährleisten kann.“
- Auf KULTURELLER Ebene
die aschkenasischen Juden: das sind die, deren Vorfahren aus Deutschland oder Osteuropa stammen - Aschkenas ist das hebräische Wort für Deutschland, die Sprache der Aschkenasen war das Judendeutsch und das Jiddische (Achtung das sind zwei unterschiedliche Dinge)
Die Aschkenasen haben großenteils unter christlicher Herrschaft gelebt und eine entsprechende Verfolgungsgeschichte
die SEPHARDISCHEN Juden: das sind die, deren Vorfahren aus Spanien stammen und nach 1492 von dort vertrieben wurden und sich hauptsächlich im Mittelmeerraum ausbreiteten (Griechenland, Nordafrika, Türkei etc.)
Die Sprache der Sepharden ist ladino, judeoespagnol, judeotürkisch und noch einige andere
Die Sepharden haben großenteils unter muslimischer Herrschaft gelebt und waren diejenigen, die arabisches Kulturgut übersetzt und nach Europa gebracht haben.
Die wichtigsten Werke der Sepharden - auch die religiösen - sind auf arabisch verfaßt.
Der Unterschied zwischen Sepharden und Aschkenasen ist ein kultureller (Speisen, Sprachen, Literatur, Liturgie etc.) so änlich wie zwischen italienischen Katholiken und dänischen Katholiken 
- die POLITISCHE Ebene
Unter den verschiedenen Situationen, unter denen Juden gelebt haben, sind natürlich auch Konzepte entstanden, wie Zusammenleben aussehen könnte sollte.
Eines dieser Konzepte ist der Zionismus, der Frucht der Verfolgungsgeschichte in Europa war. Der Zionismus ist ein politisches Konzept mit religiösen Elementen (ursprünglich!), aber in sich ist der Zionismus so vielschichtig, daß man von mindestens 9 verschiedenen Richtungen sprechen kann von religiös bis säkular.
Es gibt orthodoxe Juden, die Zionisten sind und andere orthodoxe, die das ablehnen, weil sie sagen erst wenn der Messias kommt würde das jüdische Volk in das verheissene Land zurückkehren.
Es kann also jemand heute ein amerikanischer Jude sein, der osteuropäische Vorfahren hat (also Aschkenase) ist und außerdem orthodox ist, aber nicht-zionistisch.
Um die Schwierigkeiten vollkommen zu machen:
Es gibt auch säkulare Juden, die eine starke jüdische Identität haben, aber mit Religion nichts am Hut haben.
Hier ist noch eine Überblicksseite über Zionismus:
http://jafi.jewish-life.de/zionismus/deutsche_titels…
Uffz - ich hoffe, das hilft für`s Erste.
Viele Grüße
Iris