lese gerade sehr viel über den Widerstand im 3. Reich. Dabei ist mir eine Frage entstanden…
Ich habe gelesen, dass die Nazis Aufzeichnungen bei einem oder mehreren Leuten des 20.Juli gefunden haben. Es gabe wohl Notizen, wer welchen Posten nach dem Ende der Diktatur übernehmen sollte. U.a. schreibt Frau Gräfin von Dönhoff (die ja auch am Widerstand 20. Juli beteiligt war), dass sie nicht von den Nazis inhaftiert oder schlimmeres wurde, da sie nicht in dieser Postenvergabeliste aufgeführt war (sie wollte sich um ihre Ostpreußischen Güter kümmern).
Nun frage ich mich, wieso es solche Aufzeichnungen überhaupt gegeben hat? Es muß ja klar gewesen sein, dass, wenn die Nazis diese hätten, dann alle dran wären???
Da mir diese Frage mich doch sehr beschäftigt, gebe ich diese an Euch weiter…
tja, das ist eine schlimme Sache gewesen. Sagen wir mal so: der Deutsche (Preuße) taugt nicht zur Verschwörung. Bei den beteiligten Offizieren klappte die Geheimhaltung recht gut, sie waren ja ohnehin an Verschwiegenheit gewöhnt. Besonders Gördeler aber war wohl zu vertrauensselig, was u.a. Adenauer abhielt, sich in dieser Sache zu engagieren. Andererseits musste man sich ja offenbaren, um Sympathiesanten zu finden. Ein heikles Unterfangen.
Die Hauptbeteiligten des 20. Juli waren aber nicht in Untergrundarbeit geschult, was ja auch ihre Tragik ausmacht: im System gegen das System arbeiten. Von Tresckow wählte nach dem Scheitern den Freitod, um nicht unter Folter Namen zu verraten.
Trotzdem sind so viele Aufzeichnungen nicht angefertigt worden, was bis heute in der Geschichtswissenschaft Probleme macht. Da werden noch heute Widerständler als halbe Nazis disqualifiziert, weil es nun mal in den offiziellen Papieren steht. Was der Beteiligte heimlich getan hat, können nur Überlebende mündlich überliefern. Insofern würde ich die Zahl derer, die wegen Fahrlässigkeit der Gestapo in die Hände fielen, nicht zu hoch ansetzen.
Viele Grüße,
Andreas
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Die Verantwortlichen des 20. Juli gingen natürlich von einem Erfolg Ihres Vorhabens aus und planten entsprechend. Viel hat ja auch nicht gefehlt.
Nicht alles lässt sich bei einer Aktion in einer solchen Dimension ohne schriftliche Aufzeichnungen und nur mit Flüsterparolen durchführen. Wäre das Attentat geglückt, dann gätte es eine Erfolgschance gegeben und damit eine Überlebenschance für die Beteiligten. Und - nicht vergessen - bis zum 20. Juli hat die Geheimhaltung funktioniert.
Wer allerdings von vornherein ein Scheitern mit einplanen möchte, der sollte besser nicht putschen.
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Ansonsten: Man muß bedenken, daß das nicht nur eine Handvoll verschwörer waren. Das war ein Netzwerk, daß sich über ganz Deutschland und zum Teil auch über die besetzten Gebiete erstreckte. Da ja Telefone abgehört werden konnten, lief sicher manches über den Postweg - und konnte schon das eine oder andere Schriftstück mal der Vernichtung entgehen.
Zum anderen war die Zusammensetzung der Verschwörer von der Zielsetzung her recht verschieden. Einig war man sich nur, daß Hitler weg mußte - ansosnten gab es recht unterschiedliche Meinungen. Und da Zivilcourage auch nicht gerade eine deutsche Erfindung ist, wollten sich viele auch erst aus der Deckung wagen, wenn von der Sache her alles geklaufen war und sie sich nur noch auf einen der frei gewordenen Posten zu setzen brauchten.
Da wa sehr viel Fingerspitzengefühl nötig und sicher haben die Köpfe der Verschwörer da echt ein paar Notizen gebraucht, um den Überblick zu behalten, wer bis zu welchem grade eingebunden war und wer unter welchen Bedingungen überhaupt bereit war, mitzumachen.
Sicher trieben einen Stauffenberg wirklich recht edle Motive. Aber manche der anderen waren winfach nur scharf auf einen Posten und wollten den schon vorher schriftlich zugesichert haben - es waren da durchaus auch ein paar Hestalöen dabei, die sich nicht so richtig für eine Heldenrolle eigneten.
Vorweg gesagt: Was über die Zeit des Dritten Reiches geschrieben wird, bleibt fragwürdig, da die Diskussionen sehr behindert werden und jeder Beitrag, der auf Klärung eines Sachverhaltes gerichtet ist, Emotionen aufwühlt.
Nun frage ich mich, wieso es solche Aufzeichnungen überhaupt
gegeben hat? Es muß ja klar gewesen sein, dass, wenn die Nazis
diese hätten, dann alle dran wären???
Als Soldat würde ich hier antworten, dass man irgendwann aus der Deckung kommen muss, wenn man einen lebensbedrohenden Feind abwehren will. Die Organisation einer „No-Name-Widerstandsvereinigung“ mit konspirativen Verhaltensregeln, die z.B. grundsätzlich keine Schriftdokumente anfertigt, mündlich nur per Flüsterton kommuniziert, bedarf einer Planung und Konzepterstellung in Ruhe und Sicherheit. Die Deutschen wurden aber individuell so überwacht und mit anderen Aufgaben überhäuft, dass kaum ein Freiraum für Putschplanungen blieb. In einer solchen Situation konnten gröbere Fehler nicht vermieden werden.
MfG Gerhard Kemme
Trotzdem sind so viele Aufzeichnungen nicht angefertigt
worden, was bis heute in der Geschichtswissenschaft Probleme
macht. Da werden noch heute Widerständler als halbe Nazis
disqualifiziert, weil es nun mal in den offiziellen Papieren
steht.
Ich würde das anders formulieren. Die Geschichtswissenschaft arbeitet mit Fakten und authentischen Texten. Die „Widerständler“ werden deshalb nicht „disqualifiziert“, sondern qualifiziert - u.a. in ihrer Nazi-Eigenschaft. Das ist nicht so schwarz-weiß und nicht mal grau, das ist halt das Leben. Sie waren gleichzeitig Nazis und Widerständler, und ihre Motive wären nur zum Teil mit unseren hochmoralischen Erklärungsmustern kompatibel.
danke für den guten Hinweis; der Aufsatz dürfte meine Intention treffen. Mir ging es z.B. darum, dass jedem Offizier in die Beurteilung geschrieben wurde, er sei überzeugter Nationalsozialist. Das musste dort stehen, wenn man ihn fördern wollte. Wenn dann unbeleckte „Magistranten“ solche „Funde“ machen, sind die voll beeindruckt, und meinen die ganze Geschichte umschreiben zu können.
Es hat eben auch viel mit dem Aussterben der Zeitzeugen zu tun.
Sie waren gleichzeitig Nazis und Widerständler
Nein, so kann ich das nicht akzeptieren. Ich kann zum Schein Nazi sein oder Mitglied der NSDAP. Aber die Aufgabe des Historikers wäre zu zeigen, dass in Wirklichkeit eine andere Überzeugung dahinter stand.
Die Einsicht, dass Widerstand zweckmäßigerweise von innen am erfolgreichsten ist, führte dann zu manchmal schlimmen Kompromissen. Aber nicht zwangsläufig.