ich habe eine Frage an alle Kenner des Althebräischen.
Im Psalm 139,16 der aktuellen Übersetzung der deutschen Bibelgesellschaft nach Martin Luther heißt es:
Deine Augen sahen mich,
als ich noch nicht bereitet war,
und alle Tage waren in dein Buch geschrieben,
die noch werden sollten und von denen keiner da war.
Etwas ähnliches findet sich im Koran in der Sure 27,77 (kufische Zählung)
Und nichts verborgenes ist im Himmel und auf Erden, das nicht in einem deutlichen Buche stünde.
Hier könnte man doch herauslesen, daß das Schicksal eines Menschen vorherbestimmt ist.
In einer anderen Bibelübersetzung findet man Psalm 139,16 folgendermaßen übersetzt:
Deine Augen sahen sogar den Embryo vor mir,
und in dein Buch waren alle seine Teile eingeschrieben
hinsichtlich der Tage da sie gebildet wurden
und unter ihnen noch nicht einer da war
Hier ist nun von Schicksal keine Rede mehr.
Meine Frage an die Hebräisch-Experten ist nun, ob aus dem Text des Psalms diese zweite Übersetzung tatsächlich möglich ist, unabhängig von der Frage, ob man an die Vorherbestimmtheit des Schicksals glaubt oder nicht.
Meine Frage an die Hebräisch-Experten ist nun, ob aus dem Text
des Psalms diese zweite Übersetzung tatsächlich möglich ist,
unabhängig von der Frage, ob man an die Vorherbestimmtheit des
Schicksals glaubt oder nicht.
Ob die Übersetzung korrekt ist oder nicht, kann ich Dir nicht sagen. Das war ja wohl auch nicht Deine Absicht.
Sinngemäß ließe sich aber kein Fehler erkennen. Hier wie dort deutet es auf die Allwissenheit des Göttlichen hin, das über der Zeit in der Absolutheit des Seins steht.
Ich hab in bibleworks verschiedene Übersetzungen und Originaltext übereinander gestellt. (zugegeben mein hebräisch war mal besser…)
Mal eine verwegene These:
Alle Tage sind verzeichnet. Bedeutet: Der Schöpfer weiß, wie lange mein Leben andauernd wird (wie viel Tage eben)
Der Inhalt dieser Tage? Ist der den unbedingt verzeichnet?
Warum zitierst du eigentlich den Koran? Das hat doch nichts mit dem AT-Original zu tun.
Ich glaube wirklich nicht, dass es hier um eine Prädestination geht.
Im Seminar dazu habe ich gelernt, dass das eine Gerichtsanrufung ist: JHWH wird als Zeuge für die Unschuld herbeigezogen (nicht unüblich in der Antike). Göttergericht sozusagen.
Also: Ich armer Mensch bin ein offenes Buch vom Anfang bis zum Ende. Mehr aber auch nicht. Gott weiß, dass ich unschuldig bin, er wird meine Widersacher strafen (139,19).
Daher: Der Beter sieht sein Leben in der Retrospektive (wo ja angeblich das Verbrechen geschehen sollte), er schenkt der Zukunft keine bedeutung. nagut: Außer das er nicht hingerichtet werden will…
„Schicksal“ wie du es nennst, gibt es wohl im AT nicht. Aber da würde ich jetzt ein Fass aufmachen… Nur kurz: Schicksal wäre eine von Gott und dem Menschen unabhängige zufällige (oder in der Antike: über den Gottheiten stehende Gewalt, personifiziert u.a. in den Schicksalsfrauen (ja genau: die mit dem Lebensfaden)).
Apropos „Buch“: Das Lebensbuch ist wie eine Liste zu denken, wo alle Einwohner eines Königreichs (z.B) eingeschrieben stehen. Also so eine Art Melderegister. Dann ist es auch etwas klarer. Die Menschen wisse erst bei der Geburt und beim Tod, wann sie Menschen in diese Listen ein- und austragen können. Gott hat da eben einen Wissensvorsprung…