Frage zur innerdeutschen Grenze

Hallo zusammen,

dieses Wochenende haben wir einen Ausflug nach Eisenach zum Weihnachtsmarkt gemacht. Auf der Fahrt dorthin haben wir die ehemalige innerdeutsche Grenze überquert. Da ich (32 Jahre) nicht viele Erinnerungen an damals hatte, haben wir den Grenzstreifen (incl. Point Alpha) mit einem beklemmenden Gefühl besichtigt, und die Geschichte visualisiert.
Jetzt hab ich mal eine Verständnisfrage… Sehr oft liest man, daß Familien entzweit wurden, oder Leute nicht mehr in ihre Dörfer zurück konnten, weil auf einmal die Grenze da war.
Aber die Grenze wurde doch nicht in einer Nacht erbaut?? Hat sich das damals nicht abgezeichnet, daß dort eine Grenze entsteht? Haben die Leute es vielleicht einfach nicht mitbekommen?
Dies kann ich mir eigentlich kaum denken, da z.B. der Ort Geisa doch sehr nah an der Grenze liegt.
Vielleicht kann mir ein Zeitzeuge mal ein wenig Licht ins Dunkle bringen :smile:

Viele Grüße
Monika

Hallo Monik

Dörfer zurück konnten, weil auf einmal die Grenze da war.
Aber die Grenze wurde doch nicht in einer Nacht erbaut?? Hat
sich das damals nicht abgezeichnet, daß dort eine Grenze
entsteht? Haben die Leute es vielleicht einfach nicht
mitbekommen?

Die Grenze existiert seit Ende des 2.Weltkrieges und der Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen. Im Anfang war es sogar schwer, die Grenzen der westlichen Besatzungszonen untereinander zu überschreiten.
Im sogenannten kleinen Grenzverkehr wurden die Demarkationslinien aber immer wieder überschritten, wenn auch mit Risiko.
Als Kinder haben wir uns öfter nach Westen auf den Weg gemacht, um vorbestellte Dinge zu holen, wenn wir erwischt wurden, waren vielleicht nur die Sachen weg, sonst gab es keine Probleme.
Ab 1959 wurden einzelne Grenzabschnitte in der Nähe von Siedlungen „dichgemacht“, ab 1961 (Mauerbau Berlin) wurde auch die Zonengrenze in kurzer Zeit hermetisch abgeriegelt. ( 3 Zäune, Minenstreifen, Hunde etc.)
Landwirte, die grenznahe Flächen hatten, durften diese nicht mehr bearbeiten, „unsichere“ Einwohner aus grenznahen Orten wurden zwangsumgesiedelt, Bewohner außerhalb des 10 Km Sperrgebiets durften nur mit seltenen Passierscheinen in diesen Bereich.
Das Ganze hat sich meines Wissens innerhaln zweier Jahre abgespielt.
Natürlich haben die Grenzbewohner alles mitbekommen und es sind auch ganze Dörfer komplett geflüchtet.
Aber der Mensch ist träge und die Hoffnung stirbt zuletzt.
Meine Eltern hatten frisch gebaut und wollten ihr Eigentum nicht aufgeben, wie viele andere auch. Dass die roten Machthaber auch darauf zugreifen, konnte sich keiner vorstellen, trotz der Erfahrungen mit den Nazis.
Und die Mauer in Berlin wurde nicht zuletzt deshalb gebaut, weil der Abfluss von Einwohnern aus der DDR bedrohliche Formen angenommen hatte.
Ich hoffe, das befriedigt erstmal Deine Neugier
Gruß Rochus

Hallo Monika,

Aber die Grenze wurde doch nicht in einer Nacht erbaut?? Hat
sich das damals nicht abgezeichnet, daß dort eine Grenze
entsteht? Haben die Leute es vielleicht einfach nicht
mitbekommen?

Wenn du mal in Berlin bist, dann kannst du dir im Checkpoint-Charly-Museum ansehen, wie die Grenze in Berlin (also die Berliner Mauer) Stück für Stück enstanden ist. Da gab es einige sehr interessante Fotos, z.B. von Menschen, die plötzlich Stacheldraht vor den Fenstern ihrer Wohnung haben. Es gab auch ein Foto eines DDR-Soldaten, der die Grenze - die zu diesem Zeitpunkt aus einer großen Rolle Stacheldraht bestand - überspringt und dabei sein Gewehr wegwirft.

Ich weiß nicht, wie es in anderen Orten war. Vielleicht ähnlich. Aber das Museum solltest du dir nicht entgehen lassen.

Schöne Grüße

Petra

Es gab auch ein Foto eines DDR-Soldaten, der die Grenze - die
zu diesem Zeitpunkt aus einer großen Rolle Stacheldraht
bestand - überspringt und dabei sein Gewehr wegwirft.

Eines der berühmtesten Fotos des 20. Jahrhunderts:
http://www.tyskforlaget.dk/Resources/Tunnel/ConradSc…

Hallo,

natürlich - die Grenze an sich gab es seid 45.
Aber es konnte sich ja damals keiner vorstellen, wie das Grenzregime eines Tages aussehen würde. Denk an berlin - dort gab es bis zum 13. August 61 ja nicht einmal Kontrollen beim Sektorenwechsel. Wer also hätte ahnen sollen von den Menschen, daß dann von einem Tag auf den anderen die Grenze völlig dicht sein würde, daß es da Zwangsumsiedlungen geben würde und dergleichen?
Vergiß eins nicht: In den Köpfen der Leute war einfach der Gedanke an ein einheitliches Deutschland drin - allenfalls konnte man sich da Dinge vorstellen, wie sie an anderen zwischenstaatlichen Grenzen auch üblich waren, aber auf gar keinen Fall das, wann dann wirklich kam.

Und: Was hätten die Leute denn für eine Wahl gehabt? Du sprichst selber Geisa an - das ist ein total ländlicher Raum. Sollten die alle die Häuser und Felder und Wälder verlassen, die ihr Eigentum waren - einfach so - und irgendwo hingehen? Und weshalb eigentlich? Schließlich konnte man auch an der Grenze leben - hüben wie drüben. Im Westen gab es da sowieso kaum Einschränkungen, im Osten wurde die Einwohner der damaligen Sperrzone für die Erschwernisse ein Grenzzuschlag gezahlt. Und die relativ sichere Versorgungslage war ja auch nicht zu verachten - im Grenzgebiet gab es wesentlich mehr Dinge in den Läden als anderswo.

Natürlich hat man auf beiden Seiten die Freunde und Verwandten nie vergessen, von denen man getrennt war. Und fast überall gibt es da geschichten darüber, von welchen unebobachteten Ecken man sich all die Jahre lang mal zugewunken hat, von den Kerzen in den fenstern und vieles mehr.
Aber man hat hier wie da gelebt und sich irgendwie eingerichtet - es blieb ja einfach nichts anderes übrig. Und auch wenn es manchmal vergessen wird - auch in der DDr wurde gekebt und gefeiert und gelacht - auch da gab es persönliche glückliche Ereignisse und Erlebnisse. Manches fehlt auch ein wenig sogar - wer kann sich in dieser Überflißgesellschaft noch so wie wir früher drüber freuen, wenn er zum Beispiel vor Weihnachten mal ein lange gesuchtes schönes Geschenk ergattert hatte oder auch nur einen außerplanmäßigen Hasen als Weihnachtsbraten? Es war weiß Gott nicht immer einfach - aber sehr oft glücklicher.

Gernot Geyer

vielen Dank :smile:
Hallo zusammen,

vielen Dank für eure hilfreichen Kommentare. Habe mich jetzt in der Bücherei mit Literatur zum Thema eingedeckt.
Wenn ich noch weitere Fragen habe, werde ich mich gerne wieder an euch wenden :smile:

Viele Grüße
Monika