Hallo Elke,
Aber er ist „mir fremdgegangen“, da klingt für mich ein Besitzdenken durch
das ist ein nachvollziehbares Sprachgefühl. Zwischen einem Satzglied im Dativ (hier: ›mir‹), das einen Possessor benennt, und einem anderen Satzglied (hier: ›er‹), das für das zugehörige Possessum steht, kann eine sogenannte Haben-Relation existieren. Der Dativ wird bei dabei als Pertinenzdativ (von lat. pertinere, ›zugehören‹) bezeichnet. Die Pertinenzrelationen gehen von Körperteilen (1) über Tätigkeiten (2) bis hin zu sozialen Zusammenhängen (3), Fahrzeugen (4) und Behausungen (5):
(1) Dir-DAT ist der Arm eingeschlafen.
(2) Ich teile mir-DAT die Hausarbeit ein.
(3) Der Freund ist ihr-DAT krank geworden.
(4) Sie ist ihm-DAT vors Auto gelaufen.
(5) Gestern ist ihm-DAT das Haus abgebrannt.
Die Beispiele sollten nicht den Eindruck erwecken, dass ausschließlich negative Bedeutungen vorkommen:
(6) Der Arzt pflanzt ihr-DAT eine neue Niere ein.
(7) Mir-DAT ist eine Idee gekommen.
Es ist meines Erachtens also alles andere als falsch oder unplausibel zu sagen: »Er ist mir fremdgegangen.« Das Fremdgehen als Handlung im Sinne eines Verstoßes gegen die Vereinbarungen in einer Partnerschaft ist überhaupt nur durchführbar, wenn diese Partnerschaft existiert, der Mann also zu dir gehört – und umgekehrt.
Randbemerkung: An Satz (5) sieht man schön, wie aus Pertinenzdativen der standardsprachlich verpönte possessive Dativ entstanden sein könnte. Von ›(ist) ihm das Haus (abgebrannt)‹ zu dem reanalysierten ›dem Mann sein Haus‹ führt kein weiter Weg.
Um noch auf das einzugehen, was Heinz und Pit als Dative zitiert haben:
Du bist mir aber auch eine, Du.
Komm mir bloß keiner mit Gegenargumenten!
Das ist ein Dativus ethicus. Hier besteht gerade keine Pertinenzrelation. Der Satz wird lediglich semantisch um die emotionale Teilnahme oder moralische Bewertung des Sprechers angereichert. Nachzuweisen sind solche Sätze vor allem in familiären mündlichen Kontexten. Dativi ethici sind – nach Ansicht vieler – Modalpartikeln ähnlich und tragen, im Gegensatz zu anderen Dativen, keine semantische Rolle (wie Agens = Handelnder, Patiens = ›Behandelter‹, Benefizient = Nutznießer usw.). Daher ist in Sätzen mit Dativus ethicus ein weiteres Satzglied im Dativ möglich, das eine solche Rolle ausdrückt:
(8) Sie ist mir-DAT [ihrem Mann]-DAT zu untreu.
Außerdem ist der Dativus ethicus unbetont und kann nicht an erster Stelle im Satz stehen:
(9) Mir ist der Mann fremdgegangen.
(10) * Mir komme bloß keiner mit Gegenargumenten.
Schöne Grüße
Christopher