Freundin hat magersucht. was soll ich bloß tun?

Hallo,
eine Freundin von mir (15) hat Magersucht. Sie ist 1,75 groß und wiegt 52 kilo. Ihre Periode hat sie seit 3 Monaten nicht mehr. Soweit ich weiß, geht sie regelmäßig zum Arzt, aber ich sehe überhaupt keine Fortschritte, im Gegenteil. Seit einer Woche ist sie nur noch total müde und fertig, egal wie viel sie schläft. Sport versucht sie trotzdem zu machen.Wenn ich sie frage, was sie heute gegessen hat, kommt als antwort „eine Birne und ein halber Apfel“. Ich versuche alles mögliche, sie zu überzeugen, dass das Ausbleiben der Periode alles andere als praktisch ist(so denkt sie nämlich). aber sie sieht es nicht ein. Manchmal sagt sie, dass sie nicht weiß was sie will. sie hat aber angst davor zuzunehmen, eigentlich will sie noch weniger wiegen. Sobald sie etwas mehr isst fühlt sie sich wie eine Tonne. Das Problem ist, dass ich sie nicht sehe, da wir sehr weit weg voneinander wohnen, wir haben nur über den Chat Kontakt. Ich bin allerdings die einzige, mit der sie darüber redet. Was soll ich denn bloß machen? Ich weiß, wohin das führen kann, eine andere sehr gute Freundin von hier ist schon seit 3 Monaten in einer Klinik und sie war kurz vorm Sterben. Ich hab solche Angst um sie und fühl mich total hilflos.

Bin um jeden Rat dankbar

lg
Sara

Hallo Sara,

nach dem, was du schreibst, klingt es tatsächlich nach einer Magersucht, wenn auch das Gewicht noch nicht so dramatisch niedrig ist, dass von einer akuten Gefahr auszugehen ist.
Du klingst sehr besorgt und fühlst dich sicher hilflos, denn du würdest gerne helfen, weißt aber nicht wie.
Mit guten Ratschlägen („iss doch was“) oder mit Druck („du musst aber, sonst passiert das und das“) wirst du nichts erreichen,das hast du bestimmt schon gemerkt. Im Gegenteil, Tipps und Forderungen gehen oft nach hinten los und führen im schlimmsten Fall dazu, dass sich derjenige völlig verschließt. Zuhören hilft viel besser. Ich finde wichtig, dass ihr weiter in Kontakt bleibt, dass ihr einander vertraut. Schreibe deiner Freundin von dir, wie besorgt du bist (ohne Vorwurf oder Forderung), schreibe ihr von deinem Wunsch, etwas für sie zu tun. Für sie ist es schön und wichtig jemanden zu haben, mit dem sie sich austauschen kann. Und zwar über die üblichen Essensthemen hinaus, denn um die geht es eigentlich nicht. Du wirst ihre Magersucht nicht heilen können, aber du kannst ihr Mut und ein wenig Kraft und vielleicht auch Motivation geben, ihre Therapie fortzuführen.
Dass deine Freundin regelmäßig beim Arzt ist, spricht ja dafür, das sie eine Therapie macht. Falls nicht, wäre es natürlich notwendig. Um bereit zu sein für eine Therapie, muss man aber erstmal einen Leidensdruck spüren und den Wunsch haben, etwas zu ändern. Also ein Ziel, wo es mal hingehen soll. Ein Ziel könnte beispielsweise sein „ich wil mich mal wieder richtig wohlfühlen in meiner Haut“, „ich will endlich wieder freie Gedanken haben, die nicht immer nur ums Essen kreisen“, „ich will wieder Leben spüren und Gefühle“. Sowas in der Art.
Falls sie schon eine Therapie macht, dann kann es gut sein, dass es eine ganze Zeit dauert, bis du Fortschritte wahrnehmen kannst. Meist sind es zunächst ganz kleine Schritte der Verbesserung, bevor sich auch äußerlich was ändert. Magersucht ist eine komplexe Krankheit mit vielfältigen Ursachen, das braucht Zeit.
Ich wünsche dir alles Gute
Ulla

PS: Ich schreibe das als Psychologin, auch wenn es im Medizinerbrett steht. :smile:

Zuhören hilft viel besser. Ich finde wichtig, dass ihr weiter
in Kontakt bleibt, dass ihr einander vertraut. Schreibe deiner
Freundin von dir, wie besorgt du bist (ohne Vorwurf oder
Forderung), schreibe ihr von deinem Wunsch, etwas für sie zu
tun.

ich habe ihr schon geschrieben, dass ich mir sorgen um sie mache und ihr so gerne helfen würde. aber dann hab ich das gefühl, dass sie sich selbst vorwürfe macht, wenn sie weiß dass es mir wegen ihr nicht gut geht.

Dass deine Freundin regelmäßig beim Arzt ist, spricht ja
dafür, das sie eine Therapie macht. Falls nicht, wäre es
natürlich notwendig. Um bereit zu sein für eine Therapie, muss
man aber erstmal einen Leidensdruck spüren und den Wunsch
haben, etwas zu ändern. Also ein Ziel, wo es mal hingehen
soll.

ich glaube, die therapie ging von ihren eltern aus, aber sie will es eigl gar nicht. Sie ist zur Zeit sehr sprunghaft was ihre Meinung angeht, in der einen Minute schreibt sie, dass sie nicht zunehmen will, lieber noch mehr abnehmen, in der nächsten minute schreibt sie, dass sie eigl weiß, dass das was sie macht nicht gut ist, aber auf der anderen seite sieht sie es dann doch nicht so. dass ihre periode seit 3 monaten nicht mehr kommt und sie so müde ist, weiß niemand außer mir, sie sagt es weder ihrem arzt, noch ihren eltern, weil sie nicht will, dass sich ihre eltern sorgen machen. Ihre Mutter würde sich dann nur fragen, was sie falsch gemacht hat.

in den sommerferien kommt sie wahrscheinlich für 1-2 tage zu mir zu besuch. sie hat mich schon gebeten, dass ich sie nicht zwingen soll, etwas zu essen. das würde ich auch nie machen, weil ich damit wahrscheinlich genau das gegenteil erreichen würde. aber ich frage mich, wie ich reagieren soll. wenn ich dann neben ihr sitze und esse, komm ich mir wahrscheinlich ziemlich blöd vor.

erst gestern hat sie mir wieder gesagt, dass sie gar nicht glauben kann, wie jemand so toll sein kann wie ich, weil ich ihr so zuhöre und die einzige bin, die sie deswegen noch nicht blöd angemacht hat. trotzdem bin ich mir nicht sicher, ob ich das richtige mache…

lg
Sara

wie es bei meiner Freundin war - lang!
Hallo Sara!

Deine Sorgen kann ich gut verstehen, auch ich habe eine Freundin (Mitte 40) mit Magersucht.
Meine Freundin ist seit ca. 16 Jahren betroffen, es ist ein Auf und Ab, die Beziehung zu anderen Menschen wird immer wieder auf eine harte Probe gestellt.

Leider sind die Betroffenen auch äußerst geschickt im Manipulieren ihrer Umgebung, einschließlich der Ärzte.
Dass z.B. der Arzt Deiner Freundin nicht weiß, dass ihre Periode nicht mehr kommt, spricht ebenso dafür.

Anfangs habe ich meine Freundin auch immer irgendwie in Watte gepackt, versucht ihr beim Lösen ihrer anderen Probleme zu helfen. Und genau DAS scheinen die Magersüchtigen sehr zu genießen.

Aufmerksamkeit - aber bitte ohne die Worte Essen oder Gewicht!

Das habe ich über Jahre (!)mitgemacht, bis ich merkte, das hilft ihr gar nicht.

Dann habe ich ihr konkret gesagt, dass sie wieder dünner geworden ist, dass sie mir nicht erzählen solle, sie esse doch…und dass ich ihr das so klipp und klar sage, weil ich sie lieb habe und mir Sorgen um sie mache.
Und auch, dass ich sie nicht auf dem Friedhof besuchen möchte, und dass sie ganz klar darauf zusteuert mit ihrer Sucht bzw. Kontrolle.

Dann habe ich sie gefragt ob es für sie in Ordnung ist, wenn ich einen Termin bei einer Psychiaterin für sie mache.
(Zuvor hatte sie diverse Krankenhausaufenthalte, aber eben keine längerfristige Therapie).

Die Praxis der Psychiaterin kannte ich und habe die Arzthelferinnen im Vorfeld informiert.

Obwohl meine Freundin sich jahrelang strikt geweigert hatte Medikamente zu nehmen („Antidepressiva machen dick“)ließ sie sich auf einen Behandlungsversuch mit einem neuen Mittel ein, das keine Gewichtszunahme provoziert.

Dazu begleitende Psychotherapie, jede Woche, über einen langen Zeitraum.

Ich denke und sehe, dass sie zwar nicht geheilt ist und unter Druck immer noch seeeehr bewusst isst oder exzessiv Sport treibt, aber dass sie insgesamt psychisch und physisch deutlich besser dran ist als zuvor.

Sie sagte mir, dass genau diese klaren Worte ihr dabei geholfen hätten, ihre Sichtweise und ihr Leben zu verändern.

Freund sein heißt für mich, nicht nur betüdeln und sich sorgen, sondern im Fall der Magersucht ganz klar zu sagen, was man sieht…und was das mit einem selbst macht.

Ich wünsche Dir viel Kraft und Deiner Freundin den Mut ehrlich zu sein,

Angelika

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Hallo Sara,

einerseits WEISS deine Freundin um ihr Problem, aber sie FÜHLT was ganz anderes. Eben drum ist diese Krankheit ja auch nicht einfach mit WILLEN zu heilen. Eine Heilung geht immer nur übers Gefühl.

Ich finde wichtig, dass du dir persönlich den Druck nimmst, ihr helfen zu müssen. Du kannst tun was du kannst, zuhören, ehrlich sein, auch klare Worte sagen (wie Angelika schreibt), aber immer auch mit dem Blick auf dich selbst, dass es dir dabei halbwegs gut geht. Du musst nämlich auch für dich sorgen.

Angehörige und Freunde von Suchtkranken (und die Magersucht ist eine Sucht) leiden meistens auch unter der Krankheit mit, sind in diesem System wie gefangen; das nennt man Co-Abhängigkeit. Es gibt sogar spezielle Selbsthilfegruppen für Angehörige, weil es eben keine leichte Aufgabe ist, jemand Suchtkrankem beizustehen.

Vor allem, werde dir klar darüber, dass du nicht ihre Therapeutin bist. Du kannst das gar nicht leisten und es würde auch eure Freundschaft in eine Schieflage bringen.

Nochwas zu den „klaren Worten“: ich rate schon zu einer allgemeinen Behutsamkeit, denn Verletzung durch zu deutlich Gesagtes, auch wenn’s wahr ist, kann nicht jede Freundschaft vertragen. Wichtig ist aber, dass du schon deutlich sagst, wie es dir selbst geht, dass du überlegst, ob und was du in ihrer Anwesenheit essen kannst, du dir vielleicht blöd vorkommst dabei etc. Möglich, dass sie das dann auch ein Stück weit belastet, weil sie ja eigentlich niemandem Sorgen machen will. Das musst du ihr aber zumuten, denn du selbst bist auch ein fühlender und leidensfähiger Mensch.

Ja, Sorgen machen WILL sie niemandem, tut es aber dennoch, allein durch ihren Gesundheitszustand. Das spielt sich wieder auf den unterschiedlichen Ebenen ab, von denen ich oben schrieb.

Viele Grüße
Ulla

4 „Gefällt mir“

Hallo,

ich danke euch für eure Antworten und Ratschläge.
Hoffe, dass sich alles zum Guten wenden wird.

lg
Sara