Hi Judith,
ich finde es besser, am Arbeitsplatz keine zu engen Freundschaften zu pflegen. Wenn es sich ergibt – ok, aber ich wuerde es mir nicht zum Ziel setzen.
Es ist eine Sache, mit Kollegen nach der Arbeit mal was trinken oder ins Kino zu gehen, das kann man ohne Gefahr machen, eine andere jedoch mit jemandem gut befreundet zu sein.
Der Grund ist ganz einfach, wenn ich mit jemandem gut befreundet bin (platonisch), d. h. mich privat mit der Person treffe, ueber Privates rede, der Person viel anvertraue etc., und die Freundschaft geht irgendwann mal in die Brueche, kann das sehr unangenehm werden, wenn
a) ich weiterhin mit der Person zusammenarbeiten muss oder
b) die Person ueber das ihr Anvertraute in der Firma rumtratschen sollte (das kann natuerlich auch schon waehrend der Freundschaft passieren, man weiss das ja nicht vorher und die Auswirkung in einer Firma ist groesser).
Ich hatte mich vor einigen Jahren mal mit einer Kollegin angefreundet, wir hatten beide aehnliche Erfahrungen in der Vergangenheit gemacht und sind so ins Gespraech gekommen. Zusaetzlich hassten wir beide die Firma und den Job, was uns natuerlich noch enger zusammengeschweisst hat. Nach einem fuer mich gravierenden Vorfall beendete ich die Freundschaft. Die Zusammenarbeit war nicht sehr angenehm und wir beide verliessen zum Glueck die Firma sechs Wochen spaeter.
Ich habe nicht studiert, aber am Arbeitsplatz ist meine Erfahrung auch, dass die Leute weniger daran interessiert sind, Freundschaften zu schliessen. Ich fuehre das darauf zurueck, dass die meisten Familie und schon einen Freundeskreis haben, und keinen Bedarf sehen, diesen zu erweitern. Die, die am kuerzesten in der Firma sind und vor allem die neu Hinzugezogenen, schliessen untereinander am ehesten Freundschaften. Zumindest beobachte ich das in meiner Firma und wir haben regelmaessig Neuankoemmlinge. Es ist ja auch immer schwieriger, in bereits bestehende Freundeskreise/Cliquen aufgenommen zu werden.
Ich finde den Begriff “Freundschaft” auch sehr fliessend, da ich manche Kollegen zu meinen Freunden zaehle, obwohl wir uns ausserhalb der Firma allenfalls nur mal auf einen Drink oder fuers Kino treffen, ich ihnen jedoch viel erzaehle, auch Privates, jedoch Privates nur sehr oeberflaechlich. Falls ich jemandem etwas sehr Privates erzaehlen wuerde und der Person das in der Firma rausrutschen wuerde (nicht mal ohne boese Absicht weitergetratscht), kennen mich hier 200 Leute.
Ich lebe in England, wo man Leute als Freund bezeichnet, die man in Deutschland entweder Kollege oder Bekannter nennen wuerde. Vermutlich der Grund, warum ich die Kollegen in meinem Team auch als Freunde bezeichne, obwohl sie schon mehr sind als blosse Kollegen.
Gruesse,
Kris