Freundschaft vs. Unterricht? (Lang!)

Hallo,

da mir in meinem Bekanntenkreis niemand so richtig weiterhelfen konnte, wende ich mich nun an euch: Ich (30, weibl.) lerne seit einem Jahr ein Instrument bei einer etwa gleichaltrigen Lehrerin, die ich übers Internet „gefunden“ habe. Wir haben uns von Anfang an gut verstanden und aus der anfänglich einen Stunde Unterricht bei mir zu Hause werden immer zwei, weil wir uns recht gut unterhalten. Da geht es vor allem um Berufliches (wir arbeiten im gleichen Berufszweig), teilweise auch um Privates (Freizeitaktivitäten etc.).

Da ich in unserem Beruf viel mehr Erfahrung habe, weil ich ihn wesentlich länger als sie ausübe, bin ich ihr behilflich wo immer ich kann. Ihr ist das recht, gleichzeitig versucht sie aber, mir möglichst wenig „Umstände“ zu machen (und sie erledigt zeitraubende Dinge vorher selbst, wenn sie das Gefühl hat, es würde mich zu viel Mühe kosten).

Mein Problem ist, dass ich in ihr fast schon so etwas wie eine Freundin sehe, aber nicht weiß, ob sie in mir noch die Schülerin sieht. Ich würde z.B. gerne mit ihr einmal etwas außerhalb des Unterrichts unternehmen - z.B. Wintersport machen oder ins Kino gehen, traue mich aber nicht, sie zu fragen, weil es, wenn sie mich als „Schülerin“ sieht, aufdringlich und unpassend erscheinen könnte.

Ich möchte auch nicht haben, dass sie nur mir zuliebe zustimmt, aber in Wirklichkeit denkt „Was will denn die?“. Wüsste ich, dass ich für sie nicht eine Schülerin wie viele andere bin, wär es kein Problem.

Ich glaube, wenn sie gerne was mit mit unternehmen würde, könnte es sein, dass sie deshalb zu mir nichts sagt, weil ich sie wegen des Unterrichts engagiert habe.

Ich wüsste nun gern, ob ihr eine Idee habe, wie ich draufkommen kann, was wir für ein „Verhältnis“ zueinander haben. Ein gutes Lehrerin-Schülerin-Verhältnis oder gar ein freundschaftliches?

Eher konfus
Colette*

Hallo Colette,

es gibt die Möglichkeit, weiter auf irgendwelche Zeichen zu warten oder scheinbare solche zu missverstehen oder zu ignorieren.
Dann gibt es die Möglichkeit die Sache mehr oder weniger direkt anzusprechen.
Letztere Möglichkeit würde ich bevorzugen, aber ich bin ein Mann und die ticken bei so was meist anders als Frauen.
Aber ich bin der Meinung: Reden hilft

Gandalf

Hi, Colette (ich liebe Colettes Bücher übrigens),

ich bin selber Klavierlehrerin und in etwa in deinem Alter. Momentan habe ich zwar keine gleichaltrigen Schüler (zum Glück, da ich mich dann genau wie du auch immer schwer tue, die „Beziehung“ zueinander einzuschätzen), verstehe mich aber mit 2 Müttern meiner „Kleinen“ so gut, dass wir uns immer zwischen Tür und Angel fast festquatschen. Da das aber hektisch ist, weil der nächste Schüler schon in den Startlöchern steht, haben wir jetzt beschlossen, einen Kaffee zu trinken, die eine hat mich gefragt, die andere habe ich gefragt.
Das Lehrer-Schüler-Verhältnis ist immer blöd: wenn man sich toll versteht, profitiert der Unterricht enorm, aber es ist auch schwer, dann die Lehrer-Schüler-Distanz aufrechtzuerhalten, die ja doch automatisch da ist, wenn der eine dem anderen was beibringen, also ihn anleiten muss.
Generell würd ich sagen, dass die Umstände verlangen, dass man einer sich eventuell entwickelnden Freundschaft erstmal mehr Zeit zum Entwickeln geben muss, aber irgendwann ist es dann soweit, dass man sich schon so lange so gut versteht, dass es klar ist, dass man endlich mal was zusammen macht außerhalb des Unterrichts. Und dann ist es in meinen Augen gut, wenn der Schüler „den ersten Schritt“ macht, denn als Lehrer stehst du tausendmal bedröppelter da, wenn der Schüler nicht will; du bist schließlich die „Autorität“, wirst bezahlt, und wenn es dem Schüler zu eng werden könnte, kündigt er vielleicht.
Generell ist es, denke ich, ein super Zeichen, wenn ihr euch stundenlang verquatscht; und Lehrer sind ja auch nur Menschen, die nicht immer die kompetente Autorität raushängen lassen wollen, sondern sich auch nach einem Augenhöhe-Verhältnis sehnen. Ich glaube nicht, dass sie es als aufdringlich empfindet, wenn du sie irgendwann mal fragst, ob sie z.b. mit zu einem Konzert oder einen Musikfilm o.ä. gehen will (das ist ein guter Aufhänger, da sie dorthin erstmal als „die Musikerin“ gefragt ist und nicht gleich nach „Freundin“ einsortiert wird).
Mit einem ehemaligen Schüler von mir habe ich mich auf diesem Wege wunderbar angefreundet: wir waren nach ca. einem Dreivierteljahr gemeinsam in einem klassischen Konzert, danach kamen Rockkonzerte, Geburtstagsfeiern, und jetzt nach seinem Umzug besuche ich ihn jedesmal, wenn ich vor Ort bin.

Ich glaube, wenn sie gerne was mit mit unternehmen würde,
könnte es sein, dass sie deshalb zu mir nichts sagt, weil ich
sie wegen des Unterrichts engagiert habe.

Das ist ziemlich wahrscheinlich.
Allerdings kenne ich deine Lehrerin natürlich nicht und weiß nicht, ob sie sich mit jedem Schüler 2 Stunden verquatscht…
Wie gesagt, gib dem Ganzen Zeit und warte auf eine Gelegenheit, zu der ihr euch mal außerhalb des Unterrichts treffen könnt, bei der es aber trotzdem erstmal um nicht zu Privates geht.

Gruß
Judy

Liebe Colette!

Dein Gefühl wird dich nicht täuschen. Deshalb kannst du es sicher wagen, sie einmal direkt darauf anzusprechen.

Meine kleine Geschichte dazu ist folgende:
Ich unterrichte die Friseure an der Berufsschule, habe also Schülerinnen, die grad mal halb so alt sind wie ich. Mit einer von ihnen verstehe ich mich total gut, wohl, weil sie wie ich auch gelernte Visagistin ist. Wir unterhalten uns oft zu Beginn der Pause und verquatschen uns schon mal nach Unterrichtsende.

Diese Schülerin kam neulich in der Pause zu mir und sagte: „Das ist jetzt vielleicht total blöd, aber wir unterhalten uns immer so toll und ich wollte Sie mal fragen, ob ich Sie nicht mal zu mir zum Kaffee kommen möchten!“.

Ich fand das total klasse und bin dann tatsächlich auf einen Nachmittag zu ihr. So konnten wir uns wirklich mal ein paar Stunden unterhalten und das war schön.

Mit manchen Menschen verbindet einen eben mehr als mit anderen, und das kann dir im Supermarkt passieren oder auf der Arbeit oder eben beim Klavierunterricht. Es ist aber für beide Seiten eine Bereicherung.

Sprich sie also ruhig an. Seine Zuneigung und Sympathie darf man immer ausdrücken.

LiebeGrüßeChrisTine

Frag sie …
… und ertrag eine mögliche Ablehnung!
Verstecken hilft nicht: Frage sie direkt, die Antwort bringt es …

Hallo,

Ich (30,weibl.) lerne seit einem Jahr ein Instrument bei einer etwa
gleichaltrigen Lehrerin

und du bist auch Lehrerin.
Spaß beiseite, ihr seid etwa gleich alt, versteht euch scheinbar prima. Was sollte gegen eine Freundschaft stehen? Frag einfach mal, ob ihr zusammen in ein Konzert, zum Eislaufen, (in die Disco), in eine Ausstellung oder zum Bummeln in die Ciy gehen könntet. Geht mal den gegenseitigen „Umständen“ und „Mühen“ aus dem Weg, ihr macht es euch vermutlich gegenseitig sehr kompliziert. Du bist am Zug, ohne Scheu die Sache angehen.

Ich wüsste nun gern, ob ihr eine Idee habe, wie ich
draufkommen kann, was wir für ein „Verhältnis“ zueinander
haben. Ein gutes Lehrerin-Schülerin-Verhältnis oder gar ein
freundschaftliches?

Mmmhhh, letzteres (lass das „gar“ einfach weg), das sich zu einer Freundschaft entwickeln kann.

Eher konfus

Oder eher ein wenig schüchtern? Ohne zuviel Selbstvertrauen?

Gruß
Der Franke

Was nimmst sie die Stunde, nimmt sie auch GEld für die VErlängerung durch Quatschen?
IWe wäre es für den Anfang wenn du mal keine Zeit für die VErlängerung hast und ihr statt dessen einen reinen Kaffeplauschtermin in einem CAfé vorschlägst, dann seid ihr aus der Unterrichtssituation raus und jeder zahlt nur seinen Kaffee.
Denn wenn du sie fürs lernen bezahlst und sie bisher gratis von deinen erfahrungserzählungen profitierte ist das evtl für sie auch unangenehm (entweder verzichtet sie auf das Geld, was sie evtl braucht oder sie bietet dir an dich dafür ebenfalls zu bezahlen, was auch irgendwie doof ist.)
Also versucht TErmine fürs Musizieren zu machen und TErmine fürs Plauschen separat. Die können ja auch ruhig direkt hintereinander liegen, aber dann müsst ihr euch auch wirklich streng ans musizieren konzentrieren (ok, kenn ich von meiner MA und ihrer Mallehrerin, aber da gehts auch einfacher, weil man beim malen nicht soviel spricht)

Gruß Susanne