Friedensjahre und kriegsjahre

Oft erscheint uns die weltgeschichte als eine ansammlung von kriegen und schlachten. Ist das eigentlich wirklich so?
Überwiegen in der geschichte einzelner länder die kriegsjahre oder die friedensjahre?
Wenn ich z.b. die deutsche geschichte seit 1800 grob überschlage, komme ich, großzügig gerechnet, auf ca. 60 kriegsjahre und 145 friedensjahre. Ist das bei anderen ländern (z.b. Usa, Frankreich) wesentlich anders?

Gruß von tonikal

Oft erscheint uns die weltgeschichte als eine ansammlung von
kriegen und schlachten. Ist das eigentlich wirklich so?

Das erscheint tatsächlich so. Es sind ja auch historisch und menschlich „herausragende“ Ereignisse. Einige Beispiele, die „weltgeschichte als eine ansammlung von kriegen und schlachten“ erscheinen lässt:

  • Als ich anlässlich eines USA-Aufenthalts u.a. die Besiedlungsgeschichte in einem Erlebnisbericht kurz beschrieb, war ich hinterher etwas erschrocken: Es war eine Abfolge von Kriegsereignissen (im Wesentlichen natürlich gegen die Indianer).
  • Aus Anlass des 50-jährigen Bestehens der EU (mit Vorläufer-Institutionen) wurde ein Buch herausgegeben. Aussage: „Der Normalzustand (im Mittelalter) war der Krieg, nur unterbrochen durch Erschöpfungspausen.“
  • Das Buch „Aufstieg und Fall der großen Mächte“ (in der Neuzeit, also seit ca. 500 Jahren) von Paul Kennedy zeigt Ähnliches auf: Eine ständige Abfolge von Kriegsereignissen, meist nur unterbrochen durch Geldnot der Herrschenden.

Wenn ich z.b. die deutsche geschichte seit 1800 grob
überschlage, komme ich, großzügig gerechnet, auf ca. 60
kriegsjahre und 145 friedensjahre.

Das sind immerhin 41% der Zeit. Rechnest du dann die anschliessenden Notzeiten hinzu, kommst du leicht auf mehr als 50%!

Gruss
Laika

offtopic
Hi

Wenn ich z.b. die deutsche geschichte seit 1800 grob
überschlage, komme ich, großzügig gerechnet, auf ca. 60
kriegsjahre und 145 friedensjahre.

Das sind immerhin 41% der Zeit.

Naja, nicht ganz. 60 Jahre von 205 sind „nur“ 29 und ein paar Prozent.

Aber wie auch immer. Ich hätte eigentlich gedacht, daß es viel mehr an Kriegszeiten in den letzten 200 Jahren gab.

Gruß
Edith

Hallo,

Wenn ich z.b. die deutsche geschichte seit 1800 grob
überschlage, komme ich, großzügig gerechnet, auf ca. 60
kriegsjahre und 145 friedensjahre.

Tut mir leid aber ich komme nur auf 31 Kriegsjahre:
1800-02, 1804-15, 1848–1851, 1864, 1866, 1870/71, 1414-18, 1939-1945

Ist das bei anderen ländern (z.b. Usa, Frankreich) wesentlich anders?

Kann man aufgrund der geographischen Lage (Dtl. zw. den Großmächten) nicht miteinander vergleichen. Hinzu kommt, daß Dtl. erst seit 1871 wieder Nationalstaat wurde.

Gruß

Es gibt ein Sprichwort, dass ich leider nicht mehr original zusammenbringe, aber sinngemäß lautet es:
„Zufriedenheit schreibt keine Geschichte.“
In der Rückschau stehen die Katastrophen, wie etwa der Krieg, viel mehr im Vordergrund, über den satten Bauch gibt es nichts Berichtenswertes.

Übrigens sollte man nicht mit der Vorstellung des 1. und 2. Weltkriegs an historische Kriege herangehen. Je weiter man in der Geschichte zurückgeht, desto lokaler begrenzt sind die kriegerischen Auseinandersetzungen. Gut, da gab es wohl eine Schlacht, die wenig erbaulich für die Kämpfenden war. Da wurde ein wenig geplündert, unerfreulich für die Betroffenen. Im übernächsten Dorf war vom Krieg allerdings nichts mehr zu bemerken. Kriegsjahre waren also zugleich Friedensjahre, räumlich betrachtet.

Gruß
Hardey

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Kleines Versehen …
… hatte „60 von 145 Jahren“ gelesen.

Gruss
Laika

100% Krieg

Überwiegen in der geschichte einzelner länder die kriegsjahre
oder die friedensjahre?
Wenn ich z.b. die deutsche geschichte seit 1800 grob
überschlage, komme ich, großzügig gerechnet, auf ca. 60
kriegsjahre und 145 friedensjahre. Ist das bei anderen ländern
(z.b. Usa, Frankreich) wesentlich anders?

Hallo Tonikal,
Ein Drittel Kriegzeit finde ich schon unheimlich viel. Menschliche Psyche bemisst sich ja auch nicht nach „was ist mehr“ sondern die vielen Menschen, die beide Weltkriege miterleben mussten, wurden davon ganz sicher sehr geprägt.
Wenn man dann noch koloniale Konflikte, kriegerische Auseinandersetzungen in anderen Erdteilen (z.B. Afghanistan), bedrohliche Spannungszustände (der kalte Krieg?) oder „drohende Kriegssituationen“ dazurechnet, kann man sicher je nach Rechnung auf 100% Kriegzeiten kommen!
Gruß!
Christian

Holla.

Die Frage ist doch, was man als Krieg definiert. Wenn man darunter „nur“ die Schlacht vor der eigenen Haustür versteht, fallen selbst von den 60 Jahren noch einige raus. Guckt man dagegen nach, wann „irgendjemand“ in dem jeweils gültigen Deutschland in Krieg oder kriegsähnliche Zustände „verwickelt“ war, kommen noch koloniale Auseinandersetzungen (Boxeraufstand, Herero/Nama …), aber mit Sicherheit auch Ereignisse wie der Kapp- und Hitlerputsch, die Ruhrbesetzung, die Besatzung nach 45 (so gesehen war der 2. Weltkrieg erst 1990 zu Ende!), die Revolutionen von 1848 und 1918/19 und andere Dinge mit ins Spiel. Hier fragt sich auch, ob wir uns gegenwärtig im Krieg befinden (am Hindukusch zum Bleistift …). In früheren Jahrhundert kam noch dazu, dass sich durchaus auch mal Fürsten um irgendwelche Dorfteiche kloppten (kloppen ließen trifft es eher). War das dann Krieg?

Ereignisse von geschichtlicher Tragweite - an die man sich nach zwei Generationen noch erinnert - haben fast immer den Beigeschmack von Gewalt. Dass Kanzler Bumsdich im Jahr Lalü ein Gesetz zur Besteuerung von Karnevalsmasken initiierte, fällt eher nicht darunter. Und dass Schneidermeister Schnöselhuber nach dem Verzehr von sechzehn Kohlrouladen ein zweiminütiger Furz in Es-Dur gelang, auch eher nicht.

Gruß Eillicht zu Vensre

Kriege wurde damals fast nur mit den Nachbarn geführt. Die waren auch nicht anders. Und nicht besser.

mfgConrad

… Und dass Schneidermeister
Schnöselhuber nach dem Verzehr von sechzehn Kohlrouladen ein
zweiminütiger Furz in Es-Dur gelang, auch eher nicht.

You made my day.

Gruß H.

You made my day.

He made mine too.

Holla.

Die Frage ist doch, was man als Krieg definiert. Wenn man
darunter „nur“ die Schlacht vor der eigenen Haustür versteht,
fallen selbst von den 60 Jahren noch einige raus. Guckt man
dagegen nach, wann „irgendjemand“ in dem jeweils gültigen
Deutschland in Krieg oder kriegsähnliche Zustände „verwickelt“
war, kommen noch koloniale Auseinandersetzungen
(Boxeraufstand, Herero/Nama …), aber mit Sicherheit auch
Ereignisse wie der Kapp- und Hitlerputsch, die Ruhrbesetzung,
die Besatzung nach 45 (so gesehen war der 2. Weltkrieg erst
1990 zu Ende!), die Revolutionen von 1848 und 1918/19 und
andere Dinge mit ins Spiel.

In der tat, und deshalb hatte ich in meiner zählung die jahre 1848-49, 1899 und 1919-23 als kriegsjahre mitgezählt. Nur beim zusammenzählen hatte ich mich vertan: Auch wenn man diese jahre mitzählt, sind es am ende nur etwa 40 von 200, also ein fünftel der zeit. Vier von fünf jahren waren also eindeutig friedensjahre.

Ereignisse von geschichtlicher Tragweite - an die man sich
nach zwei Generationen noch erinnert - haben fast immer den
Beigeschmack von Gewalt. Dass Kanzler Bumsdich im Jahr Lalü
ein Gesetz zur Besteuerung von Karnevalsmasken initiierte,
fällt eher nicht darunter. Und dass Schneidermeister
Schnöselhuber nach dem Verzehr von sechzehn Kohlrouladen ein
zweiminütiger Furz in Es-Dur gelang, auch eher nicht.

Das ist zwar entzückend formuliert, aber vielleicht hast du hier die friedensereignisse doch sehr einseitig ausgewählt. Dass Goethe den „Faust“ veröffentlichte; dass man eine eisenbahn von Nürnberg nach Fürth baute; dass Marx den kapitalismus analysierte; dass Lassalle eine sozialdemokratische partei gründete - diese ereignisse waren friedlich und dennoch historisch so bedeutsam, dass man noch heute von ihnen spricht - öfter als vom Deutsch-Dänischen krieg des jahres 1864 jedenfalls.

deshalb halte ich meine these aufrecht: Der krieg wird in der geschichtsschreibung maßlos überschätzt.

Viele grüße von tonikal

Hallo Christian, du schreibst

Menschliche Psyche bemisst sich ja auch nicht nach „was ist
mehr“ sondern die vielen Menschen, die beide Weltkriege
miterleben mussten, wurden davon ganz sicher sehr geprägt.

Stimmt. Mir scheint aber, dass genau dieser effekt unsere wahrnehmung und erinnerung verzerrt. Der krieg erscheint größer, als er faktisch ist.

Wenn man dann noch koloniale Konflikte, kriegerische
Auseinandersetzungen in anderen Erdteilen (z.B. Afghanistan),
bedrohliche Spannungszustände (der kalte Krieg?) oder
„drohende Kriegssituationen“ dazurechnet, kann man sicher je
nach Rechnung auf 100% Kriegzeiten kommen!

Das halte ich für einen trugschluss.
Natürlich herrscht immer irgendwo auf der welt krieg. Aber in viel, viel mehr ländern herrscht zur gleichen zeit frieden. Warum ist Afghanistan wichtiger als Argentinien (wo frieden herrscht)? Mit welchem recht verallgemeinern wir den krieg und ignorieren den frieden? Treiben wir da nicht eine rein willkürliche auswahl?

Fragt euch tonikal

Hallo spongepop,

Tut mir leid aber ich komme nur auf 31 Kriegsjahre:
1800-02, 1804-15, 1848–1851, 1864, 1866, 1870/71, 1414-18,
1939-1945

Ich würde noch 1899 (Boxeraufstand), 1906 (Herero-Aufstand), die bürgerkriegsjahre 1919-23 sowie 1938 (einmarschg in Österreich) hinzuzählen. Dann kommen wir auf:

1800-1802:—3
1804-1815:–12
1848-1851:—4
1864:----------1
1866:----------1
1870-1871:—2
1899:----------1
1906:----------1
1914-1923:–10
1938-1945:—8

zusammen:—43

Ich hatte oben, glaube ich, 4 und 6 verwechselt.
Mithin kommen wir auf rund ein fünftel kriegsjahre und vier fünftel friedensjahre.

Gruß von tonikal

Moin,

Ich würde noch 1899 (Boxeraufstand), 1906 (Herero-Aufstand),
die bürgerkriegsjahre 1919-23 sowie 1938 (einmarschg in
Österreich) hinzuzählen.

dann sind das aber auch Kriegsjahre
1953 Volksaufstand
1968 Prager Frühling
1970-1998 RAF
1999 Kosovokrieg
2001-2007 Enduring Freedom

und wir kommen auf 80 Kriegsjahre.

Gruß

dann sind das aber auch Kriegsjahre
1953 Volksaufstand
1968 Prager Frühling
1970-1998 RAF
1999 Kosovokrieg
2001-2007 Enduring Freedom

1953: ja, das könnte man noch als kriegsjahr mitrechnen.
Alle anderen fälle aber eindeutig nicht.
1968, 1999 und 2001ff waren zwar deutsche soldaten beteiligt, aber nicht als primär interessierte kriegspartei (wie etwa bei der niederschlagung des Herero-aufstands 1906), sondern nur in bescheidenem umfang im rahmen von bündnis-aktionen, die alle unter nicht-deutschem kommando standen. Unter diesem gesichtspunkt wäre es sinnvoller, den einsatz beim Boxeraufstand 1899 wieder aus der rechnung rauszunehmen.
Die attentate der RAF kann man nicht als bürgerkrieg einstufen, weil sie von einer winzig kleinen gruppe begangen wurden und sich auch nur gegen eine handvoll leute richteten. Kein vergleich etwa mit dem bürgerkrieg im Ruhrgebiet 1920 (Reichswehr und Freikorps gegen die Rote Ruhrarmee). Da waren auf beiden seiten tausende von soldaten beteiligt, die kämpfe dauerten wochenlang und fanden mitten in deutschen städten statt.
Gruß von tonikal