Hallo Luzie,
Friedhöfe in Deutschland sind entstanden, weil der ummauerte
oder umfriedete Hof / Garten / Park um eine Kirche
„Gesetzlosen“ als Fluchtmöglichkeit diente: Sie entzogen sich
durch ihren Aufenthalt innerhalb der Kirchenmauern dem Arm des
Gesetzes.
den geschilderten Zusammenhang zwischen Kirchenasyl und Friedhof halte ich für abwegig. Die quantitative Inanspruchnahme des Kirchenasyls wird grob überschätzt - im Übrigen auch die Wirksamkeit des Schutzes. Echten Schutz (allerdings durchaus nicht immer) boten die Kirchen allenfalls im frühen Mittelalter. Gregor von Tours schildert einige spektakuläre Fälle aus der Merowingerzeit - spektakulär vor allem, weil der Schutz versagte. Dabei wird auch deutlich, dass das Asyl vorwiegend von Adligen in Anspruch genommen wurden, die sich (idR wegen Hochverrats) königlicher Verfolgung ausgesetzt sahen. Das ging so häufig schief, dass man im Laufe der Zeit doch sicherheitshalber das Exil im Ausland vorzog. Ein weiterer Punkt - man bilde sich nicht ein, die kirchlichen Würdenträger hätten sich verpflichtet gesehen, die Asylanten mit dem Lebensnotwendigen (vor allem Lebensmitteln) zu versorgen. IdR war man froh, wenn man den lästigen Besuch schnell wieder los wurde. Eine Verpflegung von außerhalb konnten sich nur entsprechend betuchte Asylanten leisten - niemand, der gezwungen war, für seinen Lebensunterhalt zu arbeiten.
Das hier:
Mit der Zeit wurde dieser Hof / Garten / Park immer
überfüllter, die Menschen starben.
ist Unsinn.
Da sie nun aber geächtet
waren oder gar einer „fremden“ Religion angehörten, wurden sie
innerhalb dieses Hofes / des Garten / Parks beerdigt und nicht
auf dem „offiziellen“ Gottesacker.
Geächtete und erst recht Ungläubige landeten auf dem Schindanger, nicht auf einem Friedhof. Es sei denn, es waren Adlige, die durch ihren Standeskomment privilegiert waren. Eine Sonderstellung hatten Juden, die sich einen Friedhof kaufen durften, der allerdings idR ‚extra muros‘ (außerhalb der Stadtmauern) zu liegen hatte.
Der „offizielle“ Gottesacker lag so gut wie immer direkt an der Kirche/Kapelle so der Ort denn eine hatte. War der Friedhof vor der Kirche/Kapelle da, so baute man die Kirche dort (und schuf so häufig einen neuen Siedlungskern). Die Entwicklung war zwangsläufig - Kirchen und Klöster waren ursprünglich idR Stiftungen (oft sogar als ‚Eigenkirchen‘) und dienten den Familien der Stifter als Grabstätten und Ausweis ihrer göttlichen Legitimation. Natürlich wollte man damit auch unmittelbar auf magische Weise nach dem Tod vom ‚Heil‘ des geweihten Ortes profitieren. Das gemeine Volk wollte dies verständlicherweise auch - musste aus Platzgründen aber natürlich im ‚Vorgarten‘ begraben werden, den man durch Weihe mit in den sakralen Bereich hineinholte.
Die Mauer nun wiederum - einmal davon abgesehen, dass sie in Notzeiten auch als militärische Befestigung dienen konnte - hatte den Zweck, die Grenze zwischen profanem und geistlichem, geweihtem Boden deutlich zu markieren. Zumal diese Grenze gleichzeitig auch eine juristisch bedeutsame Grenze war. Eben hierin liegt übrigens auch der Grund des sog. ‚Asylrechtes‘ (das es als ausdrückliches, fixiertes Recht nie gab) - der geweihte Bereich unterlag als Territorium nicht der weltlichen, sondern der kirchlichen Jurisdiktion. Nicht dem weltlichen, sondern dem kanonischen Recht. Sehr deutlich wird diese Abgrenzung bei den sog. ‚enclos paroissal‘ in der Bretagne - die Einfriedungsmauer des sakralen Bezirks mit Kirche, Friedhof, Kalvarienberg und Beinhaus (heute natürlich nicht immer und überall noch vollständig) versperrt manchmal symbolisch sogar den Eingang - in Form eines niedrigen Mäuerchens, über das man hinwegsteigen muss.
Da innerhalb dieser Einfriedung irgendwann kein Platz mehr
war, wurden die Mauern versetzt.
Das kam wohl eher selten vor - allenfalls, wenn man ein angrenzendes Grundstück erwerben (und dann weihen) konnte. In der Regel wurden, wenn der Friedhof ‚belegt‘ war, die ältesten Gräber wieder ausgehoben und neu belegt. Die ausgegrabenen Knochen wurden platzsparend aufbewahrt, idR in sog. Beinhäusern (Ossuarien, Karner).
Mit der Ära Napoleons wurde es dann erst üblich, die Friedhöfe aus den Ortskernen herauszunehmen und am Ortsrand neue Friedhöfe anzulegen - eine aus hygienischer und seuchenpolizeilicher Sicht längst überfällige Maßnahme.
Freundliche Grüße,
Ralf