Friedhofskultur / Geschichte

Hallo zusammen!

@MOD:Ich hoffe doch sehr, dass ich mit meiner Frage hier richtig bin!? Sonst bitte verschieben!

Ich habe in einem antiquarischen Buch (grob wiedergegeben!) mal ungefähr folgendes gelesen:

Friedhöfe in Deutschland sind entstanden, weil der ummauerte oder umfriedete Hof / Garten / Park um eine Kirche „Gesetzlosen“ als Fluchtmöglichkeit diente: Sie entzogen sich durch ihren Aufenthalt innerhalb der Kirchenmauern dem Arm des Gesetzes. (Müsste dann ja wohl zu der Zeit die katholische Kirche gewesen sein, oder???)

Mit der Zeit wurde dieser Hof / Garten / Park immer überfüllter, die Menschen starben. Da sie nun aber geächtet waren oder gar einer „fremden“ Religion angehörten, wurden sie innerhalb dieses Hofes / des Garten / Parks beerdigt und nicht auf dem „offiziellen“ Gottesacker. Je näher hierbei der Verstorbene den Reliquien war, desto „seliger“ war er bzw. desto eher war gewährleistet, dass er dem „Herrn“ nahe war.

Da innerhalb dieser Einfriedung irgendwann kein Platz mehr war, wurden die Mauern versetzt.

Und so seien dann die heutigen Friedhöfe in Deutschland (nur dort?) um die Kirchen herum entstanden.

Frage: Stimmt das so ungefähr? „Religionsfremd“ und „katholische Kirche“ passen ja schon irgendwie nicht zueinander, oder???

Und kann mir jemand vielleicht einen Google- oder Buchtipp geben? Wenn ich nach „Friedhofskultur“ oder „Friedhofsgeschichte“ google, dann bekomme ich lediglich Ergebnisse ganz bestimmter Friedhöfe. Aber mir geht es allgemein um die Entstehung, Geschichte und Kultur.

Ich glaube, glaube, glaube, dass ich das damals in dem Buch „Leben und Sterben im Mittelalter“ gelesen habe??? Beschwören möchte ich es nicht!!!

Grundgütiger, meine Neugier hierin frisst mich fast auf! :wink:

Dank für Rat und Hilfe,

Luzie
(vor Ungeduld schon Nägelkauend! *grins*)

Hallo Luzie,

"Kirchenasyl in der Geschichte

Religionsgeschichtliche Hintergründe

Der Ursprung des Kirchenasyls ist im Heiligtumsasyl zu sehen, welches wahrscheinlich schon zu den ersten kulturellen Errungenschaften der Menschheit gehörte und, mit den Menschen aus Afrika kommend, Eingang in nahezu alle Kulturen gefunden hat. Das Heiligtumsasyl war an Tempel, sakrale Gegenstände oder tabuisierte Personen gebunden, in deren heiliger Sphäre die Schutzsuchenden der Gottheit unterstanden und deshalb vor den Nachstellungen ihrer Verfolger sicher waren. Kam es dennoch zur Verletzung eines solchen Asyls, so war dies gesetzwidrig und galt als Frevel, der göttliche und oft auch weltliche Strafen nach sich zog."

Dieses Zitat ist entnommen aus dem wikipedia-Artikel „Kirchenasyl“
http://de.wikipedia.org/wiki/Kirchenasyl
und könnte dir als Einstieg in das Thema erste Hinweise und unten viele Links bieten.

Freundliche Grüße
rotmarder

Hallo zusammen!

Ich habe in einem antiquarischen Buch …

Hey Marder,

Der Ursprung des Kirchenasyls ist im Heiligtumsasyl zu sehen,
welches wahrscheinlich schon zu den ersten kulturellen
Errungenschaften der Menschheit gehörte und, mit den Menschen
aus Afrika kommend, Eingang in nahezu alle Kulturen gefunden
hat. Das Heiligtumsasyl war an Tempel, sakrale Gegenstände
oder tabuisierte Personen gebunden, in deren heiliger Sphäre
die Schutzsuchenden der Gottheit unterstanden und deshalb vor
den Nachstellungen ihrer Verfolger sicher waren. Kam es
dennoch zur Verletzung eines solchen Asyls, so war dies
gesetzwidrig und galt als Frevel, der göttliche und oft auch
weltliche Strafen nach sich zog."

*MitdenZähnenknirsch*
Schon nicht schlecht, aber mir noch nicht ausreichend. Mir geht es wirklich (mehr oder weniger) um genau das, was ich da mal gelesen habe… Und (ich glauuuuuuuube, das betraf doch eher das Mittelalter, und nicht die Zeit „davor“!!!)

Aber ich danke dir sehr herzlich für deine Mühe!!! Sternchen haste schon, einen Eierpunsch (selbstgemacht!) schieb ich dir grad auch noch rüber! :wink:

Luziegruß

Hallo,

das Ganze klingt irgendwie sehr eigenwillig.
Meines Wissens war es ja gerade im Mittelalter und in Deutschland so, daß geistliche und weltliche Macht oft zusammenfielen. In den kirchlichen Fürstentümern hätte es dann also so etwas schon einmal gar nicht geben können - da war der Bischof bzw. Erzbischof gleichermaßen Landesherr und kirchlicher Herr und hätte so,it eine Auslieferung des Asylanten in jedem Fall durchsetzen können. Aber auch da, wo dies nicht der Fall war, war die Gewaltenteilung in der Regel so, daß sich Kirche und Staatsgewalt in jedem Fall geeinigt hätten irgendwie.
Mir sind auch keine Quellen und Berichte bekannt über Kirchenasyl aus der fraglichen Zeit. Und die müßte es ja Fall massenweise geben, wenn die Zahl der Fälle wirklich so graß gewesen wäre, daß es dabei in Größerordnungen zu regelrechten Friedhofsgründungen auf den Kirchhöfen gekommen wäre.
Im Übrigen: Darüber, wer in geweihtem Boden zu liegen kam, bestimmte in jedem FAll die Kirche. Und da ein Toter ja letztlich für jede staatliche Gewalt uninteressant ist, hätte die Kirche auch eine Beisetzung auf dem normalen friedhof verfügen können.

Es gibt aber auch eine andere Deutung: Die Kirchen waren ja quasi heiliger Boden. Und so finden wir gerade im Mittelalter auch vieöle Beisetzungen in kirchen direkt, die allerdings meistens hohe Adlige oder hohe Geistliche betrafen. Und genau so oft findet man auch im ländlichen Raum noch Grabsteine solche Leute an den Kirchenmauern - da sind offenbar Beisetzungen direkt an der Kirchenmauer erfolgt. Da scheint es mir eigentlich naheliegend, wenn auch das gemeine Volk möglichst in Kirchnnähe beigesetzt werden wollte. Da hätte diese Art von Friedhöfen gar nichts mit Kirchenasyl zu tun.
Mir scheint das überhaupt eine recht ursprüngliche Art der Bestattung zu sein und offenbar sind Friedhöfe unabhängig von Kirchen erst später entstanden, als der Raum in Kirchnähe nicht mehr ausreichend war.

Gernot Geyer

Hallo,
ich halte die Geschichte für unglaubwürdig.
Es ist so wie bereits von Gernot angesprochen: jeder Christ wollte am nächsten an (oder besser noch in) der Kirche beerdigt werden, so daß man noch heute aus der Entfernung des Grabes zur Kirche ungefähr die soziale Stellung des Toten erkennen kann.
Es war auch nicht üblich „Gesetzlose“ auf dem Kirchfriedhof zu beerdigen, sondern die wurden meist auf eigenen „Friedhöfen“ vergraben oder auf andere Weise entsorgt (z.B. im Moor).
Ich kann mir auch nicht vorstellen, daß es zu irgendeiner Zeit so viele Gesetzlose gab, daß in einem Landstrich die Kirchgärten mit Asylsuchenden überfüllt waren.

Gruß

Schon nicht schlecht, aber mir noch nicht ausreichend. Mir
geht es wirklich (mehr oder weniger) um genau das, was
ich da mal gelesen habe… Und (ich glauuuuuuuube, das betraf
doch eher das Mittelalter, und nicht die Zeit „davor“???!!!)

Hallo, Da wirds dann aber schwierig, wenn eben das von dir gelesene eher als Märchen oder schlicht falsch geoutet wird.
sobald es Kirchen gab, gab es auch Bestattungen in ihrer Nähe, davor hat man die Toten oft „extra muros“ bestattet, was man mit Gesetzlosen , infektiösen (Lepra,Pest) und „Touristen“, sprich nicht-Bürgern, durchreisenden etc. ebenso machte.
Da die Kirchen in der Stadt/Dorf war, gibt es auch welche die keinen Friedhof hatten und nur vereinzelte Bestattungen im Umfeld waren drin (eben in der Kirche oder ganz dicht dran durch hohe Würdenträger.)
Ein bisschen könnte es sein, dass deine Story auf St.Jürgen-Kirchen gemünzt sein könnte, die kümmerten sich um Lepröse und irgendwann wurden ganze Leprosorien (Wohnheimartige Strukturen nach klösterlichem Vorbild für jene die eben durch die Lepraschau durchfielen) daraus. Diese boten den Kranken gewisse Vorteile (freies Essen, Unterkunft), so dass auch manche versuchten, als Leprakranker durchzugehen, selbst wenn ihnen nichts fehlte. Früher oder später dürften die dann aber auch „zurecht“ dort gewesen sein :wink: und irgendwann mussten sie dann eben auch auf dem Gelände begraben werden.
Gruß Susanne

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Hallo Luzie,

Friedhöfe in Deutschland sind entstanden, weil der ummauerte
oder umfriedete Hof / Garten / Park um eine Kirche
„Gesetzlosen“ als Fluchtmöglichkeit diente: Sie entzogen sich
durch ihren Aufenthalt innerhalb der Kirchenmauern dem Arm des
Gesetzes.

den geschilderten Zusammenhang zwischen Kirchenasyl und Friedhof halte ich für abwegig. Die quantitative Inanspruchnahme des Kirchenasyls wird grob überschätzt - im Übrigen auch die Wirksamkeit des Schutzes. Echten Schutz (allerdings durchaus nicht immer) boten die Kirchen allenfalls im frühen Mittelalter. Gregor von Tours schildert einige spektakuläre Fälle aus der Merowingerzeit - spektakulär vor allem, weil der Schutz versagte. Dabei wird auch deutlich, dass das Asyl vorwiegend von Adligen in Anspruch genommen wurden, die sich (idR wegen Hochverrats) königlicher Verfolgung ausgesetzt sahen. Das ging so häufig schief, dass man im Laufe der Zeit doch sicherheitshalber das Exil im Ausland vorzog. Ein weiterer Punkt - man bilde sich nicht ein, die kirchlichen Würdenträger hätten sich verpflichtet gesehen, die Asylanten mit dem Lebensnotwendigen (vor allem Lebensmitteln) zu versorgen. IdR war man froh, wenn man den lästigen Besuch schnell wieder los wurde. Eine Verpflegung von außerhalb konnten sich nur entsprechend betuchte Asylanten leisten - niemand, der gezwungen war, für seinen Lebensunterhalt zu arbeiten.

Das hier:

Mit der Zeit wurde dieser Hof / Garten / Park immer
überfüllter, die Menschen starben.

ist Unsinn.

Da sie nun aber geächtet
waren oder gar einer „fremden“ Religion angehörten, wurden sie
innerhalb dieses Hofes / des Garten / Parks beerdigt und nicht
auf dem „offiziellen“ Gottesacker.

Geächtete und erst recht Ungläubige landeten auf dem Schindanger, nicht auf einem Friedhof. Es sei denn, es waren Adlige, die durch ihren Standeskomment privilegiert waren. Eine Sonderstellung hatten Juden, die sich einen Friedhof kaufen durften, der allerdings idR ‚extra muros‘ (außerhalb der Stadtmauern) zu liegen hatte.

Der „offizielle“ Gottesacker lag so gut wie immer direkt an der Kirche/Kapelle so der Ort denn eine hatte. War der Friedhof vor der Kirche/Kapelle da, so baute man die Kirche dort (und schuf so häufig einen neuen Siedlungskern). Die Entwicklung war zwangsläufig - Kirchen und Klöster waren ursprünglich idR Stiftungen (oft sogar als ‚Eigenkirchen‘) und dienten den Familien der Stifter als Grabstätten und Ausweis ihrer göttlichen Legitimation. Natürlich wollte man damit auch unmittelbar auf magische Weise nach dem Tod vom ‚Heil‘ des geweihten Ortes profitieren. Das gemeine Volk wollte dies verständlicherweise auch - musste aus Platzgründen aber natürlich im ‚Vorgarten‘ begraben werden, den man durch Weihe mit in den sakralen Bereich hineinholte.

Die Mauer nun wiederum - einmal davon abgesehen, dass sie in Notzeiten auch als militärische Befestigung dienen konnte - hatte den Zweck, die Grenze zwischen profanem und geistlichem, geweihtem Boden deutlich zu markieren. Zumal diese Grenze gleichzeitig auch eine juristisch bedeutsame Grenze war. Eben hierin liegt übrigens auch der Grund des sog. ‚Asylrechtes‘ (das es als ausdrückliches, fixiertes Recht nie gab) - der geweihte Bereich unterlag als Territorium nicht der weltlichen, sondern der kirchlichen Jurisdiktion. Nicht dem weltlichen, sondern dem kanonischen Recht. Sehr deutlich wird diese Abgrenzung bei den sog. ‚enclos paroissal‘ in der Bretagne - die Einfriedungsmauer des sakralen Bezirks mit Kirche, Friedhof, Kalvarienberg und Beinhaus (heute natürlich nicht immer und überall noch vollständig) versperrt manchmal symbolisch sogar den Eingang - in Form eines niedrigen Mäuerchens, über das man hinwegsteigen muss.

Da innerhalb dieser Einfriedung irgendwann kein Platz mehr
war, wurden die Mauern versetzt.

Das kam wohl eher selten vor - allenfalls, wenn man ein angrenzendes Grundstück erwerben (und dann weihen) konnte. In der Regel wurden, wenn der Friedhof ‚belegt‘ war, die ältesten Gräber wieder ausgehoben und neu belegt. Die ausgegrabenen Knochen wurden platzsparend aufbewahrt, idR in sog. Beinhäusern (Ossuarien, Karner).

Mit der Ära Napoleons wurde es dann erst üblich, die Friedhöfe aus den Ortskernen herauszunehmen und am Ortsrand neue Friedhöfe anzulegen - eine aus hygienischer und seuchenpolizeilicher Sicht längst überfällige Maßnahme.

Freundliche Grüße,
Ralf