Friedrich Wilhelm IV

Liebe Experten!
Vielleicht kann jemand von euch einer Laien-Historikerin folgende
Frage beantworten:
Wie ist das Verhalten von Friedrich Wilhelm IV während der Revolution
von 1848 einzuschätzen? Bis zu dem Zeitpunkt verhält er sich als
Musterexemplar des absoluten Monarch, zur Revolution macht er
plötzlich einige - unverständliche - Zugeständnisse zugunsten einer
konstitutionellen Verfassung. Plötzlich gibt er sich volksnah,
schreibt an das Volk Proklamationen mit Titeln wie „An meine lieben
Berliner“, zeigt sich auf dem Balkon etc . (teils wohl auch ohne
Wissen /Absprache mit seinem Stab).
Das alles passt für mich nicht ins Bild des Königs. Hat er in diesen
Momenten einfach nur unklug gehandelt oder steckte eine Strategie
dahinter?

Danke und Grüße,
F.

Bis zu dem Zeitpunkt verhält er sich
als Musterexemplar des absoluten Monarch, zur Revolution macht er
plötzlich einige - unverständliche - Zugeständnisse zugunsten
einer konstitutionellen Verfassung. Plötzlich gibt er sich volksnah,
schreibt an das Volk Proklamationen mit Titeln wie „An meine
lieben Berliner“, zeigt sich auf dem Balkon etc . (teils wohl auch
ohne Wissen /Absprache mit seinem Stab).
Das alles passt für mich nicht ins Bild des Königs. Hat er in
diesen Momenten einfach nur unklug gehandelt oder steckte eine
Strategie dahinter?

Liebe Friederike,

dieser König wird höchst unterschiedlich eingeschätzt und beurteilt. Einig sind sich die Historiker wohl nur darin, daß FW IV durch die Erfahrungen der französischen Revolution und der Flucht aus Berlin geprägt war und nie wieder eine ähnliche Erfahrung machen wollte. Nun kommt aber die Revolution von 1848 - wieder eine Revolution! -, an der er nicht ganz unschuldig war: der von ihm selbst einberufene Landtag hatte eine Verfassung gefordert - die freilich verweigerte er, wiewohl sein Vater die versprochen hatte. Nach der Revolution - im Herbst 1848 marschiert er mit der Armee wieder in Berlin ein, aus dem er hatte fliehen müssen, ohne auf Widerstand zu stoßen - erläßt, „oktroyiert“ er eine Verfassung. Offenbar also verstand er eine Verfassung, an die auch der Monarch gebunden war, als einen Gnadenakt, den der Monarch dem Volk zukommen ließ. FW IV war ja derartig von dem Gottesgnadentum seiner Herrschaft durchdrungen, daß er die vom Volk ihm angebotene Kaiserkrone für Dreck hielt, „die nur Ekel und Abscheu verdient“.

In dieser Verfassung sind ja durchaus liberale Elemente enthalten; auch hat er den Polen in einigen Provinzen ihre nationale Selbständigkeit wiedergegeben; und bei seinem Regierungsbeginn hatten die liberalen Bürger durchaus Hoffnungen auf ihn gesetzt.

Insgesamt scheint er mir eine disparate Persönlichkeit zu sein; sein Ritt mit schwarz-rot-goldener Schärpe „Unter den Linden“ und der Aufruf an die „lieben Berliner“ sind wohl Anbiederungsversuche gewesen, um die Revolution doch noch zu verhindern.

Eine Strategie? Doch wohl eher nicht. Er hatte zwar bestimmte Vorstellungen von dem Staat, dem er vorzustehen wünschte, nämlich die mittelalterliche Ständeordnung, doch die Zeiten waren nicht mehr derart, daß er dies hätte durchsetzen können.

Keine genaue Auskunft, ich weiß; aber welcher Mensch ist schon so rational organisiert, daß alle seine Verhaltensweisen logisch, folgerichtig und stringent ind?

Gruß - Rolf

HAllo,

nun ja - der Herr war einer der geistig nicht gerade übermäßig gesegneten Herrscher. In seinem Kopf spukten da recht romantische Vorstellungen vom Königtum herum. Uns sazu paßten Dinge wie Verfassung und Volksvertretung nun überhaupt nicht.
Nun war er aber auch noch recht weltfemd - die Ereignisse haben ihn uns ach seine Minister ganz eiskalt erwischt. Keine Vorbereitungen und Notfallpläne - und plötzlich stand das Volk vor der Tür und wollte rein.
Im blieb erst mal gar nichts groß übrig, als nachzubegen und ein paar Versprechungen zu machen. Erstens hatten sie ja alle mehr oder weniger Angst und die Hosen voll und zweitens hatten sie auch so aus dem Handgelenk heraus keine ernsthafte militäreische Macht bei der Hand, um anders reagieren zu können.

Also tat der König das einzige, was er tub konnte, wenn er nicht riskieren wollte, seine Krone gleich zu verlieren - er gab erst mal nach und schaute sich nach Verstärkung um. Die kam ja dann auch - Geberal Wrangel stellte die Ordnung recht schnell wieder her.

Natürlich war der Regierung klar, daß es trotzdem nicht weitergehen konnte, wie bisher - es kriselte ja auch in den anderen Ländern. Und dauerhaft auf Bajonetten kann keiner regieren - so helle waren die auch. Also hat man stückweise etwas nachgegeben und das Ganze in Richtung konstitutionelle Monarchie mit verfassung und Parlament geschoben. Nicht gern - aber anders lies sich nun mal Mitte des 19. Jahrhunderts kein Staat mehr regieren.

Gernot Geyer