Ich liebe Gedichte und im Augenblick besonders solche über den Frühling. Ich würde gerne ein modernes Gedicht über den Frühling lesen; (mit Eichendorff und Co. kenne ich mich gut aus). Wer kennt was SCHÖNES UNBEKANNTES?
Hallo Simone!
Hier ein augenzwinkerndes:
Jürgen Fuchs: Jetzt ist es März
Jetzt ist es März
Und Lili
Mit ihrem blauen
Etwas zu großen Anorak
Wirft sich ins gelbe Wintergras
Und was
Wird im Mai werden?
Dann ein desillusionierendes:
Ulrich Horstmann: Frühling
Alles steht wieder
in Blüte
Es juckt
das Fell
an windstillen Orten
Man macht
sich frei
Tröpfelnd
fahren die Spritzen
in die
Allergiker
Und schließlich noch ein schönes:
Josef Hasl: Krokus
Springtime
Frühling
Der Asche des Winters
kaum entstiegener
Vogel
Wir hörten sein Atmen
und Flügelschlagen
unter dem Eis
durch Februarnächte
geraunt
seine fernen
wiedergefundenen Namen
primavera
printemps
und sehen ihn jetzt
als Wolke
als Rinnsal
als zerronnenen Schnee
im Mund schon
das Blumenwort
Krokus
aus: Wunderblütenschneebereift. Hrg. Walter Flemmer. München (Piper). 1991
Gruß, Wolfgang Zimmermann
Hallo Simone,
da ich nicht weiß, wann bei Dir neu anfängt und wie viel Dir bekannt ist, hier einer aus dem Zyklus, den ich immer zu Jahreszeitengedichten empfehle. Wenns für Dich ne ausgelutschte olle Kamelle ist, gefällts vielleicht jemand anderem:
Aus Erich Kästners „Dreizehn Monaten“
Der März
Sonne lag krank im Bett
Sitzt nun am Ofen.
Liest, was gewesen ist.
Liest Katastrophen.
Springflut und Havarie,
Sturm und Lawinen,-
gibt es denn niemals Ruh
drunten bei ihnen?
Schaut den Kalender an.
Steht drauf: „Es werde!“
Greift nach dem Opernglas.
Blickt auf die Erde.
Schnee vom vergangnen Jahr
blieb nicht der gleiche.
Liegt wie ein Bettbezug
klein auf der Bleiche.
Winter macht Inventur.
Will sich verändern.
Schrieb auf ein Angebot
aus andern Ländern.
Mustert im Fortgehn noch
Weiden und Erlen.
Kätzchen blühn silbergrau
schimmern wie Perlen.
In Baum und Krume regt
sich’s allenthalben.
Radio meldet schon
Störche und Schwalben.
Schneeglöckchen ahnen nun,
was sie bedeuten.
Wenn Du die Augen schließt,
hörst Du sie läuten.
(für den richtig schönen „Mai“ aus diesem Zyklus ists noch zu früh)
Schöne Grüße
MM
Noch 'ne Parodie:
Frühlingstage
Herr, es ist Zeit. Der Winter war famos.
Nimm nun die Schatten von den Sonnenuhren
und auf den Fluren lass uns zügellos.
Erlaub den ersten Früchtchen, toll zu sein;
Gib ihnen schon drei sonnigere Tage
dränge sie zur Vollendung hin und jage
verliebte Hasen auf den grünen Hain
Wer jetzt zuhaus hockt, hockt nicht lange mehr.
Wer jetzt allein ist, wird 's nicht lange bleiben,
wird lachen, werben, bange Briefe schreiben
und wird nach all dem Hin und Her
so wie die Hasen Liebesspiele treiben.
Heiner Garcia Mielke
Hallo Fritz,
nach dem Gedicht, habe ich auch als erstes gesucht, aber irgendwie hab ich den Zettel verlegt. Hast Du eine Quellenangabe?
amüsierte Grüße
[…]
Frühlingstage
Herr, es ist Zeit. Der Winter war famos.
Nimm nun die Schatten von den Sonnenuhren
und auf den Fluren lass uns zügellos.
Erlaub den ersten Früchtchen, toll zu sein;
Gib ihnen schon drei sonnigere Tage
dränge sie zur Vollendung hin und jage
verliebte Hasen auf den grünen Hain
Wer jetzt zuhaus hockt, hockt nicht lange mehr.
Wer jetzt allein ist, wird 's nicht lange bleiben,
wird lachen, werben, bange Briefe schreiben
und wird nach all dem Hin und Her
so wie die Hasen Liebesspiele treiben.Heiner Garcia Mielke
Heute gekommen von http://www.lyrikmail.de:
Ostern
Wenn die Schokolade keimt,
Wenn nach langem Druck bei Dichterlingen
„Glockenklingen“ sich auf „Lenzesschwingen“
Endlich reimt,
Und der Osterhase hinten auch schon preßt,
Dann kommt bald das Osterfest.
Und wenn wirklich dann mit Glockenklingen
Ostern naht auf Lenzesschwingen, - - -
Dann mit jenen Dichterlingen
Und mit deren jugendlichen Bräuten
Draußen schwelgen mit berauschten Händen - - -
Ach, das denk ich mir entsetzlich,
Außerdem - - unter Umständen -
Ungesetzlich.
Aber morgens auf dem Frühstückstische
Fünf, sechs, sieben flaumweich gelbe, frische
Eier. Und dann ganz hineingekniet!
Ha! Da spürt man, wie die Frühlingswärme
Durch geheime Gänge und Gedärme
In die Zukunft zieht,
Und wie dankbar wir für solchen Segen
Sein müssen.
Ach, ich könnte alle Hennen küssen,
Die so langgezogene Kugeln legen.
Joachim Ringelnatz
(1883-1934)
Schöne Feiertage
Barbara
Hi,
hat mir gut gefallen. Danke! Woher kommt das Kästner-Gedicht (Buchtitel oder so)? Kannte ich noch gar nicht…
Grüßle,
Susanne
Gottfried Keller
Salü
Als Zürcher sag ich es mit unserem Dichter - kurz und bündig.
Ob unbekannt oder schön, soll der Betrachter für sich ausmachen 
Frühlingsbotschaft
Leise zieht durch mein Gemüt
Liebliches Geläute.
Klinge, kleines Frühlingslied,
Kling hinaus ins Weite.
Kling hinaus, bis an das Haus,
Wo die Blumen sprießen.
Wenn du eine Rose schaust,
Sag ich laß sie grüßen
Gottfried Keller
schöne Ostern wünsche ich Euch
Peter
Wenn du auch Kindergedichte magst:
Der Dachs
Der Dachs hat Streifen im Gesicht,
den argen Winter mag er nicht.
Im März kommt er aus seinem Loch
und grunzt: "Jetzt kommt der Frühling doch
Guggenmos
GESA BRUNKOW
Wer hat sich mit dem Löwenzahn
im grünen Bergland
festgebissen
und den Zwergtulpen
über Nacht
lange Hälse gemacht
und am Apfelbaum
eine mondhelle Blüte
zum Erröten gebracht
und aus dunklen Stuben
Kinder geweht
vors Narzissenbeet
und nicht eher geruht bis
auch die jungen Vögel wieder
die alten Lieder singen
welcher Monat ist es?
Gruß
Monika
P.S.: Ich habe noch mehr! 
Euch allen LIIIEEEBBEENNN DANK!!! Genau so habe ich mir das vorgestellt…
Hallo,
Hast Du eine Quellenangabe?
Nee. leider nicht. Ich hätte sie selber gern. Wer weiß, woher ich das Verslein habe. Und wie lange schon.
Wenn du was findest, sags mir auch, ja? Bittedanke!
Ein anderes:
_Eines muß man jedes Jahr wieder lesen, es ist eines der heitersten. Es stammt von Friederike Kempner (1828-1904), bekannt geworden als „schlesischer Schwan“.*
Wenn der holde Frühling lenzt
Und man sich mit Veilchen kränzt,
Wenn man sich mit festem Mut
Schnittlauch in das Rührei tut,
Kreisen durch des Menschen Säfte
Neue ungeahnte Kräfte -
Jegliche Verstopfung weicht,
Alle Herzen werden leicht,
Und das meine fragt sich still:
„Ob mich dies’ Jahr einer will?“_
* Ist der Kempner wohl untergeschoben, denn in ihrem Werkverzeichnis bei Gutenberg findet man es nicht.
Na, vielleicht in einem anderen Band der Kempner.
Gruß Fritz
Hallo,
Hast Du eine Quellenangabe?
Nee. leider nicht. Ich hätte sie selber gern. Wer weiß, woher
ich das Verslein habe. Und wie lange schon.
Wenn du was findest, sags mir auch, ja? Bittedanke!
Hallo Fritz,
soweit ich weiß wurde das mal im Plauderbrett (oder in einem anderen Wer-weiss-was-Brett) gepostet. Aber ich kann das nicht feststellen, denn ich kann nicht ins Archiv.
Viele Grüße
Servus Susanne,
dabei hab ich die schönsten noch gar nicht zitiert, Mai und Juni zum Beispiel…
„Die dreizehn Monate“ (teils auch mit „13“ geschrieben) von Erich Kästner sind 1955 bei Atrium in Zürich erschienen (es lohnt sich, in den Antiquariaten zu stöbern, weil diese Ausgabe mit schönen Zeichnungen versehen ist). Die letzte, die ich kenne, ist 1979 bei Droemer Knaur herausgegeben worden. Dürfte aber immer mal wieder aufgelegt werden.
Schöne Grüße
MM