Frühneuhochdeutsch: Werner-Legende

Liebe Germanisten,

ein um zwei Ecken Bekannter (Franzose) beschäftigt sich mit einem Aufsatz von Ferdinand Pauly zur Vita des Werner von Oberwesel, in dem versucht wird, das wirkliche Geschehen um den Tod von Werner mit den noch vorhandenen Quellen zu rekonstruieren.

In diesem Aufsatz sind ein paar Abschnitte aus der Verslegende vom Grab Werners zitiert, die aus dem 14. Jahrhundert stammen dürfte und von Karl Christ 1938 veröffentlicht worden ist.

Verschieden Abschnitte daraus konnte ich wegen früherer Kontakte zum Alemannischen relativ leicht verstehen und erläutern, aber jetzt habe ich hier einen, der mir gänzlich fremd ist - das alles klingt auch fast mehr Mittelhochdeutsch als Frühneuhochdeutsch.

In der Einleitung der Verslegende wird über den Knaben Werner gesagt:

„Dogent waß jn jme gesamet,
So daß er synes lybeß vermuchte.“

Mehr als dieser eine Vers wird durch Pauly nicht zitiert. Der Autor betrachtet ihn als einen Hinweis darauf, dass noch zur Entstehung der Verslegende eine Erinnerung daran vorhanden war, dass es sich beim Mord an Werner um ein Sittlichkeitsverbrechen gehandelt haben kann (und die Mär vom „Ritualmord“ jedenfalls erstunken und erlogen war). Er setzt allerdings stillschweigend voraus, dass der Leser den zitierten Vers versteht.

Nach meinem Verständnis (dogent = „Macht“??) heißen die Zeilen:

„Macht/Kraft war in ihm gesät,
so dass er seines Leibes vermochte (über seinen Leib verfügte??)“

Soll das so verstanden werden, dass der Knabe Werner zum Zeitpunkt der Tat bereits im Besitz seiner Manneskraft war?

Wer kann richtig Frühneuhochdeutsch und Vorschläge zum richtigen Lesen des zitierten Verses machen?

Für Unterstützung dankt

MM

Hallo Martin,
schau mal in die Ergebnisse der Webseitensuche vom Grimm; da scheint Dogent im Sinn von Tugend zitiert zu werden.

http://www.google.de/search?sourceid=navclient-ff&ie…

„Dogent waß jn jme gesamet,
So daß er synes lybeß vermuchte.“

Gruß
gargas

Servus,

schönen Dank - das isses wohl für „dogent“. Aber der Rest?

Würde der Vers bedeuten:

„Tugend war in ihm gesät,
so dass er seinen Leib beherrschte“??

Schöne Grüße

MM

Da bin ich wieder,

nein, ich bin kein Germanist und kann auch kein Frühneuhochdeutsch. Aber gerade sehe ich, dass der Grimm im Netz inzwischen eine Volltextsuche bietet. Dort findet man „gesamet“ aber ich werde nicht wirklich schlau aus den Beispielen. Vielleicht hast Du mehr Intuition. Wenn Du die Stichwörter im Netz anklickst kommst Du zum ganzen Artikel

1 GEIST, m.
dar umbe muo##x10f3; diu sêle gesamet sîn und ûf gezogen unde
2 GESELLSCHAFT, f.
diu mit eides krafft heimlich gesamet wirt. Konr. v. Ammenhausen schachz.
3 GEZOGEN
betrogen); vgl. musz diu sêle gesamet sîn und ûf gezogen myst.
4 GRIEBE, f.
unslit, daz von den rindern gesamet ward, daz musten die flaischhacker
5 NUN, adv.
als sich nun der kaiser gesamet. Wilwolt von Schaumb. 14; als
6 SAMEN, v.
zenâhe gerâmet: des ist mir gesâmet menges leides unkrût in miner
dieselbigen art fische auch also gesamet, und schon gewachsen. 3, 358
7 SPIESZ, m.
von Ulm und ander [etc]. gesamet gen Memingen wol mit 600
http://germazope.uni-trier.de/Projects/WBB/woerterbu…

Suche nach vermuchte ergab keinen Treffer

Viel Glück
gargas

„Dogent waß jn jme gesamet,
So daß er synes lybeß vermuchte.“

Hallo Martin,
„Dogent waß jn jme gesamet,
So daß er synes lybeß vermuchte.“

Ich würde sagen, dogent bedeutet Tugent. Vermuchte/vermochte/vermögen = können

Also neudeutsch:
Er verfügte über Tugent
und hatte sich im Griff.

Gruß, Susanne

„Tugend war in ihm gesät,
so dass er seinen Leib beherrschte“??

Naja, wenn’s ja um ein Sittlichkeitsvergehen geht, dann hat er wohl v.a. einen ganz bestimmten Teil seines Leibes beherrscht… und zwar, weil er voller Tugend war.

Hallo Christiane,

weisst Du, was „vermuchte“ heißt, oder schliesst Du Dich bloß meiner spekulativen Vermutung an? Bisher hat dieses Wort niemand bestätigen können, daher die Nachfrage. - Die Interpretation ist mir klar, mir fehlt die Grundlage dazu, nämlich eine sichere Übertragung Wort für Wort.

Schöne Grüße

MM

Hallo Susanne,

schönen Dank für die freie Interpretation. Wie lautet Deine wörtliche Übertragung, vor allem für die Worte „gesamet“ und „vermuchte“?

Schöne Grüße

MM

Hallo Martin,
ich war so frei…

Was die Wörter gesamet und vermuchte betrifft, so weiß ich, die genaue Bedeutung des zweiten Worts in einem Buch über das Mittelhochdeutsche gefunden zu haben, das ich kürzlich wieder der Bücherei zurückgeben musste. Ich hatte allerdings eher was über Frühneuhochdeutsch gesucht, was es in meinem „Kaff“ nicht gab, sodass ich das eher am Rande mitgelesen habe. Ich meine mich nur zu erinnern, dass „vermuchte“ nicht gleichzusetzen ist mit dem heutigen „er vermochte“/„er konnte“.

Ich würde dem Gefühl nach sagen, „gesamet“ bedeutet so viel wie „gesamt“ oder „gesammelt“, und „vermuchte“ so viel wie „beherrschen“. Meine gesammelten Unterlagen haben leider nicht mehr hergegeben, tut mir Leid.

„Dogent waß jn jme gesamet,
So daß er synes lybeß vermuchte.“

Gruß, Susanne

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Servus Susanne,

schönen Dank, da überreich ich Dir auch noch ein Sternderl, falls Du die Dinger magst. Bin gespannt, ob wir mit vereinten Kräften nebst den Grimms und der Fac de Trèves in Outre-Rhin Lorbeeren ernten - falls ja, werde ich berichten.

Schöne Grüße

MM