Servus,
ich habe einzelne Fälle erlebt, in denen Botschaften und lokale Ausländerbehörden etwas schneller gearbeitet haben als angekündigt: „Das kann gut zwei Wochen dauern“ war dann auch schon mal innerhalb von zehn Tagen erledigt.
Aber die Aussage „mindestens sechs Monate“ bedeutet ja 26 oder auch 27 oder auch 28 oder auch 29 Wochen. Einen Termin hätte sich die Behörde gesetzt, wenn gesagt worden wäre „höchstens sechs Monate“. Das war aber nicht die Aussage.
Zur Erläuterung: Der Kontakt zwischen der Botschaft, die den Antrag bearbeitet, und den im Inland beteiligten Stellen (die lokale Ausländerbehörde und die Bundesagentur für Arbeit sind bloß zwei davon, es spielen noch andere im Hintergrund mit, von denen man nicht so viel hört), findet unverändert auf Papier statt, und die Dienstpost in diesen Angelegenheiten wird nicht täglich mit dem Flieger verschickt. Auf diese Weise kann ein Schriftwechsel mit nur einer Sequenz Hin und Zurück leicht für sich allein einen Monat und mehr dauern.
Sehr lange Bearbeitungszeiten gibt es meiner Erfahrung nach bei den lokalen Ausländerbehörden und den Stellen der Bundesagentur für Arbeit, die die früheren Landesarbeitsämter abgelöst haben, weil beide heillos überlastet sind.
Das liegt teilweise auch an den Personalschlüsseln der Ausländerbehörden, die ziemlich unabhängig von dem jeweils örtlichen Anteil von Ausländern an der Wohnbevölkerung sind. Man kann also ein bissel was auch über die Wohnadresse steuern: Wenn man als Ausländer in Deutschland in einem Landkreis wohnt, in dem relativ weniger Ausländer wohnen, geht alles, was mit der Ausländerbehörde zu tun hat, sehr viel schneller und leichter.
Ein ganz amüsantes Detail von der Deutschen Botschaft in Beijing: Dort hat sich die Visastelle etwas einfallen lassen, um sich der Gewohnheit der Chinesen anzupassen, dass man jeden Beamten kaufen kann, wenn man bloß genug zahlt - es gibt dort zwei verschiedene Tarife für die Bearbeitung von Anträgen für Schengen-Visa C, einen Normaltarif und einen Expresstarif für beschleunigte Bearbeitung, der eine Stange Geld kostet.
Ich, der ich immer noch an die Dinge glaube, die wir vor 1990 zum Thema Gleichheit vor Gesetz und Staat im Gemeinschaftskundeunterricht gelernt haben, habe mich ziemlich geschämt, als ich das erfahren habe; und ich finde es persönlich sehr viel besser, wenn jeder in der Reihenfolge drankommt, in der er den Antrag gestellt und mit allen notwendigen Unterlagen vorgelegt hat.
Ein anderes, ebenfalls amüsantes Detail von der Deutschen Botschaft in Tripoli: Dort gab es in 2010, weil ein Posten auf der Visastelle vorübergehend vakant war, auch für reguläre Touristen- und Businessvisa wochenlange Wartezeiten. Die Antragsteller kampierten Tag und Nacht vor der Botschaft in der Hoffnung, irgendwann dranzukommen. Dieser für alle Beteiligten unzumutbare Situation versuchten die ordentlichen Deutschen abzuhelfen, indem sie bei Annahme des Antrags gleich einen Termin zur Abholung mitteilten. Sie hatten aber die Rechnung nicht mit ihrer libyschen Kundschaft gemacht: Es veränderte sich überhaupt nichts, weiterhin kampierten die gleichen Leute Tag und Nacht vor der Botschaft, weil sie hofften, vielleicht hätte ja jemand seinen Termin vergessen und sie könnten dann schnell mal zwischendurch drankommen…
Kurzer Sinn: „Mindestens sechs Monate“ bedeutet halt nichts anderes als „mindestens sechs Monate“ - wenn man sechs Monate lang täglich hört „Probablemente mañana“, ist das aus deutscher Sicht nicht freundlicher oder höflicher, sondern im Gegenteil viel aufreibender. Und die Person, die sechs Monate lang jeden Tag zu fünfzig Personen am Telefon sagt „Nein, tut mir leid, wir haben noch nichts bekommen - Sie müssen noch ein wenig warten“, kann statt dieser Telefonate eigentlich viel besser Visaanträge bearbeiten, oder nicht?
Schöne Grüße
MM