'g' und 'h' bei Namen aus dem Kyrillischen

Hallo,

ich erlebe es manchmal. dass der Buchstabe „G“ in deutschen Wörtern, die aus dem Kyrillischen wieder in lateinischer Schrift wiedergegeben, also romanisiert werden, zu einem „H“ wird. Also der ehemalige Aussenminister wird als Henscher wieder gegeben. (Das Googeln nach Minister Henscher wird als ersten Treffer ergeben: „former Soviet President Mikhail Gorbachev and former German foreign minister Hans Ditrich Henscher.“

Wie kommt es dazu? Gibt es für das Phänomen einen Namen? Oder gar schon Untersuchungen?

Einen schönen Abend wünscht

Bernhard

Wie kommt es dazu? Gibt es für das Phänomen einen Namen? Oder
gar schon Untersuchungen?

Hallo, Bernhard,
das liegt daran, dass es im Russischen den Buchstaben h nicht gibt.
so wird auch der ehemalige Reichskanzler unseligen Angedenkens im Russischen gern als „Adolf Gitler“ wiedergegeben.
Gruß
Eckard

Lieber Eckard, danke für deine schnelle Antwort, die einen Teilaspekt beleuchtet. Aber ein „G“ wie bei Genscher gibt es doch schon im Russischen und in der Kyrillischen Schrift. Daher kann ich die Umwandlung des Buichstaben doch noch nicht ganz verstehen.
Viele Grüße, Bernhard

Hallo, Bernhard,
das passiert dann bei der Rückumwandlung. Wenn dem Transkribenten der Name „Genscher“ nicht geläufig ist, bildet er eventuell eine Analogie zu dem weitaus bekannteren/berüchtigten Namen des Diktators - und schon wird aus Геншер und Гитлер Henscher und Hitler.

Gruß
Eckard

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Hallo,
ja klar!
Aber das russ. „che“ ist phonetisch doch viel näher an unserem „h“ als an unserem „g“.
Warum also sagen die Russen nicht „Channover“, sondern „Gannover“?
Schöne Grüße!
Hannes

Hallo, Hannes,

ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich müsste dazu in russischer Literatur nachsuchen, wozu mir aber sowohl Lust als auch Zeit fehlt. Fest steht aber, dass es so ist. Vielleicht mag Dich dieses Beispiel überzeugen http://www.krugosvet.ru/articles/47/1004796/1004796a…

Auch Heinrich Heine, Hermann Hesse werden mit Гейнрих Гейне, Германн Гессе wiedergegeben.

Gruß
Eckard

sehr geschätzter Eckard,
dass es so ist.
Nur versteh ich nicht, warum es so ist.
Ich kenne auch niemanden, der das weiß,
wüsst’s aber gern.
Schöne Grüße!
Hannes

Hypothese
Hallo und guten Abend,

Ich möchte hier eine „wissenschaftliche“ Hypothese wagen.

Das phonetische Apparat - Zungenlage und Ansatzpunkt der Zunge an Zähne, Stimmbänderaktivität, Kehlkopfbewegungen usw. - ist bei Menschen, die unterschiedliche Sprachen als Muttersprache sprechen, auch unterschiedlich ausgebildet.

Die Chinesen können ja bekanntlich kein „R“ aussprechen (das heisst, können sie schon, wenn sie lange üben), und aus dem „Brötchen“ wird ein „Blödchen“.

Die Deutschen, die versuchen Russisch zu sprechen, können auch kein „festes“ „L“ aussprechen, weil sie die Zungenspitze an die Zähne ansetzen und nicht die gesamte Vorderzunge.

Das ist auch bei den Russen so. Im Russischen gibt es natürlich ein „H“, das sich wie ein deutsches „Ch“ anhört. Ein „H“ bei Henscher, Heine, Hamburg, Halstuch usw. kommt aber im Deutschen als eher „kräftig ausgehaucht“ und weniger als mit Stimmbändern und durch Anlegen der Zunge an Gaumen wie bei „ch“ gebildet.

Und genau das können die ungeübten Russen nicht. Wenn man versucht, das deutsche „Aushauchen“ nachzumachen, kommt man irgendwann unweigerlich zu einem, wenn auch tiefen und undeutlichen „G“, weil der Gaumen ja wie gewohnt mitmacht. Dazu kommt, dass es sich ein „`ambrug“ für die Russen komisch anhört, für den ersten Laut kann kein Äquivalent im Russischen gefunden werden, und die deutsche Sprache wird von den Russen als allgemein „blaffend“ bezeichnet.

Dadurch erklrät es sich, warum aus „Hamburg“ ein Гамбург wird. Und da das ganze schon seit Jahrhunderten so läuft, wurde auch die Schreibweise übernommen.

In der Transkriptionsnorm ISO 9, die die Übersetzer bei Urkundeübersetzungen aus der und in die kyrillische Schrift benutzen, wird übrigens ein „G“ im Deutschen zum „G“ im Russischen und ein „H“ - zum „H“. Die richtige Schreibweise von Hamburg wäre als nach der ISO 9 Хамбург gewesen, aber das sieht fürchterlich aus und würde auch im normalen Schriftverkehr als orthografischer Fehler behandelt werden.

Hallo Bernhard,

ich kann leider nicht mit einer Antwort an sich dienen.

Allerdings wundert es mich, wenn es immer wieder behauptet wird, die Russen (bzw. diejenigen, die mit Russisch als Muttersprache aufgewachsen sind) könnten kein deutsches „h“ aussprechen. Ich habe das bisher noch nie beobachten können.

Und jetzt ein anderer Gedanke: Bis vor kurzem wurde im Russischen die französische Transkription zur Übersetzung der Namen Deutsch -> Russisch -> Deutsch verwendet(hängt mit deren Geschichte im Zarenreich zusammen). Nun verwenden sie dafür die englische Transkription.

Da „h“ im Französischen nicht ausgesprochen wird (zumindest im Allgemeinen), hätten die Übersetzer ein Problem, da sie etwas, was definitiv ausgesprochen wird, phonetisch nicht adequat übersetzen könnten. Daher könnten sie auf die Idee verfallen sein, es mit einem ähnlichen Buchstaben zu ersetzen. Und jetzt fragt mich bitte nicht, warum sie dafür kein „x“ genommen haben :wink: Das weiß ich auch nicht.

Und zum Schluß: Vielleicht wurde „h“ am Anfang des Wortes im Deutschen (welcher Mundart auch immer, Deutsch als Hochsprache ist ja auch noch nicht so viele Jahrhunderte alt) auch dem „g“ ähnlicher ausgesprochen als „h“ (ich denke da z.B. an „jut“ im Sinne von „gut“, hier geht es natürlich um j vs. g). Und die Vorschrift der Transkription könnte noch aus dieser Zeit stammen. Immerhin hatten russische Zaren einen intensiven Kontakt zu Deutschland (eher Preußen), da sie sich häufig mit deutschen Königshäusern verheirateten. Daher wundert es mich, daß die Deutschen das so klaglos hingenommen hätten, wenn die Übersetzung ihrer Namen etc. so extrem verhunzt worden wäre.

Lida

Moin,

Russisch ist nicht die einzige Sprache, die kyrillisch verschriftet ist. Das Ukrainische z.B. hat andere Transkriptionsregeln als das Russische oder das Bulgarische.
Möglicherweise kommt der „Henscher“ aus einem ukrainischen Zusammenhang.

Viele Grüße
Det

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Moin,

Russisch ist nicht die einzige Sprache, die kyrillisch
verschriftet ist. Das Ukrainische z.B. hat andere
Transkriptionsregeln als das Russische oder das Bulgarische.
Möglicherweise kommt der „Henscher“ aus einem ukrainischen
Zusammenhang.

Viele Grüße
Det

Guter Punkt!
Im Ukrainischen und Belarusischen wird das Г für den h-Laut [ɦ] verwendet, während der g-Laut [ɡ] mit Ґ wiedergegeben wird. Daran halten sich allerdings viele Ukrainer und Belarusen nicht und benutzen oftmals nur Г. Deswegen könnte es von jemandem als „H“ wieder zurücktranskriboren worden sein. Wer weiß…

Gruß,

  • André
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Nur versteh ich nicht, warum es so ist.
Ich kenne auch niemanden, der das weiß,

Ich habe zumindest eine Idee: es gibt Gegenden in Südrussland, wo das G wie H gesprochen wird. Die sagen also Michail Horbatschow. Da liegt es natürlich nahe, umgekehrt ein deutsches H als G (bzw. Г) zu schreiben. Im Alltag bürgert es sich aber auch ein, CH (bzw. Х) für ein deutsches H zu schreiben, weil es sich ähnlicher anhört.
Zoelomat