Hallo,
Also eigentlich habe ich ja für so etwas keine Zeit (grr), aber nach der wenig ernsthaften Reaktion, die Du erhalten hast, möchte ich es mal versuchen.
Tatsächlich hat die christliche „Geschichtsschreibung“ einiges so dargestellt, als wären die Christen bis Konstantin eine ständig verfolgte, ehrenhafte Minderheit gewesen.
64 n. Chr. gab es die bekannte Polizeiaktion gegen die Christen durch Nero. Sie waren für ihn willkommene Sündenböcke für den Brand in Rom. Von einer wirklichen Verfolgung kann man nicht reden, es handelte sich eher um eine auf Rom beschränkte Polizeiaktion.
112/113 schreibt der Statthalter Plinius (der, der auch über den Veruvausbruch geschrieben hat) an seinen Kaiser Trajan wegen der Christen. Sein Problem war, daß immer mehr aus der Bevölkerung sich über die Christen beschwerten. Wenn man den Brief kritisch liest, hat das u.a. wirtschaftliche Gründe, denn die Christen kauften kein Opferfleisch, was die florierende Tempelindustrie arg schädigte. Juristisch und politisch waren die Christen ein Problem, weil sie sich weigerten, die geforderten Loyalitätsbekundungen gegenüber der römischen Staatsreligion zu leisten. Ausübung von religion im römischen Verständnis hatte nicht unbedingt etwas mit Frömmigkeit, sondern vielmehr damit zu tun, daß man durch den Dienst für die Götter den Wohl des Staates gewährleistete. Die Christen waren das, was wir heute „Verfassungsfeinde“ nannten.
Trajan, der Kaiser, schrieb zurück an Plinius. Das sogenannte Trajanreskript stellt klar, daß Christsein, vor allem aufgrund der Weigerung, zu opfern, als solches strafbar wäre, man aber nur auf Anzeigen hin reagieren sollte, die Christen also nicht durch die Polizei verfolgen lassen sollte. (Historisch ist das hier interessant, denn ab diesem Zeitpunkt hat auch die pagane Umwelt die Christen nicht mehr als Juden wahrgenommen, die ja als alte Religion das Privileg hatten, nicht opfern zu müssen).
In den darauffolgenden Jahrzehnte gab es aufgrund dieser Rechtslage immer mal wieder spontane Aktionen gegen Christen, z.B. unter Mark Aurel (167-176). Da sie in diesem sehr unsicheren rechtlichen Status lebten, gleichzeitig aber nicht wollten, daß viele bei den ersten Schwierigkeiten abfielen, kamen nun bei den Christen die Märtyrertheologie und die Märtyrergeschichten auf. Der Märtyrer, glaubte man, überstehe das Martyrium nur durch göttliche Hilfe und gelange nach seinem Tod direkt in den Himmel. Um diese Geschichten möglichst erbaulich werden zu lassen, hat man die Martyrien sehr blutig ausgemalt. So konnte man die Macht und die Liebe Gottes, der ja den Märtyrer rettet, indem er ihn sofort in den Himmel holte, besser darstellen. So wurde auch aus Nero ein Schlimmerer, als er vielleicht war.
Während der sogenannten Krise des 3. Jahrhunderts (Pest, äußere Bedrohung, Wirtschaftskrise) ordnete Decius 249 ein allgemeines Bittopfer an, um so die Bevölkerung wieder zusammen zu bringen und sicherlich auch in der Überzeugung, daß man dem Kult nicht genug gehuldigt hat, um die Götter zu versöhnen. Man ist sich in der Forschung nicht sicher, ob er nicht auch eine Christenverfolgung intendiert hat, aber da die Christen nun mal sich weigerten, zu opfern, wurden sie auch verfolgt. Wer opferte, hatte übrigens keine Probleme mehr. Für die Alte Kirche war dies eine Katastrophe, da doch mehr abfielen, als man erwartet hatte. Erst bei Decius spricht man sowohl in der Geschichtswissenschaft als auch in der Kirchengeschichte von einer Christenverfolgung.
257-259 gab es dann einen gezielten Versuch Valerians, die Christen in ihrer kirchlichen Organisiation zu treffen. Hiervon waren vor allem die Kleriker betroffen.
303-311 gab es dann unter Diokletian die für die Kirche schlimmste Verfolgung. Die Kirche als mittlerweile nicht mehr negierbare Größe sollte hier im INteresse der Herrschaftsstabilisierung völlig zerschlagen werden.
311 kam es schließlich zum Toleranzedikt des Galerius. Das Christentum wurde zur religio licita erklärt.
Ich hoffe, meine INformationen, wenn auch etwas schnell runtergetippt und lang, sind glaubwürdig genug. Wenn es Dich weiter interessiert, kann ich mich auch noch mal nach einer Literaturempfehlung umsehen (bin gerade nicht in der Nähe meiner Bücher).
Gruß,
Taju
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