Gaffer

Hi,

der Fred über das „Wegschauen“ lässt mich grübeln, was es denn eigentlich mit dem „Gaffen“ auf sich hat.

Ich rede jetzt nicht von den Rettungsarbeiten behindernden Gaffern oder Teilnehmern des sog. „Katastrophentourismus“, sondern von den Menschen, die stehenbleiben und gucken, wenn irgendwo etwas „besonderes“ geschieht. Ich frage also nach dem Impuls, der einen anhalten und schauen (teilnehmen) lässt. Das ist ja nicht nur bei Unfällen und anderen Grausamkeiten des Alltags so, sondern stellt ein Phänomen dar, dass sich auch häufig an Baustellen und Abrissorten feststellen lässt. Es geschieht ja in allen Fällen etwas nicht-alltägliches.

Es geht mir darum, das „Natürliche“ kennenzulernen, das hinter diesem Verhalten steckt, nicht das Negative, das ja ausreichend beschrieben wird und wurde.

Gruß,

Anja

Hallo Anja,

Was das beobachten eines Unfalls betrifft wird angenommen, dass dies zur Stabilisierung des Ichs beiträgt. Dem Gaffer wird so klar, dass es anderen schlechter geht als einem selbst. Das wäre eine psychodynamische Erklärung.

Eine lernpsychologische Erklärung wäre, dass ein Unfall oder die Sprengung einer Fabrik ein, aus der Eintönigkeit herausragendes Ereignis ist, welches „stimulierend“ auf den Beobachter wirkt und somit positiv verstärkt wird. Es wird eben etwas spannendes beobachtet, was man anschließend seinen Angehörigen, seinen Kollegen oder auch nur seinerm Friseur erzählen kann. Diese sind interessiert und höre zu. Auch das ist eine positive Verstärkung…

Soviel zu meiner Theorie! =)

Grüße
TAndrija

der Fred über das „Wegschauen“ lässt mich grübeln, was es denn
eigentlich mit dem „Gaffen“ auf sich hat.

Hallo Anja,

die Antwort gibst du dir ja eigentlich schon selbst.
Der Mensch, mit Neugier belastet, fast von der Wiege bis zur Bahre,
will einfach nur wissen und lernen.

Es
geschieht ja in allen Fällen etwas nicht-alltägliches.

Genau das ist es. Spannender als Film und Fernsehen. Komischerweise wird das alltägliche Gaffen bei realen Ereignissen oft als negativ betrachtet, während fast niemand etwas dabei findet, wenn uns die Nachrichten-Sendungen mit Katastrophenmeldungen aus aller Welt ergötzen. Dabei betrifft mich eigentlich der Verkehrsunfall in meiner Straße weit mehr, als ein noch so schreckliches Erdbeben im fernen China.
Der Ehekrach meiner Nachbarn sollte mich mehr interessieren, als irgendwelche erfundene Beziehungskrisen in der „Lindenstraße“.

Es geht mir darum, das „Natürliche“ kennenzulernen, das hinter
diesem Verhalten steckt, nicht das Negative, das ja
ausreichend beschrieben wird und wurde.

Das „Natürliche“ ist im Ursprung wohl nichts weiter, als Schauen und (unbewusst) Lernen.

(„Schau mal, mein Rudelgenosse schlägt Nüsse mit einem Stein auf. Toll, wie er das macht. Jetzt hat er sich auf den Finger gehauen. Aua! :smile:“)

Für mich ist es eigentlich merkwürdiger, dass wir uns, (die Meisten von uns), so sehr für Bücher und Filme interessieren.
Wir lachen und weinen mit Personen, von denen wir von vornherein wissen, dass sie niemals existiert haben.

Komisch! Aber so sind wir eben.

Gruß, Nemo.

Hallo Anja,
eine interessanta Frage, die mich auch beschäftigt: Seit fast 2 Jahren gibt es bei mir zu Hause einen Fernseher; meine Frau wollte den.
Da gibt es einen Sender, der Pannen zeigt, also wie Kinder auf dem Sofa hopsen und dann so richtig auf die Fresse fliegen, dass es beim Zuschauen manchmal wehtut.

So, - und das sehe ich mit großem Vergnügen. Ich werde wohl mal zwei drei Sitzungen mit einem Psycho einplanen, um herauszufinden, welche dunkle Ecke in mir da anspricht. :wink:

Schöne Grüsse

Uli

Vorsicht vor allzu schematischer Betrachtung
Hi.

Ich rede jetzt nicht von den Rettungsarbeiten behindernden
Gaffern oder Teilnehmern des sog. „Katastrophentourismus“,
sondern von den Menschen, die stehenbleiben und gucken, wenn
irgendwo etwas „besonderes“ geschieht.

Bleiben sie stehen, sind sie „Gaffer“. Gehen sie vorüber, sind sie „kaltherzig“ und „teilnahmslos“.

Wie also sollen sie es richtig machen?

Ich frage also nach dem
Impuls, der einen anhalten und schauen (teilnehmen) lässt.

Ich verstehe nicht, was hinter dieser Frage steckt, zumal sie viel zu allgemein gestellt ist. Neugierde, Interesse, Voyeurismus … es gibt x Gründe, etwas zu beobachten.

Es geht mir darum, das „Natürliche“ kennenzulernen, das hinter
diesem Verhalten steckt, nicht das Negative, das ja
ausreichend beschrieben wird und wurde.

Das kann man nicht verallgemeinern. Man muss jeden Einzelfall gesondert analysieren. Sonst läuft man Gefahr, die Einzelfälle unter allzu grobe Schemata zu fassen und ihren Sinn zu verzerren.

Gruß

Horst

Ich denke, dass Du die Frage schon selbst beantwortet hast (mehr oder weniger). Es handelt sich um nicht alltägliche Vorkommnisse, diese haben also einen Neuigkeitswert. Wer sich ihnen zuwendet, stehen bleibt, „gafft“, nimmt Informationen auf, erweitert sein Wissen. Werden wir mit gleichartigen Geschehnissen immer wieder konfrontiert (z.B. dem 7391. Autobombenattentat im Irak), dann geht der Neuigkeitswert gegen Null. Wer pro Jahr 100.000 Kilometer auf den Autobahnen der Republik unterwegs ist, wird wohl so viele Unfälle gesehen haben, dass sein Interesse an jedem weiteren eher gering sein dürfte.

Gruß
Arbeyterson

Hi Anja,

Es geht mir darum, das „Natürliche“ kennenzulernen, das hinter
diesem Verhalten steckt, nicht das Negative, das ja
ausreichend beschrieben wird und wurde.

das natürliche ist zuerst die menschliche und gesunde Neugierde und anschliessend die humane Anteilnahme. Man fährt nicht gedankenlos an einem Unfallort vorbei. Es schwirren einem tausende von Gedanken durch den Kopf und der Tod spielt dabei die Hauptrolle. Egal wie wichtig oder belanglos bisherige Streitereien gewesen sein mögen, im Angesichts einer Katastrophe spielen sie keine Rolle mehr und das Herz wird gnädig.

Wenn ich mal bei Katastrophen angehalten habe und ausgestiegen bin, dann nur weil mir die Weiterfahrt respeklos erschien. Anhalten, realisieren und wahrnehmen… Das Leben ist sowas von vergänglich…

Grüsse

das lied '‚spring‘ von rammstein ist meine antwort darauf :smile: youtube es mal falls du es nicht kennst :smile: