full off topic, aber länger zu Zigeuner
Hallo Elritz,
ich habe dir gemailt, das „Zigeuner“ nichts mit „ziehen“ und „Gauner“ zu tun hat. Das ist eine ganz krude Volksetymologie (Der Bodensee heißt „Bodensee“, weil ich den Boden nicht mehr seh!)
Die leider nicht ganz sichere Herleitung des Wortes ist:
Zigeuner (nach Kluge, etwas zurückhaltend)
Substantiv Maskulinum Standardwortschatz (15. Jh.)Entlehnung.
Als Stammesbezeichnung bezeugt seit dem 15. Jh. (vorher Tatar u.ä.).
Entlehnt aus it. zingaro, ung. czigány. Der Name ist weit verbreitet, aber in seiner Herkunft unklar (keine Selbstbezeichnung). Aus sachlichen Gründen auch übertragen auf „Leute ohne festen Wohnsitz“, auch als Schimpfwort benutzt.
Ebenso nndl. zigeuner, ne. tzigane, nfrz. tzigane, nschw. zigenare, nisl. sígauni.
Wiener, L. ASNSL 109 (1902), 280-304. ?
Zigeuner (nach Pfeifer, geht weiter mit der Herleitung)
Angehöriger eines ursprünglich nomadisierenden, über viele Länder verstreut lebenden indoeuropäischen Volkes, das im 10. Jh. aus Nordindien ausgewandert ist, in Gruppen vor allem auf dem Wege über den Iran, Armenien und die Balkanländer, teilweise wohl auch über Syrien, Nordafrika und Spanien nach Europa gelangt und Anfang des 15. Jhs. (urkundlich zuerst 1417 nachweisbar) deutschen Boden betritt.
Der mit Selbstbezeichnungen wie zigeunerisch sinto (meist sinti, Plur.), auch rom (eigentlich 'Mann, ), manusch (eigentlich ‚Mensch, Mann‘) nicht in Zusammenhang stehende deutsche Name findet sich in seiner heute üblichen Lautgestalt schon in den frühesten hochdeutschen Zeugnissen als frühneuhochdeutsch (bairisch) Zigeuner (1418), Cigäwnär erste Hälfte 15. Jh.).
Der Diphthong der zweiten Silbe dieser Form setzt einen Tonvokal –u- (umgelautet -ü-) voraus, der auch in frühneuhochdeutsch (westmitteldeutsch) Ziguner, mittelneudeutsch següner (beide 15. Jh.) begegnet, aber noch der Erklärung entbehrt. Daneben stehen Varianten wie frühneuhochdeutsch (schweizerisch) Ziginer (15. Jh., mit Entrundung des -ü-, vielleicht begünstigt durch Anklang an frühneuhochdeutsch Sarraciner ‚Sarazene, Heide‘, das in der Schweiz zunächst gleichfalls Benennung für die umherziehenden fremdartigen Menschen ist), (oberdeutsch) Zingyner (16. Jh.) und in verschiedenen Landschaften bis ins 18. Jh. verbreitetes Zigäner, auch (umlautlos) Ziganer (vgl. mittelneudeutsch sigener, vereinzelt siganer), sämtlich mit der im Deutschen für Stammesnamen gebräuchlichen Endung -er.
Die Form mit dem Tonvokal -a- schließt sich an mittelneudeutsch sekane ‚Zigeuner‘ (15. Jh., vgl. mittellateinisch secanus, sechanus) an, das seinerseits Entlehnung aus dem Slawischen ist und Herkunft des Ausdrucks aus dem südosteuropäischen Raum erkennen lässt, vgl. alttschechisch cikán, cigan (tschech. cikán), slowak. cigán, serborkroatisch cigan(in) Sing., cigani Plur., mittelbulgarisch aciganin* Sing., acigane Plur. (bulg. cíganin), ferner rumänisch tigan, ungarisch cigány.
Zugrunde liegt wohl das (in italienisch zingaro, älter auch zingano ebenfalls fortlebende) gleichbedeutende mittelgriechische tsínganos, älter atsínganos latinisiert mittellateinisch acinganus), das wahrscheinlich auf mittelgriechisch Athínganoi Plur. (die Unberührbaren), den Namen einer ketzerischen Sekte in Phrygien und Lykaonien (erwähnt seit Anfang 9. Jh.), zurückzuführen ist; dieser wurde möglicherweise auf die durch Kleinasien ziehenden, gleichermaßen verabscheuten Zigeuner übertragen.
Von der 2. Hälfte des 16. Jhs. an wird Zigeuner im Deutschen auch metaphorisch für ‚ein unstetes Leben führende, wie ein Zigeuner lebende Person‘ verwendet. -
Beste Grüße Fritz