Gedächtnisleistung bezogen auf Alter

Hallo zusammen,
habe jetzt doch etliche Zeit verbracht und nur Ratgeber - Texte und über Alzheimer Text gefunden und nicht ein einziges Diagramm, das ein bisschen veranschaulicht wie die Merkfährihkeit mit dem Alter abnimmt.
Puhhh…
Hätte den gern mal gesehen wie die 30 Jährigen (so im Mittel) dastehen gegenüber den 19 Jährigen.
Hat mit dem Studium zu tun, da dort solche Alterspannen schon vorkommen können.
Weist du da was :smile: ?

Schönen Gruß Sebastian

Hallo Sebastian,

die Abnahme der Merk- und Gedächtnisfähigkeit mit dem Alter wird gemeinhin überschätzt. Hier handelt es sich - mal wieder - um ein alltagspsychologisches Vorurteil. Ich darf zitieren:

„Mit dem Alter - so die alltagspsychologische Auffassung jüngerer wie älterer Menschen - wird man vergeßlicher. Doch stellt sich dies keineswegs so eindeutig in der Alternsforschung heraus“ (Heide-Filipp & Schmidt, Mittleres und höheres Erwachsenenalter. In Oerter & Montada (Hrsg.), Entwicklungspsychologie. S. 458).

Erst in relativ hohem Alter (keine 30jährige vs. 19jährige) treten beträchtliche Einbußen auf - aber das auch nur unter bestimmten Bedingungen (z.B. freie Wiedergabe von Inhalten ohne Hinweisreize). Unter anderen Bedingungen kann man manchmal sogar keine Unterschiede in den Leistungen des Kurzzeitgedächtnisses von alten und jungen Menschen finden.

Oftmals scheint auch nicht das Gedächtnis primär für die schlechtere Leistung verantwortlich zu sein, sondern die Fehlvorstellung, man sei alt und könne sich sowieso nichts mehr merken und sich nicht mehr erinnern. Das ist fatal, weil man dann durch mangelnde Übung und quasi Selbstaufgabe seine intellektuelle Leistungsfähigkeit im Alter herabsetzt. Alte Menschen, die statt dessen ihr Gehirn fit halten wollen, schneiden dementsprechend besser ab, als diejenigen, die sich in das vermeintliche Schicksal fügen.

Grüße,

Oliver Walter

Hallo Sebastian,

… nicht ein einziges

Diagramm, das ein bisschen veranschaulicht wie die
Merkfährihkeit mit dem Alter abnimmt.

Diagramme schon im uralten Handbuch zum Hamburg-Wechsler-Intelligenztest für Erwachsene (HAWIE).

Übersichten schön kompakt in den (diesbezüglich noch immer brauchbaren Bänden „Entwicklungspsychologie“ und (Doppelband) „Psychologische Diagnostik“ des 12-bändigen Handbuchs aus dem Verlag Hogrefe, das wohl in jeder wiss. Bibiolothek herumsteht.

Gruß
Klaus

Hallo,

es ist ein Irrtum, dass ältere Menschen unter einem im Vergleich zu jüngeren stark eingeschränkten Gedächtnis leiden würden. Studien aus dem gerontopsychologischen und arbeitspsychologischen Bereich haben schon vor Jahrzehnten gezeigt, dass ein Gedächtnisverlust nur zu sehr geringem Maße und dann auch nur im sehr hohen Lebensalter auftritt.

Seit den 90er Jahren geht man deshalb davon aus, dass ältere Menschen eher Schwierigkeiten damit haben, ihre eigenen Gedächtnisfunktionen einzuschätzen und dazu tendieren, ein geringeres Merkvermögen anzunehmen, als sie tatsächlich haben.

Literatur zu diesem Thema findest Du z.B. hier:

C. Hertzog, J. Dunlosky. (1996) The aging of practical memory: an overview. In: DJ Herrmann, C. McEvoy, C. Hertzog, P. Hertel & MK Johnson (Eds). Basic and applied memory research: Vol. 1:Theory in context. Lawrence Erlbaum.

JT Erber, LT Szuchman & ST Rothberg. (1990) Everyday memory failure: Age differences in appraisal and attribution. Psychology & Aging, 5(2), 236-241.

Auch hallo.

Zusätzlich zu den anderen Postings möchte in noch einwerfen, dass sich die Gedächtnistechniken mit dem Alter ändern. Siehe u.a. http://www.wissenschaft.de/sixcms/detail.php?id=253282 von
http://www.wissenschaft.de/sixcms/list.php?page=wiss…

HTH
mfg M.L.

Hallo, Sebastian,
wie fast alle körperlichen Fähigkeiten ist auch das Gedächtnis trainierbar. Je eher damit begonnen wird Merkfähigkeit zu üben, desto leichter fällt die Aufnahme und Verarbeitung von Gedächtnisinhalten.

Deshalb ist es auch so bedauerlich, dass das Auswendiglernen von Gedichten in der Schule so wenig Anklang findet. Es geht nicht darum, sich Schillers Glocke ins Hirn zu rammen, sondern schlicht darum, das Gedächtnis mit solchen Aufgaben zu trainieren.

Was Gedächtnisleistung im Alter angeht so ist sicher zischen einem 20jährigen und einem 30jährigen kein großer Unterschied. Beide werden, wenn sie es nicht geübt haben, es schwer finden, Texte zu memorieren.

Andererseits darf ich vielleicht auf betagte Schauspieler hinweisen, die ohne große Probleme große Textmengen für eine neue Rolle lernen und behalten müssen und dies auch können.

Grüße
Eckard

Andererseits darf ich vielleicht auf betagte Schauspieler
hinweisen, die ohne große Probleme große Textmengen für eine
neue Rolle lernen und behalten müssen und dies auch können.

Joopie Heesters! Der spielt noch, wenn er 200 ist! :wink:

Beste Grüße,

Oliver

2 „Gefällt mir“

Hallo Oliver,

die Abnahme der Merk- und Gedächtnisfähigkeit mit dem Alter
wird gemeinhin überschätzt. Hier handelt es sich - mal wieder

  • um ein alltagspsychologisches Vorurteil.

meine volle Zustimmung gilt dem Gesagten, nur zur „Alltagspsychologie“ eine kleine Anmerkung:

in früheren Zeiten hat die wissenschaftliche Psychologie, d.h. auch die sogenannte exakte Wissenschaft, diesem Alltagsdogma vom Hans, der nicht mehr lernt, was Hänschen nicht kann, durchaus auf die Sprünge geholfen.

Ein Beispiel dafür wäre etwa die berühmte und damals in den USA sehr einflußreiche -und vor allem lange unwidersprochen gebliebene- Studie: Jones/Conrad, The Growth and Decline of Intelligence, 1933

Zusammenfassung:

Jones and Conrad (1933) concluded[:]
The chief characteristic of the curve may be summarized as involving
a linear growth to about 16 years, and a negative acceleration beyond
16 to a peak between the ages of 18 and 21. A decline follows,
which is much more gradual than the curve of growth, but which by
the age of 55 involves a recession to the 14-year level. (p. 239)
Jones and Conrad (1933) also recognized another key result:
Of special interest is the observation that the tests showing the most
rapid decline are Tests 7 (analogies), 3 (common sense), and 6
(numerical completion). These tests may perhaps be considered, at
least on a priori grounds, to be the best in the Army Alpha for the
measurement of basic intelligence, i.e., to be most free from the
influence of environmental variables, and from the accumulative
effects of differential experience. Our results here confirm
Thorndike’s conclusion that age exerts its most adverse influence
upon native capacity or “sheer modifiability.” (p. 253)

(aus: http://imagesrvr.epnet.com/embimages/pdh2/dev/dev381…)

Der Fehlschluss dieser Studie ist meines Wissens übrigens vornehmlich der, aus dem Vergleich von synchronen Testergebnissen verschiedener Altersgruppen auf die diachrone Intelligenz-Entwicklung einer Altersgruppe zu schließen, und damit Faktoren wie Entwicklung von Bildungsstandards, etc. auszublenden.

Viele Grüße
franz

Hi Franz,

u.a. diesen Jones & Conrad-Artikel erwähnt mein erster akademischer Lehrer in seinem Buch zur Entwicklungspsychologie im Zusammenhang mit der Kritik an diesen Ergebnissen früher Querschnittsuntersuchungen. Darunter sieht man dann den von Prof. Schneider angesprochenen Zusammenhang zwischen Intelligenzleistung und Alter in einer Abbildung. Diesen Zusammenhang hat David Wechsler damals (40er Jahre) für das herangezogen, was als das Defizitmodell des Alterns bekannt ist. Es gilt schon seit längerem allgemein als überholt (weshalb mich Prof. Schneiders Posting ehrlich gesagt wundert).

Mich würde interessieren, wieso Du aus diesen alten Modellen ableitest, „die“ Psychologie hätte die alltagspsychologische Meinung zu verantworten. Man könnte nämlich genauso annehmen, daß die Psychologen damals die alltagspsychologische Vorstellung aufgegriffen, anhand der Querschnittsbefunde als bestätigt angesehen und dabei die Problematik von Querschnittsstudien vernachlässigt hätten. Kennst Du Befunde für die eine oder die andere Vermutung?

Grüße,

Oliver Walter

PS: Übrigens habe ich weiter oben in einem anderen Thread auch ein Querschnittsdesign zur Untersuchung solcher Fragestellungen beschrieben. Also bevor Du das erwähnst …

2 „Gefällt mir“

Hallo Oliver,

vorab: ich hatte mein Posting gar nicht so psychologie-kritisch gemeint, wie Du es möglicherweise aufgefasst hast.

Es gilt schon seit längerem allgemein als überholt

…was ich ja auch betont habe.

Mich würde interessieren, wieso Du aus diesen alten Modellen
ableitest, „die“ Psychologie hätte die alltagspsychologische
Meinung zu verantworten.

Nein, das wollte ich so nicht behaupten, aber es ist natürlich klar (und in einer so wissenschaftsgläubigen Zeit wie den 30er und 40er Jahren umso mehr), dass ein alltagspsychologischer Diskurs immer auch am wissenschaftspsychologischen Diskurs orientiert ist; wohlgemerkt: orientiert, nicht starr daran gekoppelt.

Man könnte nämlich genauso annehmen,
daß die Psychologen damals die alltagspsychologische
Vorstellung aufgegriffen, anhand der Querschnittsbefunde als
bestätigt angesehen und dabei die Problematik von
Querschnittsstudien vernachlässigt hätten.

Genau das ist die Annahme, die ich mit meinem Posting äußern wollte, nämlich die einer engen Verquicktheit von alltäglicher und wissenschaftlicher Diskurse, in unserem Fall der Psychologie.

Es geht mir also dezidiert nicht um die Frage, ob zuerst die Alltagspsychologie oder zuerst die wiss. Psychologie dieses Denken hervorgebracht habe (weshalb ich Deine beiden Alternativen in keinster Weise für einander ausschließend halte), sondern darum, wie wissenschaftliche Praxis dazu beitragen kann, ein alltagspsychologisches Dogma zu zementieren (empirisch zu belegen) bzw. eben auch -wie später geschehen- ein solches zu demontieren;

mein Interesse hierzu war also ein (wissenschafts)historisches bzw. auch (wissenschafts)soziologisches, weswegen es gerechtfertigt ist bzw. in der Natur der Sache liegt, „veraltete Studien“ heranzuziehen.

PS: Übrigens habe ich weiter oben in einem anderen Thread auch
ein Querschnittsdesign zur Untersuchung solcher
Fragestellungen beschrieben. Also bevor Du das erwähnst …

Darauf wollte ich eigentlich gar nicht anspielen (überhaupt war mein Posting nicht polemisch gemeint!)

Aber wenn Du es schon erwähnst: selbstverständlich tragen die beiden genannten Designs (Du hast ja nicht eins, sondern zwei genannt) einen gewissen Nutzwert, beide halte ich aber auch für problembehaftet (was aber wohl an der Kürze der Darstellung liegt).

Viele Grüße
franz