Gedächtnislücken?

Hi,

meine Nachbarin ist 85 Jahre alt. Soweit ich das beurteilen kann, ist sie geistig noch topfit. Sie kann sich z.B. genau an etwas bestimmtes erinnern, was sie vor ca. 1 Monat zu meiner Mutter gesagt, als sie meine Mutter zum ersten Mal gesehen hat. Sie liest Zeitung, kennt sich etwas in der Bundesliga aus, interessiert sich für Politik, Religion etc. Sie pflegt viele Kontakte, fährt noch Auto, kauft selbst ein, kocht selbst. Nur für die Hausarbeit hat sie eine Hilfe. Von Beruf war sie Lehrerin.
Nun hat sie mir schon mehrmals - und gestern etwas ausführlicher - erzählt, dass sie glaubt, dass in ihrer Abwesenheit Leute in ihre Wohnung kommen und dort absichtlich Sachen verstecken oder anders hinlegen, um sie zu ärgern und zu verunsichern. Sie hat mir Beispiele genannt, z.B. stand einmal eine volle Putzmittelflasche in ihrem Bad, von der weder sie noch ihre Haushaltshilfe wussten, wo die herkam. Oder eine Fußmatte, die immer quer lag, lag auf einmal längs. Oder ein Kalender, den sie als Geschenk gekauft hatte und der ihr von einer Buchhandlung geliefert wurde (und sie hatte einen Lieferbeleg), war verschwunden. Wochen später stand er in einer Plastiktüte neben dem Sofa, wo sie ihn immer hätte sehen müssen, wenn er die ganze Zeit dort gestanden hätte.
Nun gibt es ja 2 Möglichkeiten: entweder, sie hat Recht - das würde bedeuten, dass jemand einen Schlüssel zu ihrer Wohnung hat. Oder: sie hat „Aussetzer“ und verändert diese Dinge selbst und kann sich später nicht mehr daran erinnern. Sie ist fest von der 1. Möglichkeit überzeugt. Ich kann mir das aber nicht vorstellen. Deshalb würde ich gerne wissen, ob es eine solche Krankheit gibt, wo man selbst solche Sachen macht, an die man später nicht mehr erinnert, obwohl man sonst geistig voll auf der Höhe ist.

Gruß
Nelly

P.S. Schlüssel zu ihrer Wohnung haben wissentlich 3 Verwandte. Sie glaubt jedoch, dass auch die Betreiber des Cafés, welches im Erdgeschoss ist (auch Mieter in diesem Haus) einen Schlüssel zu ihrer Wohnung haben, der dort allen Angestellten frei zugänglich ist. Das wäre natürlich ein Unding. Ich habe ihr geraten, zu ihrer Beruhigung einen neuen Schließzylinder einzubauen, aber da sie nächstes Jahr in eine Seniorenwohnung ziehen will, will sie dies nicht mehr.

Hi Nelly
Wenn man mit alten Leuten zu tun hat, kennt man dieses Phänomen. Es ist ganz und gar nicht selten.
Die alten Leute haben zwar noch ein ausgezeichnetes Altzeitgedächtnis und man kann mit ihnen über die wesentlichen Dinge oft hervorragend sprechen, aber sie vergessen so kleine Sachen, wie wo sie was hingelegt haben und verdächtigen dann ihre Umwelt, das manipuliert zu haben.
Ist wiegesagt ganz, ganz häufig so.
Gruß,
Branden

Hi,
aber was mich wundert, ist, dass sie sich wiederum ganz genau an all diese Dinge erinnert, die angeblich in ihrer Wohnung verändert wurden, sie hat mir genau die Stellen gezeigt, wo die Flasche stand, wo der Kalender stand etc. Ist das auch typisch? Und ihr mittelfristiges Gedächtnis funktioniert ja auch noch gut, deshalb habe ich extra geschrieben, dass sie sich noch so genau erinnert, was sie zu meiner Mutter gesagt hatte.

Gruß
Nelly

sie hat mir genau die Stellen gezeigt, wo
die Flasche stand, wo der Kalender stand etc. Ist das auch
typisch?

Leider ja. Die Praxis-Erfahrung sagt: ja, es ist typisch. WARUM das so ist, darüer können wir nur spekulieren. In dem ein oder anderen Fall wird sich eine leichte paranoide Tendenz mit Misstrauen im Alter halt verstärken und dann haben wir schnell diese Reaktionsweise, dass ein alter Mensch meint, man würde bei ihm einbrechen oder hinter seinem Rücken etwas verändern usw. usf.
Gruß,
Branden

1 „Gefällt mir“

Hallo,

was Du da beschreibst sind eigentlich ganz typische Dinge im Rahmen von demenziellen Störungen. Dabei können die verschiedenen Facetten individuell gerade zu Anfang höchst unterschiedlich ausgeprägt sein. D.h. dass hier die nicht nachvollziehbaren angeblichen Besuche schon recht deutlich hervortreten, dafür das Erinnerungsvermögen noch gut scheint, kommt vor. Manche Betroffenen zeigen nächtliche Unruhe, andere nicht. Manche haben einen übersteigerten Bewegungsdrang mit Fluchttendenzen, andere sitzen nur still auf dem Sofa, … Die Bandbreite ist einfach recht groß.

Wie ich selbst zudem festgestellt habe, ist es für Personen im ständigen Umgang auch sehr schwierig, die diversen schleichenden Prozesse zu erkennen. D.h. die Unterschiede von gestern zu heute sind kaum messbar, und die Entwicklung wird daher nur im Vergleich über größere Zeiträume wahrgenommen. D.h. der nur einmal im Jahr zum Besuch erscheinende Bekannte stellt diese oft eher fest als der ständige Begleiter (in zwei mir bekannten Fällen war es der neu in die Familie gekommene Schwiegersohn, dem zuerst etwas auffiel).

Auch muss man immer berücksichtigen, wie intensiv der Kontakt ist. Es kommt eigentlich regelmäßig vor, dass Betroffene Zeiträume von teilweise nur einer Viertelstunde, teilweise von zwei Stunden gegenüber nicht näher bekannten Dritten problemlos ohne Auffälligkeiten überbrücken können, weil die Schilderungen in sich schlüssig und ohne Wiederholungen sind, und es um Themen aus dem zeitlich noch beherrschten Zeitraum geht. Dem stärker Involvierten mit Kenntnis der Erkrankung werden auch in so kurzer Zeit ggf. schon Dinge auffallen, bzw. er weiß, wie er den Betroffenen aus der Reserve locken kann, oder wie lange es braucht, dass auch ein Unbeteiligter Auffälligkeiten feststellen wird. Dies ist ein klassisches Problem z.B. bei Gesprächen mit Vormundschaftsrichtern, die sich selten genug Zeit lassen, den kritischen Punkt zu überschreiten.

Typisch ebenfalls, dass das Erinnerungsvermögen in bestimmten Zeitabschnitten sehr gut ist. Hier kannst Du versuchen selbst im Gespräch etwas zu testen. D.h. oft erkennt man aus dem Vergleich der Erinnerung in Tages- Wochen-, Monats-, Jahresabständen recht schnell, wenn Dinge nicht stimmen. Ich war vor einigen Wochen bei der Mutter eines Mandanten, im Rahmen eines Betreuungsfalls, die in den ersten 20 Minuten vollkommen orientiert wirkte, mir dann aber erzählte, dass sie vor rund drei Jahren einen bestimmten Urlaub gemacht habe (was sie daran festmachte, dass ihr Ehemann dabei war, der vor ca. zwei Jahren verstorben war). Tatsächlich lag der entsprechende Urlaub rund 20 Jahre zurück. Das Todesdatum des Ehemanns stimmte aber.

Ich würde deine Beobachtungen zum Anlass nehmen darauf hinzuwirken, dass die Dame einen Neurologen aufsucht. Wenn sie sich weitert, kann man den Weg über den Hausarzt (dem man vorab seinen Verdacht mitteilt) gehen. Das klappt oft besser. Bei Neurologen/Psychiatern hat man oft das Problem, dass die Betroffenen einen deutlichen Schubs brauchen.

Man kann zwar nichts wirklich heilen, aber bei frühzeitiger Erkennung den Verlauf durch geeignete Maßnahmen durchaus lebensverbessernd verzögern.

Gruß vom Wiz

Ich würde deine Beobachtungen zum Anlass nehmen darauf
hinzuwirken, dass die Dame einen Neurologen aufsucht. Wenn sie
sich weitert, kann man den Weg über den Hausarzt (dem man
vorab seinen Verdacht mitteilt) gehen. Das klappt oft besser.
Bei Neurologen/Psychiatern hat man oft das Problem, dass die
Betroffenen einen deutlichen Schubs brauchen.

Hi,

danke für deine ausführliche Antwort.
Ich glaube allerdings nicht, dass ich meine Nachbarin dazu bewegen könnte. Sie selbst ist ja der Meinung, dass mit ihr alles in Ordnung ist. Sie hat mich auch gebeten, mit niemandem darüber zu sprechen, weil sie wohl Angst hat, dass man sie für „verrückt“ halten könnte. Und ich kenne sie auch nicht gut genug (erst seit letzes Jahr), um ihr zu so etwas zu raten. Wenn ich das tun würde, würde sie ja denken, dass ich ihr nicht glaube und sie für „verrückt“ halte, und dann könnte sie sich mir nicht mehr anvertrauen. Ich denke, dass das eher die Aufgabe ihrer Verwandten (Neffen und Nichten) ist, sie zu einem Arztbesuch zu bewegen. Ich weiß auch gar nicht, wer ihr Hausarzt ist.

Gruß
Nelly

Danke!

So ähnlich hatte ich mir das schon gedacht.
Es ist nur etwas erschreckend, weil sie sonst so geistig fit und völlig „normal“ (was ist schon normal?) wirkt.

Lieben Gruß
Nelly

Hallo,

danke für deine ausführliche Antwort.
Ich glaube allerdings nicht, dass ich meine Nachbarin dazu
bewegen könnte. Sie selbst ist ja der Meinung, dass mit ihr
alles in Ordnung ist. Sie hat mich auch gebeten, mit niemandem
darüber zu sprechen, weil sie wohl Angst hat, dass man sie für
„verrückt“ halten könnte.

Auch dies ist eigentlich klassisch :wink:

Und ich kenne sie auch nicht gut
genug (erst seit letzes Jahr), um ihr zu so etwas zu raten.
Wenn ich das tun würde, würde sie ja denken, dass ich ihr
nicht glaube und sie für „verrückt“ halte, und dann könnte sie
sich mir nicht mehr anvertrauen.

Da muss man dann abwägen, was einem wichtiger ist. Klar ist: Durch frühzeitige Einschaltung der richtigen Ärzte lässt sich viel erreichen.

Ich denke, dass das eher die
Aufgabe ihrer Verwandten (Neffen und Nichten) ist, sie zu
einem Arztbesuch zu bewegen.

Dann löse die Sache doch so, dass Du diese kontaktierst und ihnen deine Beobachtungen mitteilst. Weise sie darauf hin, wie wichtig (sollte sich der Verdacht bestätigen) rechtzeitige ärztliche Einschaltung ist, und dann sollen die das Thema anpacken. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist einen Betroffenen erstmals zum Facharzt zu bekommen, weiß aber auch wie gut es gerade auch den Angehörigen tut, wenn man weiß, nichts versäumt zu haben, und einen Fachmann an der Seite zu wissen.

Gruß vom Wiz

1 „Gefällt mir“