Gedankenexperiment: Geld als Analogie zu Gott

Um in der Debatte um Atheismus und atheistische Kulturen oder atheistischen Gottesglauben weiterzukommen, möchte ich den Vorschlag machen, den Gottesbegriff weniger personal zu fassen. Als Analogie, wie man einen „atheistischen“ Gottesgedanken verstehen könnte, möchte ich „Geld“ nehmen.

Alle, oder jedenfalls alle, die ein bisschen nachgedacht haben, wissen zuverlässig, dass es Geld eigentlich nicht gibt. Was wir als Geld bezeichnen sind lediglich kleine Metallstückchen oder noch schlimmer Papierfetzchen oder noch viel schlimmer kleine Nümmerchen auf einem Kontoauszug, die uns etwas für die Zukunft versprechen. Geld ist nichts anderes als unser festes Vertrauen darauf, dass wir mit diesen Papierfetzen genau dann eine Gegenleistung für unsere Arbeit bekommen, wenn wir dies wollen. Und zwar die Gegenleistung, die wir wollen und in dem Umfang, wie die Allgemeinheit glaubt, dass es unserer Arbeit (oder unserem Erbe oder unserem Kapitalprofit usw.) angemessen ist. Geld ist ein Hilfssystem, mit dem wir auf bequeme Art und Weise
Leistungen und Gegenleistungen abgleichen. Es existiert nur in unserem Zutrauen in die Zukunft, d. h. nur dann, wenn alle fest von dem weiteren Funktionieren unserer Gesellschaft ausgehen. Geld ersetzt (neben der Polizeimacht und dem Rechtsstaat) in unserer Gesellschaft den dauernden körperlichen bzw. politischen Abgleich, wer nun über welchen Platz oder Güter oder sonstigen Privilegien verfügen darf. Ein Wirtschaftstheoretiker könnte dies sicherlich viel präziser erklären. Das wäre einmal interessant.

Die eigentliche Frage ist aber nun, inwieweit man das Phänomen Geld als Analogie zu Gott verstehen kann. Interessant finde ich die Tatsache, dass alle wissen, dass es Geld „eigentlich“ nicht gibt, dass aber die allermeisten Menschen einen enormen Teil ihres Lebens damit zubringen, sich um das Geld zu kümmern. Könnte dies heißen, dass es unter bestimmten Voraussetzungen möglich wäre, atheistisch an Gott zu glauben? Also: Alle wissen, dass es Gott eigentlich nicht gibt. Aber eine Anzahl von Menschen verbringt einen Teil ihres Lebens damit, sich um Angelegenheiten dieser Gottesvereinbarung oder dieses Gottesglaubens zu kümmern.

Erstens würde es mich interessieren, was ihr allgemein von diesem Vorschlag zur Atheismusdiskussion haltet. Zweitens, falls er euch interessant erscheint, wie weit geht die Analogie? Vor allem: Was wäre dieser Gottesglaube, diese Vereinbarung, dieses Zukunftsvertrauen, dieser nicht-personale, nur in der Phantasie sozusagen als Hilfskonstrukt oder -system existierende Gott? Wie notwendig wäre für ein Funktionieren dieser Analogie eine Vereinheitlichung in diesem Hilfskonstrukt?

Uns allen weiterhin eine interessante Diskussion,
Juliane

Analogien
Es ist etwas schwer zu durchschauen, wie du diese Analogie meinst.

Aus deiner Äußerung:

Also: Alle wissen, dass es Gott eigentlich nicht gibt. Aber eine Anzahl von Menschen verbringt einen Teil ihres Lebens damit, sich um Angelegenheiten dieser Gottesvereinbarung oder dieses Gottesglaubens zu kümmern.

könnte man entnehmen, du vergleichst einen Gottesgläubigen mit jemandem, der „glaubt“ (das Wort hat jetzt hier eine andere Bedeutung als das Glauben an einen Gott - siehe mein Posting zu Sylvias „credere“), daß Geld ein real existierendes Ding wäre.

Oder du meinst, daß die Ähnlichkeit darin bestehe, daß der, der mit „Gott“ oder mit „Geld“ umgeht, so tut, als ob es real existiere, sehr wohl aber „eigentlich“ weiß, daß das nicht der Fall wäre?

Aber so versteht sich ein Gottesgläubiger in der Regel wohl nicht.

Die Analogie könnte aber eher darin bestehen: Geld, als Abtraktion von Tauschwerten, ist ja ein Abstraktum - ohne Wert. (Tausch)Wert hat vielmehr erst die „Währung“ und den hat diese ja erst durch Rückbezug auf ein Depot von Realien, das alle, die die Währung benutzen, als Gegenwert zum Währungswert anerkennen.

Dies - so verstanden - hätte dann eine Analogie wiederum nicht zu einem Gottesglauben, sondern vielmehr eher zu einem „Depot“ von ethischen Grundsätzen, das seinen Tauschwert darin hätte, daß aus ihm (bzw. durch Rückbezug auf dieses) jeweils anliegende moralische Urteile gewonnen werden können.

Das „atheistisch an Gott glauben“, so wie es Dorothee Sölle (vermutlich) verstand, könnte dann ungefähr damit übereinstimmen. Es müßte dann besser (falls sie es so gemeint hat) mit „atheistisch Christ sein“ formuliert werden - obwohl auch darin der Ausdruck „atheistisch“ noch - historisch - falsch verwendet würde; es müßte korrekter „ohne Gott“ heißen, was ja nicht gleichbedeutend mit „atheistisch“ ist.

Vor allem: Was wäre dieser Gottesglaube, diese Vereinbarung, dieses Zukunftsvertrauen, dieser nicht-personale, nur in der Phantasie sozusagen als Hilfskonstrukt oder -system existierende Gott?

Die „Annahme“ eines real existierenden Gottes (die aber ein Gottesgläubiger, wie gesagt, gar nicht macht) gewissermaßen als Gegenwert für die Währung, die ihre Bedeutung im Potential für die Lebensbewältigung hätte?

Dagegen spricht (zumindest würde ich das für die meisten heutigen Religionen so sagen), daß in Religionen überhaupt nicht ihr Wesen (bzw. das Wesentliche) in ihrer Hilfe für Probleme der (Alltags-)Lebensbewältigung liegt. Und sofern in ihnen diese Hilfe (zweifellos) auch liegt, haben sie diese „Währung“ eben wiederum nur dadurch, daß sie jeweils Grundbestimmungen des „Wertes“ des Menschen überhaupt, des menschlichen Lebens, des zwischenmenschlichen Lebens machen/geben.

Wie notwendig wäre für ein Funktionieren dieser Analogie eine Vereinheitlichung in diesem Hilfskonstrukt?

Wenn die Geschichte des Christentums nicht die Chance verpaßt/verpatzt hätte, den (eigentlich) absoluten Gottesbegriff ernst (und wahr) zu nehmen, statt ihn polemisch, arrogant und kämpferisch für sich privat zu beschlagnahmen, dann wäre das schon eine solche Vereinheitlichung gewesen (hierzu meine Andeutung zum „Johannes“ unten im Posting „credere“).
Ironischerweise heißt nämlich καθολος (katholos) tatsächlich „allgemein“, und damit eben nicht:„polemisch-exclusiv christlich“ und schon gar nicht „vatikanistisch“.

Uns allen weiterhin eine interessante Diskussion

dito :smile:
Metapher

Hallo Julia,

um besser verstehen zu können. Was ist für Dich ein atheistischen Gottesglauben?

Gruß

Markus

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Hallo Markus,

Was ist für Dich ein

atheistischen Gottesglauben?

Gemeint ist ein Gottesglaube, der recht genau weiss, dass es Gott nicht gibt (genauso, wie wir wissen, dass es Geld nicht gibt), der aber dennoch in vieler Hinsicht von der Realität und Macht Gottes ausgeht (so, wie sehr viele Menschen von der Realität und Macht des Geldes ausgehen.) Insbesondere ist hier gemeint: den Mut zu finden, an den Träumen von einem versöhnten Leben (wie es in der Bibel unter „Reich Gottes“ beschrieben ist) festzuhalten.

Gruß Juliane

Hallo Juliane,

vielen Dank für Deine Antwort. So ganz verstehe ich Dich immer noch nicht.
Also ein atheistischen Gottesglauben gibt es nach meiner Meinung nicht. Ein Atheist glaubt an nichts, außer an sich selbst. Sicherlich denkt ein Atheist auch mal darüber nach, ob es sowas wie Gott gibt, aber er denkt auch darüber nach, ob es morgen regnet oder nicht.
Den Traum an einem versöhnten Leben festzuhalten in nicht verkehrt, das könnnen auch Atheisten träumen. Nur bedenke: Der gläubige Mensch weiß von dem versöhnten Leben in Christi.
Wieso meinst Du, das es Geld nicht gibt? Geld ist doch nichts anderes als der aufgedruckte Gegenwert für eine Sache.
Vielleicht kannst Du das noch einmal näher erklären.

Gruß
Markus

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Wieso meinst Du, das es Geld nicht gibt? Geld ist doch nichts
anderes als der aufgedruckte Gegenwert für eine Sache.
Vielleicht kannst Du das noch einmal näher erklären.

Lieber Markus,
eben. Wie wäre es, wenn Gott nichts anderes wäre als der - naja, nicht (nur??) gedruckte, aber ausgedrückte Wert für eine noch näher zu beschreibenden „Sache“ (im weiteren Sinn) wäre?

Natürlich hast du recht: das Problem würde dann tatsächlich darin liegen, diese „Sache“ näher zu beschreiben. Dies könnte dann natürlich auch wieder zu Meinungsverschiedenheiten führen - nur, meiner Meinung nach wäre dann der Streit da, wo er hingehört. Und nicht bei nutzlosen Debatten über die Existenz Gottes.

Gruß
Juliane

Liebe Juliane,

puhh, ist nicht so einfach. Also zuerst halte ich Debatten über die Existens Gottes nicht für nutzlos. Generell gilt doch, das Gott nicht zu vergleichen ist mit Geld. Das gilt übrigens meines Wissens in allen Religionen. Mit Geld wird viel zu viel Unfug gestiftet, ist eine menschliche Umgebung, erschaffen vom Menschen um Dinge zu vereinfachen. Für den gläubigen Menschen, nicht nur, wird der Besitz und das Geld in der Bibel beschrieben. Mit Geld kann man materielle Werte erlangen, aber nicht geistige. Der ausgedruckte Wert Gottes ist die Bibel und kein Geldschein.

Lieben Gruß

Markus

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Ein Atheist glaubt an nichts,

ein atheist glaubt, dass gott nicht existiert.

außer an sich
selbst.

wie ‚an sich selbst‘? es soll auch atheisten geben, die
ueberzeugt sind, dass es ausser ihm noch andere dinge in der welt
gibt.

Nur bedenke: Der
gläubige Mensch weiß von dem versöhnten Leben in Christi.

es gibt auch glaeubige menschen, die nicht an christus glauben.

Wieso meinst Du, das es Geld nicht gibt? Geld ist doch nichts
anderes als der aufgedruckte Gegenwert für eine Sache.

geld ist ein abstraktum. es ist ein universaltauschmittel fuer
dinge und dienstleistungen (die werden immer unterschlagen. warum
eigentlich.) es existiert per vereinbarung.

die analogie zu gott verstehe auch ich nicht.