Gedicht-Interpretation

Hallo,

Ich bin neu im Forum, und dies ist mein erster Beitrag hier. Ich hoffe, Ihr könnt mir weiterhelfen.

Ich habe vor einiger Zeit ein kurzes Gedicht gefunden, das sehr interessant geschrieben ist, aber von der Form her einige Fragen aufwirft.

Es ist etwa 100 Jahre alt und stammt von einer Postkarte.
Vielleicht kann mir jemand bei der Interpretation helfen.

(Man beachte Zeichensetzung und Großschreibung!)

Mein Futter wird vom tragen blank und weiss
Mein Aussres schwarz und fahl: Zum Jahresende werde ich Lebensweis
Den Mantel jedesmal Glück auf und glaub mir
der bestimmt Sein anders schon für besser nimmt

Ich denke es geht hierbei um das Leben und den Tod, die ersten zwei Zeilen beschreiben die Erfahrungen im Leben eines Sterbenden,
den Rest kann ich mir gar nicht erklären.
Möglicherweise ist es eine Darstellung einer Existenz in Form eines Lehrsatzes.

Ich hoffe auf ein paar freundliche, konstruktive Beiträge.

MfG

Hallo,

Ich bin neu im Forum, und dies ist mein erster Beitrag hier.

willkommen :smile:

Mein Futter wird vom tragen blank und weiss
Mein Aussres schwarz und fahl: Zum Jahresende werde ich
Lebensweis
Den Mantel jedesmal Glück auf und glaub mir
der bestimmt Sein anders schon für besser nimmt

Ich hoffe, Ihr könnt mir weiterhelfen.

Ob’s Dir weiterhilft, weiß ich nicht, aber wenn Du die Postkarte meinst, die auf http://www.wildundhund.de/forum/viewtopic.php?t=6202… (unten) zu sehen ist, sieht der Text ein klein wenig anders aus:

Mein Futter wird vom Tragen blank und weiß
Mein Äußres schwarz u. fahl:
Zum Jahresende / wende / ich lebensleis (?)
Den Mantel jedesmal
Glück auf! und glaub dir, der bestimmt
Sein „anders“ schon für „besser“ nimmt

Möglicherweise ist es eine Darstellung einer Existenz in Form
eines Lehrsatzes.

Für mich klingt das nach einem eher dilettantischen (pseudo-expressionistischen?) Versuch, düstere Endzeitstimmung zu transportieren. Der tiefere Sinn dahinter bleibt mir leider auch verborgen.

Gruß
Kreszenz

Hallo Abbiatico, der Text ist whrscheinlich verderbt und könnte einmal ein Rätsel gewesen sein. Da mag ein gefütterter Mantel sein immer abgewetzter und weißer werdendes Futter beklagen und sein schäbiges Äußeres, dem er aber durch Wenden noch etwas Gutes abgewinnt, sodaß im Winter das weiße Innere nach Außen kommt.

Glaub dem (Mantel-Lebenskünstler), der ein anders schon für ein besser hält. Gruß, eck.

Hallo,

nachdem nun der geschriebene Text dem auf der Postkarte angeglichen wurde, kann man dieses Gedicht ja sogar verstehen!

Mein Futter wird vom tragen blank und weiß,

Soll heißen: Das Futter meines Mantels.

Mein Äußres schwarz u. fahl:

Bis hierher ist es einfach eine realistische Beschreibung des Abnutzungsvorgangs eines Mantels.

Zum Jahresende \ wende \ ich lebensleis
Den Mantel jedesmal.

Das Wort „lebensleis“ erschließt sich mir hier auch nicht ganz, aber es scheint etwas Hochmut ob der eigenen Schläue hereinzuspielen. Das Wenden des Mantels lässt diesen wie neu erscheinen, weil jetzt wieder (wie illustriert) die helle Seite außen, die dunkle innen liegt.

Offenbar inmitten herrschender Armut bildet der Sprecher die Ausnahme, er kann sich scheinbar jährlich einen neuen Mantel leisten.

Am Ende dieses Verses steht kein Punkt, sondern ein ungewöhnliches Absatzsymbol. Dieses Symbol und der Satzspiegel, der nun nicht mehr zentriert, sondern beidseitig bündig ausrichtet, deuten wohl an, dass ein Sprecherwechsel stattfindet. Diese „Lebensleisheit“ des ersten Sprechers wird nun also kommentiert:

Glück auf!

Man könnte stattdessen auch „Gutes Gelingen!“ oder „Viel Erfolg!“ sagen. Person zwei zweifelt offenbar (berechtigterweise) daran, dass der gewendete Mantel tatsächlich den gewünschten Effekt erzielt.

und glaub dir,

Der Glaube an sich selbst, hier als Wunsch an den Mantelwender geäußert, ist unabdingbar für das Gelingen von dessen Vorhaben. Wenn der Träger des gewendeten Mantels nicht mit dem nötigen Selbstbewusstsein einherschreitet, wird der Betrug sofort bemerkt.

Jetzt kommt noch ein Nebensatz, der „dir“, also den Träger des Mantels, näher beschreibt:

der bestimmt
Sein „anders“ schon für „besser“ nimmt

Anders als alle anderen ist der Mantelträger mit Sicherheit, die anderen laufen weiter in ihren ärmlichen, abgetragenen Mänteln durch die Stadt.
Besser ist er dadurch noch lange nicht, schließlich kann er sich auch keinen neuen Mantel leisten.
Aber der Sprecher zwei unterstellt ihm, dass er sich für besser ansieht durch seine „Lebensleisheit“.

Nun kann man sich als erstes fragen, ob man das allegorisch verstehen kann. Ich persönlich sehe dazu keine Möglichkeit, aber vielleicht kommen ja noch kreative Ideen.
Dann kann man sich fragen, warum der Mantelträger auf der Zeichnung wie der Gevatter Tod aussieht. Auch dafür habe ich keine Erklärung, außer dass es aus dem expressionistischen Zeichenstil resultiert und nicht Freund Hein explizit darstellen soll. (Für mich sieht auch der Schreiende in Munchs berühmtem Bild wie eine Verkörperung des Todes aus.)
Als nächstes stellt sich die Frage, warum man so etwas auf eine Postkarte druckt, und vor allem, wem man diese schickt. Vielleicht einem dieser Lebenskünstler, den man als Freund von seinem hohen Ross herunterholen möchte? Oder einem armen Schlucker als Trost, dass auch die, denen es scheinbar besser geht, ebenso arm dran sind?

Liebe Grüße
Immo