Gedichte, die sagen: 'Ich liebe dich noch!'

Hallo.

Irgendwann gab es mal eine Liste von Abschiedsgedichten in diesem Brett. Die hat mir sehr gut gefallen. So weit bin ich aber (noch) nicht.
Wer hat denn schöne Gedichte, am liebsten von bekannten Dichtern, die sagen „Ich liebe dich noch!“
Vielen Dank schon mal im voraus,

Götz

Rückfrage (um das Thema nicht zu verfehlen)
Hallo Götz,

Gedichte, die an jemanden gerichtet sind, der fürchtet, verlassen zu werden (i.S.v. „Ich liebe Dich noch, Du hast nichts zu befürchten“)

oder

Gedichte, die an jemanden gerichtet sind, der einen vermutlich verlassen wird (i.S.v. „Ich liebe Dich noch, Du kannst mich nicht verlassen“)?

Viele Grüße
Diana

Weder noch

So genaue Intentionen habe ich gar nicht.
Es soll einfach nur aus dem Gedicht ersichtlich sein, dass man den Adressaten noch liebt.
Trotzdem schon mal danke.

Götz

Liebesgedichte - quer durch die Jahrhunderte
Hallo Götz,

hier sind ein paar Kostproben:

Sonett Nr. 19

Nur eines möcht ich nicht: daß du mich fliehst.
Ich will dich hören, selbst wenn du nur klagst.
Denn wenn du taub wärst, braucht ich, was du sagst
Und wenn du stumm wärst, braucht ich, was du siehst.

Und wenn du blind wärst, möcht ich dich doch sehn.
Du bist mir beigesellt als meine Wacht:
Der lange Weg ist noch nicht halb verbracht
Bedenk das Dunkel, in dem wir noch stehn

So gilt kein ,Laß mich, denn ich bin verwundet.’"
So gilt kein ,Irgendwo" und nur ein „Hier“
Der Dienst wird nicht gestrichen, nur gestundet.
Du weißt es: wer gebraucht wird, ist nicht frei.
Ich aber brauche dich, wie’s immer sei
Ich sage ich und könnt auch sagen wir.

Bertolt Brecht

An Levin Schücking

Kein Wort, und wär’ es scharf wie Stahles Klinge,
Soll trennen, was in tausend Fäden Eins,
So mächtig kein Gedanke, daß er dringe
Vergällend in den Becher reinen Weins;
Das Leben ist so kurz, das Glück so selten,
So großes Kleinod, einmal sein statt gelten!

Hat das Geschick uns, wie in frevlem Witze,
Auf feindlich starre Pole gleich erhöht,
So wisse, dort, dort auf der Scheidung Spitze
Herrscht, König über alle, der Magnet,
Nicht fragt er, ob ihn Fels und Strom gefährde,
Ein Strahl fährt mitten er durchs Herz der Erde.

Blick’ in mein Auge, — ist es nicht das deine,
Ist nicht mein Zürnen selber deinem gleich?
Du lächelst — und das Lächeln ist das meine,
An gleicher Lust und gleichem Sinnen reich;
Worüber alle Lippen freundlich scherzen,
Wir fühlen heil’ger es im eignen Herzen.

Pollux und Kastor, — wechselnd Glühn und Bleichen,
Des einen Licht geraubt dem andern nur,
Und doch der allerfrömmsten Treue Zeichen. —
So reiche mir die Hand, mein Dioskur!
Und mag erneuern sich die holde Mythe,
Wo überm Helm die Zwillingsflamme glühte.

Annette von Droste-Hülshoff

Nähe des Geliebten

Nähe des Geliebten
Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer
Vom Meere strahlt;
Ich denke dein, wenn sich des Mondes Flimmer
In Quellen malt.
Ich sehe dich, wenn auf dem fernen Wege
Der Staub sich hebt;
In tiefer Nacht, wenn auf dem schmalen Stege
Der Wandrer bebt.

Ich höre dich, wenn dort mit dumpfem Rauschen
Die Welle steigt.
Im stillen Haine geh ich oft zu lauschen,
Wenn alles schweigt.

Ich bin bei dir, du seist auch noch so ferne,
Du bist mir nah!
Die Sonne sinkt, bald leuchten mir die Sterne.
O wärst du da!

Johann Wolfgang Goethe

Für Einen

Für Einen
Die Andern sind das weite Meer.
Du aber bist der Hafen.
So glaube mir: kannst ruhig schlafen,
Ich steure immer wieder her.
Denn all die Stürme, die mich trafen,
Sie ließen meine Segel leer.
Die Andern sind das bunte Meer,
Du aber bist der Hafen,

Du bist der Leuchtturm. Letztes Ziel.
Kannst Liebster, ruhig schlafen.
Die Andern … das ist Wellenspiel,

Du aber bist der Hafen.

Mascha Kaléko

Noch bist Du da

Wirf deine Angst
in die Luft

Bald
ist deine Zeit um
bald
wächst der Himmel
unter dem Gras
fallen deine Träume
ins Nirgends

Noch
duftet die Nelke
singt die Drossel
noch darfst du lieben
Worte verschenken
noch bist du da

Sei was du bist
Gib was du hast

Rose Ausländer

Sonnett CII

Stark wuchs die Liebe, und es trügt der Schein,
Daß schwach sie ward, weil sie sich wen’ger weist;
Käuflich ist Liebe, die mit lautem Schrein
Vor aller Welt des Eigners Zunge preist.
Als unsrer Liebe junger Lenz entsprang,
Da hatt’ ich täglich dir ein Lied zu sagen,
So tönt im Mai der Nachtigall Gesang,
Doch dann verstummt sie mit den reifern Tagen.
Nicht daß der Sommer minder herrlich wär’,
Als da die Nacht voll ihrer Lieder war,
Doch gellt es jetzt von allen Zweigen her,
Und was gemein ist, ist der Schönheit bar.

Darum gleich ihr schweigt manchmal mein Gesang
Aus Furcht, daß er zu häufig dir erklang.

William Shakespeare