Gefühle unter Glas --> Coping?

Hallo, Ihr Wissenden!

Mir ist in den letzten Wochen furchtbar viel passiert, zuviel, als das ich noch mit dem Verarbeitem hinterherkäme (Trennung vom Freund, der mich betrogen hat, email von meinem Vater, zu dem ich seit Jahren keinen Kontakt mehr hatte und dem es jetzt sehr schlecht geht uvm).

Normalerweise bin ich sehr emotional und habe immer einen intensiven Draht zu meinen Gefühlen. Das Problem ist Folgendes: Ich habe seit Wochen das Gefühl, einfach zuzumachen und meine Gefühle wegzusperren. Ich kann mit der Realität, wie sie ist, nicht umgehen, fühle mich im falschen Film, in einem Alptraum, und funktioniere nur noch. Nichts kommt richtig an mich ran. Alles fühlt sich falsch an und scheint mich gar nicht zu betreffen. Ich stehe neben mir und bin Statist in meinem eigenen Leben…Ich kann auch nicht weinen, seit Wochen nicht.
Darauf haben mich auch Freunde schon angesprochen, daß sie das Gefühl haben, daß ich die Realität bzw. den Bezug zur Realität verliere.
Ich kenne mich so nicht, kann aber auch nicht raus.

Jetzt habe ich Angst vor dem „dicken Ende“, dem Moment, in dem alles zusammenbricht bzw. über mich hereinbricht und wirklich ankommt.

Ist das eine normale Verarbeitungsstrategie? Wie kann ich wieder „zu mir“ kommen? Kennt Ihr dieses „Gefühle unter Glas“-Syndrom? Und was kann ich dagegen tun? Wie kann ich das, was passiert ist, wirklich verarbeiten?

Danke im Voraus für Eure Antworten!

Hi!

Das ist wohl ein Selbstschutzmechanismus. Das hatte ich auch schon mal. Mir hat letztendlich das Reden geholfen damit klar zu kommen.
Vielleicht hilft dir das Gespräch mit einem Therapeuten weiter?

Wünsch dir viel Glück. Ich weiß, wie scheiße es einem gehen kann.

Tara

Mut
Hallo Smiri,

wenn man vor einem Berg steht, einem Berg aus Seelenschutt, vermischen sich die nicht geweinten Tränen mit ihm zu einem Morast aus Angst und Apathie.
Das Erkennen und Reflektieren dieses, des eigenen, „Zustandes“ ist der erste Schritt zu dem, was ich Mut nenne. Mut tut gut.

Mut, die Dinge anzupacken - nacheinander, eins nach dem anderen. Mut, den Berg abzutragen - Stück für Stück. Was lähmt, ist die Vorstellung und die Frage, wie all diese Dinge gleichzeitig be- und verarbeitet werden sollen. Und diese Starre führt dazu, dass man - versunken in einem Gefühl der Ausweglosigkeit - gar nichts anpackt.

Das konzentrierte Anfassen des ersten Steines des Berges setzt einen weiteren und noch einen und den nächsten auch noch in Bewegung. Fortschritte werden sichtbar, auch dann, wenn man nur kleine Schritte macht. Der erkennbare Fortschritt bringt neue Energie, neuen Mut, neue - bessere, sogar gute - Gefühle.

Ich wünsche Dir Mut!

Gruß
Birgit

Hallo Smiri,

das, was Du beschreibst, nennt man „numbing“(Betäubung) und es ist
eine häufige Reaktion auf ein Trauma. Ich fände es nicht schlecht,
wenn Du Dir professionelle Hilfe suchen würdest, zum Beispiel bei
einer Beratungsstelle oder einem Psychotherapeuten. Mußt ja keine
mehrjährige Therapie machen, zur Bewältigung einer akuten Krise kann
man auch mal nur für ein paar Stunden wohin gehen. Nicht mehr weinen
können ist wirklich ein ernstzunehmendes Warnzeichen, dass alle
Bewältigungsmechanismen am Zusammenbrechen sind.

Vielleicht kommst Du alleine darüber weg, aber vielleicht auch nicht

  • willst Du es darauf ankommen lassen? Unabhängig davon, ob Deine
    Reaktion „normal“ ist, hast Du eine ganze Menge, mit der Du fertig
    werden mußt, und da sollte man sich jede Unterstützung holen, die man
    kriegen kann!

In München gibt es zum Beispiel die Traumaambulanz, an die man sich
wenden könnte.
http://www.paed.uni-muenchen.de/~klin/beratung.html

Vielleicht gibt’s bei Dir in der Gegend auch sowas?

Hast Du denn noch andere Symptome an Dir beobachtet, wie zum Beispiel
Schlafstörungen, oder eine erhöhte Reizbarkeit? Hast Du Dich schon
mal dabei „erwischt“, dass Du die Gedanken an das Geschehene
unbedingt „wegschieben“ wolltest, aber es ging nicht?

Man sagt zwar, Zeit heile alle Wunden, aber meiner Erfahrung nach
stimmt das eben nicht immer. Und je länger man dann damit wartet,
sich an eine Beratungsstelle zu wenden, desto schwieriger wird es,
die Symptome wieder in den Griff zu bekommen.

Ich wünsch’ Dir alles Gute und viel Kraft!
Sibylle aus M

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Hallo, Sibylle!

Ich fände es nicht schlecht,
wenn Du Dir professionelle Hilfe suchen würdest, zum Beispiel bei
einer Beratungsstelle oder einem Psychotherapeuten.

Das habe ich vor, da ich eh gerade vorbereite, in Therapie zu gehen. Nächste Woche ist der Termin, da werde ich das auf jeden Fall ansprechen.

Hast Du denn noch andere Symptome an Dir beobachtet, wie zum
Beispiel Schlafstörungen, oder eine erhöhte Reizbarkeit? Hast Du Dich
schon mal dabei „erwischt“, dass Du die Gedanken an das Geschehene
unbedingt „wegschieben“ wolltest, aber es ging nicht?

Ja. Schlafstörungen waren ganz extrem, direkt nach der Trennung (über eine Woche lang nur max drei Stunden Schlaf pro Nacht), waren dann weg, aber kommen jetzt wieder. Reizbarkeit eher nicht, fiese Gedanken, die nicht weggehen, schon.

Ich wünsch’ Dir alles Gute und viel Kraft!
Sibylle aus M

Vielen Dank!
Smiri

hi sybille m,

das, was Du beschreibst, nennt man „numbing“(Betäubung)

ich kenne den begriff numbing im psychologischen
nur in verbindung mit vermeiden bzw. emotionaler taubheit.

und immer bewusst, d.h. es wird bewusst vermieden, es
werden bewusst emotionen unterdtrückt, vermieden.

numbing auch im zusammenhang mit affektiver indifferenz,
pessimismus und hoffnungslosigkeit.

ansonsten klasse beitrag deinerseits.

cu
alex

Huhu!

Nicht mehr weinen können ist wirklich ein ernstzunehmendes Warnzeichen, dass
alle Bewältigungsmechanismen am Zusammenbrechen sind.

Öhm, echt? Ich konnte jahrelang nicht weinen, und selbst heute, wo ich ausgeglichener und glücklicher bin als länger, als ich mich zurückerinnern kann (und meine Lebensumstände einfach viel besser sind) ist das immer noch schwer …
Kannst du mir da weiterführende Infos zu geben?

Vielen Dank im Vorraus!
Scrabz aka Philipp (aka Drache).

Hallo Scrabz,

ich hatte den Eindruck aus Smiris Artikel gewonnen, dass sie gerne
weinen würde, das aber nicht mehr kann, und zwar erst, seit ihr das
Schicksal eine nach der anderen „reinwürgt“. Insofern würde ich das
schon sehr ernst nehmen. Im BDI wird nicht von ungefähr „nicht mehr
weinen können“ am höchsten bewertet (nach „öfter weinen als früher“
und „andauernd weinen“, wenn ich mich richtig erinnere).

Weiter begründen kann ich’s auch nicht. Ist halt meine Meinung. Das
Gefühl der Entfremdung und Abgestumpftheit, das Smiri beschreibt,
finde ich schon heftig.

Bei Dir hingegen scheint die Sache doch anders gelagert zu sein,
oder? Es war eine länger dauernde Phase? Hattest Du denn in der Zeit
das Bedürfnis, zu weinen? Ich hab’ auch Phasen, wo ich wenig oder gar
nicht weine, aber ich bemerke es quasi gar nicht, es geht mir nicht
ab.

Wenn einem aber was schlimmes passiert (und man eben nicht „glücklich
und ausgeglichen“ ist), wo es „normal“ wäre, dass man weint (als Teil
des Trauerprozesses), und man kann das nicht mehr, dann finde ich das
auffällig und ein Warnzeichen dafür, dass die Belastung überhand
nimmt.

Ich gebe hier keine wirklich recherchierte, fundierte Wissenschaft
weiter, das stammt mehr aus meiner begrenzten Erfahrung mit Klienten
und meinem Psycho-Studium!

So, ich hoffe, ich habe Deine Neugier etwas befriedigt …

VG,
Sibylle aus M

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Hallo Smiri,

ich weiß ja nicht, warum Du Dich zu einer Therapie entschlossen hast,
aber ich finde es eine gute Idee, dieses Gefühl des „Unter Glas“
seins unbedingt anzusprechen, weil mir das doch eine akute Sache zu
sein scheint. Vielleicht hast Du tatsächlich ein Trauma, z.B. durch
die Nachricht von Deinem Vater, das wäre zumindest möglich.

Auch die Schlafprobleme passen da ganz gut rein. Ich würde mich
allerdings nie trauen, eine „Ferndiagnose“ zu stellen, das wäre total
unprofessionell.

Deswegen hoffe ich mal, Du begibst Dich in kompetente Hände und Dir
wird schnell geholfen!

Vielleicht meldest Du Dich ja mal wieder, und erzählst, wie es Dir
ergangen ist?

Liebe Grüße von
Sibylle aus M

Huhu!

Im BDI wird nicht von ungefähr "nicht

mehr
weinen können" am höchsten bewertet (nach „öfter weinen als
früher“
und „andauernd weinen“, wenn ich mich richtig erinnere).

Hmmm, wußte ich nicht … ist aber interessant.

Bei Dir hingegen scheint die Sache doch anders gelagert zu
sein,
oder? Es war eine länger dauernde Phase? Hattest Du denn in
der Zeit
das Bedürfnis, zu weinen?

Das fing an, als meine Eltern ihre Ehe endgültig in eine Hölle verwandelt hatten, da war ich ca. 12, danach kam dann die Scheidung, und ich bin zu meinem Vater gezogen, der Alkoholiker ist (inzwischen trocken), wos mir richtig dreckig ging, und dauerte, bis ich ungefähr 20 war - das war ne ziemlich krasse Zeit, da habe ich geschnitten (das tue ich inzwischen nicht mehr) und habe eine ziemlich massive Esstörung entwickelt - da knabbere ich noch so dran.

Da war ich ziemlich krass abgestumpft und gleichgültig, doch.

Ich hab’ auch Phasen, wo ich wenig oder gar nicht weine, aber ich bemerke es
quasi gar nicht, es geht mir nicht ab.

Das ist so ungefähr mein Ist-Zustand, aber weinen ist immer noch eine ziemliche Anstrengung, und ich schäme mich dabei, wider besseres Wissen, und das macht es dann noch schlimmer.

Ich erinnere mich daran, das weinen mal etwas sehr spannungslösendes für mich war.

Auf jeden Fall habe ich das Gefühl, das ich Smiri was das angeht, sehr gut verstehe.

Danke auf jeden Fall für deine Antwort, da kann ich mit weiterkommen, wenn ich das nächste mal ein Problem mit weinen habe.

Viele Grüße!
Scrabz aka Philipp (aka Drache).

Hallo, Ihr zwei!

ich hatte den Eindruck aus Smiris Artikel gewonnen, dass sie
gerne weinen würde, das aber nicht mehr kann, und zwar erst, seit ihr das
Schicksal eine nach der anderen „reinwürgt“.

Ganz richtig. Ich habe normalerweise immer viel geweint, wenn es mir schlecht ging und bin eigentlich „nah am Wasser gebaut“. Deshalb ist das auch so seltsam. Zur Erläuterung noch eine Sache, die mir gestern passiert ist: Lag im Bett und konnte nicht schlafen (wie in letzter Zeit so oft), fing plötzlich an zu heulen, dachte „Endlich, es geht“, nach fünf Minuten Heulkrämpfen mittendrin plötzlich Schluß. Alle Gefühle weg, keine Träne mehr, kein Krampfen mehr. Als hätte irgendwas in mir den StopKnopf gedrückt. Plötzlich alles wieder ruhig, sachlich, unemotional. Hatte ich noch nie.

Danke übrigens für den Link, Sibylle! Meines Erachtens sieht das ein bißchen nach PTB aus (klar, keine Ferndiagnose, bin ja auch kein Psychotherapeut), ausgelöst durch die Ereignisse der letzten Wochen (die ich übrigens konsequent verdränge). Werde das auf jeden Fall ansprechen und fragen, ob es jemanden in meiner Region gibt, der sich mit sowas auskennt und mit mir ein paar Sitzungen macht, bis die Therapie anfängt (was ja bekannterweise noch ziemlich lange dauern kann mit Antrag stellen, Platz kriegen usw).

Halte Euch auf dem Laufenden!