Gegenwartsform in geschichtlichen Texten

Hallo,

in geschichtlichen oder biografischen Texten wird oft die Gegenwartsform verwendet, um Ereignisse zu beschreiben, die schon lange vorbei sind, zum Beispiel: „Im Jahr 1600 heiratet Prinz A die Prinzessin B.“

Diese Verwendung der Gegenwartsform in diesem Zusammenhang empfinde ich immer als etwas schwülstig, logisch verkehrt, und es kommt mir so vor, als ob damit künstlich der Eindruck von Wichtigkeit geschaffen werden soll.

Mir würde mal interessieren, ob andere - Sprachkundige - das auch so sehen oder ob ich mit diesen Eindrücken allein auf weiter Flur stehe.

Hallo,

Hallo ebenfalls!

in geschichtlichen oder biografischen Texten wird oft die
Gegenwartsform verwendet, um Ereignisse zu beschreiben, die
schon lange vorbei sind, zum Beispiel: „Im Jahr 1600 heiratet
Prinz A die Prinzessin B.“

Diese Verwendung der Gegenwartsform in diesem Zusammenhang
empfinde ich immer als etwas schwülstig, logisch verkehrt, und
es kommt mir so vor, als ob damit künstlich der Eindruck von
Wichtigkeit geschaffen werden soll.

Die Meinung teile ich nicht ganz. Die Verwendung dieser „historischen“ Gegenwartsform ist ein Stilmittel, mittels welchem die zu beschreibenden Ereignisse einfach lebendiger und unmittelbarer geschildert werden können. Die Verwendung des Präteritums macht klar, daß diese Ereignisse vergangen und abgeschlossen sind. Für mich als Leser ist aber die Schilderung im Präsens i.d.R. fesselnder, weil sie das Geschehen an mich heranträgt, als würde es genau jetzt stattfinden. Wobei unbedingt noch festgehalten werden muß, daß dafür etliche andere Faktoren noch eine entscheidendere Rolle spielen als die Zeitform. (Gibt ja genug Texte in der Vergangenheitsform, die weitaus spanndender geschrieben sind als vergleichbare im Präsens.)
Alles in allem wahrscheinlich doch v.a. eine Frage des Geschmacks.

Mir würde mal interessieren, ob andere - Sprachkundige - das
auch so sehen oder ob ich mit diesen Eindrücken allein auf
weiter Flur stehe.

Bestimmt nicht :smile:. Viele Grüße,
Hedwig

Hallo Torsten, hallo Enigma,

ich glaube, ihr bemerkt beide dasselbe, bewertet es aber entgegengesetzt.
Was du (T) als „schwülstig“ und künstliche Wichtigkeit empfindest, ist für dich
(E)„spannender“…

Ich sehe es ebenfalls als ziemlich lästig und absichtlich verwirrend, diesen
inzwischen wieder im großen Stil betriebenen geschichtlichen Guido-Knoppismus.

Es macht die Geschichte „spannender“, was meiner Meinung nach heißt: wer die
Geschichte in der Vergangenheitsform erzählt, steht in Gefahr zu langweilen -
denn alles ist ja schon passiert, es kann keine Überraschungen mehr geben, man
kann nicht mehr „mitfiebern“, sondern wird mit der Nase draufgestoßen, dass
alles schon feststeht… -
Jetzt 2 Möglichkeiten: entweder man zieht daraus den Schluß, dass das Spannende
daran nicht die „puren“ Ereignisse, sondern eine Analyse der Ereignisse wäre
(wie immer die auch ausfallen mag) — Bääh, öööh, och näää, Analyse, simmer
hier wieder in der Schule oder was, nee lass ma, behandeln wir die Sache lieber
wie eine spannende Story, einen Thriller, Spannung muß her…das ist doch
geiler…
Würde das nicht meistens auf relativ kläglichem Soap-Niveau stattfinden, mit
einer auf dem Tablett dargereichten Moral am Ende, die nun wirklich jeder
unterschreiben kann, ohne dass es ihn irgendwas kostet (siehe auch hier wieder
Hitlers Helfer, die Guido Knopp GmbH und Co KG), wenn das also geistig nicht oft
ziemlich elend wäre, könnte man von der Shakespearisierung der Geschichte reden,
dessen prominentester Protagonist mit Herrn Eichinger als Steigbügel zuletzt mal
wieder Adolf forever war (diesmal „als Mensch gezeigt“).
Ja, auf dem Niveau ist man dann. Das ist der Preis für Spannung… (das schreib
ich übrigens nicht von oben, dem erlieg ich öfter selbst)

Ich fass zusammen: Torsten, du bist nicht allein!..:smile:

Gruß
Klaus

Guido-Knoppismus
Hallo!

Guido-Knoppismus.

Ich wüsste jetzt gar nicht, ob Guido Knopp im Präsens oder im Präteritum erzählt. Aber sicher ist es nicht seine Grammatik, die man kritisieren muss. Es ist die Faszination des Grauens, die Philipp Jenninger damals den Kopf kostete. Knopp versteckt dieselbe Faszination lediglich etwas geschickter hinter einem überdimensionalen erhobenen Zeigefinger („Die Nazis waren übrigens ganz arg böse.“)

Bei aller Emotionalität und Tendenziösität, die man zurecht kritisiert, sollte man ihm aber auch zugute halten, dass durch die „Hysterie“-Serie ein Haufen Interviews mit Zeitzeugen geführt und auf Video gebannt wurden, bevor das aus biologischen Gründen nicht mehr möglich ist.

Michael