Geldtheorie

Hallo zusammen

Anlässlich der aktuellen Finanzkrise habe ich als VWL-Laie im internet einen Vortrag über unser Geldsystem angeschaut, in dem die Theorie des Geldes, wie es entsteht und wie die Zusammenhänge der Zentralbank mit den Geschäftsbanken ist und wie die Zusammenhänge von echtem Geld mit dem Buchgeld sind, ein wenig klargemacht wurden.

Der Vortragende erwähnte auch, dass der Wert des Geldes nur dann stabil gehalten werden kann, wenn die Wirtschaft wächst, weil nur so eine Deflation verhindert werden kann.

Nun wissen wir ja alle, dass wir auf einer endlichen Erde leben und dass ein stetiges Wachsen nicht möglich ist. Daher meine Fragen:

1.) Stimmt das, was der Vortragende erzählte?
2.) Gibt es - theoretisch - ein Geldwirtschaftssystem, das nachhaltig funktionieren kann?

Danke
Thomas

Hallo,

langfristiges Wachstum wird in der VWL gerne durch das Solow-Modell erklärt und besagt, dass das Wachstum größtenteils auf dem technischen Fortschritt beruht. Dafür hat Mr. Solow meines Wissens immerhin den Nobelpreis bekommen.

Gruß

Nun wissen wir ja alle, dass wir auf einer endlichen Erde
leben und dass ein stetiges Wachsen nicht möglich ist.

Warum ist das denn nicht möglich? Bisher hat es eigentlich in der Wirtschaftsgeschichte immer funktioniert.

Grüße
JCK

Nun wissen wir ja alle, dass wir auf einer endlichen Erde
leben und dass ein stetiges Wachsen nicht möglich ist.

Warum ist das denn nicht möglich? Bisher hat es eigentlich in
der Wirtschaftsgeschichte immer funktioniert.

Mhhh, eine extrem kurzsichtige Antwort. Einfache Antwort: weil die Menschheit als Ganzes die Grenzen des Wachstums erreicht hat.

Frag Dich mal, warum die Spekulationsgeschäfte der Hypo-Banken plötzlich nicht mehr funktionieren, sie haben doch all die Jahrzehnte wunderbar funktioniert. Auch hier die einfache Antwort: weil jede geometrische Reihe mal am Ende ist.

Aber wenn alle, die sich in Wirtschaft auskennen, so reagieren wie Du, dann ist es kein Wunder, dass man immer mehr das Gefühl hat, dass unser Wirtschaftssystem nur von blinden Egomanen gelenkt wird.

Gibt es wirklich niemand in Eurer Zunft, der den Mumm hat, mal vorauszudenken?

Gruß
Thomas

langfristiges Wachstum wird in der VWL gerne durch das
Solow-Modell erklärt und besagt, dass das Wachstum
größtenteils auf dem technischen Fortschritt beruht. Dafür hat
Mr. Solow meines Wissens immerhin den Nobelpreis bekommen.

Ich kenne nun das Solow Modell nicht, aber meiner Erfahrung nach beruhen solche Aussagen immer darin, dass man die Vergangeheit analysiert (und das hat Solow bestimmt brilliant gemacht) und einfach in die Zukunft extrapoliert.

Aber welche Garantie haben wir, dass uns der technische Fortschritt immer weiter bringt? Meine Frage zielt dahin, ob sich schon mal jemand Gedanken darüber gemacht hat, wenn diese Voraussetzung nicht mehr gegeben ist.

Gruß
Thomas

Nun wissen wir ja alle, dass wir auf einer endlichen Erde
leben und dass ein stetiges Wachsen nicht möglich ist.

Warum ist das denn nicht möglich? Bisher hat es eigentlich in
der Wirtschaftsgeschichte immer funktioniert.

Mhhh, eine extrem kurzsichtige Antwort. Einfache Antwort: weil
die Menschheit als Ganzes die Grenzen des Wachstums erreicht
hat.

Wenn Sie meinen der Herr!

Frag Dich mal, warum die Spekulationsgeschäfte der Hypo-Banken
plötzlich nicht mehr funktionieren, sie haben doch all die
Jahrzehnte wunderbar funktioniert.

Was sind schon Jahrzehnte? Erweitere es mal auf Jahrhunderte.

Aber wenn alle, die sich in Wirtschaft auskennen, so reagieren
wie Du, dann ist es kein Wunder, dass man immer mehr das
Gefühl hat, dass unser Wirtschaftssystem nur von blinden
Egomanen gelenkt wird.

Mit denen kann man wenigstens diskutieren. Das schöne ist, dass man mit den Argumenten schnell auf einem Nenner ist, jedoch dann bei der Gewichtung eine Diskussion entsteht.

Gibt es wirklich niemand in Eurer Zunft, der den Mumm hat, mal
vorauszudenken?

Sorry, in die Zukunft schauen kann ich nicht.

Gruß
JCK

Aber welche Garantie haben wir, dass uns der technische
Fortschritt immer weiter bringt? Meine Frage zielt dahin, ob
sich schon mal jemand Gedanken darüber gemacht hat, wenn diese
Voraussetzung nicht mehr gegeben ist.

Ja, das haben und machen viele. Stichwort zum Solow ist z.B. Mankiw (der lebt auch noch!)

Hallo Thomas,

ich möchte versuchen dir eine Antwort zu geben, mit der du weiterführend etwas anfangen kannst.

Zunächst einmal zu der Aussage, dass Wachstum nicht unbegrenzt mögich ist, denn das ist noch recht einfach: Die Weltwirtschaft kann ins Grenzenlose wachen! Aber wie kann man sich das vorstellen?

Es gibt was das angeht 2 Betrachtungsweisen, die man dazu heranziehen muss.

  1. Quantitatives Wachstum
    Nehmen wir mal an, dass die Wirtschaft gewachsen ist, indem Abschleppdienste mehr unterwegs waren, oder indem Krankenhäuser mehr Leute eingestellt haben, weil es mehr Patienten gibt. Daran (!) ist die Wirtschaft gewachsen. Jetzt fragt man sich aber, warum war das denn so? Wie kam es dazu?

Die Antwort zu diesem Beispiel: In dem genannten Jahr hat es extrem viele Verkehrsunfälle gegeben (meinetwegen durch Unwetter, oder sonst was), was dazu führte das Abschleppdienste aufgrund von gestiegener Nachfrage mehr im Einsatz waren. Außerdem gab es mehr Verletzte, weswegen diese dann in Krankenhäuser mussten, die ebenfalls mehr zu tun hatten.

Wenn wir jetzt hier aber über das „quantitative“, also in Zahlen definierbare Wachstum sprechen, dann sehen wir, dass Krankenhäuser mehr Geld bewegen, die Abschleppdienste auch und natürlich die Versicherungen der KFZ-Fahrzeuge. Außer aber, dass dabei viel Geld umgesetzt worden ist, ist nicht passiert. Warum? Weil nichts verbessert wurde. Autos gingen kaputt, und wurden ersetzt. Hier ist also nicht wirklich was verbessert worden. Und die Opfer? Auch hier: Menschen wurden verletzt und im Krankenhaus wieder geheilt. Mehr ist auch hier nicht geschehen.

Die wichtige Erkenntnis dabei: es blieb alles so wie es vorher war. Nur Geld wurde reichlich bewegt. Daher quantitatives (wertmäßiges) Wachstum.

An zweiter Stelle haben wir das

  1. Qualitatives Wachstum.

Dieses zeichnet sich im Gegensatz zum ersten dahingehend aus, dass eine spürbare Verbesserung des Lebensstandarts erfolgt. In der Wirtschaftswissenschaft wird das auch unter der Rubrik „Wohlstand“ geführt.

Hier ist nicht nur Geld bewegt worden, sondern auch spürbar etwas an der Lebensqualität verbessert worden.

Kurzes Beispiel: Die Bundesregierung ordnet an, dass jedes Land sich Spezialboote kaufen soll, um sämtliche Flüsse so zu reinigen, dass man anschließend den Flussgrund sehen kann.

Hierbei wird jede Menge Geld umgesetzt, gleichzeitig ändert sich aber auch nachhaltig etwas, nämlich das die Umwelt gepflegt wird.

Daher der Begriff Qualitatives Wachstum.

Thomas: Auf die eine oder andere Weise: Wachstum ist immer möglich, nur unterscheidet man immer zwischen dem geldlichen und dem qualitativen. Und ein Limit haben wir nie erreicht und werden wir nie erreichen. Das wäre illusorisch. Wachstum gibt es immer!

Nun zu deinen Fragen:

  1. Gewissermaßen hat er recht, ja. Aber nur bedingt, denn so ist das nicht ganz richtig. Die Staaten der EU sind dazu verpflichtet 4 wirtschaftswissenschaftliche Bestandteile in Einklang zu bringen:
  • Stetiges und angemessenes Wirtschaftswachstum
  • Außenwirtschaftliches Gleichgewicht
  • Geldwertstabilität und
  • Vollbeschäftigung.

Leider verhalten diese Ziele sich zumeist konfliktär. Das heißt, eine gleichzeitige Erreichung aller Ziele ist nicht mögich.

Dieser Referent da hat insofern recht, dass nur bei angemessenen Wirtschaftswachstum eine Geldwertstabilität erhalten werden kann. Wenn die Wirtschaft nicht mehr wächst, dann stagniert sie (bleibt gleich) und kann im folgenden dann auch degenerieren (zusammenschrumpfen). Folglich ereilt uns als Konsequenz auch eine Deflation, einhergehend mit dem Zusammenbruch eines gesunden Arbeitsmarktes.

Der Haken kommt jedoch an der Stelle, wenn die Wirtschaft zu sehr wächst, denn dann entsteht eine Geldentwertung (Inflation), was nun auch wieder schlecht ist.

WEIL das so ist, akzeptiert man in der Wirtschaftswissenschaft insgesamt eine stetige Inflation von bis zu 2% per Gesetz. Inflationen oberhalb von 2% werden innerhalt der EU als zu hoch angesehen.

Bei dieser moderaten Inflationsrate besteht die Möglichkeit nahezu die Vollbeschäftigung des Volkes zu erreichen.

Das sollte zunächst dafür reichen

Zu deiner 2. Frage.

Nö! Seit jahrhunderten streiten die Menschen und Wisschenschaftler darüber, welches Geldsystem wohl das Beste wäre und jeder ist von seiner Meinung überzeugt. Letzten Endes muss man sagen, dass jeder an einem gewissen Punkt recht hat. Ich möchte dieses Thema nicht zu eingehend anschneiden, da das ein riesen Block für sich ist. Nur ganz kurz angerissen: Milton Friedman z.B. war ein Verfechter der Geldpolitik. Seiner Lehre nach ist durch die passive Steuerung der Zentralbanken die Möglichkeit nachhaltig gegeben die Wirtschaft in einem angemessenen Rahmen laufen zu lassen. Recht hat er, der Gute. Dummerweise wird sein System jedoch in dem Moment versagen, wo die wirtschaftlichen Impulse Ausreißer nach oben oder unten machen, so dass sich die Wirtschaft mit allein diesem System vernichten würde. Das zu erklären wäre jetzt ein Kapitel für sich alleine. Es soll nur ein grobes Beispiel dafür sein, dass es keine absolute Lösung gibt.

Betrachtet man den Kapitalismus, den Kommunismus, die Geldpolitiker, die Fiskalpolitiker, den Sozialstaat, die Zentralverwaltungswirtschaft, die Planwirtschaft, Keynesianische Theorien, oder geldpolitische Betrachtungen: Alle funktionieren, mit ein paar Ausnahmen inbegriffen. Daher sollte jedes Land für sich überlegen mit welcher Wirtschaftsform es umgehen möchte und wie man dieses bestmöglich einsetzt. Ein definitives Ergebnis wie 1+1=2 gibt es hierbei nicht. Also: Die Mischung machts… und eine gesunde Portion Verständnis über wirtschaftswissenschaftliche Theorien und Ansätze, um das alles im Rahmen zu halten.

Ich hoffe, ich konnte dir ein bisschen helfen. Sorry, dass es so viel geworden ist, aber das sind auch extrem umfassende Themen.

Wenn du jedoch konkrete Fragen hast, die sich kurz und prägnant beantworten lassen, kannst du gern nochmal nachfragen. Ich werde gern versuchen dir zu helfen.

Viele Grüße,
Christian

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Hallo Christian

Danke für Deine Ausführungen. Zumindest habe ich ein paar Impulse zum weiterdenken.

Gibt es allgemein verständliche Webseiten, die einem die Sachverhalte erklären, ohne gleich in eine politische Ideologie abzugleiten?

Gruß
Thomas

Hallo,

Nun wissen wir ja alle, dass wir auf einer endlichen Erde
leben und dass ein stetiges Wachsen nicht möglich ist.

Wer behauptet das? Früher haben die Menschen in ihren Höhlen auch gedacht, sie würden sich nie weiter entwickeln, bis der erste Mensch den Schritt vor die Höhle gemacht hat. Als nächstes war es der Schritt aus dem Dorf, aus dem Land, aus dem Kontinent und irgendwann ist es weg von der Erde.

Wer sich selber Grenzen auferlegt, wird diese nie überwinden können. Man kann darüber philosophieren, was zuerst aufhört. Die Existenz der Menschheit oder das Wachstum.

Wachstum kann unendlich lange dauern. Der Begriff sagt ja nichts über die Größe aus.

Hallo,

Der Vortragende erwähnte auch, dass der Wert des Geldes nur
dann stabil gehalten werden kann, wenn die Wirtschaft wächst,
weil nur so eine Deflation verhindert werden kann.

Das würde bedeuten, dass bei jeder Rezession (=negatives Wachstum) die Preise fallen (=Deflation). Dies hat in letzter Zeit zumindest in Europa nur selten stattgefunden, und bei uns seit der Weltwirtschaftskrise 1929 eigentlich gar nicht mehr. In Phasen von negativen Wachstum gibt es Mengenanpassungen, und weniger Preisanpassungen. Sprich, Volkswagen senkt jetzt nicht die Preise, sondern produziert und verkauft weniger Autos zu den alten Preisen. Die Zentralbank kann dabei die Geldmenge in der Rezession verringern, was den Preisverfall aufhält. Wenn statt 100 Güter nur noch 80 Güter verkauft werden bei einem Preis von 1, dann sollte eine Reduktion der Geldmenge von 100 auf 80 den Preis von 1 stabilisieren. Es gibt noch andere Effekte, aber generell ist das die Idee.

Nun wissen wir ja alle, dass wir auf einer endlichen Erde
leben und dass ein stetiges Wachsen nicht möglich ist.

Wissen und Technolgie können wir wohl unendlich steigern. Dies ist das Humankapital, der wichtigste Faktor beim langfristigen Wachstum. Wissen und Technolgie sind die Basis der Ökonomie, nicht physisches Kapital. Letzteres kann reproduziert werden, sollte es einmal abhanden kommen (bspw. in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg). Der Verlust von Humankapital (Wissen und Technolgie) hingegen ist endgültig und führt zu einer verarmten Welt. Resourcen sind für die Wirtschaft nötig, aber knappe Resourcen werden teuer und fördern Innovation, welche die Resourcen ersetzt. Siehe die synthetische Herstellung von Kautschuk als Folge der hohen damaligen Preise, oder auch das Aufkommen von Elektroautos als Folge der Ölpreise. Ein stetiges und nachhaltiges Wachstum ist möglich und liegt im Bereich des Möglichen. (siehe p.s.)

Daher meine Fragen:

1.) Stimmt das, was der Vortragende erzählte?

siehe oben.

2.) Gibt es - theoretisch - ein Geldwirtschaftssystem, das
nachhaltig funktionieren kann?

Diese Frage ist nicht unbedingt die Konsequenz meiner alternativen Überlegungen, aber ich versuche trotzdem mal: Geld basiert auf Vertrauen, und solange das Vertrauen da ist, funktioniert das System auch. Im Falle einer großen Depression wie zuletzt 1929 wird es nicht (befriedigend) funktionieren (Arbeitslosigkeit und Verarmung nehme ich mal als Kriterium), aber außer Naturaltausch wird dann auch nichts anderes mehr funktionieren.

Gruß,
Dirk

p.s.: Der Hinweis in anderen Antworten auf das Solow-Modell ist aus meiner Sicht unbefriedigend, weil die Frage von Thomas sich auf die monetäre Seite der Wirtschaft bezog. Zudem halte ich die endogene Wachstumstheorie für wesentlich realistischer, auf der meine obigen Ausführungen zum Humankapital basieren. Solow macht aus meiner Sicht den gleichen Fehler wie Marx: Er unterschätzt die Bedeutung von Humankapital.

Danke
Thomas

Gibt es allgemein verständliche Webseiten, die einem die
Sachverhalte erklären, ohne gleich in eine politische
Ideologie abzugleiten?

genau sowas suche ich als Buch…

Da kenne ich leider auch keine Seiten im Netz. Das Problem bei diesen Thematiken ist, dass du dir viele Informationen suchen kannst, die dir jeweils einen Einblick darüber geben was die jeweilige Wirtschaftspolitik bewirkt, aber Informationsbroschüren mit direkten Gegenüberstellungen kenne ich leider auch nicht. Sorry.

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]