Gemüt, gemütlich übersetzen

Hallo,
habe mal gehört, dass das Gemüt so etwas typisch Deutsches ist, dass es nicht wirklich in irgendeine andere Sprache übersetzbar ist. Wie man leicht einsehen kann, trifft z.B. das Englische „cosy“ nicht wirklich den Inhalt von „gemütlich“, oder?
Gruß
Ernesto

Hallo,

ich würde schon mal Gemüt von gemütlich unterscheiden.

gemütlich ist nicht das Adjektiv von Gemüt.

„gemütlich“ hat es zwischenzeitlich auch ins amerikanische geschafft, Amerikaner verstehen das dt. Wort, zur Not würde ich aber cosy nehmen.

Mit Gemüt ist aber eher das Wesen / der Charakter eines Menschen gemeint. Das würde ich eher mit „mind“ umschreiben

grüße
miamei

Hallo,

habe mal gehört, dass das Gemüt so etwas typisch Deutsches
ist,

Ich finde das nicht.
Der Meinung bin ich keineswegs.

dass es nicht wirklich in irgendeine andere Sprache
übersetzbar ist.

Doch, aber es kommt auf den hier nicht angegebenen Zusammenhang an.

Gruß,
Helena

Hallo,

habe mal gehört, dass das Gemüt so etwas typisch Deutsches ist,

Ich finde das nicht. Der Meinung bin ich keineswegs.

Natürlich haben auch Spanier, Franzosen und Briten ein Gemüt. Auch Gemütlichkeit ist in diesen Ländern durchaus anzutreffen. Aber für die Begriffe Gemüt und Gemütlichkeit gibt es in vielen Sprachen keine Entsprechung.

So wird z.B. in französischen Texten über Psychologie und Psychoanalyse häufig das deutsche Wort „Gemüt“ verwendet, weil es eben keinen französischen Begriff dafür gibt. Das gilt im übrigen für viele Begriffe aus der Freud’schen Begriffswelt, z.B. auch für „Trieb“. Ich kenne französische Psychologen, die extra Deutsch gelernt haben, um Freud im Original zu lesen.

Ähnlich ist es mit „Gemütlichkeit“. Mir ist kein französisches Wort bekannt, welches die Bedeutung dieses Begriffs abbildet. Wenn der Franzose eine gemütliche Atmosphäre beschreibt, dann sagt er „cosy“, wahrscheinlich weil ihm das eher über die Lippen kommt als „gemutlisch“.

Grüße
Axurit

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Hallo Axurit,

Natürlich haben auch Spanier, Franzosen und Briten ein Gemüt.

Eben! Und auch ein Wort dafür. Nur es kommt, wie immer bei Überstzungen, auf dem Kontext an.
Ohne Kontext, keine Übersetzung. Aber wenn ich zB an die deutsche Redewendung denke: „Manuel hat ein frohes Gemüt“, kommt mir sofort die Übersetzung „Manuel tiene un carácter/talante/(es de) naturaleza alegre“. Und das ohne lange zu überlegen.

Und all die Wörter die ich hier wiedergebe können, je nach Zusammenhang, als Übersetzung für Gemüt dienen. (D.h. wir haben durchaus eine Bezeichnung für das deutsche Wort „Gemüt“).

Dass es deutsche Wörter gibt, die schwer zu übersetzen sind, diese Aussage unterschreibe ich sofort. Es gibt sogar mehrere Wörter, die in anderen Sprachen genauso (oder ganz ähnlich) übernommen würden. Ich denke dabei an „Kindergarden“ im Englischen oder „Butterbrot“, aber auch „Perrückmacherskaja“ beide auf Russisch.

Leider fällt mir gerade kein deutsches Wort, das genauso auf Spanisch übernommen wurde.

Aber genauso verhält es sich andersherum: Die deutsche Sprache (vorallem, die „ganz neue“ und insbesondere im Bereich PC) hat viele Wörter aus anderen Sprachen angenommen. Z.B. aus dem Katalanischen fällt mir „Allioli“ (oft hier als „aioi“ gesehen!!), diese Soße.
Alle Sprachen haben so etwas. Ausnahmen herzlich wenig (evtl. Baskisch oder Isländisch)

Ich kenne französische Psychologen, die
extra Deutsch gelernt haben, um Freud im Original zu lesen.

Ich kenne mehrere Menschen, die eine Sprache nur deshalb gelernt haben und zwar sehr gut, um bestimmte Werke im Original zu verstehen (Lieder, Romane, Gedichte,ja sogar Doktorarbeiten!..)

Dass es grundsätzlich vorzuziehen ist, ein Buch im Original zu lesen als eine (noch so gute) Übersetzung ist es ohnehin klar.

Es gibt so viele Gründe eine Fremdsprache zu lernen, wie Menschen, die diese auch lernen. Und alle sind ausgezeichnet, legitim und toll.

Ähnlich ist es mit „Gemütlichkeit“. Mir ist kein französisches
Wort bekannt, welches die Bedeutung dieses Begriffs abbildet.

Bin ich richtig in der Annahme, dass Französisch nicht Deine Muttersprache ist?

Schöne Grüße,
Helena

Hallo Helena,

Aber genauso verhält es sich andersherum: Die deutsche Sprache
(vorallem, die „ganz neue“ und insbesondere im Bereich PC) hat
viele Wörter aus anderen Sprachen angenommen. Z.B. aus dem
Katalanischen fällt mir „Allioli“ (oft hier als „aioi“
gesehen!!), diese Soße.

Du meinst Aioli. Das Wort ist aus dem Französischen ins Deutsche gekommen, dort schreibt es sich Aïoli, der Akzent wurde einfach nicht mit übernommen.

Viele Grüße
Car

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Hallo Car,

Du meinst Aioli. Das Wort ist aus dem Französischen ins
Deutsche gekommen,

Erlaube mir das aufs heftigste zu widersprechen.
Das Wort ist und bleibt KATALANISCH und nicht Französisch.
Das Wort setzt sich aus drei ebenfalls katalanische Wörter zusammen, nämlich:

All - Knoblauch
i - und
Oli - Öl

und was ergibt das? Bingo!!: Die Zutaten aus dem die echte „Allioli“ gemacht wird. Und genauso wird korrekterweise das Wort auch geschrieben. (Immerhin über 1,4 Mio. Ergebnisse bei der richtigen Schreibweise in google…)

Ich gehe davon aus, wäre die Soße, wie von Dir geglaubt, Französisch, würde sie stattdessen etwa: „ailethuile“ oder so heissen…

Dass man es als „Knoblauch-Majonnaise“ übersetzt, liegt es einfach daran, dass es leichter herzustellen ist, wenn dazu Eier kommen. Ursprünglich, in Zeiten meiner Oma etwa, konnte man lange auf Eispuren gehen -erfolglos!

Aber das Wort ist und bleibt Katalanisch, nicht Französisch.
Das kannst du mir wirklich ruhig glauben.

dort schreibt es sich Aïoli, der Akzent
wurde einfach nicht mit übernommen.

Dieses „accent circonflèxe“ kommt vermutlich daher, dass die Franzosen, mit so einer Schreibweise näher an die ursprüngliche Aussprache des Wortes kommen, das katalanische „ll“.

Schöne Grüße,
Helena
PS. Ich habe hier das Wort absichtlich falsch geschrieben, nicht weil ich es nicht wußte, sondern weil ich es so oft falsch geschrieben gesehen habe (allerdings nur außerhalb Kataloniens), dass ich dachte so wird man sie eher erkennen.

Hallo,

Das Wort Aioli, wie es im Deutschen benutzt wird, kommt aus dem Provenzalischen (dort wird es mit Doppelpunkt auf dem i geschrieben), nicht aus dem Französischen.
Mit dem Katalanischen allioli ist es verwandt, aber nicht von dort ins Deutsche übernommen.

Gruß
Elke

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Hallo,

Mit dem Katalanischen allioli ist es verwandt, aber nicht von
dort ins Deutsche übernommen.

Interessant, sehr interessant. Und aus welchen Quellen beziehst du diese Info?

http://www.friggy.de/rezepte/allioli.htm

http://www.h-allers.de/tex/allioli.htm

http://de.wikipedia.org/wiki/Aioli

Zu der deutschen Schreibweise:
http://www.allioli.de/Allioli.htm

Gruß
Helena

Interessant, sehr interessant. Und aus welchen Quellen
beziehst du diese Info?

Jedenfalls nicht aus übersteigertem Nationalstolz.

Deine Links beziehen sich alle auf speziell katalanische Rezepte, was nicht mit dem Wort, wie es inzwischen im Deutschen heimisch geworden ist, zu tun hat.

Gruß
Elke

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Hallo,

Das Wort Aioli, wie es im Deutschen benutzt wird, kommt aus
dem Provenzalischen (dort wird es mit Doppelpunkt auf dem i
geschrieben)

Im Provenzalischen wird es meist aiòli geschrieben, im Okzitanischen alhòli

http://prouvencaulengovivo.free.fr/BAC/fiche_cuisine…
http://www.panoccitan.org/diccionari.aspx?diccion=al…

Und auch im Tresor dou Felibrige, dem provenzalisch en Wörterbuch von Frédéric Mistral findet man die Allioli jedenfalls als aiòli. Ausserdem ist im Franzöischen nach Larousse auch die Schreibweise ailloli möglich,

Allerdings ist das ein Streit um Kaisers Bart, da es für für Provenzalisch und Okzitanisch keine normierte Rechtschreibung wie für das Katalanische gibt. Ich vermute mal, dass die Schreibweise allioli im Katalanischen auch erst von Pompeu Fabra eingeführt wurde.

Gruß
Axurit

Hallo Helena,

nichts für ungut, aber auch ich muss leider ein wenig an Deinem Nationalstolz kratzen. Denn der Duden sagt:

Ai|o|li [ajɔˈli] das; - ‹aus gleichbed. fr. aioli, dies aus provenzalisch aioli zu ai „Knoblauch“ u. oli = „Öl“]

Dazu ergänzend der Eintrag aus dem TLFi:

AÏOLI, AILLOLI, subst. masc.
Étymol. ET HIST. − [1744 « sauce à base d’ail pilé et d’huile » (Gillart, Dict. fr.-bret. ds Quem. t. 1 1959 : en gascon, aillolli )]; 1838 aillolis « id » (Ac. Compl. 1842).
Empr. au prov. mod. aioli (Mistral t. 1 1879) « id. » composé du prov. mod. ai « ail » et oli « huile ». La forme ailloli(s) est une francisation graph. pour préserver la prononc. prov. et faire sentir la parenté morphol. avec ail.

Spricht also alles dafür, dass der Begriff aus dem Provenzalischen ins Französische und von dort ins Deutsche gekommen ist. Und Duden und TLFi sind meiner Meinung nach doch ein wenig mehr Vertrauen zu schenken als privaten Rezeptehomepages.

Gruß,
Stefan

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Hallo Stefan,

nichts für ungut, aber auch ich muss leider ein wenig an
Deinem Nationalstolz kratzen.

Naaaaa. Es hat nichts mit Nationalstolz zu tun. Nur ich liiiiiiiiiiiebe Allioli.

Spricht also alles dafür, dass der Begriff aus dem
Provenzalischen ins Französische und von dort ins Deutsche
gekommen ist.

Ich möchte diesen „Streit“ mit dem über „Brötchen“ vergleichen, auch wenn es in derer Herkunft nichts gemeinsam haben. Aber mir ist es hier aufgefallen, dass das Wort „Brötchen“ (für ein kleines Brot, oft rund, aber nicht nur, das viele Menschen zum Frühstück verzehren) in etwa alle 50 Km anders heissen.

Katalonien ist ein Gebiet, dass sowohl in Frankreich als auch in Spanien liegt. Und die katalansiche Sprahe ist m.W. dem provenzalischen sehr ähnlich. Also für mich ist es eine Frage wie. Was war früher da, das Ei oder die Henne?

Und Duden und TLFi sind meiner Meinung nach doch
ein wenig mehr Vertrauen zu schenken als privaten
Rezeptehomepages.

Gewiß.

Schöne Grüße,
Helena

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Hallo Helena,

Du meinst Aioli. Das Wort ist aus dem Französischen ins
Deutsche gekommen,

Erlaube mir das aufs heftigste zu widersprechen.
Das Wort ist und bleibt KATALANISCH und nicht Französisch.

Lies doch bitte nochmal, was ich geschrieben habe. Ich habe geschrieben, dass es aus dem Französischen ins Deutsche gekommen ist, sprich, dass das Deutsch es aus dem Französischen übernommen hat, nicht, dass es ursprünglich ein französisches Wort ist. Das Französische wiederum hat es aus dem Provenzalischen übernommen, wobei unklar ist, ob das Wort ursprünglich aus dem Katalanischen oder Provenzalischen kommt.
Mir scheint aber die Schreibweise Aioli im Deutschen (und in anderen Sprachen) am weitesten verbreitet zu sein. Da das Deutsche das Wort aus dem Französischen entlehnt hat, ist diese auch richtig. Selbst wenn es direkt aus dem Katalanischen entliehen worden wäre, wäre die Schreibweise nicht falsch, da man selbstverständlich Schreibweisen von Fremdwörtern an die eigene Sprache anpassen kann.

dort schreibt es sich Aïoli, der Akzent
wurde einfach nicht mit übernommen.

Dieses „accent circonflèxe“ kommt vermutlich daher, dass die
Franzosen, mit so einer Schreibweise näher an die
ursprüngliche Aussprache des Wortes kommen, das katalanische
„ll“.

Nein, sie brauchen es, damit „a“ und „i“ getrennt ausgesprochen werden.

Viele Grüße
Car

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Schön, wie Ihr von Gemütlichkeit zu Knoblauch gekommen seid!!

Dass man jedes Wort in eine andere Sprache - zur Not mit mehreren beschreibenden Wörtern dazu - übertragen kann, ist eine Binsenweisheit. Meine Frage zielte aber darauf, dass es in den bekannten (europäischen) Sprachen anscheinend nicht genau ein Wort gibt, dass dem deutschen Gemüt entspricht. Sind wir uns einig, dass z.B. das englische „mind“ etwas anderes meint?
Gruß
Ernesto

Hallo Ernesto,

auch wenn ich vor lange Zeit 2 Jahre am Stück in Katalonien verbrachte, kann ich leider nichts zu Allioli sagen, ausser, dass ich es lecker finde… :smile:

Sind wir uns einig, dass z.B. das englische „mind“ etwas anderes
meint?

Ich habe schon Ärger hier bekommen, weil ich es gewagt habe zu sagen, dass Kontext nicht immer wichtig ist. Bei „Gemüt“ muss ich jedoch sagen, dass Kontext extrem wichtig ist. „Gemüt“ kann, je nach Kontext, u.a. als nature, disposition, temper übersetzt werden. Mir fällt aber kein Beispiel ein, wo ich „Gemüt“ als „mind“ übersetzen würde.

„Mind“ würde ich meistens mit „Verstand“ übersetzen (to lose one’s mind / den Verstand verlieren, a sharp mind / scharfer Verstand) aber da gibt es natürlich auch Ausnahmen.

Wie man leicht einsehen kann, trifft z.B. das Englische „cosy“ nicht wirklich den Inhalt von „gemütlich“, oder?

Kommt drauf an. Wenn ich z.B. im Winter sagen würde, „Hier ist es aber gemütlich!“, dann könnte ich durchaus „cosy“ meinen, wenn alles schön warm und bequem ist. Wenn ich jedoch „Macht euch gemütlich“ sagen möchte, wenn Gäste reinkommen, würde ich „Make yourselves comfortable“ or „Make yourselves at home“ sagen.

Das alles ist das, was ich als Süd-Engländerin sagen würde; kann sein, dass es woanders anders ist. :smile:

Liebe Grüße,
MacD

Hallo Ernesto,

ich denke, das Problem bei „Gemüt“ liegt nicht so sehr an den anderen Sprachen, sondern vielmehr am Deutschen. Denn wenn ich mir die Einträge in verschiedenen (einsprachigen) Wörterbüchern anschaue, finde ich dafür mindestens zwei, drei Definitionen. Das heißt, man kann den Begriff „Gemüt“ auch im Deutschen nicht eindeutig mit einer einzigen Umschreibung erklären. Dann verwundert es natürlich auch nicht, dass es in keiner anderen Sprache (vielleicht abgesehen vom luxemburgischen Gemitt) einen Begriff gibt, der eins-zu-eins dieselben Konnotationen wie im Deutschen beinhaltet.

Auf die Gefahr hin, die Diskussion noch weiter von Deiner Ursprungsfrage wegzuführen: Ich würde mir eher darüber Gedanken machen, warum es in verschiedenen anderen Sprachen offenbar keine adäquaten Begriffe gibt, die scheinbar viel klarer umrissene deutsche Konzepte wie Wunderkind, Weltanschauung, Doppelgänger oder Hinterland wiedergeben können. :wink:

Gruß,
Stefan

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