Hallo Carlos!
Für Paulus ist das Entscheidende: „Denn wir sind der Überzeugung, daß der Mensch gerecht wird durch Glauben, unabhängig von Werken des Gesetzes“ (Röm, 3,28). Im Kontext des Römerbriefes wird deutlich, was Paulus mit dem Gesetz meint: das der Werke. Davon sind Christen aber befreit durch das Sterben Christi: „Ebenso seid auch ihr, meine Brüder, durch das Sterben Christi tot für das Gesetz, so daß ihr einem anderen gehört, dem, der von den Toten auferweckt wurde; ihm gehören wir, damit wir Gott Frucht bringen“ (Röm, 7,4). Paulus begründet das Ende der Gültigkeit des Gesetzes der Werke für die Christen damit: "Denn als wir noch dem Fleisch verfallen waren, wirkten sich die Leidenschaften der Sünden, die das Gesetz hervorrief , so in unseren Gliedern aus, daß wir dem Tod Frucht brachten. Jetzt aber sind wir frei geworden von dem Gesetz, an das wir gebunden waren, wir sind tot für das Gesetz und dienen in der neuen Wirklichkeit des Geistes, nicht mehr in der alten des Buchstabens (Röm, 7,5-6).
Darin liegt für Paulus der Unterschied: Die Juden dienen dem Gesetz der Buchstaben. Sie suchen nach Handlungsanweisungen: Tue dies und dieses nicht. Wer den Katalog von Geboten und Verboten befolgt, der erweist sich als gerecht und empfängt Gnade. Diese Vorstellung ist jedoch kein Glauben, wie ihn Christus fordert:
In jener Zeit ging Jesus an einem Sabbat durch die Kornfelder. Seine Jünger hatten Hunger; sie rissen deshalb Ähren ab und aßen davon. Die Phärisäer sahen es und sagten zu ihm: Sieh her, deine Jünger tun etwas, das am Sabbat verboten ist (Mt, 12, 1-2).
Ja, das ist das Glaubensverständnis der Pharisäer! Tue etwas, das verboten ist nach dem Gesetz der Werke, und du verlierst das Himmelreich. Aber Christus ist anders:
Da sagte er zu ihnen: Habt ihr nicht gelesen, was David getan hat, als er und seine Begleiter hungrig waren - wie er in das Haus Gottes ging und wie sie die heiligen Brote aßen, die weder er noch seine Begleiter, sondern nur die Priester essen durften? Oder habt ihr nicht im Gesetz gelesen, daß am Sabbat die Priester im Tempel den Sabbat entweihen, ohne sich schuldig zu machen? Ich sage euch: Hier ist einer, der größer ist als der Tempel. Wenn ihr begriffen hättet, was das heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer, dann hättet ihr nicht Unschuldige verurteilt; denn der Menschensohn ist Herr über den Sabbat" (Mt, 12, 3-8).
Dem Gesetz der Werke stellt Christus das Gesetz des Glaubens gegenüber. Dieses Gesetz ist besser als das der Werke. Es stellt sich heraus, daß wer glaubt, keine Taten begehen kann, die ihn von Gott entfremden. Wohl aber kann einer, der dem Gesetz der Werke folgt und auf es pocht, verloren sein vor Gott:
Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt. Viele werden an jenem Tag zu mir sagen: Herr, Herr, sind wir nicht in deinem Namen als Propheten aufgetreten, und haben wir nicht mit deinem Namen Dämonen ausgetrieben und mit deinem Namen Wunder vollbracht (Mt, 7, 21-22)?
Diese haben Werke vollbracht, durch die sie nach dem Gesetz der Werke für das Himmelreich würdig wären. Doch Christus:
Dann werde ich ihnen antworten: Ich kenne euch nicht. Weg von mir, ihr Übertreter des Gesetzes (Mt, 7, 23)!
Das Gesetz des Glaubens zeichnet sich v.a. dadurch aus:
Einer von ihnen (den Pharisäern), ein Gesetzeslehrer, wollte ihn (Jesus) auf die Probe stellen und fragte ihn: Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste? Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst Deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten (Mt, 22, 35-39).
Welche Werke fordert nun Jakobus ein? Die des Gesetzes der Werke oder die des Gesetzes des Glaubens? Jakobus schreibt:
Wer das ganze Gesetz hält und nur gegen ein einziges Gebot verstößt, der hat sich gegen alle verfehlt. Denn er, der gesagt hat: Du sollst nicht die Ehe brechen!, hat auch gesagt: Du sollst nicht töten! Wenn du nicht die Ehe brichst, aber tötest, hast du das Gesetz übertreten. Darum redet und handelt wie Menschen, die nach dem Gesetz der Freiheit gerichtet werden. Denn das Gericht ist erbarmungslos gegen den, der kein Erbarmen gezeigt hat. Barmherzigkeit aber triumphiert über das Gericht (Jak, 2, 10-13).
Wenn ich das Gesetz des Glaubens einhalte, dann kann ich das Gesetz der Werke nicht brechen. Es ist unmöglich, in sich Glauben und Nächstenliebe zu tragen und die Ehe zu brechen oder Menschen zu töten. Nach dem Gesetz des Glaubens kann ich zwei Gebote (s.o.) brechen. Das ist leicht zu merken. Nach dem Gesetz der Werke muß ich aber einen Katalog von Geboten und Verboten mit mir herumschleppen. Wer kann danach leben und kein Heuchler werden! Daher kommt Paulus´ Einsicht, daß die Sünden aus dem Gesetz der Werke hervorgingen (s.o.).
So ist denn auch zwischen Jakobus und Paulus kein Widerspruch. Paulus macht deutlich, daß es das Gesetz des Glaubens ist, das das Gesetz der Werke abgelöst hat. Jakobus weist darauf hin, daß das Gesetz des Glaubens sich auch in den Werken zeigt. Nur ist die einfache diagnostische Regel „Ein Mensch, der guten Werke tut, muß ein Gerechter vor Gott sein“ als fehlerhaft identifiziert worden. Den Fall, daß einer glaubt und andauernd nichts Gutes, ja Schlechtes tut, den gibt es nicht. Deshalb spricht Jakobus ja auch von totem Glauben. Ein toter Glaube ist kein Glaube.
Gruß,
Oliver