Geriatrie HOPS

Hallo!
Meine Mutter (92) kann sich im Altenheim nicht eingewöhnen. Sie ist körperlich noch in guter Verfassung, bis auf übliche Kleinigkeiten, leidet aber an altersbedingter Demenz, der Arzt sagt HOPS. Die Anzeichen mehrten sich bereits seit Jahren, in letzter Zeit ist es natürlich schlimmer geworden. Deutliche Gedächtnislücken, Stimmungsschwankungen, Wahnvorstellungen etc. Es ist allerdings nicht so, dass sie „ausrastet“, sie erinnert sich nur sehr lebhaft an Ereignisse, die es nie gegeben hat, glaubt dauernd, bestohlen zu werden, sieht nachts Gestalten in ihrem Zimmer etc. Trotz ungünstiger Raumverhältnisse spiele ich mit dem Gedanken, sie zu uns zu holen. weil sie im Heim einfach nicht zurechtkommt, fürchte mich aber vor dem Fortschreiten der Krankheit. Wird sie irgendwann mich beschuldigen, sie bestohlen zu haben? Mit welchen Persönlichkeitsveränderungen muss ich noch rechnen? Im Netz gibt es zahlreuche Krankheitsbeschreibungen, aber nichts Genaues über den Verlauf.
Kennt hier einer einen guten Link oder hat Informationen?
Gruß & Dank,
Eva

Hallo Eva,

als jemand der einen ähnlichen Fall (Schwiegermutter) gerade durchlebt hat, kann ich dir vielleicht nicht unbedingt fachlich, aber emotional einge Dinge zum Thema sagen. Zunächst einmal gilt offenbar bei allen Formen von Demenz: „You never know“. D.h. die individuellen Ausprägungen einer Demenzstörung sind höchst unterschiedlich, und längst nicht jede Ausprägung trifft man bei jedem Fall an, bzw. man kann nicht sagen, dass eine bestimmte Ausprägung eine neue Stufe bedeutet. Vielmehr muss man sich immer das aktuelle Gesamtbild im Vergleich zu einem früheren Gesamtbild ansehen.

Was die Heimsituation angeht, so hört man allerdings recht übereinstimmend immer wieder, dass jeder Wechsel des Umfeldes mit zunehmender Erkrankung schwerer wird und regelrechte Schübe auslösen kann, die dann oft irreversibel sind, wenn man das Umfeld nicht wieder zurückändern kann. Wir haben bei jedem Krankenhausaufenthalt erlebt, dass hinterher zwar wieder eine Besserung eintrat, es jedoch jedes Mal länger dauerte und unter dem Strich schon immer eine deutliche Verschlechterung blieb.

Wenn deine Mutter bislang nicht bei dir im Haushalt gelebt hat, wäre dies jetzt eine erneute komplette Umstellung, die sicher einerseits ebenfalls entsprechend beantwortet werden wird, andererseits dürfte sich dies aber trotzdem lohnen, denn durch den engen Bezug zu dir (sofern sie dich noch erkennt) wird die Unterbringung bei dir im Haushalt immer deutlich besser sein als eine Heimunterbringung. Auch uns haben die behandelnden Ärzte immer wieder erzählt, dass mit dem Umzug in ein Heim üblicherweise ein deutlich progredienter Erkrankungsverlauf einhergeht und die beste Therapie immer noch sei, den Betroffenen so lange wie möglich das vertraute Umfeld zu belassen, was wir auch bis zum Schluss gewährleisten konnten (Schwiegermutter saß - unterstützt durch einen Pflegedienst - bis eine Woche vor ihrem Tod noch jeden Tag in ihrem geliebten Wintergarten, umgeben von ihren Katzen und Orchideen und starb ganz friedlich in ihrem Schlafzimmer).

Die mit der Frage einer häuslichen Unterbringung einhergehenden Ängst sind nichts, für das man sich schämen müsste, und gerade ein hierbei deutlich werdender Realitätssinn vereinfacht die Sache ungemein. D.h. es ist eben keine Friede-Freude-Eierkuchen-Situation und die Angelegenheit wird alle im Haus massiv und oft bis an die Grenzen und darüber hinaus belasten. Man muss sich insbesondere rechtzeitig darüber klar werden, welche Prioritäten man setzt (bzw. welche rein faktisch gegeben sind) und sollte sich insbesondere nichts vormachen, was angebliche „kleine Fortschritte“ angeht. So schwer es fällt muss man sich damit abfinden, dass alle Demenzerkrankungen ein Weg ohne zurück sind, das es Grenzen der häuslichen Unterbringung gibt, die äußerst schmerzhafte Entscheidungen verlangen können. Eine betroffene ganz rührend um ihre Mutter bemühte Tochter sagte dazu neulich in einem sehr schönen Fernsehbeitrag zur häuslichen Unterbringung, dass sie ihrer Mutter den Tod wünsche, weil er sie von der Last der Entscheidung einer sonst anstehenden Heimunterbringung entheben würde.

Wir selbst haben auch die Gnade eines frühen Todes meiner Schwiegermutter aus anderen Gründen zu einem Zeitpunkt erlebt, als die Demenz noch keine Heimunterbringung erforderte, und wir sind hierfür sehr dankbar. Wir mussten aber auch erkennen, dass die Luft in den letzten Monaten bei dieser Frage sehr dünn geworden war. Nur meine Intervention in Richtung Pflegedienst, der uns dann die letzten Wochen unterstützt hat, hat überhaupt wie weitere häusliche Unterbringung letztenendes dann ermöglicht.

Das klingt jetzt alles wenig erfreulich, aber positiv bleibt zum Schluss anzumerken, dass wir an der gestellten Aufgabe gewachsen sind, und die Situation meine Frau und mich noch viel mehr zusammengeschweißt hat, als es bislang schon der Fall war. Und dies trotz unvermeidbarer Streitigkeiten. Jetzt im Nachhinein wissen wir zwar rein rational, dass wir teilweise eigentlich unmögliches geleistet haben. Emotional möchten wir diese Erfahrungen aber nicht mehr missen, denn in aller Trauer haben wir immer wieder das gute Gefühl erlebt, einem geliebten Menschen in seiner letzten Lebensphase alles gegeben zu haben, was ihm einen würdigen und leichten Abschied erlaubt hat. Hoffentlich haben wir später auch einmal so viel Glück.

Gruß vom Wiz, den du gerne mal per Mail kontaktieren kannst, und der dir ansonsten mal http://www.alois.de ans Herz legt

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Grüße Dich,

außer Wiz zuzustimmen möchte ich noch aus beruflicher Sicht ein bisschen rauslassen, da ich mit dieser Krankheit offensichtlich immer die Erfolgreichste war.
Ich stelle mir einfach vor, die Menschen leben auf einem anderen Planeten. Mal mehr, mal weniger. Der Versuch, sie da heraus zu reißen, scheint emotional und oft auch körperlich schmerzhaft zu sein. Es kann zu Aggressionen führen. Also hab ich mich möglichst mit innerer Ruhe genähert und versucht, sie da zu lassen, wo sie sind und dabei das nötige mit innerem Humor zu erledigen.Zu Zeiten sind sie auch in unserer Welt. Jede dieser Welten ist eine einmalige Welt. Es hat einfach keinen Sinn, je nach Ausprägung, dem Menschen jetzt unbedingt Essen zu servieren, wenn er gerade im eigenen Erleben auf einer Bergtour ist, mitten in der Wand. Mal als Bild. Dabei ist aber erstaunlich, was sie trotzdem aus unserer Welt mitbekommen, selbst wenn die Krankheit sehr weit fortgeschritten ist. Auf Zwang reagieren sie nicht angenehm. Auf Humor sehr gut. Stress ist unlustig.

Sagt sich so leicht. Meinen Schwiegervater hatte ich rund um die Uhr, allerdings mit anderer Krankheit. Da ist einfach kein Vergleich, ob ich mal Feierabend machen und abschalten kann oder eben ständig damit konfrontiert bin. Es ist auch kein Vergleich, ob es sich um eine einstellbare nichtstoffliche Krankheit handelt oder nicht.

Es gibt in vielen Städten die Menge Hilfen für Angehörige. Ich würde mich da erkundigen. Hier und da kann man sie regelmäßig zu gemeinsamen betreuten Nachmittagen bringen, um selbst Luft zu haben. Schüler adoptieren sich heute Oma oder Opa … . Bei Diakonie und Caritas, AWO werden Erwachsene zur Entlastung der pflegenden Familien ausgebildet. Ambulante Dienste haben evtl. ein spezielles Angebot. Tiere könne hilfreich sein. Falls sie welche mochte. Und für den eigenen Urlaub würde ich mich nach einem Heim für die Zeit umsehen. Das ist aber bei der Erkrankung u.U. sehr schwierig, auch gerade für die Zeit danach. Zeit ist da einfach nicht absehbar und das würde ich schon bedenken.

Damit meine ich einfach nur, sorg im Vorfeld auch gut für Dich und Deine Familie in der Planung. Seid alle einverstanden damit. Es kann ein riesiges Geschenk sein, diese Krankheit.

Noch ein Gedanke dazu:
Nun haben zwei Wissenschaftler tatsächlich festgestellt, sie haben immer im zweidimensionalen Bereich geforscht und leben in einer dreidimensionalen Welt. Demenz scheint mir hier und da noch eine Dimension mehr zu haben.

Ich würde es jederzeit machen. Aber ich brauche auch niemand zu fragen, hab in der Nachbarschaft eine Stelle, da wird 1 x die Woche Literatur gelesen mit Dementen, auf der anderen Seite in der Nachbarschaft ist Tagesbetreuung - sind alle alten Menschen dort begeistert von -, Nachbarschaftshilfe kann kommen.

Mögest Du Anregung finden

Renate