Germanistikstudentin aus China bittet um Anregunge

Hallo,zusammen,
Ich bin Germanistikstudentin aus China und nun schreibe ich meine Bacholararbeiter ueber . Ich interesiere mich sehr daran, wie die Deutschen dieses Parabelstueck von B.Brecht finden.Es ist fuer mich sehr interesant,mich ueber die reine westliche Perspektive informieren zu koennen. Und eure Meinungen koennen mir grosse Anregungen geben.

Vielen Dank im Voraus!!!
Gruss aus China

Jessi Huang

Einige spezifische Fragen
Einige spezifische Fragen:
zu Hauptfiguren:
1.Sun Yang: spiegelt diese Figur ein traditionelles chinesisches Maennerimage wider? resigniert und melanchonisch vorm Unglueck…tueckisch und schlau,wenn aus ihm etwas geworden ist.
2.Shen Te : Ist fuer euch eine chinesische bzw eine morgenlaendische Frau wie ein Engel,der nicht von der Modernitaet der Gesellschaft und dem originalen Sinn beeinflusst ist. Wie findet ihr die folgende Auffassung:
Frau ist das „fremde“ des Geschlechts, und Morgenland ist das Fremde des „Abendlandes“,deswegen ist die morgenlaendische Frau die Fremde der Fremde und spielt eine besondere wichtige Rolle in der westlichen Literatur, in der so-genannt „Confession-Conscienceness“ seit der Bibel eine lange Tradition hat?

zum Inhalt(zur Handlung):
Wie findet ihr den Inhalt? Ist die Beschreibung fuer euch exotisch? oder klingt euch die Milieu in dem Werk eher vertraut,nur die Namen und die Ortsnamen sind darin chinesisch? Ist Suzuan in diesem Werk nur ein Schauplatz, eine „Projektionsflaeche“,auf die der Autor seine Ideen und Gedanken projektiert,oder findet ihr, dass alles, was in Sezuan passiert ist, spezifisch typisch chinesisch ist.

Vielen Dank fuer euer Geduld,mein Bla-bla bis zum Ende zu lesen und ich freue mich auf eure Meinungen.

Gruss!!

Jessi aus china

Jessi Huang

Hallo Jessi,
Ich habe keine Ahnung wie der normale Deutsche (gibt’s den?)
das sieht.
Fuer mich hat dieses Brechtsche Stueck nichts mit China
an sich zu tun. Wenn ueberhaupt dann damit, wie sich ein
Deutscher zu Brechts Zeiten eventuell China vorgestellt haben
koennte (du siehst, sehr viele [versteckte] Fragezeichen
in meiner Aussage).
Gruesse, Elke

also,
Koennte jemand mir helfen,einige literarische(v.a deutsche) zu nennen, in den China vorkommt oder Chinabild berueht wird.

Dank im Voraus…

Hallo Jessi,

ist zwar etwas länger her, als ich das gelesen habe, aber hier ist meine persönliche Meinung.

zu Hauptfiguren:
1.Sun Yang: spiegelt diese Figur ein traditionelles chinesisches Maennerimage wider? resigniert und melanchonisch vorm Unglueck…tueckisch und schlau,wenn aus ihm etwas geworden ist.

Ich schätze, diesen Typ Mensch findet man auch in anderen Kulturen.

2.Shen Te : Ist fuer euch eine chinesische bzw eine morgenlaendische Frau wie ein Engel,der nicht von der Modernitaet der Gesellschaft und dem originalen Sinn beeinflusst ist. Wie findet ihr die folgende Auffassung: Frau ist das „fremde“ des Geschlechts, und Morgenland ist das Fremde des „Abendlandes“,deswegen ist die morgenlaendische Frau die Fremde der Fremde und spielt eine besondere wichtige Rolle in der westlichen Literatur, in der so-genannt „Confession-Conscienceness“ seit der Bibel eine lange Tradition hat?

Eine morgenländische Frau wird viel eher als exotisches Schmuckstück gesehen, aber auch als etwas unbekanntes, also fremdes, das sich nicht so recht einordnen läßt. Das Fremdartige, kann aber auch sehr schnell zum Sündenbock gemacht werden und von einem selbst ablenken.

zum Inhalt(zur Handlung):
Ist die Beschreibung fuer euch exotisch?

Nein

oder klingt euch die Milieu in dem Werk eher vertraut,nur die Namen und die Ortsnamen sind darin chinesisch?

Ja

Ist Suzuan in diesem Werk nur ein Schauplatz, eine „Projektionsflaeche“,auf die der Autor seine Ideen und Gedanken projektiert

Ja

oder findet ihr, dass alles, was in Sezuan passiert ist, spezifisch typisch chinesisch ist.

Nein, das glaube ich nicht.

Ich hoffe, ich konnte dir helfen.

Gruß
Monika

Hallo Jessi,

dieser Aufsatz schildert - bezugnehmend auf Tsingtau/Qingdao - die Sicht auf China in der deutschen Literatur der Jahre 1888 - 1920: http://www.dhm.de/ausstellungen/tsingtau/katalog/auf…

Außerdem habe ich folgende Texte gefunden:

Dr. habil. Fang Weigui Das Chinabild in der deutschen Literatur, 1871-1933. Ein Beitrag zur komparatistischen Imagologie. Peter Lang Verlag, Frankfurt/M, Berlin, Bern, New York, Paris, Wien 1992. (Diss., RWTH Aachen, 1992) ISBN 3631454600 Buch anschauen

Xao Binh Tran Das Chinabild in der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts: aufgezeigt am Beispiel von Alfred Döblins Roman „Die drei Sprünge des Wang-Iun“ und Herbert Rosendorfers „Briefe in die chinesische Vergangenheit“ 1998

Josef Goldberger Das Chinabild in der deutschsprachigen Romanliteratur. (1900-1930) Universität Wien 2002

Viele Grüße
Diana

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Hallo!

1.Sun Yang: spiegelt diese Figur ein traditionelles
chinesisches Maennerimage wider? resigniert und melanchonisch
vorm Unglueck…tueckisch und schlau,wenn aus ihm etwas
geworden ist.

Nein, im Gegenteil. Ich fand es (als ich es gelesen habe, war ich noch jünger) eher untypisch für Chinesen. Ich kenne wenige Chinesen - genau genommen bloß zwei - und die sind, zumindest nach außen hin, in jeder Situation durch und durch optimistisch. Ich würde es aber nicht wagen, dass zu pauschalisieren, wie gesagt, ich kenne nur die beiden und die sind halt so. Was ich damals eher chinesisch fand, war das Ehrgefühl, was Sun Yang an den Tag legt, auch wenn es Brecht nur an einigen wenigen Stellen aufgriff (z.B. als Shui Ta Sun frag, ob er nicht in dem Tabakladen arbeiten würde und er das energisch verneint).

2.Shen Te : Ist fuer euch eine chinesische bzw eine
morgenlaendische Frau wie ein Engel,der nicht von der
Modernitaet der Gesellschaft und dem originalen Sinn
beeinflusst ist.

Shen Te ist für mich keine typisch chinesische Frau. Meiner Meinung nach greift Brecht für die Darstellung des ‚guten Menschen‘ bewußt zu diesem Frauenbild. Frauen hatten früher lieb, nett, hilfsbereit und tugendhaft zu sein, so zumindest die Erwartung oder besser gesagt Forderung. Mit einer Frau, die diese Charakterzüge zeigt, assoziiert man schnell einen herzensguten Menschen. In besonders starkem Kontrast steht dagegen Shui Ta, der energisch und mit gebotener Härte vorgeht und auch mal unnachgiebig ist - Eigenschaften, die man eher von einem Mann erwartet hätte. Das war/ist in Europa sicherlich genauso, wie in China. Deswegen denke ich, dass Brecht nicht ein kulturelles Bild zeichnen wollte. Vielmehr ‚spielt‘ er mit erwarteten Verhaltensweisen und Charakterzügen (von Männern und Frauen), um seine Figuren klarer zu gestalten.
Den Aspekt mit der morgenländischen Frau, die noch nicht von der Modernität beeinflusst wurde, finde ich aber interessant. China empfinde ich als ein Land, das noch stark in Traditionen verwurzelt ist und diese noch lebt. Vielleicht liegt hier zusätzlich eine Interpretationsmöglichkeit. Aber ich wage mich nicht daran, da ich nicht weiß, wie das vorherrschende Frauenbild in China ist.

Wie findet ihr den Inhalt? Ist die Beschreibung fuer euch
exotisch? oder klingt euch die Milieu in dem Werk eher
vertraut,nur die Namen und die Ortsnamen sind darin
chinesisch?

Das einzige, was mir damals nicht vertraut klang, waren die chinesischen Orts- und Personennamen. Die thematisierten Problem erschienen da schon eher vertraut, z.B. die Arbeitslosigkeit, die Ausbeutung der Arbeiter, die zunehmende Verarmung einer ganzen Bevölkerungsschicht durch die Umverteilung von Kapital (von arm nach reich).

Ist Suzuan in diesem Werk nur ein Schauplatz, eine
„Projektionsflaeche“,auf die der Autor seine Ideen und
Gedanken projektiert,oder findet ihr, dass alles, was in
Sezuan passiert ist, spezifisch typisch chinesisch ist.

Ich habe Brecht immer gerne gelesen. In seinen anderen Werken bezieht er sich immer auf politische ung geschichtliche Ereignisse, die in Europa stattfanden. Ein Großteil davon ist anti-nationalsozialistisch geprägt. Der gute Mensch von Sezuan fällt aber deutlich aus der Rolle.
Meiner Meinung nach ist der Schauplatz von Brecht bewußt gewählt, um zu erreichen, dass der Leser sich von jedweder Identifikation mit einem vertrauten Ort (z.B. Europa)löst und stattdessen nur das eigentliche Problem betrachtet. Brecht behandelt in diesem Werk die fortschreitende Industrialisierung und die unmittelbaren Folgen auf die Gesellschaft und die Menschen im Einzelnen (z.B. am Schicksal von Lin To oder dem Teppichhändler). Und dieses Problem ist im 20. Jh. nicht nur in Europa, sondern überall auf der Welt gegeben.

再見

Dirk

Hallo,Dirk
Ich habe deinen Antwort-Artikel gelesen.Der ist sehr impressiv.
Und darin steht
"… In seinen anderen Werken

bezieht er sich immer auf politische ung geschichtliche
Ereignisse, die in Europa stattfanden. Ein Großteil davon ist
anti-nationalsozialistisch geprägt. Der gute Mensch von Sezuan
fällt aber deutlich aus der Rolle."

Kannst du einige konkrete Beispiele in „Der Gute Mensch von Sezuan“ nennen, um zu beweisen, vieles,was in „Sezuan“ passiert ist, eventuell in Europa stattfand?

Vielen Dank…

谢谢!
祝好!(Normalerweise schreiben die Chinesen am Ende eines Briefs kein 再见 :stuck_out_tongue:

Gruss
Jessi

Hi,
ich weiß zwar nicht ob Dir das weiter hilft das es nur teilweis literarisch ist unzwar glaube ich, dass Filme wie Kundun und Sieben Jahre in Tibet das Chinabild geprägt hat.

Hallo,

sorry für meine späte Antwort, aber ich habe das Buch nochmals gelesen, da es doch schon etwas länger her war.

Kannst du einige konkrete Beispiele in „Der Gute Mensch von
Sezuan“ nennen, um zu beweisen, vieles,was in „Sezuan“
passiert ist, eventuell in Europa stattfand?

Ok, dazu hole ich aber zunächst etwas weiter aus. Wie ich schon erwähnte, waren die meisten Werke von Brecht durch eine Kritik an dem Regime von 1933-1945 in Deutschland geprägt, du kennst sicherlich noch andere Stücke von ihm, auf die das zutrifft. In ‚Der gute Mensch von Sezuan‘ hingegen spiegelt sich Brecht’s marxistische Grundhaltung wieder, die Kritik am Kapitalismus und seinen Folgen für die Menschen und die Gesellschaft an sich wird hier sehr deutlich.
Die Lebensbedingungen in Sezuan, so wie Brecht sie schildert, sind durch Elend, Hunger, Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot (z.B. die Familie, die in dem Tabakladen übernachtet) geprägt, es herrschen Perspektivlosigkeit, Prostitution, Korruption und Kriminalität.
Durch die starke Industrialisierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts konnte sich der Kapitalismus rasch entwickeln und erreichte im sogenannten ‚Manchesterkapitalismus‘ (eine extrem ausbeuterische Form) seinen Höhepunkt. Die Folge war, das die Zahl der Armen immer größer wurde, da das Geld von ihnen zu den wenigen Reichen floss.

Durch skrupelloses und ausbeuterisches Handeln, machten einige Unternehmer aus kleinen Betrieben große Konzerne, so wie es auch Sun gelang, indem er aus dem kleinen Tabakladen eine große Tabakfabrik macht. Ein Merkmal dieser Leute war unter anderem, dass sie ihre Arbeiter ausbeuteten. In der Parabel zeigt sich dies z.B. in der Darstellung der Arbeitsabläufe in der Fabrik und in der unwürdigen Unterbringung der Arbeiter in den maroden Baracken von Shu Fu.
Auch verloren viele einfache Leute durch Spekulationen und Bereicherungsversuche seitens der Reichen und Mächtigen ihre Existenzgrundlage. Viele klein- und mittelständige Unternehmen wurden einfach vernichtet. So erging es auch dem Schreiner Lin To, der von Shui Ta gnadenlos herunter gehandelt und dadurch ruiniert wird. Ein weiteres Beispiel wäre das Teppichhändler-Ehepaar, die ebenfalls in den Ruin getrieben werden.

Durch die Weltwirtschaftskrise im Jahre 1929 verschlechterte sich die Lage der Armen in Europa und Amerika verheerend. So stieg z.B. die Arbeitslosigkeit in Deutschland bis 1932 von 15 auf über 30%. Damit ging eine Erhöhung der Kriminalitätsrate und ein vermehrtes Auftreten von Prostitution einher. Diese Extremform der menschlichen Ausbeutung findet sich auch in diesem Werk wieder. So sagt Shen Te: „[…] So will ich es euch denn gestehen: ich verkaufe mich, um leben zu können, aber selbst damit kann ich mich nicht durchbringen, da es so viele gibt, die dies tun müssen.[…]“.
Damals hatten viele nicht einmal die notwendigen Mittel, um sich ernähren zu können, Hunger griff um sich. Ein besonders krasses Beispiel dafür ist der kleine Sohn von Lin To, der in einer Mülltonne nach Essbarem sucht. Shen Te sagt dann: „O Sohn, o Flieger! In welche Welt wirst du kommen? Im Abfalleimer wollen sie dich fischen lassen, auch dich? Seht doch dies graue Mäulchen! […]“

Es finden sich also sehr viele Parallelen zwischen den Geschehnissen in Sezuan und den Ereignissen in Europa und Amerika in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Ich hoffe das hilft dir etwas weiter.

祝好!(Normalerweise schreiben die Chinesen am Ende eines Briefs
kein 再见 :stuck_out_tongue:

Achso, das wusste ich nicht. Wieder etwas gelernt, bin nämlich gerade erst dabei :smile:

祝你成功! (für deine Bachelorarbeit. Ich hoffe diesmal ist es richtig :smile:

mfG Dirk