Gerontopsychiatrie

Liebe/-r wer-weiss-was Experte/-in,
meine Mutter, 86, 100 % schwerbehindert, lebt allein in einem großen Haus auf dem Land. Sie haßt es, sich helfen zu lassen, und früher oder später werden alle helfenden Menschen weggebissen. Auch die Zugehfrauen, ohne die sie nicht existieren könnte, werden in immer kürzeren Interwallen gekündigt. Eine weitere Eigenart von ihr ist es, anderen Untaten zu unterstellen, die sie entweder nie begangen haben, oder wovon vielleicht die Hälfte wahr ist. Die Standardunterstellung ist: Die (der) beklaut mich.

Seit über einem Jahr sagt sie, dass es in den frühen Morgenstunden an ihrer Haustür klingeln würde, manchmal sogar mehrmals. Sie führt präzise Protokoll über die Uhrzeiten .

Sie erklärte mir, sie hätte den Nachbarn in Verdacht, der ihr seit 15 Jahren stets mit allen Handwerksaufgaben gegen geringes Entgelt geholfen hat. Dieser Nachbar würde Schicht arbeiten und auf dem Weg zur Arbeit oder auf dem Rückweg bei ihr klingeln. Dies würde er tun, um sie aus ihrem Haus rauszuekeln, denn er möchte das Haus für einen Verwandten haben. Die Installation einer Beobachtungskamera an der Haustür lehnt sie ab.

Ein Gespräch mit ihr, ob es sich um Sinnestäuschungen handeln könnte (sie ist schwerhörig), war nicht möglich, auch nicht darüber, dass es andere und effektivere Möglichkeiten gibt, einen Menschen aus seinem Haus zu ekeln, wenn das jemand vorhat. Ich habe meiner Mutter auch erklärt, dass es mir selbst beim Einschlafen mitunter passiert, dass ich vor der Schlafzimmertür einen lauten Knall höre, aber wenn ich nachschaue, ist alles in Ordnung. Doch meiner Mutter fehlt jede kritische Distanz zu sich selbst, so dass sie damit gar nichts anfangen konnte. Sie wird sofort wütend, weil sie meint, ich würde ihr nicht glauben.

Der Nachbar, den sie verdächtigte, rief mich nun vor einigen Monaten an, völlig außer sich, weil meine Mutter ihm ihren Verdacht an den Kopf geworfen hat. Er würde ihr nun nicht mehr helfen wollen, sagte er - er ist aber der einzige Nachbar, es gibt dort keine anderen, die das Haus im Blick haben. Er war zutiefst verletzt über die Unterstellung meiner Mutter. Weiterhin sagte er, dass, wenn meine Mutter stirbt, er das Haus gar nicht kaufen könnte, weil er es sich nicht leisten kann.

Danach setzte sich das mit der (angeblichen?) Klingelei weiter fort, einmal sogar mit einem anderen Klingelton als den, den meine Mutter an ihrer Haustür hat. Später sah sie in einem Versandhauskatalog das Angebot einer mobilen Klingel, die 20 verschiedene Töne haben soll. Der Nachbar hätte sich also extra so eine Klingel bestellt, um sie nun auch noch mit einem anderen Klingelton zu terrorisieren.

Ich habe ihr angeboten, mit ihr zur Polizei zu gehen. Der Polizist, mit dem ich deswegen telefonierte - in ihrer Gegenwart - war sehr nett und versicherte, keineswegs werde die Polizei einen solchen Vorwurf als Spinnerei einer alten Frau abtun. Doch wie zu erwarten, erklärte er, man bräuchte Beweise. Da meine Mutter aber nicht bereit war, eine Überwachungskamera installieren zu lassen, verzichtete sie darauf, zur Polizei zu gehen.

Nun erklärt mir meine Mutter, seit einigen Wochen hätte die Klingelei aufgehört.
Ich habe das ja ohnehin stets für Sinnestäuschungen gehalten, aber wieso kann dann die Klingelei plötzlich aufhören?

Danke im voraus für Ihre Aufmerksamkeit, ich freue mich auf Ihre Antwort!

Viele Grüße
Luisa Umlauf

Liebe Luisa

Die Wahrnehmungen Ihre Mutter müssen dringend von einem Arzt untersucht und beurteilt werden, damit sie medikamentös behandelt werden kann.

Bei Ihrer Mutter handelt es sich um klassiche und typische Anzeichen einer Form von Demenz und Wahrnehmungsstörungen verbunden mit Wahnvorstellungen. Bei Menschen in dem Alter keine Seltenheit.

Ich denke, es ist für Sie als Tochter wichtig zu wissen, dass Ihre Mutter diese Wahrnehmungen - verbunden mit den entsprechenden Gefühlen - wirklich so empfindet, das Klingeln hört und auch glaubt, dass ihr etwas gestohlen wurde. Es machtkeinen Sinn, ihr das ausreden zu wollen oder andere klingeln zu kaufen, weil sie in ihrer Welt lebt und diese für sie real erscheint.

Bitte erklären Sie Ihrem Nachbarn, dass er das nicht persönlich auf sich beziehen darf - Ihre Mutter ist krank und ihr Verhalten ist eine Folge dieser Krankheit.

Eigentlich sollte Ihre Mutter nicht mehr alleine Wohnen. Sie müsste in einer betreuten Institution leben können, wo man ihr Verhalten versteht und akzeptiert.

Nachstehend übermittle ich Ihnen zwei Link`s, wo Sie sich orientieren können:

http://generation-50-plus.suite101.de/article.cfm/wa…

und:
http://www.geronto.at/Artikel/Themen_der_Gerontopsyc…

Es ist für mich schwierig, mit wenigen Zeilen auf dieses komplexe Thema einzugehen, weil ich weder Sie noch Ihre Mutter kenne. Meine Antworten sind demzufolge generell gehalten.

Falls Sie noch konkrete Fragen haben, können Sie mir jederzeit schreiben.

Alles Gute

Abraxina

Liebe Abraxina,
vielen Dank für Ihre freundlichen Worte. Um meine Mutter zum Arzt zu bringen, müßte sie verstehen, dass es nicht wirklich klingelt, aber genau das ist unmöglich. Allein das Thema Arzt kann dazu führen, dass sie wieder monatelang nichts von sich hören läßt (sie lebt in Bayern, ich in Berlin). Ich weiß, dass sie eigentlich nicht mehr allein sein kann, aber ich sehe keine Chance, sie aus ihrem Haus hinaus in eine betreute Umgebung zu bringen, das würde sofort neue Wutanfälle auslösen. Wenn ich ihr sage: Stell dir doch mal vor, wie es wäre, wenn du stürzen würdest, und niemand wäre da, dir zu helfen - dann sagt sie: Noch ist es ja nicht soweit, noch kann ich laufen (schwere Arthrose). Und wehe, ich mache dann weiter.
Das ist eben die Generation, der man als Kinder in der Schule die Filme gezeigt hat, wie „lebensunwertes Leben“ ausgelöscht wird, und das sind nun m.E. die Spätfolgen.
Ach ja der Nachbar: Er hat selbst eine demenzkranke Mutter, aber was meine Mutter angeht, da sagt er mir: Sie ist nicht wahnkrank, sie weiß genau, was sie macht, sie ist böse. Und das alles würde sie tun, weil sie ihn aus seinem Haus treiben wolle. (Manchmal frage ich mich, ob es da gewisse toxische Erdstrahlungen gibt :wink:
Mit den Sozialbehörden hatte ich mich schon vor 17 Jahren in Verbindung gesetzt, als meine Mutter es kategorisch ablehnte, sich Telefon legen zu lassen, sich ständig von allen bestohlen fühlte, auch von mir, mich über drei Jahre hinweg gerichtlich verklagte (Klage abgewiesen) und unaufhörlich damit drohte, sich umzubringen. Aufgrund meiner Erfahrungen damals mit diesen Behörden (Bayern!) werde ich mich ganz sicher nie wieder an die wenden. Dann rollt die Katastrophe eben.
Zwei konkrete Fragen habe ich noch, bitte:

  1. Wie kann es sein, dass über mehr als ein Jahr hinweg „geklingelt“ wird, und plötzlich hört es auf? Wenn ich wüßte, wieso es aufhörte, vielleicht kann ich das dann für meine Mutter nutzen?
  2. Ich lebe in der ständigen panischen Angst, zu ihr zu fahren, obwohl ich weiß, dass ich hinfahren muss. Wenn ich da bin, ist es ganz plötzlich und unvorhersehbar mitten im Gespräch, dass es „losgeht“. Sie hat dann so einen bestimmten Blick, bei dem ich schon wegrennen möchte. Bei mir setzt dann sofort eine Denkhemmung ein, ich bin unfähig, was Vernünftiges zu dem Geäußerten zu sagen, ich möchte am liebsten nur noch brüllen. Klar, ich weiß schon, dass ich in den Wahn „einsteigen“ muss, also ihre Gefühle ernst nehmen usw. wie es in den beiden Links von Ihnen (herzlichen Dank!) beschrieben wird. Tue ja auch was ich kann. Aber früher oder später renne ich wirklich davon, obwohl ich genau weiß, dass ich sie dadurch mit ihrer schweren Angst im Stich lasse. Was kann ich tun, um ihre Zustände besser auszuhalten?
  3. Was ich bräuchte, ist ein Coach, oder besser zwei, einer hier in Berlin, einer in Bayern. Die müßten sich mit der Thematik auskennen und überdies bezahlbar sein. (In Berlin habe ich mal an einer Angehörigengruppe teilgenommen, nur eine Sitzung. Sie fragten mich, wie lange ich noch leben will – war Krebspatientin – und wenn ich noch ein bißchen leben will, sollte ich aufhören, mich um meine Mutter zu kümmern. Klasse, was? Ich bin nie wieder hingegangen.)

Herzliche Grüße, Luisa Umlauf

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Liebe Luisa
Das ist schon eine sehr schwierige Situation - vor allem für Sie! Ich lebe in der Schweiz und weiss daher nicht, wie die Gesetzgebung diesbezüglich in Deutschland ist - aber ich meine, dass sich irgend eine Behörde darum kümmern müsste. Es ist ja lange her, seit Sie diese schlechten Erfahrungen mit der Behörde gemacht haben und seither weiss man auch viel mehr über diese Art von Krankheit. Zudem arbeiten jetzt sicher auch andere Menschen dort. Also: wenden Sie sich nochmals an das zuständige Amt - Sie sollten das auch für Ihre Entlastung tun.

Es ist typisch für diese Krankheit, dass ein Wahn einen anderen ablöst - also durchaus nicht ungewöhnlich, dass Ihre Mutter das Klingeln nicht mehr hört.

Auch dass Ihre Mutter Sie während Gesprächen mit einem „bestimmten Blick“ ansieht gehört zu der Krankheit. Lassen Sie sich davon nicht irritieren und vor allem nicht beeinflussen. Ich weiss, es ist schwierig, aber es kann auch sein, dass Ihre Mutter dann nicht mehr genau weiss wer Sie sind, oder sie fühlt sich bedroht oder auch unverstanden.

Ein Coach für Sie fände ich gut weil ich denke, dass Sie noch andere Dinge im Zusammenhang mit Ihrer Mutter aufzuarbeiten haben und es für Ihre künftige Lebensqualität wichtig wäre, diese Dinge zu verarbeiten.

Wenn Sie mögen, können Sie mir an folgende Adresse mailen: [email protected]

Ich kann dann etwas differenzierter auf diese Fragen eingehen.

Herzlicher Gruss

Abraxina

Hallo Frau Umlauf
die Schilderungen von Ihnen sind ja sehr bemerkenswert…Sie scheinen in den letzten wochen viel mitgemacht zu haben…
ich von meiner seite aus vermite bei Ihrer Mutter eine beginnende Demenz dies geht häufig zu beginn mit Whrnehmungsstörungen einher. Auch die fehlende Kooperation/ und Einsichtsfähigkeit Ihrer Mutter zeigt sich leider typisch für eine beginnende Demenz. Ich bin kein Arzt aber spreche hier aus meinen Erfahrungen in der zusammenarbeit mit Menschen mit Demenz.
Daher würde ich Ihnen empfehlen, einen entsprechenden Test bei Hausarzt zu machen. Dies würd ich aber nicht mit Ihrer Mutter thematisieren,da sie sich mit sSicherheit betrogen und verraten von Ihnen vorkommt.
bei weiteren Fragen stehe ich Ihnen weiterhin zur Verfügung…
ich wünsche Ihnen und Ihrer Mutter alles Gute